Freitag, 10. Juli 2015

Spaziergang

Ich warte an einer Ampel, fühle, wie ich von der Seite angeschaut werde, dann kommt ein "Hallo!" und gleich darauf: "Ich dachte, ich gehe heute mal als Traum in Blau - wie finden Sie es?" Ich schaue den Mann neben mir an - nicht mehr jung, gute Figur, brauner Teint, blonde kurze Haare, freundliches Lächeln mit einem Blitzen in den blauen Augen. "Schelmisch" ist das Wort, dass mir einfällt. Er trägt tatsächlich Blau von Kopf bis Fuß, geschmackvolle Sachen, das Leinenhemd bis zur Brust aufgeknöpft, so dass ich eine Halskette mit Anhänger sehen kann. Und glücklicherweise keinerlei Brusthaare. 

"Gefällt mir gut, nur ein bisschen viele Knöpfe offen für meinen Geschmack." "Ach, das ist meine brasilianische Seite - ich bin halber Brasilianer, und das muss ich doch irgendwie zeigen!" "Na gut, das  sehe ich ein." "Sehen Sie! Ich könnt' mir allerdings noch einen Pulli umhängen." "Nein, bloß nicht. Da denk' ich an Angeber, die so tun, als wären sie Bootsbesitzer. Oder an angeberische Bootsbesitzer - weiß nicht, was schlimmer ist." "Also dann lieber Brust frei!" "Kommt wohl drauf an, wen Sie beeindrucken wollen." "Niemanden. Ich will niemanden beeindrucken. Die anderen sind mir sowas von piepegal." "Aber meine Meinung wollten Sie doch hören", bemerke ich lächelnd. "Ja klar! Das war irgendwie was anderes. Also - noch einen schönen Tag. And think Samba!"

Ein Stückchen weiter die Straße 'runter kommen mir drei junge Frauen entgegen von der Art, von der es inzwischen Millionen zu geben scheint: groß, dünn, blond, modisch, immer am Rande der Hysterie und von der unbedingten Überzeugung, dass die Welt ihnen alles zu geben bereit ist. Was sie wohl auch ist. Und daher müssen solche Frauen auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Eine von ihnen achtet nicht auf den Weg und rennt genau in mich hinein; ich habe keine Möglichkeit, noch auszuweichen. Sie kreischt: "Geht's noch, Du fette Sau!". Mit einem Tränenschleier vor den Augen laufe ich schnell weiter in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt hat. 

Später in der S-Bahn - zwei Frauen, vielleicht Mutter und  Tochter, spazieren mit einer kleinen Boom-Box und einem Mikro den Mittelgang herunter und singen dabei mehr schlecht als recht "Volare" - meine Oma hätte gesagt, sieben Katzen singen achtstimmig. Sie treffen weder Ton noch Rhythmus und schon gar nicht die Stimmung des italienischen Evergreens. Als sie beim nächsten Stop eilig aussteigen, meldet sich ein alter Italiener zu Wort und sagt seine  Meinung zu dieser Art Geld zu verdienen - taugt nix, mit solcher Musik sollen sie lieber niemanden  belästigen und sich überhaupt was schämen - und ihre Sangeskunst - ganz schlimm, dabei ist das doch so ein schönes Lied, was sie dermaßen verhunzt haben.  Mit Nachdruck schmettert er plötzlich in einem wunderbaren kräftigen Tenor "Nel blu di pinto di blu." Ein junger Mann ruft: "Bravo! Bravissimo!" Wir applaudieren begeistert. 

Zurück in  meiner Straße muss ich noch schnell in den Supermarkt, und auf dem kurzen Stückchen zu meiner  Wohnung begegne ich dem jungen  Mann, der seit ein paar Wochen versucht, sich mit mir zu verabreden. Diesmal schaut er nur in meine Richtung, ruft: "Hallo, hübsche Frau!" und als ich auf seiner Höhe bin, sagt er nochmal leise: "So hübsch." Natürlich glaube ich kein Wort, aber ich freue mich und lächle ihn an.

Als ich endlich die Tür hinter mir schließe, lässt die Anspannung langsam nach.