Mittwoch, 5. August 2015

Reminder to Self

Mein Qi fließt sowas von!

Nach gefühlten hundert Jahren war ich endlich wieder beim Sport. "Mein" Verein ist auf der anderen  Seite der Straße, in der ich wohne, und ich hatte und habe vom Balkon aus den täglichen Blick auf die schicke Halle und damit auf die konkrete Mahnung, von der Karteileiche wieder zum aktiven Mitglied zu werden.

Ich wollte schon seit Wochen wieder zum Qi Gong, denn das ist niedrigschwellig genug für Faultiere wie mich, und ich hatte früher sogar Spaß dabei. Vom gesundheitlichen Nutzen mal abgesehen. Und dieser Tage knurpst und zwickt es wieder an den üblichen Stellen - die Motivation sollte doch wirklich ausreichen. Ich verstehe selbst nicht, warum ich Dinge, die mir rundherum gut getan haben, meist nach einer gewissen Zeit wieder sein lasse. Mich aber dann darüber endlos gräme und schäme.  

Ein Grund ist sicher, dass ich sehr lange überhaupt nichts mit meinem Körper zu tun haben wollte. Den spürt man nun mal bei Bewegung, und ich hatte schon als kleines Kind das Betäubungsmittel Essen entdeckt. Essen half, das innere Loch zu füllen und gleichzeitig die "Wunde der Ungeliebten" (Peter Schellenbaum) zu betäuben. Wie jeder und endlich auch ich weiß: klappt nur scheinbar und ist nicht nachhaltig.

Weiterer Grund: zu meiner Schulzeit war die überwiegende Mehrzahl der Sportlehrer dem alten Nazi-Ideal noch innigst  verbunden. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, denn ich habe in der Schule fast nur "Drill Sergeants" erlebt - und zwar weibliche - aber keine Lehrer, die uns Kindern Freude an Bewegung und sportlicher Betätigung vermitteln wollten. 

Meine Lehrerinnen hatten für weniger talentierte Mädchen nur Verachtung übrig. Besonders vor Geräten und großen Bällen hatte ich regelrecht Todesangst. Dafür wurde ich ausgelacht und nicht etwa ermutigt, die Angst zu überwinden. Ich war schnell davon zu überzeugen, dass ich ein unsportlicher und unbeweglicher Mehlsack sei. Und zwar völlig ungeachtet der Tatsache, dass ich im Sommer mit den anderen Kindern draußen stundenlang herum getobt bin, dass ich Federball und Gummitwist geliebt und mir in den Ferien das Schwimmen selbst beigebracht habe. Lehrer hatten eben Recht, und mich als unfähig zu erleben, passte nahtlos in mein Selbstbild.

Ich glaube, ich habe erst mit Anfang Dreißig wieder entdeckt, dass Sport Spaß machen kann. Die einzige Ausnahme war immer das Tanzen gewesen, aber das zählte offenbar nicht. Schon erstaunlich, wie man gleichzeitig sehr klug und sehr beschränkt sein kann. 

Bis dahin hatte ich immerhin verstanden, dass ich mit Essen nicht nur meine Gefühle, sondern auch meinen Bewegungsdrang betäubt hatte. Essen hat mir lange als Rundum-Beruhigungsmittel gedient. Irgendwann war ich nicht mehr nur ruhig, sondern schon eher apathisch.

Ich weiß noch, wie seltsam ich mich fühlte, als ich dem Sportverein beitrat. Als würde ich etwas Illegales tun - wahrscheinlich hätte ich dasselbe Gefühl, wenn ich los ginge und Koks kaufen würde. Also nicht das für die Ofenheizung. Und was für Lampenfieber ich hatte vor dem ersten  Kursbesuch. Als müsste ich jederzeit damit rechnen, wieder ausgelacht und gedemütigt zu werden. Womöglich gar davongejagt.  Qi Gong hatte ich mir ausgesucht, weil ich schon ein paar Vorkenntnisse besaß, sonst hätte ich das nie gewagt. 

Ich musste ja alles immer sofort können und durfte keine Fehler machen. Ich durfte mir nie erlauben, etwas ganz in Ruhe und mit den üblichen Rückschlägen zu erlernen. Solche Überzeugungen sind verdammt hartnäckig. Was ich dadurch alles verpasst habe! Aber die Zeiten sind vorbei, und ich bin froh darüber. 

Ich mag ja den Spruch "Mir ist nichts mehr peinlich." So weit bin ich noch lange nicht, und hundertprozentig erstrebenswert kann ich es nicht finden. Es gibt durchaus Dinge, die einem immer peinlich bleiben sollten. Wenn das nicht mehr der Fall ist, sollte man zum Arzt. Für mich gilt der Spruch jedoch schon weitgehend bei Albernheiten und Ungeschick-lichkeiten. Was für eine Befreiung. 

Also Qi Gong,  von heute an wieder jede Woche, und das Schwimmbad lockt ebenfalls. 

What will be next?!

(Für meine Freundin Karin - unsere Freiburger Plauderstunden hatten Wirkung :-)