Samstag, 20. Februar 2016

Achtung - roh. Und: Buchtipp

Gestern Nacht konnte ich nicht schlafen - what else is new, right? - stattdessen habe ich die Autobiographie von Hilary ('ilary) Mantel gelesen. "Giving Up the Ghost". Ach was heißt gelesen: inhaliert. Eingesaugt. Ein bedeutender Teil handelt von Krankheit und Tod. Noch während der unverblümten Beschreibung ihrer eigenen Symptome und der Erkenntnis, dass sie diese selbst lange Zeit nicht ernst genommen hatte, fiel mir ein: Ich habe eine ganze Reihe meiner jetzigen - ja - Beschwerden - ach ja, wo kann ich mich hier mal beschweren? - beim ersten Arzttermin nach meiner OP und der Reha gar nicht erst erwähnt, weil die unter meine innere Rubrik "nicht der Rede wert" fallen. Ganz Ähnliches taucht im Buch auf. Hilary Mantel und ich - wie anmaßend. 

Andererseits, warum soll ich nicht in meinem eigenen Text mit ihr in einer Zeile wohnen dürfen? Sozusagen Tür an Tür. Detached. Ich bin ja auf eine Weise immer die naive Leserin geblieben, die ich als Kind war, und als solche finde ich - ohne zu suchen - in jeder Erzählung Parallelen zum eigenen Erleben. Vielleicht lese ich deshalb so gern Krimis,  weil ich da völlig von mir absehen kann. Where was I? Ach ja, das Gemeinsame. Da wäre zum Beispiel die Kindheit in einer Zeit und Umgebung, wo man sich eben nicht "anstellte". Nicht wegen seelischer und auch nicht wegen körperlicher Leiden. Während ich dies hier aufschreibe, werden übrigens meine Chakren in einem Frühjahrs-großputz gereinigt. Und zwar via Live-Webinar von Carol Tuttle, die ich unbedingt lächerlich finden wollte, was aber nicht klappt. Ich lausche ihren energischen-liebevollen Anweisungen, was ich mit meinen Chakren anstellen und welche Formeln ich dabei sprechen soll - atmen nicht vergessen - und imaginiere, wie meine spirituellen Führer und Schutzengel sich versammeln, um ab jetzt einfach ALLES möglich zu machen. Alles zu beseitigen, was bisher meine eigene Großartigkeit behindert hat, also um etwa Präsidentin von Amerika zu werden. Oder so zu schreiben wie Hilary Mantel. Heißt die andere Amtsanwärterin nicht auch Hillary? Das muss doch was bedeuten. Oder nicht. Frau Tuttle teilt mir gerade mit, dass nunmehr meine Chakren die alte Programmierung gelöscht haben und ich sie jetzt neu füllen kann. My soul is feeding wonderful colors into my root chakra even as we speak. Was mich für Frau Tuttle einnimmt ist, dass sie ohne die geläufige amerikanische Hysterie von ihrem eigenen Leidensweg erzählt, der mir Respekt abnötigt, und ich denke (nicht zum ersten Mal): Whatever works! Zu Deutsch: Wer heilt, hat Recht. Vergisst man mal die Sache mit den Engeln und Führern, sagt sie nichts anderes als alle geistigen Lehrer, die ich bisher kennen und respektieren gelernt habe: Konzentriere Dich auf das Hier und Jetzt; versuche, Dein eigenes und nicht ein fremdes Leben zu leben; lerne, Deine Gefühle ernst zu nehmen und vertraue darauf, dass die Erde Dich trägt. Leave your own footprint on this earth! So blöd ist das nicht. Bevor ich den Laptop aufklappte, habe ich einen Becher Wasser mit Natronpulver getrunken und dabei an meine Oma gedacht. Von der habe ich gelernt, dass das gegen Übelkeit hilft. Mir ist andauernd übel - so wie meiner Oma in ihren letzten Jahren. Obwohl ich gar keine Schmerzmittel mehr nehme. Obwohl ich welche nehmen möchte, denn ich habe genauso schlimme Schmerzen wie  vor meiner OP. Nur eben andere. Beim Arzt habe ich vielleicht nicht deutlich genug gesagt, WIE schlimm. Aber als ich eben vom Einkaufen kam - im Schneckentempo und heulend vor Schmerz und Empörung - dachte ich an Ms Mantel und ihre Erlebnisse mit ignoranten Ärzten. Ihre Krankenkarriere begann zu ihrem Unglück in einer Zeit, wo unbestimmte oder nicht leicht einzuordnende Symptome bei Frauen gern in eine Neurose umgedeutet wurden. Je mehr sich die Patientin dagegen zur Wehr setzte, desto beweiskräftiger schien ihr Verhalten für die Richtigkeit der Diagnose. Da geht's mir ja noch gut. Vergleichsweise. Aber die Schmerzen sind absolut fies. Und die Übelkeit. Habe ich vielleicht Magenkrebs, genau wie meine Oma? Ich habe mich bisher nie für eine Hypochonderin gehalten. Jetzt hoffe ich, dass ich eine bin. Jedenfalls in dieser Hinsicht. Als ich dreizehn oder vierzehn war, habe ich mir manchmal eine schwere Krankheit gewünscht, weil man nach meiner Kenntnis unweigerlich dünn wurde, wenn man lange genug schwer krank war. Aber was, wenn  ich dran sterbe? Was hätte ich dann vom dünn sein? Nachts lesen war damals nicht drin, meine Mutter erwischte mich jedes Mal. Also blieb nur nachdenken, bis ich vor Erschöpfung irgendwann einschlief. Eine schwere Krankheit schien nicht die Lösung für mein Problem. Das Problem: ich war fett. Sagte meine Mutter. Auf Fotos konnte ich später erstaunt feststellen, dass ich ganz normal aussah. Aber wenn meine Schwester und ich mal wieder 14 Tage lang von Grapefruit und schwarzem Kaffee leben  mussten, suchte ich nach Alternativen. Als wir Kinder waren, kamen wir fast jeden Tag mit Schrammen oder blutenden Knien vom Spielen zurück. Auch wenn es erstmal schlimm aussah und weh tat, heilte alles  wieder schnell, zur Not gab's ein Pflaster oder auch mal einen Verband. Also stellte ich mir als Kind vor, dass ich mir abends kurz vorm Zubettgehen ein scharfes Messer aus der Küche besorgen würde, um dann alle fetten Stellen - meinen  runden Bauch, die Oberschenkel und meine Wangen etwa - einfach abzuschneiden und zu verbinden. Bis zum nächsten Morgen wäre das bestimmt geheilt, und dann würde meine Mutter mich schön finden. Ich malte mir genau aus, wo ich mit Schneiden anfangen müsste. Dabei kamen mir dann doch Bedenken, was, wenn es sehr blutete und ein paar Verbände nicht reichten? Ich habe es jedenfalls nie wirklich versucht. Nur die Möglichkeit dazu eine ganze Weile in meinem armen kleinen dicken Kopf aufbewahrt.