Mittwoch, 4. November 2015

Ballungsgebiet der einsamen Herzen

Meine Therapeutin händigte mir letztens unter gemurmelten Entschuldigungen ein Handzettelchen aus, das für eine Internetplattform warb. 

Die gute Frau weiß, dass ich immer noch häufig sehr einsam bin und mich nach Gesellschaft sehne. Das Murmeln bezog sich darauf, dass sie mich nicht etwa damit ärgern wollte. Denn sie weiß natürlich ebenfalls, dass ich keine Schwierigkeiten habe mit dem, was wir Marketingleute Erstkontakt nennen, nur das Danach ist oft doof - kompliziert - blöd - suboptimal - enttäuschend....was mit der Qualität der Kontakte zu tun hat und mit meinem Talent, immer noch die Leute anzuziehen wie das Licht die Motten, die nur ihre Neurosen an mir austoben wollen. Jaja, das klingt jämmerlich, aber so fühle ich mich eben manchmal. Ich bin mindestens genau so neurotisch wie alle anderen, aber wenigstens sollten die Röschen irgendwie zusammen passen, auf dass das gemeinsame Gärtchen blühe und gedeihe. Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt!!!!! Naja - doch - isses wohl....

Ich bin also zunächst für alle Möglichkeiten offen. Ist schon ein Unterschied zu früher, denn da war ich mir für alles zu schade. Jedenfalls bin  ich mit dieser Haltung durch die Welt und das Leben marschiert. In Wirklichkeit, wie meine Seelengeschwister bestätigen können, war das eine Schutzhaltung nach dem Motto: Bevor mich die anderen blöd finden - was sie ja unweigerlich werden, wenn sie mich erstmal besser kennen  - finde ich sie gleich jetzt schon blöd. So kann mir nichts  Schlimmes passieren. Groucho Marx hat das ganz ähnlich gesehen, aber leider habe ich weder so viele lustige Brüder noch so viel Talent.

Dass mir mit dieser  Methode aber auch nichts Gutes passieren konnte, hatte ich damals noch nicht begriffen. Es passierte also ü-ber-haupt nichts mehr, woran ich mich nur noch dunkel erinnere, weil ich meist von Schokolade und Chips umgeben auf der Couch vor  mich hingedämmert habe.

Was wollte  ich noch erzählen? Ah ja: die Website mit der Versprechung, gleichgesinnte Menschen zum Kennenlernen und für gemeinsame Unternehmungen zu finden, hieß (und heißt immer noch): Frankfurt-Mund-zu-Mund.de. Ungelogen! Das Logo zeigt eher "Mund zu Ohr", was mich an Stille Post erinnerte und weniger an Kennenlernen und Verabreden. Aber ich ließ mich nicht abschrecken und registrierte mich, denn ohne Registrierung kam man noch nicht einmal in die Forums-Übersicht.

Neugierig klickte ich alles durch, was nur geboten wurde, und - wie mein Vater manchmal sagt: Det fiel mir uff. Nämlich, dass die Macher der Seite sich zwar mit Vornamen vorstellen, aber sonst sehr wenig über sich verraten. Dass sie etwaigen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln nehmen wollen mit Formulierungen wie "für Konstruktives" offen zu sein. Am schönsten finde ich den Schlusssatz der Info: "Sind  die ersten Schritte gemeinsam getan, möchten wir gern fragen, wo eigentlich das Problem ist." Ja, das frage ich mich auch, liebe(r) Tinka und Lars! So heißen die  Initiatoren, und aus den Namen schließe ich mal, dass sie noch jenseits der vierzig sind und sich daher nicht wie unsereins  an bestimmte lieb gewonnene und heutzutage schmerzlich vermisste Umgangsformen erinnern können. Soll ich ihnen das zugute halten? Hab' eigentlich keine Lust dazu. Die Geschichte geht nämlich noch weiter. 

Weiterhin neugierig, hatte ich zunächst Abstand davon genommen, mich umgehend wieder abzumelden, und sogar noch den Newsletter abonniert. Nun wird der Begriff Newsletter schon lange inflationär gebraucht - der wird bei weitem nicht mehr nur dann verschickt, wenn man etwas Neues mitzuteilen hat. Oder auch nur was Interessantes. Abgesehen davon, dass ich mich einfach nicht dran gewöhnen kann, mit "Hallo Karin Hagemeister" angeredet zu werden. Oder wie neulich mit "Liebe Frau Hagemeister, schön, dass Du wieder da bist!"  

Laut aktuellem Newsletter von Frankfurt-Mund-zu-Mund gab es einen Grund zum Feiern - sage und schreibe zwanzig Mitglieder hatten sich registriert. Hurra! Und es gab gaaaaanz viele Veranstaltungen, die mich nach Tinkas und Lars' Meinung bestimmt  interessieren würden. 

Ich die entsprechenden Links angestupst - keiner funktionierte. Also Website angesteuert und nach den Veranstaltungen geguckt. Alles Events, die einfach so in Frankfurt und  Umgebung stattfinden, auch ohne Mund und Ohr oder sonstige Körperteile, die extra darauf hinweisen. 

Jetzt ist es soweit. Ich muss eine Kritik schreiben. Nach Tinkas Ansicht,  so wie ich mir Tinka inzwischen  vorstelle, möglicherweise nicht konstruktiv, sondern eher nörgelnd. Egal,  in meinem Alter nörgelt man eben manchmal. Ich bitte um die Löschung meines Accounts, weil auch diese Funktion auf der Seite gerade nicht funktioniert. Dann - ich kann einfach nicht anders - frage ich, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat. Vermutet man in Frankfurt lauter einsame Seelen, die vor Verzweiflung schon halbtot sind und daher per Mund-zu-Mund wiederbelebt werden müssen?  Und seht Ihr zwanzig mühsam  in mehreren Wochen gewonnene Mitglieder in einer Stadt mit fast 700.000 Einwohnern wirklich als Erfolg? 

Die Antwort erinnert mich daran, dass ich Ironie möglichst bleiben lassen soll, außer bei wenigen eingeweihten und intellektuell von mir vorqualifizierten Lesern (uh-oh!).

Tinka herself teilt mir per Ferndiagnose mit, ich sei verbittert und traurig, sie wünsche mir aber alles  Gute. Danke, Tinka, ich kann's gebrauchen. 

Und jetzt schreibe ich meinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann.