Donnerstag, 5. Juni 2014

Sing When You're Happy!

Ich habe mal gelernt, dass man sich möglichst jeden Tag einmal so richtig blamieren soll. So wird trotz aller Bemühungen um Erleuchtung das Abheben vermieden. Oder anders gesagt: Hochmut kommt vor dem Fall.

Jedenfalls habe ich diesen Rat heute beispielhaft befolgt. Und das kam so:

Eigentlich wollte ich Euch / Ihnen, hochverehrte Leserschaft, eine besondere Freude machen und mal etwas aus meinem Gesangsrepertoire zum Besten geben. Ich komme aus einer recht musikalischen Familie, wurde zum Schulchor zwangsverpflichtet und habe immer schon gern gesungen. Außer zunächst im Schulchor, weil ich eine Todesangst vor unserem Musiklehrer und vor der Bühne hatte - und zwar in dieser Reihenfolge. Der Musiklehrer hatte etwas von einem Feldmarschall an sich. Und dass sich hinter meinem Lampenfieber eine heimliche Rampensau verbarg, habe ich erst viel später kapiert.  

Zurück zu meinem von Anfang an zum Scheitern verurteilten Vorhaben. Was ich natürlich nicht ahnte. Ich fing genauso an wie mit diesem Blog: naiv drauf los!

Ich habe also eine kostenlose Recording-App downgeloaded und ein Weilchen meine Lieblingslieder geübt. Wobei die Leser, die ein bisschen Ahnung haben, sich bestimmt jetzt schon ins Fäustchen lachen. Denn natürlich kann man als Sängerin gar nicht alleine üben. Wie hat meine Gesangslehrerin damals gesagt: Wie willst Du das denn machen ohne Klavier? Willst Du zum Himmel rufen: Oh Herr, schick' mir ein dreifach gestrichenes F?  

Sie wollte mich dazu bringen, mir ein Keyboard zu kaufen und wenigstens ein bisschen Klavier zu lernen. Aber da ich bereits am Notenlesen verzweifelt bin, kann man sich vorstellen, wie die Geschichte ausging. Ein Keyboard gab's damals günstig beim Quelle-Versand (da seht Ihr, wie lange das schon zurückliegt). Als das Paket kam, habe ich das Instrument in einer Mischung aus Vorfreude und Ehrfurcht ausgepackt. Dann habe mich beim Anblick der vielen Tasten und Knöpfe so erschreckt, dass ich es sofort wieder eingepackt und zurück geschickt habe. Was das Notenlesen angeht, war ich schon in der Schule immer in höchster Not, wenn im Musikunterricht jede von uns der Reihe nach geprüft wurde. Ich war oft schier der Ohnmacht nahe und wurde manchmal nur durch das Ende der Stunde gerettet. Beim Singen konnte ich mich ganz gut durchmogeln, weil ich eine Melodie nachsingen kann, sobald ich sie einmal gehört habe. Und im Chor vom Blatt singen geht auch einigermaßen, wenn man nicht gerade Solo singen muss. Das musste ich glücklicherweise immer erst, wenn ich die Nummer schon "drauf hatte".

Meine wunderbare Gesangslehrerin - eine überzeugte Vertreterin der positiven Pädagogik - hat mich einfach trotz totaler Disziplinlosigkeit drei Jahre ertragen. In dieser Zeit war mein Leben insgesamt eher ein apathisches Dahin-Wurschteln, und das Singen gab mir Halt und Freude und Erfolgserlebnisse. Leider konnte ich mir den Unterricht irgendwann nicht mehr leisten. Aber für die drei Jahre bin ich heute noch dankbar.

Das Tolle an Gesangsunterricht ist: Wenn Du ohne jede Vorahnung anfängst, machst Du extrem schnelle Fortschritte. Denn sobald man auch nur ein bisschen die richtige Technik anwendet, singt man sehr viel anders und sehr viel besser als vorher. Und die Technik vergisst man auch nicht. Immerhin. Aber wenn man aufhört zu üben, dann macht sich das leider ebenso schnell bemerkbar. Das habe ich schon öfter feststellen müssen. Und heute ganz besonders!

Ich also die App installiert und einen kleinen Test gemacht. Schon nach 10 Sekunden kam ich mir absolut albern vor - ich hatte ja nicht mal ein Playback als Begleitung. A capella singen ist nicht Jedermanns Sache! Meine offenbar auch nicht. Nach dem nächsten Versuch mit den ersten paar Takten von Friedrich Hollaenders "Wenn ich mir was wünschen dürfte" nahm ich meinen Mut zusammen und hörte mir die Aufnahme an.  Was ich hörte?

Zuerst ein seltsames Geraschel und Gekruschpel. Und dann ein zartes dünnes Stimmchen, dass erbärmlich zittrig das Lied ins Mikro hauchte. Ich konnte gar nicht bis zum Schluss hören, so sehr musste ich lachen. Die Melodie und der Rhythmus allerdings - nahezu perfekt. Natürlich kann nur die blöde Aufnahme-App daran Schuld sein! Nicht.

Ich habe mich gründlich blamiert, wenn auch nur vor mir selbst. Als Perfektionistin, die ich bin, ist das schlimm genug. Mal sehen, was mir morgen einfällt.

Ich bastele gerade an einem Wunschzettel - deswegen ging mir auch dieses Lied im Kopf herum. Jetzt kommt auf den Zettel auch noch ein netter Pianist, dem eine Sängerin fehlt. Und der Jazz und Chansons und alles Mögliche mag, was eine Melodie hat.

Und bis dahin: Enjoy!

Marlene singt Hollaender