Sonntag, 9. Juli 2017

Freund und Helfer

Vielleicht sollte ich den Blog so langsam in "Begegnungen im ÖPNV" umbenennen - jedenfalls hatte ich wieder mal ein Erlebnis beim  Warten auf den Bus.

An der Haltestelle wartete mit mir ein junger Polizist in voller Arbeitsmontur, man könnte durchaus sagen: bis an die Zähne bewaffnet. Jedenfalls aus der Sicht einer friedlichen Bürgerin, die manche der zahlreichen, an dem jungen Mann befestigten Gegenstände nicht mal mit Namen benennen könnte. 

Ich war guter Laune, und da er ebenfalls freundlich vage in meine Richtung schaute, sagte ich: "Na, sind Sie froh, jetzt gerade nicht in Hamburg zu sein?" "Könnte man so sagen. Das heißt, nee, eigentlich wäre ich gern dort, um meinen Kollegen zu helfen." 

"Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich würde wohl bei der einen oder anderen Demo mitlaufen, aber was Plünderungen und Abbrennen von Autos bringen soll, ist mir auch schleierhaft." 

Während ich das noch sagte, klangen in mir drin alle möglichen Stimmen aufgeregt durcheinander, denn natürlich war meine Äußerung eindimensional und - hätte mein früheres Anarcho-Ich gesagt - sogar anbiedernd. Aber ich war einfach neugierig. 

Wie sich das Gespräch danach weiter entwickelte, hat mich dann doch überrascht. Es war ein bisschen so, als tasteten wir uns vorsichtig ab, um zu sehen, wie weit die Übereinstimmung denn reichen würde. Nicht besonders weit. Und die Vorsichtige war allein ich, der Polizist war ganz klar und unbeirrt in seiner Weltsicht.

Nachdem ich gesagt hatte, dass ich es zumindest fragwürdig fand, die Demo gleich nach ein paar Metern wieder aufzulösen, hatte ich schon verspielt. 

"Was verstehen Sie denn von Polizeitaktik?" war die erste Reaktion, und dies schon in einem sehr gereizten Ton. "Natürlich nicht viel, aber es gab wohl Kritik daran, wie dort vorgegangen wurde. Man kann doch an fünf Fingern abzählen, dass das nicht friedlich abgeht. Das kann schon als Provokation dessen aufgefasst werden, was die Polizei doch eigentlich verhindern sollte."

"Na, dann bin ich ja froh, dass ich Ihresgleichen NICHT auf einer Demo gegenüber stehe!" Ich war erschrocken über den  feindseligen Ton und fragte, wie er das meine. "Sie rechtfertigen hier diese ganzen Randalierer und Gewalttäter, da brauchen  wir gar nicht weiter zu reden!" 

Ich wies darauf hin, dass ich dies mit keinem Wort getan hätte und auch wirklich nicht guthieße (und das meinte ich auch so), aber da war nix mehr zu retten. 

Mit einem verächtlichen Blick stieg der junge Mann in den Bus und wiederholte nochmals, dass nun jedes weitere Gespräch überflüssig sei. Ich versuchte es nochmal, weil ich einfach nicht glauben will, dass es keine Verständigungsmöglichkeit geben soll, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. 

Aber ich stieß auf taube Ohren.

Dieses Thema scheint gerade einige Leute umzutreiben - Zufall oder nicht, heute las ich einen Artikel in der ZEIT, in dem es um  die Sorge geht, dass bestimmte Gruppen von Menschen nicht  mehr miteinander reden. Weil sie in grundlegenden Dingen verschiedener Meinung sind. Teils wollen sie  eine geliebte (Schein-)Harmonie nicht aufs Spiel setzen, teils haben sie resigniert, und teils ist die Kluft einfach zu tief, um noch überwunden zu werden. Also geben sie auf. Geben wir auf. 

Ich gebe zu, dass ich davon auch nicht frei bin - ist ja auch nur allzu menschlich, Konflikte zu vermeiden und seine Ruhe haben zu wollen. Also dümpeln wir nur zu gern im warmen Sumpf von Gleichgesinnten. Mach ich auch so .... bei Facebook habe ich einen früheren Arbeitskollegen aus meinem Freundeskreis geschmissen, weil er sich als Hillary-Clinton-Verächter geoutet hatte. Heute denke ich manchmal, ich hätte vielleicht die Energie für die Auseinandersetzung aufbringen sollen. Ist natürlich weit anstrengender, als sich immer nur der gegenseitigen Übereinstimmung zu versichern. 

Vielleicht war das der Grund für das Ansprechen dieses Polizisten - ich wollte mal mit der "anderen Seite" Kontakt aufnehmen.

Aber die wollte nicht mit mir. Bei der kleinsten Differenz war Schluss.

Die grölende Horde von betrunkenen Männern an der Endhaltestelle, mit Bierdosen in der Hand, bekamen ein  freundliches Grinsen und ein "Prost!" von unserem Freund und Helfer. 

Mit denen fühlte er sich offenbar mehr verbunden als  mit "meinesgleichen". Was mich ziemlich beklommen macht. 

Nee, Quatsch - es macht mich ohnmächtig wütend. Und genau das sind die Gefühle, die in Extremform zuweilen in vermeintlich sinnloser Randale explodieren.