Mittwoch, 19. März 2014

Gehirn-Jogging

Heute war hier Tag des Volkssports - für Nicht-Frankfurter: Streik des ÖPNV. Kein Bus, keine U-Bahn, keine Straßenbahn bewegte sich, dafür aber Trüppchen und auch größere Zusammenrottungen von Fußgängern. Fußwanderern müsste ich wohl eher sagen. Morgens konnte ich vom Fenster aus beobachten, wie aus den umliegenden Häusern sich Menschen mit Sack und Pack beherzt auf den Weg zur Arbeit machten. Vor einigen Jahren, als ich noch in der Innenstadt gearbeitet habe, gab es schon mal solch einen Rundum-Streik. Da hab' ich es einfach per Anhalter versucht, und das hat unerwartet gut geklappt. Ich hatte gerade erst den Daumen 'raus gehalten, als schon eine Frau in einem Mittelklassewagen an- und mir freundlich lächelnd die Tür aufhielt. Da wir zufällig auch noch in ähnlichen Bereichen tätig waren, verging die Zeit bei einer witzigen Fachsimpelei trotz Stau wie im Flug. 

Diesmal habe ich das Glück, dass der Weg von Tür zu Tür zwischen Wohnung und Arbeitsplatz ein sehr angenehmer ist, den ich bei genug Zeit und schönem Wetter sowieso gern laufe. Dauert bei gemütlichem Tempo ungefähr eine Dreiviertelstunde. So hatte ich gleich noch vor der Arbeit gesunde Bewegung und gute Laune.

Heute war aber nicht nur Tag des Sports, sondern auch der Geistesverwirrung, jedenfalls bei mir.  

Ich teile das Büro mit meiner britischen Kollegin, die neben anderen Vorzügen mit extra-dry Humor ausgestattet ist. Und obwohl wir emsig wie die Bienchen bei der Arbeit sind, gelingt es uns eigentlich immer, uns auch noch über Gott und die Welt auszutauschen. Frauen und Multitasking - Ihr wisst schon. Allerdings - wie man inzwischen ja auch gelernt hat - Multitasking funktioniert nicht wirklich bzw. führt dazu, dass man nichts richtig konzentriert tut.

Heute ging das ungefähr so:

"Gestern habe ich bei ZDFneo einen Krimi gesehen. Die Heldin kannte ich aus einer Buchreihe. Sie heißt Vera Stanhope. Die finde ich toll - schon in den Büchern wird sie als struppig, dick und meistens schlecht gelaunt geschildert. Tut und sagt, was sie will, wird aber trotzdem respektiert und sogar gemocht. Naja, und die Stories sind auch spannend. Und weißt Du, von wem sie gespielt wird? Brenda Blethyn!!! Die sehe ich auch schon ewig gern. Ist natürlich höchstens halb so dick und unattraktiv wie die Bücher-Vera. Egal, von jetzt an guck' ich die Serie auf ZDFneo!"

"Oh ja, ZDFneo ist echt gut. Gestern habe ich herumgezappt und was soll ich Dir sagen: Die bringen die Vera-Serie! Du wirst die nicht kennen, aber in England gibt's die schon ewig. Das ist mit so 'ner exzentrischen dicken Detektivin, und gespielt wird sie von...."

"Du hörst mir nicht zu! Heul! Was hab' ich grad' erzählt? Brenda Blethyn? Vera Stanhope? Unglaublich!!!"

"Oh dear, I'm sooo sorry! You know I love you anyway." Und so weiter bis zu hysterischem Gekicher. Über Vera und Brenda waren wir uns natürlich einig.

Und nun zur geistigen Verwirrung zweitem Teil: Dafür komme ich - was für eine wunderbare Überleitung - wieder auf mein Eingangsthema zurück: den Streik.

Ich gehe aus dem Büro und weiß doch eigentlich, dass heute weder U-Bahn noch Bus fährt - meine beiden Optionen für den Heimweg. Ich spaziere die Straße entlang, sehe in ein paar Schaufenster, kaufe ein paar Sachen am Obststand und fahre dann die Rolltreppe zur U-Bahn hinunter. Finde es angenehm, dass heute mal kein Akkordeonspieler dort sitzt und immer dieselben fünf Töne spielt, und wundere mich dann, dass ich die einzige Person auf der Rolltreppe bin. Dann kehre ich leicht verschämt um und muss über mich selbst lächeln. 

Ich fühle mich ein bisschen wie die Katze meiner Schwester, wenn wir sie bei einem Missgeschick ertappt hatten. Sie tat dann immer so, als sei gar nichts gewesen und machte einfach weiter. Das mache ich auch - ich schlendere also weiter die Straße herunter, schaue nach ein paar Minuten auf die Uhr und denke: Oh super, dann erwische ich ja den Bus! Im selben Moment staune ich darüber, was für ein Gewohnheitstier sogar mein Hirn ist. Ich erinnere es und mich nochmal daran, dass heute kein Bus fährt.

Weiter geht's. Und an der nächsten Ecke biege ich zur Bushaltestelle ab! 

Morgen wird nicht mehr gestreikt. Bis dahin hat aber vielleicht mein Hirn den Stoff von heute gelernt, und ich ziehe mir bequeme Schuhe an und laufe los zum Büro.

Was gar keine schlechte Sache wäre.