Sonntag, 12. Juli 2015

"Du sollst nicht merken" Alice Miller

Seit gestern Abend beschäftigt mich die Frage, ob ich erst auf dem Grund aufschlagen und diesen grausamen Schmerz aushalten musste, um etwas zu begreifen, dass ich im Grunde schon lange weiß. Nämlich, dass mein Vater sich einfach nicht auch nur ein winziges kleines Bisschen für mich interessiert. Und es auch nie tun wird. Ich habe das schon öfter mal so dahin gesagt, aber nicht gefühlt, scheint mir. 

Ich habe mir die ganze Zeit etwas vorgelogen und die Wirklichkeit meiner Erfahrungen und Gefühle geleugnet. Ich habe alles so verdreht, dass ich den Schmerz des ungeliebten Kindes nicht fühlen musste. Das habe ich auch hier in meinen hübschen Geschichten von gemütlichen Kaffeenach-mittagen durchgezogen, und ich habe selbst daran geglaubt. Weil die Alternative ja kaum zu ertragen ist.

Nach dem Zusammenbruch gestern hat eine liebe Freundin mir ein  paar wichtige Dinge in Erinnerung gerufen, und so konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Und dann - trotz totaler Erschöpfung - habe ich ein Buch von Alice Miller gelesen, das ich noch nicht kannte. Rein zufällig (jaja...) hatte ich es aus der Bibliothek mitgenommen. "Die Revolte des Körpers" handelt davon, dass der Körper unsere Wahrheit kennt, auch wenn wir sie nicht fühlen. Wir sollen sie ja auch nicht fühlen, denn dann könnten wir keine dankbaren Kinder unserer Eltern mehr sein.

Und das habe ich tatsächlich weiterhin versucht - dankbar zu sein. Dankbar für nichts! Für ein bisschen Geld, um das ich jedesmal betteln muss, und wovon sowieso mehr als genug da ist. Es ist keineswegs so, dass meine Erlebnisse mit meinem Vater gelogen waren. Aber den alles entscheidenden Teil habe ich weggelassen, auch vor mir selbst. Und was mein Körper mir gestern wohl zeigen wollte: ich kann nicht mehr. Ich brauchte all meine Kraft, um nicht zuzugeben, dass mein Vater als Vater ein Versager ist und weiter immer nur um sich selbst kreist. 

Wie ein kleiner Hund, der immer noch hoffnungsvoll mit dem Schwanz wedelt, während er ignoriert oder gar mit dem Fuß beiseite geschoben wird, habe ich meine kleinen Stöckchen apportiert: den ersten veröffentlichten Online-Beitrag, den ersten veröffentlichten Print-Artikel, die Literaturagentin, die sich für mich interessiert. Immer und immer wieder, in der Hoffnung, irgendwann ein kleines Leckerli Aufmerksamkeit oder gar Liebe zu kriegen. 

Ist es nicht bezeichnend, dass ich unglaublich wütend reagiere, wenn ich bei anderen so ein Verhalten beobachte? Ich kann das kaum ertragen, und jetzt verstehe ich auch, warum. Spieglein,  Spieglein.

Und während ich dies schreibe, fühle ich endlich mal keine Scham über das kleine Mädchen,  das endlich gesehen werden will, sondern finde den "Vater" jämmerlich, der nicht einen  Funken Interesse für  das Leben seiner Tochter aufbringen kann. Natürlich rührt sich sofort wieder mein übergroßes Mit- und Schuldgefühl - wie sollte es anders sein nach so langer Zeit des immer gleichen Automatismus? 

Und was nun???  Ich fühle mich heute ganz leicht, und gleichzeitig gespannt. Ich glaube nicht, dass dies der absolute Durchbruch war und jetzt plötzlich alles anders wird. So funktioniert das nicht, wie ich wohl weiß. Aber ich will dieses Gefühl nicht vergessen und ihm weiter folgen. Mal sehen, wo es mich hinträgt.