Dienstag, 1. November 2016

Gar nichts gut

Ich beschäftige mich ja zur Zeit mit Blättern. Nicht mit Herbstlaub, sondern mit dem Herumblättern in diversen Veröffentlichungen. Unter anderem, weil ich mich wieder ans  Schreiben getrauen  und gewöhnen  will.

Auch Bloggerinnen haben nämlich ihre Ups and Downs and Flatlines, und ich ganz besonders.

Gestern, als ich auf eine Zahn-OP wartete, hab' ich in der neuesten Ausgabe der ELLE geblättert. In der Titelstory geht es darum, wie man als Pariserin durchs Leben gehen kann, auch wenn man etwa in Bielefeld geboren wurde.

Macht nix! Oder wie wir Möchtegern-Pariserinnen sagen würden: Ç'a fait rien! Mit Anleitung und Anstrengung können auch wir dieses gewisse Je-ne-sais-quoi erreichen. Und das besteht anscheinend darin, eben gerade völlig unangestrengt zu wirken.

Aber was ist es  nun genau, das dieses gewisse Etwas ausmacht? 

Und was ist eine typische Pariserin?

Mir fällt sofort Jane Birkin ein, und die ist gebürtige Engländerin. Aber sie kommt dem Ideal schon nahe; wenn jemand das Unangestrengte verkörpert, dann sie. 

Sie besitzt garantiert mehrere der nach ihr benannten Taschen. Das ist eine andere Bedingung: keine Labels vorzeigen, aber sie tragen. Und sie ist groß und dünn, das ist sowieso Grundvoraussetzung. 

Also ist es wahrscheinlich, dass die typische Bielefelderin leider schlechte Karten hat. Das soll keine Diskriminierung sein, aber meines Wissens ist lang und dünn nicht die typische deutsche weibliche Körperform. Allerdings auch nicht die der Pariserinnen, die mir bei meinen bisherigen Besuchen dort begegnet sind. Einige wenige dieser Exemplare habe ich in den Galéries Lafayette angetroffen, aber der große Durchschnitt entsprach eher der Erscheinung meiner geliebten Kunstlehrerin: leicht schlampert, nicht dünn, aber selbstbewusst. 

In der ELLE geht es jedenfalls um die Klischee-Pariserin, die in weißem T-Shirt, Jeans und Ballerinas, am Arm eine Kelly-Bag und um den Hals ein Hermès-Carré, immer unwiderstehlich aussieht.

So wie die Autorinnen der Ratgeber, die im Übrigen in der Mehrzahl früher als Models tätig waren und nun, im Alter mildtätig geworden, ihr Wissen an uns gewöhnliche Sterbliche weitergeben. 

Dafür gibt es in der ELLE ein kleine Liste mit Basics, die wir verinnerlichen und dann abarbeiten sollten. Hier - weil ich nicht mehr dazu kam, die Seite herauszureißen, bevor ich unter den Bohrer gezerrt wurde - die Highlights, an die ich mich erinnern kann:

Du sollst immer zu spät zu einem Date erscheinen, dabei schlendernd, als hättest Du alle Zeit der Welt. (Wieso eigentlich Date und nicht Rendezvous?)

Du sollst Dich nicht für das Date aufbrezeln, sondern so aussehen,  als wärst Du grad' aus dem Bett gefallen. Bzw. sollst Du - möglichst etwas außer Atem - eine Bemerkung darüber hinhauchen, dass Du direkt vom Ballettunterricht kommst und gerade noch schnell duschen konntest. Und das soll man bzw. Mann Dir auch ansehen.

Ein paar Schritte überspringe ich, bis hierhin:

Sobald das Ziel erreicht, also der Mann in der Falle ist (dies ist ein direktes Zitat), sollst Du einen vermeintlichen Rivalen ins Spiel bringen. Am besten eignet sich dafür der schwule Freund. Wir wissen ja, alle Frauen haben einen, und der hat kein eigenes Leben, sondern ist es gewöhnt, als Hetera-Begleiter und für fiese kleine Spielchen eingesetzt zu werden.

Hier stellten sich mir spontan einige Fragen. 

Die erste, die mir in den Sinn kam: In was für einer Welt leben wir eigentlich? Die zweite: In welchem Jahrhundert bewegt sich diese Zeitschrift?  

Die erste Frage kommt mir zur Zeit recht häufig in den Sinn, und sie ist natürlich weder besonders differenziert, noch gibt es eine vernünftige Antwort. Sie ist eher ein Ausdruck von Ungläubigkeit. Manchmal sogar Fassungslosigkeit.

Meine innere Feministin jedenfalls war sofort am Toben und hatte Lust auf Amoklauf. Aber gegen wen? 

Also differenzieren wir mal ein bisschen.

Hochglanz-Frauenzeitschriften lesen ist per se ein paradoxes Vergnügen. Jedenfalls für Frauen. Nachweislich sinkt unser Selbstwertgefühl deutlich nach jeder Lektüre. 

Warum tun wir uns das also an? 

Ein Grund ist die Sehnsucht nach einer vollkommenen und unerreichbaren Welt aus makelloser Schönheit und perfektem Stil, weswegen wir jede Woche, jeden Monat wieder neu danach dürsten, das uns jemand zeigt, wie es vielleicht doch gelingen könnte. 

Die meisten Leserinnen wissen sicher ganz genau, dass sie nie zu einer "wahren Pariserin, wo immer Du auch bist" werden können - so der Titel einer Gebrauchsanweisung per Buch - selbst wenn sie das wollten. Scheinbar ist das aber gerade angesagt. Im erwähnten Buch finde ich noch bessere Tipps als in der ELLE, zum Beispiel diesen hier: "Always be fuckable". Donald Trump würde das sofort unterschreiben. Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass Charlotte Gainsbourg oder die Deneuve dies nicht täten. Oder ich hoffe es aufrichtig. Was ist aus Simone de Beauvoir als Vorbild geworden? War sie jemals eins? Nicht für die heutige ELLE-Leserin offenbar.

Womit ich wieder bei "wo leben wir eigentlich?!?" angekommen bin. Geht es wirklich immer noch darum, einen Mann einzufangen und festzuhalten? Und dafür alle möglichen Tricks anzuwenden, um am Ende jemand zu werden, die wir nicht sind und nicht sein können?

Hat das etwas mit den unübersichtlichen Zeiten zu tun, in denen wir leben? Von hier ist es nicht weit bis zu den Erklärungen für Trump- und AfD-Wähler, die ja nicht alle verrückt  sein können, sondern  sich vielleicht nach einer einfacheren Welt sehnen. Nach einem Gestern, in dem Frauen wussten, wo ihr Platz ist und "fuckable" aussehen Mittel zum Zweck war, weil sie diesen Platz nur so erreichen konnten. Die schlimme gute alte Zeit, in der dann Frauen wie de Beauvoir und Germaine Greer darüber geschrieben haben, dass es zu nichts Gutem führt, wenn die Hälfte der Menschheit das Leben in Fesseln verbringt.

Und nun wärmen die "Frauen"-Magazine und -Bücher dieses uralte Süppchen wieder auf?  

Je vous en prie!