Freitag, 13. Juni 2014

Misfit

Seit ein paar Tagen ist ihre alte Bekannte, die Verzweiflung, zurück. Erst hat sie nur leise auf sich aufmerksam gemacht. Aber plötzlich kommt sie in mächtigen Wellen, die sie überschwemmen, durchschütteln und auf den  Grund stoßen, bis ihre Haut aufschrammt und die Tränen fließen. Sie wünscht sich wohl Gesellschaft, aber doch nicht solche.

Im Geist hört sie die Floskeln von früheren "Freundinnen": Ist doch gut, wenn Du weinen kannst! Danach geht's Dir besser. Es geht aber nicht besser. Wie kann man soviel Flüssigkeit produzieren? Manchmal geht das stundenlang, und niemand auf der Welt weiß etwas davon. Das ist vielleicht das Schlimmste. Sie muss an die Parabel von dem Baum denken, der unbemerkt im Wald umstürzt. Gibt es den Baum dann überhaupt? Gibt es SIE? Sie lebt ein unbezeugtes Leben.

Gestern hat sie gegoogelt, ob es im Internet Rat gibt für Menschen, die ohne Beziehungen oder Freunde leben müssen. Sie hat sich dafür geschämt, aber doch auf Antwort gehofft. So wie früher, als jedes dritte Buch in ihrem Regal ein Selbsthilfe-Ratgeber war, in dem es um Depression, Einsamkeit oder Esssucht ging. Oder alles auf einmal. Bücher waren immer ihre Gefährten, und schon als Kind hatte sie sich mit ihnen in andere Leben und Welten geträumt. Später hat sie dann geglaubt, wenn sie nur das richtige Buch fände, in dem der eine, der richtige Satz stand, wäre sie gerettet.

Wenn sie Alkoholikerin wäre, hätte sie gerade einen Rückfall. Sich besaufen an schlimmen Gedanken. Sich ihnen wehrlos ausgeliefert fühlen - oder sich ihnen hingeben? - und sie für die absolute Wahrheit halten. Das hat etwas von einem finsteren Rausch.

Zum Rausch gehört auch die Überzeugung, dass niemand sonst ein so schlimmes Schicksal erleiden muss. Was hat sie Böses getan? Wofür wird sie bestraft? Das hat sie sich schon als kleines Mädchen gefragt.


Sie passt in keine Schublade. Für Künstler gilt das als Kompliment und durchaus erstrebenswert. Im Leben von durchschnittlichen Menschen ist es nicht so toll, in keine Schublade zu passen. Oder als Töpfchen kein Deckelchen zu finden. Oder von keinem Töpfchen gefunden zu werden und als Deckelchen sinnlos in der Welt herum zu scheppern.

Letztens wurde zur Teilnahme an einem Gewinnspiel animiert: "Als Hauptgewinner dürfen Sie zwanzig ihrer besten Freunde zu einer privaten Filmvorführung einladen." Zwanzig! Sie hat nicht mal EINE richtige Freundin. Und als Frau ohne beste Freundin kommt man in der Werbung, im Film und überhaupt in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft gar nicht vor. Was für eine Schreckschraube oder Langweilerin muss eine sein, die keine Freundin hat? Wenn eine schon keinen Mann abkriegt, sind da zum Trost immer noch die Freundinnen. Eine wie sie, die weder das eine noch das andere vorweisen kann und noch nicht mal eine Karriere als akzeptable Entschuldigung - verdient die überhaupt einen Platz auf der Welt?

Sie sucht nach einem Ausweg, aber das schreckliche Gedankenkarussell dreht und dreht sich, bis ihr Geist in alle Richtungen davonfliegt. Die alten Überzeugungen stehen immer parat für solche Momente - sie warten ja nur auf ihren Einsatz: Wenn schon Deine Eltern Dich nicht lieben konnten, wie sollen das dann wildfremde Menschen tun? Es bedeutet, dass nichts Liebenswertes an Dir ist. Das ist doch nur logisch.

Deine Mutter hat Recht behalten mit ihren Prophezeiungen: Du endest einsam und allein, weil Du einfach nicht normal bist. Du störst überall. Sei endlich still und lass' uns in Ruhe. Sieh' Dich nur mal an - wenn Du wenigstens hübsch wärst!

Eine Bekannte sagte letztens: Es ist immer so lustig mit Dir. Sie hört: Du musst immer lustig sein.

Dabei ist ihr Lustigsein ja keine Lüge - nur vom Traurigsein darf und will niemand wissen. Sie surft ein bisschen weiter im Internet. Und findet eine Geschichte. Sie fängt - skeptisch - an zu lesen. Verschwommenen Blicks, weil die Tränen immer noch fließen. Sie schmecken nicht mehr ganz so bitter.

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Sie fühlt sich seltsam getröstet. Kleine Blitze von Selbsterkenntnis und Humor leuchten durch die Tränen. Die Worte schaffen ein bisschen Ruhe, und langsam kommt sie wieder bei sich an.