Montag, 21. Dezember 2015

Oh Du fröhliche....

Einkaufen kurz vor Weihnachten ist eh' Stress, und ganz besonders, wenn man gerade aus der Klinik entlassen wurde und alles noch ungewohnt langsam geht. Dazu umschwebt einen die ständige Angst, dass man angerempelt wird und / oder einen jemand auf den frisch operierten Rücken haut. Nicht, dass ich regelmäßig auf den Rücken gehauen werde, aber man entwickelt die seltsamsten Ängste  in so einer Lage. 

Ich habe mich heute in diverse Einkaufs-Etablissements gewagt, weil es einfach nicht mehr zu vermeiden war. Die Speisekammer gähnte leer, und auch das Badezimmer verlangte nach diversen Materialien, die weder anders beschafft werden noch ohne Weiteres selbst hergestellt werden konnten. Dieser Tage wäre Dienst-Personal eine große Erleichterung. Aber erstens sind die Zeiten vorbei, als man welches hatte, und zweitens hätten Leute meines Standes zu gar keinen Zeiten über Butler und Dienstmädchen verfügt. Also völlig sinnfreie Überlegungen. Aber ach - eine schöne Phantasie! 

Stattdessen schleiche ich durch den Drogeriemarkt, froh, dass er nicht allzu voll ist. An der Kasse konzentriere ich mich darauf, meine Sachen zu verstauen und staune selbst zum wiederholten Mal, wie kraftlos und langsam ich mich dabei anstelle. Plötzlich erfasst mich ein Unbehagen. Ich blicke auf und direkt in die hasserfüllten Augen der Kundin, die nach mir in der Schlange stand. Sie starrt mich wirklich an. Und hört auch nicht damit auf, als ich zurück gucke. Mit fragendem Gesichtsausdruck, wie ich annehme. Sie sagt weiterhin kein Wort. Also frage ich nach. Es geifert aus ihrem Mund: "Ich warte drauf, dass Sie E-N-D-L-I-C-H Ihr Zeug einpacken, damit ich meins nach unten schieben kann!"

"Das können Sie ruhig tun, ich werde schon nichts nehmen, was mir nicht gehört. Und übrigens: Ein Wort von Ihnen hätte genügt." Darauf die Frau zur Kassiererin: "So eine Unverschämtheit. Unglaublich, was es für Leute gibt!" Kassiererin: "Fragen Sie mich mal, ich muss noch bis acht Uhr hier sitzen."

Gemäß meinem neu gefassten Vorsatz verschwende ich keine weitere Energie, packe zu Ende ein und verlasse den Markt. Nicht allerdings, ohne mir die  Frau nochmal anzuschauen. Mit ihrer unvorteilhaften Dauerwelle erinnert sie mich an einen Drahthaarterrier - jederzeit bereit zu kläffen und zuzuschnappen. Nur dass die mir bekannten Terrier keinen dunkelroten Konturenstift und orangen Lippenstift kombinieren. Okay, das war jetzt auch nicht besonders nett, aber hier passt das Aussehen einfach so gut zum Verhalten....offenbar gehört sie zu den Ewig-Zu-Kurz-Gekommenen, die der Ansicht sind, die Welt schulde ihnen noch was und solle ihnen auch gleich die Wünsche von den Augen ablesen. 

Mich reizt diese Sorte Mitmensch ganz besonders, und warum wohl? Weil ich mich zu einem Teil wiedererkenne, denn so bin auch ich lange Zeit durch die Welt gestapft. Ich habe sogar diejenigen brüskiert, die es wohl gut mit mir meinten. Ich habe alle für mein Unglück bestraft und nicht gemerkt, dass die Strafe mich selbst am meisten traf. 

Ziemlich sicher sah diese Frau sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass die Welt aus lauter schrecklichen Egoisten besteht, die den größten Spaß daran haben, ihr das Leben schwer zu machen. 

Ich erinnere mich gut, dass man sogar daraus ein bitteres Vergnügen ziehen kann, wenn schon sonst nichts Vergnügliches weit und breit in Sicht ist.

Und ich bin froh und dankbar dafür, dass mir ein paar Menschen geholfen haben, diesen üblen Automatismus zu verstehen und zu durchbrechen. Und langsam kann ich auch annehmen, dass sich ohne meinen eigenen Mut, meine Entschlossenheit und meinen Humor dennoch nichts geändert hätte. 

Sollte es jetzt womöglich doch noch losgehen mit der Selbstakzeptanz? ("Selbstliebe" kann ich immer noch nicht hinschreiben. So, jetzt doch.)