Sonntag, 1. Juni 2014

Vater, die Zweite

Zweiter Weihnachtstag. Ich sitze mit meinem Vater beim Nachmittagskaffee. Wir haben uns beschenkt und ehrlich gefreut. Ich schaue in sein immer noch junges, freundliches und irgendwie wehrloses Gesicht. Es hat etwas von dem pfiffigen, aber auch ängstlichen kleinen Jungen behalten, der er wohl einmal war.

Auch schon wieder lange her, dass ich diesen Eintrag begonnen habe. Mitte März haben wir Vaters 87. Geburtstag gefeiert, und es war ein fröhlicher und schöner Nachmittag zu dritt: am Kaffeetisch saßen mein Vater - den ich in Gedanken zu meiner eigenen Verblüffung inzwischen "Papa" nenne -  der Lebensgefährte meiner verstorbenen Schwester und ich. Allein diese Konstellation hätte mich noch vor kurzem mit schlimmen Vorahnungen erfüllt. Zumindest hätte ich mich schwer zusammenreißen müssen, um nicht die gute Stimmung zu verderben. Die gute Stimmung, die natürlich nur geheuchelt sein konnte und von jedem vernünftigen und klugen Menschen - also mir! - nur Verachtung verdient hatte.

Wie sich alles so zum Guten verändert hat, kommt einem kleinen Wunder gleich.

Der Weihnachtstag vom Anfang ist ein schönes Beispiel dafür: Meinen Vater und mich verbindet sehr viel, die Liebe zur Musik unter anderem. Natürlich höre ich ganz andere Musik als er, und an Weihnachten kam es zu einem denkwürdigen Ereignis. Mein Vater hatte mir erzählt, dass er eine alte LP mit den Fischer-Chören ausgegraben hatte. Falls jemand die nicht mehr kennt: Gotthilf Fischer hatte die Idee, alle möglichen Menschen zum Singen zu bringen. Auf nicht sehr hohem Niveau, aber mit viel Spaß und großem Erfolg. In meiner Kindheit waren die Chöre in immer neuer Konstellation in jeder großen Fernsehshow zu hören und zu sehen. Und gesungen wurde so ziemlich alles. Auf der erwähnten LP waren es Evergreens aus der Schlagerwelt. Evergreens - sowas sagt heute auch niemand mehr. Mein Vater jedenfalls hatte diese Platte als Gute-Laune-Medizin entdeckt und legte sie auf, wenn ihm ein bisschen "heulerig" zumute war. Bei klassischer und religiöser Musik kommen  ihm sehr schnell die Tränen, und manchmal schämt er sich dafür. Auch das haben wir gemeinsam.

An Weihnachten saßen wir zunächst im Esszimmer - diesem unglaublich spießig eingerichteten Zimmer, auf das meine Mutter so stolz gewesen war. Das Esszimmer war ein lang gehegter Wunsch und konnte erst eingerichtet werden, als meine Großeltern nicht mehr lebten und meine Schwester und ich von zu Hause weggezogen waren. Vorher wurde aus Platzmangel im Wohnzimmer gegessen, und zwar an einem dieser Couchtische, die sich hoch und 'runter kurbeln ließen. Das fand ich als Kind ganz normal und konnte mir gar nichts anderes vorstellen. Genau wie meine damals beste Freundin es sicher normal fand, eine Haushälterin und Köchin zu haben, ein riesiges eigenes Zimmer und natürlich ein Esszimmer. Für meine Mutter gehörte das Esszimmer zu ihrem Traum von einem besseren Leben.

Dieses Zimmer gibt es immer noch, inklusive Zinntellern an der Wand und mit verschlissenem Samt bezogener Eckbank. Als wir da so entspannt und gemütlich saßen, fragte mein Vater fast schüchtern, ob ich wohl noch Zeit hätte, mit ihm ein bisschen Fischer-Chöre zu hören. Na klar, sagte ich. Und dachte: Hammer! (In Gedanken drücke ich mich gern mal pubertär aus.) 

Es ist noch nicht so lange her, dass ich höchstens eine Stunde bei meinem Vater ausgehalten habe und die Vorstellung, gemeinsam "seine" Musik zu hören, als abwegiges, geradezu unverschämtes Ansinnen weit von mir gewiesen hätte. Und trotzdem hätte ich Schuldgefühle gehabt. Denn mein Vater hat meine Verachtung und meine Vorwürfe sicher immer gespürt. Seit ich die abgelegt habe, und zwar ehrlichen Herzens und mit großer Erleichterung, ist alles anders zwischen uns. Wie meine innere Veränderung eigentlich vor sich gegangen ist, kann ich nicht genau sagen. Es war kein Entschluss, sondern eher eine langsame Entwicklung, trotzdem fühlte ich mich, als habe ich plötzlich einen Schalter umgelegt, und mir sei ein Licht aufgegangen. 

Für die Einsicht, dass ich niemanden ändern kann, habe ich sehr lange gebraucht. Und gegen die Tatsache, dass das Einzige, was sich wirklich ändern lässt, meine eigene Sicht der Dinge ist, habe ich mich ebenso lange gewehrt. Rückfälle kommen immer wieder vor. Wenn mich die Erkenntnis verlässt, dass diese Lehren die Belohnung in sich selbst tragen, brauche ich eigentlich nur an mein heutiges Verhältnis zu meinem Vater denken. Sobald ich mich anders verhielt, tat er das auch - wie von selbst. Plötzlich wurde es möglich, über Gefühle zu reden. Ich bekomme Einiges von dem, was mir als Kind so gefehlt hat, und viele Macken meines Vaters, die mich oft zum Wahnsinn getrieben haben, sind offenbar einfach verschwunden. Ich nehme an, mit den Macken und dummen Sprüchen hat er sich geschützt vor meinen ausgesprochenen, öfter noch unausgesprochenen Vorwürfen. Das ist nun nicht mehr nötig. 

Und so begab es sich (Weihnachten!), dass mein Vater und ich zusammen die ganze Platte anhörten, uns dabei an den Händen hielten und jedes Lied inbrünstig mitsangen. Das war mein persönliches Weihnachtswunder. (Das zweite Wunder war, dass ich alle, aber auch ALLE Texte immer noch auswendig konnte!)

Alles hat natürlich auch seinen Preis. Ich war vor dieser Veränderung oft so verzweifelt und dabei so erbarmungslos, dass mir mehr als einmal durch den Kopf schoss: Hoffentlich stirbt er bald, dann ist dieser ganze Krampf endlich vorbei. Es tut mir heute weh, das hinzuschreiben. Nüchtern betrachtet, ist es sowieso Unsinn, und wie froh bin ich heute, dass ich das niemals in Worte gefasst habe. 

Heute spreche ich während eines Monats öfter mit meinem Vater als früher in Jahren. Ich freue mich, wenn es ihm gut geht; ich habe großen Respekt davor, wie er mit seinem Leben zurecht kommt. Ich mag seinen Humor und sein Interesse an so vielen Dingen, über die wir uns austauschen können. Und ich kann mir selbst endlich eingestehen, ihn zu mögen und zu lieben. Ich kann es ihm sagen und mich sogar darüber freuen, wenn er mich sein Töchterchen nennt. 

Was ich mit dem Preis meine? Ich werde ihn sehr vermissen, wenn er diese Welt verlässt. Das ist neu für mich. 

Aber wie ein kluger Mensch gesagt hat: 'Tis better to have loved and lost than never to have loved at all. 
(Alfred Lord Tennyson)