Mittwoch, 26. Juni 2013

Schmutzfleck

„Du bist der letzte Dreck!“ hast Du oft zu mir gesagt. Ich habe mich immer gewehrt, aber nur der Form halber. Es musste wahr sein, wenn meine eigene Mutter es sagt.

Manchmal hieß der Satz auch: „Du wirst in Deinem eigenen Dreck ersticken.“

Dreck. Dir war es immer wichtig, dass man bei uns vom Fußboden essen konnte. Wer will das? Nicht von so einem Fußboden. Meine kindliche Phantasie vom Picknick im Wohnzimmer war auch nur Dreck.

Jeder kann den Schmutz in mir sehen. Deshalb bin ich wohl allein geblieben. Manchmal sehne ich mich nach einem Spielkameraden, der Lust hat, mit mir im Matsch herumzupanschen.

In einem Roman habe ich mal ein gutes Bild für die Einsamkeit gefunden: die Hauptperson führt sie als traurigen großen Hund unsichtbar an der Leine mit sich. Am Ende der Story kann sie ihn freilassen. Was für eine nette Geschichte.

Meine Einsamkeit ist wie eine Schlange, die mir fett und schwer um den Hals hängt und mich ab und zu zärtlich würgt. Oder auch nicht so zärtlich. Manchmal zischelt sie mir ins Ohr. Wenn sie mir gerade nicht so schwer erscheint und ich sie fast vergessen habe. Sie ist dann gekränkt und will sofort meine Aufmerksamkeit. Das macht sie gut. Ich höre sie dicht an meinem linken Ohr – fast fühlt es sich an, als sei sie in meinem Kopf. „Ich bin immer bei Dir, auf mich kannst Du Dich verlassen. Du brauchst doch außer mir niemanden.“

Letztens habe ich mal wieder so ein Tapferkeitsding durchgezogen und war allein bei zwei Veranstaltungen. Erst klappt das ganz gut – es gibt genug zu gucken, und Small Talk beherrsche ich. Ich habe aber nicht aufgepasst und den Zeitpunkt zum Gehen verpasst. Gleich ging das Gewürge wieder los. Und das Gewisper: „Guck mal, lauter Paare und fröhliche Gruppen...meinst Du, es fällt nicht auf, dass Du hier ganz allein bist? Lächelt die da nicht schon mitleidig? Also mir gefällt es hier überhaupt nicht.“ Bin ich halt nach Hause.

Und wohin jetzt?

Vielleicht hier: „Du musst noch verrückter werden.“ Pina Bausch

Eine Ahnung von Hoffnung.