Donnerstag, 10. Dezember 2015

Heulen und Knochenklappern

Ich habe mal gelesen, dass viele alte Menschen sich vor Angst nicht mehr auf die Straße wagen und lieber zu Hause bleiben. Sie ängstigen sich nicht etwa vor Überfällen oder ähnlich schlimmen Ereignissen, die eher selten vorkommen, sondern fühlen sich unsicher auf den Beinen und zu langsam und verletzlich für unsere rasante Zeit. 

Nach meinen Erlebnissen während der letzten paar Tage kann ich das besser verstehen.

Als Alleinstehende und -gehende finde ich mich unvermittelt in einer ganz ähnlichen Lage wie ein alter und gebrechlicher Mensch, der sich deutlich langsamer und unbeholfener als die meisten Anderen durch die Stadt bewegt. (Schuld ist eine vorwitzige Bandscheibe.) 

Ich kann vor Schmerzen kaum noch laufen und nur wenige Minuten stehen, das Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn sind eine Herausforderung. Vor jeder Art von Stufe, auch wenn es nur ein Stüfchen ist - habe ich inzwischen Riesen-Respekt.

Das Single-Leben wird erst richtig spannend, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wie man zum Supermarkt hin- und wieder zurückkommen soll. Oder auch zum Arzt. Oder aus dem Bett.

Anruf beim Arzt, nachdem ich gerade eingeknickt bin, weil mein rechtes Bein spontane Pausen einlegt und mich nicht mehr tragen will. Ich erreiche eine neue Mitarbeiterin. Die ist sehr nett, und doch ärgere ich mich, weil sie ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass "mein Mann" mich ins Krankenhaus fahren und sich auch sonst um alles kümmern werde. Ist das nicht vielleicht ein winziges bisschen ignorant? Der Single-Anteil in meiner Stadt ist ziemlich hoch, aber vielleicht hat die Dame ein festes Bild von dieser Existenzform. In das passe ich mit Ende fünfzig wohl nicht hinein. 

Gleich fühle ich mich wie ein kleines Häufchen Elend, nämlich wieder mal als Versagerin ertappt. Nachdem ich erklärt habe, dass ich keinen Mann habe, und nein, auch sonst niemanden, reden wir endlich über den eigentlichen Grund meines Anrufs. Ich werde vertröstet, soll meine Schmerztabletten weiter nehmen und mich wieder melden, wenn es noch schlimmer wird. Ich kriege aber einen Termin für den nächsten Morgen.

Dann lege ich auf und heule erstmal 'ne Runde. Und dann - es hilft ja nichts - wage ich mich hinaus.

Erste Szene: 
Beim Einsteigen in den Bus ist mein Bein ob dieser Zumutung sofort beleidigt und knickt einfach ein, so dass ich eine gefühlte Ewigkeit im Eingang hocke und nicht weiter kann. Alle Fahrgäste glotzen mich an, bis ich mich an der Haltestange wieder hoch gerappelt habe. Da ich peinlicherweise dabei ein bisschen herumwimmere und mir schon wieder die Tränen aus den Augen schießen, können sie doch wohl kaum annehmen, dass mich gerade in diesem Moment ein spontanes Bedürfnis befällt, im Buseinstieg mein Gymnastikprogramm durchzuziehen? In einer Mischung aus Scham und Wut schleppe ich mich zum nächsten Sitz. 

Zweite Szene:
Auf dem Weg zum Supermarkt bemerke ich eine wachsende Angst vor den übrigen Passanten. Ich kann nämlich nicht - wie sonst - mal schnell ausweichen, und die meisten Leute denken gar nicht daran, ihr "Wegerecht" aufzugeben. Es gilt das Recht des Stärkeren. Schuldbewusst fällt mir ein, wie oft ich selbst mich über "lahme Omas" entrüste, die mich aufhalten, wo ich es doch so eilig und ganz sicher viel Wichtigeres vorhabe als die. Wie schnell sich die Perspektive ändern kann. 

Dritte Szene:
An der Kasse versuche ich so schnell wie möglich alles zu bewältigen, was mir sonst so selbstverständlich von der Hand geht. Heute fühlt es sich an, als würden schwere Gewichte an mir hängen und ich insgesamt in einem mich fest umschließenden unbequemen Anzug stecken, der nur ganz kleine und vorsichtige Bewegungen erlaubt. Natürlich geht es dem Mann hinter mir viel zu langsam, und um das deutlich zu machen, schiebt er mir mit Schwung seinen Wagen in den Rücken. Ich heule vor Schmerz und Schreck und schaffe es wenigstens, laut zu werden anstatt schon wieder davonzuschleichen. Seine Antwort: Ich hab Sie nicht gesehen, was regen Sie sich so auf?

Raus aus dem Markt. Ich bin fix und fertig, halte mich an einem Laternenmast fest und weine vor Wut und Pein. Ich mutiere noch zur Dauerheulsuse.

Ich muss erstmal warten, bis ich mich wieder bewegen kann, dann gehe ich langsam Richtung Bus, denn nach Hause laufen schaffe ich auf keinen Fall. Die Menschen laufen links und rechts an mir vorbei oder mir entgegen - ich werde immer ängstlicher und unsicherer und fühle mich völlig hilflos.  Die Blicke tun ihr Übriges. 

Plötzlich ein kleines Wunder: Ein Mann geht an mir  vorbei, kommt dann zurück und fragt, ob er irgendwas für mich tun könne. Ich bin so gerührt, dass ich erst recht losheule. Darüber muss ich dann schon wieder lachen. Ich bedanke mich und murmele was von Bandscheibenvorfall. Er will mich zum Arzt bringen! Ich sage, ich hätte morgen schon einen Termin und müsse nur noch den Abend irgendwie überstehen. Und dass seine Anteilnahme mir gerade sehr gut getan habe.

Dann humpele ich zur Bushaltestelle - etwas versöhnt mit der Welt.

Zum Abschluss meiner Exkursion stößt mich ein Mann beim Aussteigen aus dem Bus die Stufe runter, so dass ich stürze, und geht dann ohne einen Blick einfach davon. Niemand reagiert, und ich brauche erschreckend lange, um mich aufzurichten und endlich nach Hause zu gehen.

Das ist  das erste Mal, dass ich wirklich Angst davor habe,  alt und hilfsbedüftig zu werden. Wenn dies ein Vorgeschmack darauf ist, denke ich über Notschlachtung nach.

Für die Meta-Ebene reicht es heute nicht - vielleicht denke ich später darüber nach, was dies über unsere Welt sagt, oder über mich, oder ob es überhaupt gar nichts bedeutet und nur mir so erscheint, als würden wir (klar: ich auch!) immer unbarmherziger miteinander umgehen. Und woher das eigentlich kommt und wem es nützt.