Montag, 10. Februar 2014

Erlebnisse eines Homo consumensis (vulgo und in diesem Fall: Kundin)

1.Vor ungefähr dreißig (Was? Ach Du liebe Güte!) Jahren
Kundin geht mit Freundin die erste Brille ihres Lebens aussuchen. Kundin ist schon mitgenommen genug von der Neuigkeit, dass sie eine Brille braucht. Schüchtern probiert sie ein paar Gestelle an, aber keines passt wirklich.
Optiker sagt: "Sie haben aber auch ein sehr breites Gesicht!"
Kundin:  (Will in Tränen ausbrechen und sich für ihr breites Gesicht entschuldigen.)
Freundin: "Komm, wir gehen!"
Kundin und Freundin ärgern sich beim Kaffee über den Optiker und planen, in den Laden zurück zu gehen, alle Brillen vom zu Regal fegen und wortlos wieder hinaus zu schreiten. Machen sie nicht, aber die Vorstellung ist heilsam.

2. Kundin geht in ein mittelpreisiges Modegeschäft, findet was Nettes, möchte aber weiter in den ersten Stock, und sich noch ein bisschen umsehen. Sie nimmt den Bügel vom Ständer und will das Fräulein Verkäufer* fragen, ob sie das Kleidungsstück mitnehmen und oben bezahlen darf.

Kundin: (öffnet den Mund)
Fräulein Verkäufer (schrill): "NURNOCHWASDAHÄNGT!"
Kundin: "Ich wollte eigentlich..."
Kundin (denkt): Was für eine Fehlbesetzung. Und wie so viele ihrer Art hat sie ein unsichtbares Schild auf der Brust, auf dem steht "Ich bin sowieso cooler als all Ihr doofen Kundinnen zusammen". Leider klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung eklatant auseinander. 
Kundin nimmt Klamotte, geht in den ersten Stock, wo sie von einer freundlichen und zuvorkommenden Verkäuferin bedient wird. "Na", denkt Kundin, "geht doch."

3. Kundin möchte in ein wirklich gutes Kleidungsstück investieren. Dazu rät jede zweite Frauenzeitschrift ("...das lohnt sich, denn Sie haben lange etwas davon..."), und Kundin ist in Sachen Kaufräusche durchaus beratungsoffen. Fräulein Verkäufer wiederum hat leider Wichtigeres zu tun als Beraten und Verkaufen: Pullover auseinander- und wieder zusammenfalten, Bügel anderen Kundinnen aus der Hand reißen und ordentlich wieder aufhängen und anderen Fräuleins Verkäufer von schrecklichen Erlebnissen mit zudringlichen Kundinnen erzählen. Kundin versucht es mit Anschleichen und plötzlich Zuschlagen, gibt erfolglos auf. Abends auf der Couch erlegt Kundin ein Designer-Jäckchen (nur einmal getragen!) im Ebay-Jagdrevier - für 12 Euro!

4. Kundin betritt ein Haushaltswarengeschäft. Eine neue Knoblauchpresse wird gebraucht. Kundin stellt sich eine vor, die mit kleinen Metalldornen den Knoblauch durch passende Löcher presst. Kürzlich hat sie eine Abbildung gesehen, wo die Dornen auf zwei Seiten angebracht sind, so dass man durch Umdrehen des Geräts die nicht verwendbaren Reste aus den Löchern direkt in den Biomüllsack drücken kann.
Das Schöne an solch alten Haushaltswarengeschäften ist, dass Kundin tatsächlich von Fräulein, manchmal auch Herrn oder Frau Verkäufer wahrgenommen und bedient wird. So auch hier. Fräulein Verkäufer nähert sich freundlich und einsatzbereit. Leider wird Kundin in diesem Moment von akuten Wortfindungsstörungen überkommen, so dass sie dem Fräulein Verkäufer erzählt, sie suche eine Knoblauchpresse, die sich sozusagen selbst reinigt.
Fräulein Verkäufer: "Selbstreinigung gibts nur bei Tieren!"
Kundin: (schweigt verblüfft)
Kauft eine herkömmliche Knoblauchpresse und verlässt - tief in beinah schon philosophisch zu nennende Gedanken versunken - das Geschäft.

Sie lenkt ihre Schritte zur Parfümerie in der Nachbarschaft, denn die hat etwas im Angebot, woran die meisten Menschen ein ganzes Leben arbeiten:

"Harmonisierung von Geist und Körper in 30 Minuten! Nur 40 Euro."

Als Kundin braucht man die Fähigkeit, immer wieder von Neuem an das Gute zu glauben.

* in Erinnerung an Daphne Zahn (danke an Herrn Blue www.horst-blue.de und Frau Breisch )