Dienstag, 2. Juli 2013

Michael Haneke: Funny Games

Mit einiger Verspätung habe ich endlich diesen Film gesehen - nicht das Original, sondern das US-Remake, dass Haneke von seinem eigenen Film gedreht hat.

Nachdem ich "Das weiße Band" als einen extrem beunruhigenden, sogar gruseligen Film in Erinnerung hatte und die Geschichte von "Funny Games" im Groben kannte, war ich dennoch nicht vorbereitet auf diese Erfahrung. Um einen amerikanischen Kritiker sinngemäß zu zitieren: Haneke scheint mehr an der Bestrafung als an der Unterhaltung seines Publikums zu liegen.

Für alle, die die Story noch nicht kennen: 

Eine gut situierte, recht glücklich wirkende Familie fährt in ihr Wochenendhaus auf Long Island. Kurz vor der Ankunft bemerken sie zwei junge Männer, die scheinbar bei ihren Nachbarn zu Besuch sind. Etwas kommt ihnen seltsam vor, aber sie achten nicht weiter darauf. Später kommen diese jungen Männer unter einem Vorwand ins Haus, wo sie zunächst Anna, die Frau und Mutter, allein antreffen. Die Situation wird schnell sehr unbehaglich, dennoch bleibt die Frau lange Zeit freundlich und geduldig. Dann fordert sie die beiden jedoch auf zu gehen. Bei der Rückkehr von George, ihrem Mann, und Sohn Georgie eskaliert das Ganze, und die jungen Männer nehmen die Familie in ihre Gewalt. Fortan werden sie die drei eine ganze Nacht auf das Grausamste quälen - bis zum bitteren Ende. 

Bei Hanekes Filmen wird üblicherweise der Zuschauer zum Voyeur oder gleich zum "Partner in Crime", und das gilt für diesen Film in besonderem Maße. Wir sehen und ahnen Schreckliches und können unsere Augen nicht abwenden. Das Erschreckende an der Gewalt ist ihre völlige Motivlosigkeit. Nichts wird erklärt oder begründet. Die beiden Täter zeigen exquisite Umgangsformen, wie gut erzogene Upper Class-Söhne. Folter und Gewalt werden nicht gezeigt, sondern nur angedeutet. Sie passieren so dermaßen nebenbei, dass ich einige Momente brauchte um zu bemerken, dass der kleine Sohn nicht mehr am Leben war. Umso grausamer ist die Wirkung. 

Was mich beschäftigt hat an dieser Geschichte ist das Thema der Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation im Sinne eines Kontrakts zwischen allen, die einer Gesellschaft angehören (wollen). Die Familie repräsentiert uns - oder die meisten von uns - die sich auf einen Konsens über bestimmte Verhaltensregeln verlassen. Auf einen Rahmen, der zuverlässig nicht übertreten wird. Sobald man auf Gegner trifft, die diesen Rahmen längst verlassen haben, gibt es keinen Anknüpfungspunkt mehr, und man ist verloren. 

Dazu kommt in der Geschichte eine Schwachstelle in der Familie, genauer beim Paar Anna und George, die es den Tätern erst ermöglicht, dort einzudringen. Für mich nimmt das Verhängnis in dem Moment seinen Lauf, als George der Bitte von Anna, die beiden des Hauses zu verweisen, nicht umstandslos nachkommt. Wie ein guter liberaler Amerikaner findet er es angebracht, zunächst alle Beteiligten am Konflikt anzuhören, und dann womöglich eine friedliche Lösung zu finden. Diese Naivität und die Tatsache, dass er seiner Frau nicht bedingungslos vertraut, besiegeln letztendlich das Schicksal seiner Familie.