Mittwoch, 3. Januar 2018

Von wegen Einsamkeit

In der Jugend-forscht-Abteilung der ZEIT - "Zett" - haben sich kürzlich zwei junge Herren über das Thema Einsamkeit ausgelassen - ist ja mein Thema, also musste ich das sofort lesen. (Wie kommt überhaupt jemand anderes dazu, darüber zu schreiben?)

Der erste junge Mann - ein Herr Julius Schophoff - gab seiner Story den Titel "Lasst mich in Ruhe", und nur darum ging es auch. Es ging überhaupt nicht um Einsamkeit, werden wir Einsamen doch viel zu sehr in Ruhe gelassen und wünschen uns meist nichts sehnlicher, als dass dieser Zustand ein Ende finden möge. Herr Schophoff dagegen ist genervt von langweiligen Meetings, braucht Ruhe zum Schreiben und kriegt in Großraumbüros Beklemmungen. So what?!

Zur Untermauerung seiner These - dass Großes nur in Einsamkeit entsteht - erzählt er von seiner Begegnung mit Nell Zink, die ein paar Jahre danach mit ihrem ersten Roman zum Shooting Star der amerikanischen Literatur wurde - da war sie schon fünfzig und hatte bisher immer nur für sich selbst und ihre Freunde geschrieben. (Freunde!) Nun, nach allem, was ich über Nell Zink weiß, ist sie eine extrem unabhängige, eher exzentrische und selbstbewusste Frau; offenbar verwechselt Herr Schophoff allein leben mit einsam sein. Aber vielleicht wollte er auch nur sein Witzchen über das Vögel beobachtende und vögelnde Paar in ihrem Buch zum Besten geben. Und - wer weiß - sich in erlesener Gesellschaft glauben mit seinem Beharren auf Eigenheiten, die ihn erst zu einem großen Autor machen. 

Herr Schophoff weiß nichts von Einsamkeit - er kokettiert nur mit dem Begriff. Er kann sogar eine Frau und zwei Kinder vorweisen. Und schreibt eben über sein Bedürfnis, ab und zu allein zu sein. Was daran originell oder interessant sein soll, ahnen nur er und sein  Redakteur. 

Und spätestens mit diesem Satz verrät er sich:

"Aber irgendwann kommen wir wieder raus, geheilt, voller Vertrauen in uns und die Welt, bereit, uns eine Weile anzuschmiegen, sogar an Fremde, weil wir wissen, dass sie im Kern so sind wie wir."

"Moment mal!", wollte ich rufen. Den wirklich Einsamen fehlt doch genau dieses Urvertrauen, wie wären wir sonst so dauerhaft im Abseits gelandet?

Am Ende war ich nicht nur enttäuscht, sondern sauer.  Umso gespannter las ich dann die Erwiderung von Michael Allmaier, der den Kollegen sogleich als Poser entlarvte.  

Aber ach...Herr Allmaier wiederum verachtet die Einsamen und hat wenig mehr als Gespött für uns übrig. 

Immerhin scheint er zu wissen, wovon er schreibt:

"Einsamkeit ist kein kostbares Gut, das man verteidigen muss. Sie wartet das ganze Leben lang, hinter jeder Tür, zu der man den Schlüssel hat. Aber wer einmal drüben ist, findet nur mühsam zurück."

Wie wahr!

Einsamkeit ist

- wenn Du das Radio einschaltest, weil Du die ohrenbetäubende Stille nicht mehr aushältst. Und es gleich wieder ausmachst, weil die zwanghaft munteren Moderatoren noch schlimmer sind.

- wenn Du bemerkst, dass Du die ganze Zeit immer dieselben fünf Töne vor Dich hinsummst und Dich fragst, wie lange Du das wohl schon machst.

- wenn Du - falls Du Dich doch mal in Gesellschaft wiederfindest - das Bedürfnis hast, die Anwesenden gleich über Deine Macken aufzuklären, damit sie wissen, dass sie es mit einem Mängelexemplar zu tun haben. Aber wenigstens mit einem, das über sich Bescheid weiß.

- wenn Du Angst hast, dass jemand fragt, was Du an Weihnachten / Silvester / Deinem Geburtstag "Schönes" vorhast.

So ist das. Und dann noch dies aus der Feder von Herrn Allmaier: 

"Stark ist nicht der, der Menschen meidet, um ungestört in sich hinein zu lauschen. Sondern der, der auf sie zugeht, auch wenn ihm das schwer fällt."

Stimmt.  

Und manchmal möchte ich brüllen: "Ich bin jetzt stark genug! Ich will wieder mitspielen."