Dienstag, 2. Juli 2013

Ich blogge, also bin ich?

Bloggen also. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich mit meinen Äußerungen zeigen konnte und wollte. Ich weiß nicht, wohin das hier führen wird - ich habe kein Projekt, über das ich kontinuierlich berichte, wie etwa Julie Powell, die sich durch Julia Childs' Kochbuch kochte, und deren Geschichte immerhin mit Meryl Streep verfilmt wurde. Übrigens ein wunderbarer Film. Ich habe noch nie jemanden so markant "Bon appétit!" schmettern hören. Aus Julie Powell ist inzwischen offenbar eine begeisterte Metzgerin (!) geworden, und der letzte Eintrag in ihrem Blog stammt vom Herbst 2010.

Ich habe noch nicht einmal ein spezielles Thema - entgegen allen Ratschlägen, die man für Neublogger parat hält. In den Büchern, Blogs, Websites steht dazu ohne Ausnahme, das Wichtigste sei, sich zu spezialisieren. Nicht mit mir. Ich interessiere mich für so ziemlich alles. Naja. Stimmt nicht. Fürs Metzgern etwa kann ich mich bisher nicht begeistern, aber man soll nie "nie" sagen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist "Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen". 

Mein Lebensthema war von klein auf die Scham. Ich schämte mich für alles und jedes, da ich als Kind gelernt hatte, an allem Schuld zu sein. Nur konsequent, dass ich mich später auch dafür schämte, nichts wirklich gut zu können, sondern von vielen Dingen nur ein bisschen was zu verstehen. Es gab natürlich Sachen, die ich richtig gut konnte, aber das habe ich kaum wahrgenommen. Als Mädchen wollte ich abwechselnd Opernsängerin, Schlagersängerin (keine Probleme mit E- und U-Kultur für mich), Forscherin, Modezeichnerin, Reporterin, Schriftstellerin, Regisseurin und noch einiges Andere werden. Ich weiß noch, wie ich mit bewundernswert geduldigen Spielkameraden auf dem Platz vor unserem Wohnblock Theaterstücke einstudierte, die während der Proben erst entstanden. Eigentlich ein recht modernes Konzept, fällt mir heute auf. Ich wunderte mich auch kaum, dass alle auf mein Kommando hörten. Leider ist mir diese Autorität später irgendwie abhanden gekommen.

Diese scheinbare Ziellosigkeit anders zu betrachten, verdanke ich - wie so Vieles - einem Buch. Ich sah den Titel "Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will" und dachte, das ist speziell für mich geschrieben. War es auch. Wie für die vielen anderen Menschen, die unterschiedlichste Interessen hatten und sich deswegen schlecht fühlten, bis Barbara Sher - die Autorin - kam, uns alle tröstete und uns zeigte, dass das auch etwas Schönes sein kann. Klingt banal, hat aber Einiges ausgelöst.

Ein Motiv für den Blog ist: Mit der Scham soll es vorbei sein. Deshalb stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein. Und da ich gerade in vielen Bereichen meines Lebens experimentiere, passt dieses spezielle Experiment dazu.

Mein beruflicher Weg ähnelt seit langer Zeit einer Achterbahn, nur ohne Sicherheitsvorkehrungen. Ab einem bestimmten Alter und mit einem befristeten Job nach dem anderen kann man jederzeit aus der Kurve fliegen. Im Moment fahre ich in eher gemächlichem Tempo in einem langen Tal und habe Zeit zu überlegen. Noch drei Monate, dann droht Harz IV. Im Hartz war ich schon mal* und möchte nicht wieder hin. Bis dahin will ich also einen Teilzeitjob gefunden haben, der mir Zeit und Energie übrig lässt, meinen kleinen Freelance-Gemischtwarenladen auszubauen. 

Die Modeabteilung wird hoffentlich bald eröffnet.

Watch this space.


* Skurrile Geschichten aus dem Hartz demnächst in diesem Theater.