Sonntag, 23. August 2015

Männerforschung

Ich hatte mal wieder ein Date. Mit langem Vorlauf - daher war ich nicht drauf gefasst, dass es doch wieder nur um "das Eine" ging - das alte Spiel. Wobei das Spiel an sich Spaß macht  - oder wieder Spaß macht, denn ich habe ja sehr lange Zeit nicht mitgespielt. Viele Runden ausgesetzt. Nicht mal von draußen zugeguckt, weil mich das nur unglücklich, manchmal auch zynisch gemacht hat. 

Vielleicht kenne ich auch die neuen Regeln nicht? Allerdings dachte ich, die ändern sich nie. 

Es begann vor ein paar Wochen. Damals habe ich mit einem kleinen Hund geflirtet, worauf das Herrchen sagte: "Und was ist mit mir?" Darauf ich (augenzwinkernd): "Was soll mit  Ihnen sein?" "Mit mir wollen Sie nicht flirten?" "Ich fand einfach nur Ihren Hund sehr süß." "Und mich nicht? Oder falle ich nicht in Ihr Beuteschema?" "Sie fallen eher nicht in meine  Altersgruppe." "Das macht doch nichts, ich bin sehr belesen." Mit Schlagfertigkeit kann man mich schon kriegen. Dazu kam natürlich, dass der junge Mann sehr attraktiv war - sonst hätte die Unterhaltung gar nicht erst stattgefunden. 

Beim nächsten und weiteren zufälligen Treffen haben wir das nette Geplänkel fortgesetzt und ich zunächst standhaft ein geplantes Treffen verweigert. Ich schätzte den Altersunterschied auf mindestens zwanzig Jahre und fragte mich, was das Ganze sollte außer einer netten Trockenübung für den Ernstfall. Wobei - was soll der Ernstfall eigentlich sein? 

Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich mit Männern meines  Alters nicht viel anfangen kann, und die offenbar gar nichts mit mir. Dazu kommt, dass jüngere Männer ein für alte Feministinnen wie mich akzeptableres Bild von Partnerschaft haben. Jedenfalls die, die IQ-mäßig ungefähr auf meinem Level sind. Auch da sind Konflikte vorprogrammiert, wenn Mann sehr kluge Frauen beängstigend findet statt anregend. Dazu gehört allerdings ein Selbstbewusstsein, das sich nicht auf Karriere oder den Erwerb von Autos, Häusern, Designer-Uhren oder Pferdepflegerinnen gründet. Ich habe schon oft völlig unterwältigt zugehört, wie einer mit solchen Besitztümern Eindruck machen wollte. Und mir nicht mal glauben konnte, dass mich so etwas nicht interessiert. Ich erinnere mich, wie ein Banker zur Lunch-Verabredung in der Kantine seinen Porsche-Schlüssel auf das Tablett schmiss und mit einem Seitenblick überprüfte, ob ich das auch mitgekriegt hatte. 

Die meisten Beziehungen in meiner Umgebung gehen so, dass Männer sich kurz nach Fixieren des Paar-Status in kleine Jungs verwandeln und die Frauen in Muttis. Entsetzlich. Oooooh - Zynismus-Alarm.

Aber ich schweife ab. Jedenfalls bin ich offen für Unkonventionelles - war ich immer schon, wenn ich so überlege. Und als Konsequenz - und weil ich mir ja ehrlicherweise einen Spielkameraden wünsche - dachte ich: warum nicht? Geh' ich mal mit ihm aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nichts gesagt oder getan, was mich hätte zusammen zucken lassen, und das ist schon eine ganze Menge. Geht nämlich schnell bei mir. Braucht nur einer unironisch "Mädels" sagen, und zack. Disqualifiziert. 

Allerdings war ich seit Herausgabe meiner Handynummer mit romantischen SMS überschüttet worden. Meine Antwort: "Nicht so schnell, mein Junge!" in allen nur denkbaren Varianten. 

Vorgestern war es also so weit. Ich bekam eine Rose zur Begrüßung ("keine rote, denn ich will Dich ja nicht bedrängen"), und dann schlenderten wir zu einem nah gelegenen Lokal. Früher war dort ein ganz hübsches, im Lounge-Stil eingerichtetes Restaurant gewesen - jetzt nicht mehr. Bedient wurden wir von einem schlampig wirkenden Kellner, der sein Hemd so weit offen trug, dass wir uns am grauen Brusthaar und diversen Goldkettchen hätten erfreuen können, wenn wir das richtige Zielpublikum gewesen wären. 

Ich war bereit, das komisch zu finden. Ich war außerdem gespannt auf den Abend und hatte mir nichts vorgenommen, außer auf meine Gefühle zu achten. Und meinen Begleiter ernst zu nehmen. Auch beim zweiten und dritten Blick fand ich ihn anziehend. Ich fühlte mich wohl und nur manchmal irritiert von schon sehr ausgefeilten Zukunftsvisionen und voreiligen Liebeserklärungen. Davon abgesehen habe ich mich gut unterhalten - über Literatur, Familie, Jugendsünden, Musik, witzige Erlebnisse, und keinen Moment habe ich mich gelangweilt. Mir kam sogar der Gedanke, dass ich bei diesem Mann jedenfalls nicht klagen könnte, dass er schwer zum Reden zu bringen sei. Im Gegenteil. Es machte Spaß ihm zuzuhören und Gemeinsamkeiten zu entdecken oder gar ein bisschen zu streiten.

Und es war auch schön, mal wieder jemandes Hand zu halten und meine Hände ("Die sehen einsam aus.") gestreichelt zu bekommen. Und über die Bedeutung von Küssen zu philosophieren, inklusive praktischer Übungen.

Mit meiner Alterseinschätzung lag ich einigermaßen richtig, aber inzwischen war mir das egal. Nicht egal waren mir die Beteuerung von ernsten Absichten und Befürchtungen, ich könnte ihn vielleicht nicht ernst nehmen. Es gab überhaupt keinen Anlass dafür, also konnte das nur bedeuten, dass er selbst mit diesen Themen ein Problem hatte. Falls dies eine ernste Geschichte werden sollte, oder wenigstens eine ernst gemeinte, dann waren das schon ein paar Warnsignale. Dies jedenfalls war meine Einschätzung als erfahrene Hobbypsychologin. Ich wollte mir jedoch den Spaß nicht verderben lassen. 

Mit Spaß meine ich nicht, dass ich mich lustig machen wollte oder irgendwie "drüber stehen", amüsiert und distanziert bleiben. So habe ich es früher gehalten, und dabei ist nie etwas Gutes herausgekommen. Heute weiß ich, dass ich einigen Männern und auch mir damit Unrecht getan habe. Ich will - das gehört zu dem Mich-ins-Leben-schmeißen - sehen und fühlen, was passiert, und auch mal ein Risiko eingehen.  

Natürlich wollte er den Abend verlängern, aber ich fand, dass es erstmal gut sei. "Wir haben doch Zeit", sagte ich, und er stimmte mir zu und war scheinbar glücklich, dass ich ihn wieder treffen wollte. 

Er brachte mich nach Hause, und ich versprach mich zu melden,  allerdings erst am übernächsten Tag. Für den nächsten Tag hatte ich Pläne, und ich wollte jetzt nicht plötzlich alles umschmeißen, nur weil ich eventuell vielleicht möglicherweise kurz davor war, mich ein bisschen zu verlieben. So weit, so gut.

Ich hatte viel zum Nachdenken - zum Teil war ich selbst erstaunt über die Ergebnisse. Vielleicht  bin ich doch ganz gern allein? Jedenfalls brauche ich viel Freiraum und Zeit für mich. Ich bin auch viel eher bereit für Kompromisse und nicht mehr so streng oder kleinlich in der Job-Beschreibung für den potenziellen Gefährten. Ist doch keine schlechte Voraussetzung. Ich fand mich ganz in Ordnung. 

Am nächsten Tag schicke ich ihm einen netten Gruß per  SMS - und habe nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen. 

Im Gegensatz zu früher mache ich mir keine Gedanken darüber, was in seinem Kopf vorgeht und versuche gleichzeitig, nicht in meine Vernichtungssätze abzudriften, nach dem Motto: ich ziehe nur Verrückte an etc. etc.

Aber trotzdem: manchmal wüsste ich gern, warum jemand so etwas macht? So viel Aufwand für einen erhofften One-Night-Stand? Oder ging es um eine Wette? Oder um nachträgliche Angst vor der eigenen Courage? 

Seltsamerweise hat  das Ganze mich irgendwie beflügelt, jedenfalls  war ich heute sehr produktiv und gut gelaunt.

Das Leben ist schön und seltsam. Oder um mit meinem Vater zu sprechen:

"Also langweilig wird es hier nie!"