Donnerstag, 18. Februar 2016

Andenken an Frau P.

Frau P. kann nicht schlafen. Es ist zu heiß, das ist das Eine. Und sie kann nur noch an die leere Hälfte ihres Bettes denken. Mühsam setzt sie sich auf und schaut sich im Zimmer um. Soviel Zeug. Was hat sich da bloß alles angesammelt. Als Willi noch da war, ist ihr das nie aufgefallen. Alles schien seinen Sinn zu haben.

Aber dann ist er krank geworden und gestorben. Wie konnte die Verwaltung auf die Idee kommen, mitten im Winter die Fenster auszutauschen? Und sie dann tagelang auf die neuen Fenster warten zu lassen, ohne Heizung und ohne Schutz. Wie konnte sowas sein? Damals hat Willi sich die Lungenentzündung geholt. Die Verwaltung hat ihr eine Beileidskarte geschickt.

Sie kann sowieso nichts mehr dagegen machen. Willi und sie waren immer schon kleine Leute gewesen. Aber sie waren immer zufrieden und hatten nie etwas verlangt, was ihnen nicht zustand.

Sie denkt an die Sommer auf ihrem kleinen Balkon. Nebenan wohnte die alte Nachbarin mit ihrer Enkelin und schräg unter ihnen das junge Paar. Mit denen konnten Willi und sie ein Schwätzchen halten, ohne auch nur ihre Sessel zu verlassen. Also eigentlich nur sie, Willi war kein großer Redner gewesen, und ein Schwätzer schon gar nicht. 

Wenn sie so drüber nachdachte, war die junge Frau jetzt wohl allein. Den Mann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen. Sie hatte sie beide immer gemocht. Bei schönem Wetter war die Frau oft übers Balkongeländer geklettert und hatte ihre Wäsche im Garten aufgehängt. Dann hatten sie manchmal eine Weile geplaudert, die Jüngere mit dem Wäschekorb unterm Arm, eine Hand über den Augen gegen die blendende Sonne und zu ihr nach oben lächelnd. 

Eigentlich schade - den Garten hätte man doch gut gemeinsam nutzen können. Hätte aber die Verwaltung bestimmt was dagegen gehabt. 

Einmal hatten alle Mieter zusammen ein Fest gefeiert. Das war vor der Sanierung, und bis auf drei Nachbarn waren alle dabei. Sie hatte es sogar geschafft, Willi mit nach unten in die "Disko" zu schleppen. Alle Türen standen offen, und ein paar Wohnungen waren regelrecht verwandelt worden - in ein großes Esszimmer, eine Bar oder eben eine Disko. Später am Abend war sogar die Polizei gekommen. Das war aufregend gewesen. Noch nie hatte sie was mit der Polizei zu tun gehabt. Naja, bis heute vielleicht. Man würde sehen.

Sie wuchtet sich aus dem Bett. Wann ist sie so dick geworden? Innen drin fühlt sie sich ganz anders - mehr so wie das ranke junge Mädchen, das mit Willi zum Tanz ging vor so vielen Jahren. Manchmal sieht sie unversehens ihre riesigen Kleider beim Ausziehen und erschrickt. Willi hatte sie aber bis zuletzt schön gefunden. Oder hatte er es ebenfalls nicht bemerkt? Er hatte sie jedenfalls immer noch gern angefasst.

Sie hat lange versucht stark zu sein. Sie war tapfer gewesen und hatte sich einige Male allein in das Café an der Ecke gewagt. Die Leute da waren nett zu ihr - es war wohl so ein alternatives Café, wie man das heute nannte. Jedenfalls musste man da nicht schick aussehen, um freundlich bedient zu werden. Die junge Frau von unten war Stammgast, das hatte sie ihr mal erzählt.

Einmal war sie ihr dort begegnet und hatte ihr eine Rose auf den Tisch gelegt. Sie weiß gar nicht mehr, was sie sich dabei gedacht hat. Die junge Frau war gerührt. "Das müssen Sie doch nicht", hatte sie gesagt. "Ich möchte aber." Dann war sie schnell 'raus gegangen und hatte sich gefragt, ob sie jetzt wohl wunderlich wurde. 

Die alte Nachbarin von nebenan war nun schon lange im Heim. Mit den neuen Mietern hatte sie nichts zu tun. Die wollten eher für sich sein. Konnte man ihnen ja nicht übel nehmen, am Anfang waren Willi und sie sich auch selbst genug gewesen.

Hätte sie sich ein paar Freundinnen suchen sollen? Nun war es jedenfalls zu spät. Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen, dabei hatte sie sich welche gewünscht. Vielleicht wäre sie keine gute Mutter geworden. So wie ihre Mutter. Die hatte nie ein liebes Wort für sie gehabt. Aber Willi wäre ein guter Vater gewesen. Er hatte sowas Zuverlässiges. Und kein einziges Mal hatte er sie geschlagen oder auch nur angebrüllt. Da hatte sie ganz andere Geschichten gehört. Er hatte so gern gelacht. Wenn sie doch nur noch einmal seine Stimme hören könnte.

Mühsam zieht sie sich ihren Morgenrock über. Erneut schweifen ihre Blicke durch das vollgestopfte Zimmer. Zuerst greift sie sich einen Stuhl. Sie öffnet die Balkontür und geht hinaus. Zwischen den Dächern sieht sie am Horizont einen hellblauen Streifen. Die ersten Vögel beginnen ihr Morgenkonzert. Sie holt den Stuhl, hebt ihn übers Geländer und lässt ihn fallen.

Nein, das ist noch nicht das Richtige. Den zweiten Stuhl nimmt sie in beide Hände und holt Schwung. Dann wirft sie ihn in den Garten. Als nächstes fliegen ein paar Blumenvasen hinunter. 

Die junge Frau von unten tritt auf den Balkon und schaut nach oben. "Frau P., ist alles in Ordnung bei Ihnen?"

Sie hat keine Lust zu antworten. Stattdessen holt sie ihre Trittleiter, hievt die übers Geländer und hört zufrieden, wie sie mit Krach auf den Boden scheppert. 

Es klopft an der Wohnungstür. Die junge Frau bittet sie aufzumachen. Sie reagiert nicht. Sie hört, wie sich die Schritte zögernd wieder entfernen.

Was kommt als Nächstes dran? Ein paar Tassen und Teller fliegen in den Garten. Nein, das ist nichts. Sie holt erneut etwas Großes. Es muss krachen.

Dann hält sie erschöpft inne. Sie geht an die Tür und öffnet. Die junge Frau ist noch auf der Treppe. "Frau P., was machen Sie denn?" "Ich mach' Krawall." Die junge Frau lacht. "Ja, das höre ich. Geht es Ihnen gut? Darf ich Hilfe rufen?" 

Sie überlegt. "Ja, es ist wohl Zeit." Willi wartet sicher schon.

Ein paar Wochen später hört die junge Frau, dass Frau P. in der  Psychiatrie gestorben ist. Ach, denkt sie traurig, und dann: Gut.