Mittwoch, 10. Juli 2013

Be-Vaterung oder: Braves Mädchen

Mein Vater, zu dem ich in den letzten Monaten nur sporadisch telefonischen Kontakt hatte, versucht mich zu einem Besuch zu verlocken. Mit der Aussicht auf Geld. Ich bin durchaus bestechlich - dies würde ich zum Beispiel als Schmerzensgeld oder Entschädigung betrachten. Wobei mein Vater mir auch schon mal 10,00 Euro zu Weihnachten geschenkt hat und nicht verstand, wieso ich mich nicht gefreut habe. Ich sollte also vorher eine Kosten-Nutzen-Aufstellung machen und dazu mehr Informationen einholen. Denn kosten wird mich der Besuch garantiert etwas. Überwindung wäre das Erste.

Mein Leben lang habe ich versucht, eine gute Tochter zu sein. Ich höre gerade erst damit auf bzw. befinde mich in der Kündigungsphase für diesen Job. Der ist nämlich extrem undankbar und endet garantiert mit einem Burnout. Die Anforderungen sind beim besten Willen nicht zu erfüllen.

Eine Zeit lang dachte ich, es würde sich dadurch etwas ändern, dass mein Vater und ich als Rest-Familie übrig geblieben sind. Ich hatte mir gewünscht, dass wir gemeinsam um meine Schwester trauern könnten. Das war wohl sowieso naiv. Mein Vater hat - wie ich erst jetzt beginne zu begreifen - sich vor langer Zeit schon abgewöhnt, überhaupt etwas zu fühlen. Das hat er mit vielen Männern seiner Generation gemeinsam.

Das Buch "Die Kinder der Kriegskinder" von Sabine Bode hat mir geholfen, unsere Familiengeschichte in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Allein die Entdeckung, wie viele Menschen meiner Generation ganz ähnliche Geschichten und Schicksale haben, hat mich getröstet. Die Lektüre hat mir das Gefühl genommen, dass ich allein ganz besonders gestört bin, und auch noch selbst dran schuld. 

Männer wie mein Vater haben oft nur diesen Schluss aus ihren Erfahrungen ziehen können: Empathie ist viel zu gefährlich, und neuer Schmerz muss unbedingt vermieden werden. Damals war dieses Verhalten überlebenswichtig. So eine Programmierung an neue Umstände anzupassen oder gar zu löschen, ist richtige Arbeit und dauert seine Zeit - wenn nicht sogar das ganze Leben. Wer wüsste das besser als ich. 

Aber vor allem muss man es selber wollen: Leidensdruck ist eine Voraussetzung für dieses Unternehmen. Bei mir war der irgendwann größer als die Angst vor Veränderungen. Als ich das erste Mal eine Verbesserung erlebt habe, hat mich unglücklicherweise ein missionarischer Eifer erfasst, und ich wollte alle mir nahe stehenden Menschen auf den Weg des Heils führen. Ach ja, es gibt viel zu lernen, wenn man erstmal damit angefangen hat. Rückblickend sehe ich durchaus die Komik darin, aber für meine Umgebung muss ich ziemlich unerträglich gewesen sein. 

Heute kann ich auch meinen Vater anders ansehen als früher. Ich kann besser auf mich aufpassen und weiß zum Beispiel, dass ich keine typischen Vaterdinge von ihm erwarten darf. Dafür überrascht er mich dann immer häufiger mit unerwarteter Fürsorge. Auf seine Art.

Der Besuch ist für nächste Woche geplant. Ich bin gewappnet und gespannt.