Freitag, 20. Juni 2014

Geschenke oder - das Universum liefert?

Seit es das Versandhaus Quelle nicht mehr gibt, bestellen immer mehr Menschen Dinge ihres täglichen oder speziellen Bedarfs beim Universum.

Parkplätze, neue Möbel, neue Jobs oder gar neue Partner soll es liefern. Wenn die Lieferung ausbleibt oder etwas Falsches geschickt wird, liegt das - im Unterschied zu Quelle - nicht an Lieferfehlern, sondern an der unkorrekten oder unvollständigen Bestellung. Weil die Kunden da offenbar vieles falsch machen können, gibt es kostenpflichtige Anleitungen. Wenn's dann immer noch nicht klappt, darf man sich nicht etwa beschweren, sondern soll wahrscheinlich in sich gehen und einsehen, dass es besser so ist. Das ist meine Interpretation, denn gelesen habe ich keines der "Universum"-Bestellbücher. Das Universum hat jedenfalls immer Recht und kann gar nichts falsch machen. Das machte diese Idee zu einem risikolosen Geschäft für die Autorin der Bücher, denn verantwortlich für Fehler ist immer der Anwender. (Ähnlich wie bei Microsoft.)

Mit dem Bedeutungsverlust der klassischen Religionen scheint magisches Denken immer mehr um sich zu greifen, und es macht auch mir manchmal Spaß, überraschende Begebenheiten oder Glücksfälle als kleine Wunder zu deuten. Ich freue mich über ein gutes Horoskop, weil es mich beschwingt in den Tag starten lässt. Das hat etwas Spielerisches.  

Aber es gibt eine Grenze.

Vor langer Zeit habe ich alles von Louise Hay gelesen, was mir in die Finger kam. Aus ihren Büchern strömt eine Menge Wärme, ja sogar Liebe. Man fühlt sich verstanden und vermutet eine verwandte Seele, die aber im Gegensatz zum Leser eine Lösung gefunden hat. Louise Hays Leben war lange Zeit unfassbar schwer, und sie hat sich schließlich selbst gerettet - dadurch wirkt sie glaubwürdig und authentisch. Ihr "Zaubermittel" waren und sind Affirmationen und Visualisierungen, wogegen eigentlich nichts einzuwenden ist.

Wenn sie erfolgreich sind, kommt für Lehrer wie Hay irgendwann der Zeitpunkt, wo aus dem ursprünglich individuellen Erleben und Weitergeben ihrer Erkenntnisse ein wirtschaftliches Unternehmen entstehen könnte und es meist auch tut. Auch dagegen ist nichts zu sagen - schließlich können auch weise und / oder spirituelle Menschen zumindest in der westlichen Welt nicht von Luft und Liebe oder freiwilligen Gaben ihrer Schüler leben. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, und das sind beileibe keine Scharlatane - ich denke an Eckhardt Tolle, Geneen Roth (die ich persönlich wunderbar finde und für völlig integer halte), Brené Brown und andere.

Meine Bewunderung für Louise Hay erhielt einen heftigen Dämpfer, als ich bei YouTube ein Gespräch zwischen ihr und einer anderen Self Help-Vermarkterin ansah. Über die typisch amerikanischen enthusiastischen bis hysterischen Aspekte solcher Auftritte sehe ich meist tolerant hinweg - aber als Ms. Hay von ihrem Rolls Royce schwärmte und die andere Dame ausrief: "And to think that you manifested all of that yourself! Just showing that there is no limit to what you can achieve" und Ms. Hay ihr begeistert zustimmte, entfuhr mir eine drastische Bemerkung, die ich hier nicht wiederholen möchte.

Das magische Denken, nach dem ich alles, was in meinem Leben passiert, selbst verursacht habe - zum Beispiel durch "falsches Denken" oder meinetwegen auch "falsche Bestellungen", ist letztendlich zutiefst inhuman. Wenn Du allen Ernstes glaubst, dass Du allein durch richtige oder falsche Gedanken etwas herbeiführen oder verhindern kannst, wie deutest Du dann etwa eine Naturkatastrophe oder einen Flugzeugabsturz? Haben in diesen Fällen einige Hundert oder einige Tausend Menschen alle an etwas Falsches geglaubt oder falsch gelebt, so dass ihnen diese Unglücksfälle zustoßen mussten? Mitgefühl und Solidarität wären unangebracht, denn alle Opfer hätten ihr Schicksal selbst herbeigeführt und daher wäre alles so, wie es wohl sein sollte. Während einer Diskussion über dieses Thema habe ich mal eine Bekannte gefragt, ob sie denn wirklich meine, dass meine Schwester selbst Schuld sei an ihrer Krebserkrankung und ihrem frühen Tod, und diese Bekannte bejahte das. Nicht ohne eine Weile herumzudrucksen, aber letzten Endes war das ihre Überzeugung. 

Vor einiger Zeit war dieser Glaube an Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und psychischer Verfassung weit verbreitet, und so abwegig erschien die Vorstellung gar nicht. Nach dem Motto: wenn Du immer alles in Dich hineinfrisst, kriegst Du irgendwann Magenkrebs! Längst haben seriöse Studien das klar widerlegt. Die Erfahrung lehrt: Argumente ändern leider selten etwas an irrationalen Überzeugungen. Liebstes "Argument": Das glaube ich einfach nicht! 

Wenn also jemand kurz vor der Fahrt in die Stadt beim Universum einen Parkplatz bestellt und prompt einen findet, liegt das wohl eher an erhöhter Aufmerksamkeit für freie Parkplätze, weil der Fahrer sich vorher positiv darauf eingestimmt hatte.

Ich bin nämlich überzeugt, dass wir dem Universum herzlich egal sind. Ich glaube auch nicht an einen Ausgleich in dem Sinne, dass Gemeinheit bestraft und das Gute belohnt wird. Ein Blick in die Tageszeitung widerlegt das sofort. Woran ich inzwischen allerdings glaube, ist das Gesetz der Resonanz - wenn man dem Ding denn einen Namen geben will. 

Trotz gelegentlicher Rückstürze in den Depri-Sumpf oder zeitweilig schwierige Lebensumstände bin ich im Grunde meines Herzens Optimistin (zu meiner eigenen Überraschung). Vor allem bemühe ich mich, nicht Andere - und sei es nur durch schlechte Laune - für meine Probleme zu bestrafen. (Für die Zusendung von Heiligenscheinen: Adresse auf Anfrage)

Mit Resonanz meine ich: wenn ich durch die Welt laufe mit der Einstellung, dass diese mir etwas schuldet, weil ich bisher verdammt viel zu kurz gekommen bin, wird mir wohl eher nichts Gutes begegnen. Empirische Forschungen mit mir selbst als Versuchsperson während einiger übler Jahre belegen das. Nicht repräsentativ, gebe ich zu.

Nachdem ich das - durchaus auf die harte Tour - gelernt habe und mich  seitdem um mehr Offenheit bemühe für alles, was mir so begegnet, sind mir tatsächlich eine Menge kleine und große Wunder geschehen.

Und sehr oft in Notlagen: Als mir meine alte Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde und ich große Angst hatte, aus meinem geliebten Viertel wegziehen zu müssen, kaufte mein damaliger Chef kurzerhand eine Wohnung und vermietete sie an mich. Und wo fand ich diese Wohnung? Ein Stockwerk höher schräg über meiner alten. Eine gute Fee hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt, und nun kam sie mir als großer kräftiger Bauingenieur verkleidet zu Hilfe. Nach menschlichem Ermessen muss ich nie mehr Angst haben, mein Zuhause zu verlieren. Der Ingenieur ist schon lange nicht mehr mein Chef, sondern ein verlässlicher Freund und wunderbarer Vermieter.

Und nun, wo ich meinen Job verloren und eine OP vor mir habe und von Krankengeld unter dem Hartz IV-Satz lebe, kriege ich wieder lauter Geschenke: Letztens überlegte ich, dass sich ein Stehtisch gut in meiner Wohnküche machen würde, und dazu gehören natürlich zwei passende Stühle. Dann brach ich zu einem Spaziergang auf, bog um die Straßenecke, und da stand der erste Stuhl, wartete resigniert auf den Sperrmüll und fand stattdessen ein neues Zuhause.

Für meine Minidiele will ich mir einen schmalen Tisch bauen, der genau in eine Nische passen muss. Gestern - komischerweise gehe ich scheinbar immer vor Sperrmüllterminen spazieren - warteten vier nagelneue Tischbeine inklusive Befestigungsmaterial vor einem Nachbarhaus. Dazu gab es einen original verpackten schicken Couchtisch und noch ein paar andere Kleinigkeiten. Außerdem eine dänische Flagge und dänische Bücher. Danke also von Herzen an die geschmackssichere dänische Familie, die vermutlich in die Heimat zurückgeht!

Und danke nicht zuletzt an freundliche junge Männer, an die ich über Facebook ein Regal oder andere aussortierte Dinge verschenke, und die sich mit Heimwerkerarbeit revanchieren, und an liebe Menschen, die mich mit einem Buchgeschenk überraschen (you know who you are).

Nochmal zu meiner Resonanztheorie: in Prä-Facebook-Zeiten gab es diverse Verschenk-Webseiten, und die habe ich damals auch genutzt. Häufig sind mir dort Leute begegnet, die mit der oben beschriebenen Anspruchshaltung durch's Leben liefen. Jemand meldete sich also auf ein Angebot, sagen wir mal: einen gut erhaltenen Wintermantel, versäumte dann den vereinbarten Abholtermin und fragte stattdessen an, ob ich das Teil per Post schicken könne. Natürlich auf meine Kosten. Wenn ich das ablehnte, wurde ich auf der Seite als gemein und geizig beschimpft. In dieser Hinsicht funktioniert die soziale Kontrolle auf Facebook bestens. Mir ist allerdings hier nie so jemand begegnet, so dass das Verschenken einfach Freude macht. Außerdem ist es - zumindest symbolisch - ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft.

Wobei mir einfällt: ich muss noch die nette junge Frau anrufen, die mir ein kleines Regal geschenkt hat und geduldig ein paar Tage aufhebt, bis ich es abhole.

Bis bald in diesem Theater.