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Sonntag, 12. Juli 2015

"Du sollst nicht merken" Alice Miller

Seit gestern Abend beschäftigt mich die Frage, ob ich erst auf dem Grund aufschlagen und diesen grausamen Schmerz aushalten musste, um etwas zu begreifen, dass ich im Grunde schon lange weiß. Nämlich, dass mein Vater sich einfach nicht auch nur ein winziges kleines Bisschen für mich interessiert. Und es auch nie tun wird. Ich habe das schon öfter mal so dahin gesagt, aber nicht gefühlt, scheint mir. 

Ich habe mir die ganze Zeit etwas vorgelogen und die Wirklichkeit meiner Erfahrungen und Gefühle geleugnet. Ich habe alles so verdreht, dass ich den Schmerz des ungeliebten Kindes nicht fühlen musste. Das habe ich auch hier in meinen hübschen Geschichten von gemütlichen Kaffeenach-mittagen durchgezogen, und ich habe selbst daran geglaubt. Weil die Alternative ja kaum zu ertragen ist.

Nach dem Zusammenbruch gestern hat eine liebe Freundin mir ein  paar wichtige Dinge in Erinnerung gerufen, und so konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Und dann - trotz totaler Erschöpfung - habe ich ein Buch von Alice Miller gelesen, das ich noch nicht kannte. Rein zufällig (jaja...) hatte ich es aus der Bibliothek mitgenommen. "Die Revolte des Körpers" handelt davon, dass der Körper unsere Wahrheit kennt, auch wenn wir sie nicht fühlen. Wir sollen sie ja auch nicht fühlen, denn dann könnten wir keine dankbaren Kinder unserer Eltern mehr sein.

Und das habe ich tatsächlich weiterhin versucht - dankbar zu sein. Dankbar für nichts! Für ein bisschen Geld, um das ich jedesmal betteln muss, und wovon sowieso mehr als genug da ist. Es ist keineswegs so, dass meine Erlebnisse mit meinem Vater gelogen waren. Aber den alles entscheidenden Teil habe ich weggelassen, auch vor mir selbst. Und was mein Körper mir gestern wohl zeigen wollte: ich kann nicht mehr. Ich brauchte all meine Kraft, um nicht zuzugeben, dass mein Vater als Vater ein Versager ist und weiter immer nur um sich selbst kreist. 

Wie ein kleiner Hund, der immer noch hoffnungsvoll mit dem Schwanz wedelt, während er ignoriert oder gar mit dem Fuß beiseite geschoben wird, habe ich meine kleinen Stöckchen apportiert: den ersten veröffentlichten Online-Beitrag, den ersten veröffentlichten Print-Artikel, die Literaturagentin, die sich für mich interessiert. Immer und immer wieder, in der Hoffnung, irgendwann ein kleines Leckerli Aufmerksamkeit oder gar Liebe zu kriegen. 

Ist es nicht bezeichnend, dass ich unglaublich wütend reagiere, wenn ich bei anderen so ein Verhalten beobachte? Ich kann das kaum ertragen, und jetzt verstehe ich auch, warum. Spieglein,  Spieglein.

Und während ich dies schreibe, fühle ich endlich mal keine Scham über das kleine Mädchen,  das endlich gesehen werden will, sondern finde den "Vater" jämmerlich, der nicht einen  Funken Interesse für  das Leben seiner Tochter aufbringen kann. Natürlich rührt sich sofort wieder mein übergroßes Mit- und Schuldgefühl - wie sollte es anders sein nach so langer Zeit des immer gleichen Automatismus? 

Und was nun???  Ich fühle mich heute ganz leicht, und gleichzeitig gespannt. Ich glaube nicht, dass dies der absolute Durchbruch war und jetzt plötzlich alles anders wird. So funktioniert das nicht, wie ich wohl weiß. Aber ich will dieses Gefühl nicht vergessen und ihm weiter folgen. Mal sehen, wo es mich hinträgt. 

Freitag, 19. Juli 2013

Kinderlandverschickung

Das Kind fährt auf eine Insel. Dem Kind soll etwas Gutes getan werden. Seit einiger Zeit sieht es so blass aus. Es wird immer schmaler und ist weitgehend verstummt. Die Reisevorbereitungen dauern Wochen und werden gewissenhaft durchgeführt. Namensschildchen werden in Kleidungsstücke genäht. Ein Badeanzug wird ausgesucht. Mutter und Großmutter überlegen hin und her, was in den Koffer soll. Alles, wirklich alles, muss auf einer Liste vermerkt werden. Diese Liste kommt in einen Briefumschlag. Zusammen mit anderen wichtigen Papieren wird sie in einem Etui dem Kind um den Hals gehängt.

Dem Kind ist sehr bang. Es wurde nicht gefragt. Es soll sich freuen. 

Als alle zusammen zum Bahnhof fahren, ist es schon dunkel. Der Zug fährt über Nacht, und die vielen Kinder werden auf die Plätze verteilt. Die Großmutter hat dem Kind auf dem Bahnsteig schnell und heimlich ein Geschenk in die Hand gedrückt: ein hübsches kleines Portemonnaie mit einem Fünfmarkstück. Im Abteil ist es gar nicht so schlecht. Die anderen Kinder sind genauso aufgeregt und nicht böse, wie befürchtet. Die Polstersitze werden zu Liegen herausgezogen. Trotz der Aufregung schläft das Kind ein. 

Das Kinderheim liegt nah am Strand. Das Meer ist schrecklich und wunderschön. Gleich am zweiten Tag ertrinkt das Kind beinahe. Die Tanten hatten befohlen, dass alle sich an den Händen fassen und zusammen ins Wasser laufen. Das Kind war brav und lief. Die zwei älteren Kinder, die es an den Händen hielten, zogen es rechtzeitig heraus. 

Ein älteres Mädchen von zu Hause soll sich ein bisschen um das Kind kümmern. Das Mädchen klaut Sachen. Das Kind beobachtet, wie das Mädchen kleine Taschen, die es genommen und geleert hat, am Strand vergräbt. Wenn es was erzählt, wird ihm etwas Schlimmes passieren. Das Kind sagt sowieso nichts.

Das Essen im Heim ist nie genug. Alle haben ständig Hunger. Am schönsten ist, wenn es sonntags Kakao und Kuchen gibt. Das Kind hat zwei Freundinnen gefunden. Sie sind im selben Schlafsaal und haben zusammen Heimweh. Sie sind die drei Jüngsten. Das Kind kann schon ein bisschen schreiben. Es schreibt an den Vater, dass er sie alle drei retten soll. Er soll mit seinem Auto herkommen und sie nach Hause holen. Das Kind kann nicht wissen, dass die Tanten alle Briefe lesen und nur die schönen zur Post geben.

Das Kind liebt das Meer, und auf die Spaziergänge durch die Dünen und an den Strand freut es sich jeden Tag. Die Tanten gehen voran, und wenn sie an einer Stelle mit Nackten vorbeikommen, rufen sie laut und wedeln mit den Händen. Die Kinder müssen dann woanders hingucken. Sie sehen aber trotzdem etwas. Sie kommen sich komisch vor, weil sie angezogen sind. Die Nackten sind einfach nur nackt. 

Ein paar Kinder sammeln eine Riesenmenge kleiner Frösche und legen sie der schlimmsten Tante ins Bett. Das ist ein schöner Abend, als das Kreischen durch die Gänge hallt.

Irgendwann fällt das Klauen auf. Ein Täter wird gesucht. Das Kind kommt in Verdacht. Die Tanten finden das Portemonnaie mit dem Geldstück. Das steht nicht auf der Liste. Das Kind kann nichts erklären. Es wird in ein kleines Zimmer gesperrt und soll nachdenken. Weiter passiert nichts. Die Diebin macht vielsagende Grimassen. Das Kind schweigt.

Am Ende gibt es ein großes Abschiedsfest. Das Kind muss auf der Bühne ein Lied singen und in einer Scharade mitspielen. Alle haben sehr viel Spaß.

Im nächsten Sommer sagt die Mutter, dass das Kind wieder auf die Insel darf. Das Kind fängt an zu weinen. Endlich kann es erzählen, wie es wirklich war.

Die Insel liebt es für immer.





Samstag, 29. Juni 2013

Sentimental Journey

Bei einem Besuch in der elterlichen Wohnung fiel mein Blick auf eine Schale, die im Flur auf dem Sideboard steht.  Solange ich denken kann, steht sie da – früher gefüllt mit Markstücken, heute mit Euromünzen, und jeden Freitag lag dort ein Extrahäufchen mit abgezähltem Geld.

Dieser abgezählte Betrag war für den Eiermann.  Und einer von uns ging bei seinem Klingeln zur Wohnungstür – manchmal noch rosig glühend vom wöchentlichen Wannenbad – und tauschte das Häufchen Münzen gegen zwanzig frische Hühnereier.

Als Kind dachte ich, der Mann im grauen Kittel und mit Hütchen auf dem Kopf hieße Herr Eiermann. Das schien mir einleuchtend. Der Eiermann hieß aber Herr Jäger, war ein Bauer aus der Umgebung und machte jede Woche seine Runde in unserer Siedlung mit den Erzeugnissen  seiner zweifellos glücklichen Hühner. Landwirt war er nicht.  Auch kein Jäger. Sondern Bauer.

So wie auch unser Postbote kein Zusteller war. Der Postbote war ein flinker, freundlicher und fast zur Familie gehörender Mann, der die Post brachte. Wie schön klingt allein das Wort „Bote“. Es erzählt von Erwartung und Vorfreude. Wer hat nicht schon einmal sehnsüchtig auf einen Brief gewartet? Ich erinnere mich an die Briefe meiner Oma, wenn sie oder wir in den Ferien waren. Damals wurden tatsächlich Briefe und Postkarten hin und her geschickt, auch wenn wir nur zwei Wochen ein paar hundert Kilometer entfernt Urlaub machten. Was mich heute noch zum Schmunzeln bringt, war die Abschiedsformel – meine Oma beendete ihre Briefe immer mit denselben Worten: „Nun muss ich schließen.“  Als wenn dringende Aufgaben auf sie warteten. Vielleicht hatte sie diese Floskel irgendwo aufgeschnappt und empfand sie als elegant. Meine Oma stammte aus einer armen Familie und konnte nicht lange zur Schule gehen. Ich staune heute noch, wenn ich Handschriftliches von ihr finde, dass darin kein einziger Rechtschreibfehler zu entdecken ist.

Sehr selten kam ein Telegramm. Telegramme waren – außer bei runden Geburtstagen – immer ein schlechtes Omen. Die harmlosen erkannte man gleich, es waren sogenannte  „Schmucktelegramme“. Die anderen wurden mit Bangen vorsichtig geöffnet und hatten meist Trauriges mitzuteilen. Immerhin war der Empfänger vorgewarnt und konnte sich wappnen. Heute kann es passieren, dass wir nichtsahnend eine SMS anklicken - und  der Lebensabschnittspartner hat Schluss gemacht.


Lebensabschnittspartner gab es damals auch nicht. Genauso wenig wie Studierende. Nachdem ich von der Schülerin zur Abiturientin geworden war, ging ich als Erste der Familie an die Uni. Aber eine Studierende war ich bestimmt nicht, sondern eine ziemlich stolze und aufgeregte Studentin. Studentin zu sein, das bedeutete soviel mehr als zu studieren: eine ganz neue Welt öffnete sich mir, mit schier unendlichen Möglichkeiten. Es gab für mich kaum ein größeres Geschenk als die Entdeckung, wie aufregend es ist zu denken und zu lernen. Ein Schritt hinaus ins Freie. 

Mittwoch, 26. Juni 2013

Schmutzfleck

„Du bist der letzte Dreck!“ hast Du oft zu mir gesagt. Ich habe mich immer gewehrt, aber nur der Form halber. Es musste wahr sein, wenn meine eigene Mutter es sagt.

Manchmal hieß der Satz auch: „Du wirst in Deinem eigenen Dreck ersticken.“

Dreck. Dir war es immer wichtig, dass man bei uns vom Fußboden essen konnte. Wer will das? Nicht von so einem Fußboden. Meine kindliche Phantasie vom Picknick im Wohnzimmer war auch nur Dreck.

Jeder kann den Schmutz in mir sehen. Deshalb bin ich wohl allein geblieben. Manchmal sehne ich mich nach einem Spielkameraden, der Lust hat, mit mir im Matsch herumzupanschen.

In einem Roman habe ich mal ein gutes Bild für die Einsamkeit gefunden: die Hauptperson führt sie als traurigen großen Hund unsichtbar an der Leine mit sich. Am Ende der Story kann sie ihn freilassen. Was für eine nette Geschichte.

Meine Einsamkeit ist wie eine Schlange, die mir fett und schwer um den Hals hängt und mich ab und zu zärtlich würgt. Oder auch nicht so zärtlich. Manchmal zischelt sie mir ins Ohr. Wenn sie mir gerade nicht so schwer erscheint und ich sie fast vergessen habe. Sie ist dann gekränkt und will sofort meine Aufmerksamkeit. Das macht sie gut. Ich höre sie dicht an meinem linken Ohr – fast fühlt es sich an, als sei sie in meinem Kopf. „Ich bin immer bei Dir, auf mich kannst Du Dich verlassen. Du brauchst doch außer mir niemanden.“

Letztens habe ich mal wieder so ein Tapferkeitsding durchgezogen und war allein bei zwei Veranstaltungen. Erst klappt das ganz gut – es gibt genug zu gucken, und Small Talk beherrsche ich. Ich habe aber nicht aufgepasst und den Zeitpunkt zum Gehen verpasst. Gleich ging das Gewürge wieder los. Und das Gewisper: „Guck mal, lauter Paare und fröhliche Gruppen...meinst Du, es fällt nicht auf, dass Du hier ganz allein bist? Lächelt die da nicht schon mitleidig? Also mir gefällt es hier überhaupt nicht.“ Bin ich halt nach Hause.

Und wohin jetzt?

Vielleicht hier: „Du musst noch verrückter werden.“ Pina Bausch

Eine Ahnung von Hoffnung.




Dienstag, 25. Juni 2013

Der Anfang von Allem

Vor einigen Monaten zeigte die ARD den Fernsehfilm "Unsere Mütter, unsere Väter". Bis kurz vor dem Sendetermin wusste ich nicht, ob ich mir das anschauen sollte / wollte.

Es gab mal einen Film über die Flucht aus Ostpreußen, mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle einer Adligen, die mit all ihren Schutzbefohlenen nach Westen aufbricht. Bei so einer Frau war meine Großmutter "in Stellung", wie das damals hieß. Heute würde man Hausmädchen dazu sagen, und sie war wirklich noch ein Mädchen. Diesen Film wollte ich mir nicht antun.
Geschichten von der großen Flucht hatten meine Kindheit geprägt, und kein kleines Kind sollte sich so etwas anhören müssen. Alpträume und ständige Angst sind garantiert.

Diesmal aber war ich neugierig, und der neue Film hat mich und offenbar viele meiner Generation getroffen und lange beschäftigt. Den folgenden Text habe ich als Beitrag im FAZ-Leserforum geschrieben:

Meine Mutter war Jahrgang 1926, mein Vater ist 1927 geboren. Meine Mutter wuchs in einem kleinen Dorf nahe dem früheren Königsberg auf, mein Vater in Magdeburg.

Im Alter von 17 Jahren wurde der eine mit dem sogenannten letzten Aufgebot in den Krieg geschickt und die andere von der Roten Armee nach Sibirien verschleppt.

Sie begegneten sich mit Ende Zwanzig. Jeder heutige, einigermaßen psychologisch interessierte Mensch kann sich denken, dass zwei dermaßen an Leib und Seele verletzte Menschen nicht gut zu Ehepartnern und Eltern taugen. Natürlich sind sie dennoch beides geworden, sicher aus der Sehnsucht, endlich wieder ein normales Leben zu führen. Es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.

Mein Vater hatte als Soldat das Glück gehabt, schnell in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Dennoch hat er in der kurzen Zeit davor unvorstellbar Schlimmes erlebt und nicht zuletzt seine Heimat verloren. Von der Gefangenschaft in Luxemburg erzählt er bis heute launige Geschichten. Die nicht so lustigen wurden lange nur angedeutet, aber ich sehe doch Szenen aus Erzählungen vor mir, wo er in frischen, sarglosen Gräbern nach seinem Onkel gräbt, um festzustellen, ob der beim letzten Bombenangriff umgekommen ist. Da war er sechzehn.

Meine Mutter war die Tochter eines überzeugten Sozialdemokraten, der ständig gegen Hitler angepredigt hat und die ganze Nazizeit hindurch schikaniert (jedoch nie verhaftet) wurde. So verlor sie ihr Stipendium für die höhere Schule, weil mein Großvater sie nicht zum Bund Deutscher Mädel anmelden wollte. In einer ironischen Laune des Schicksals wurde ausgerechnet ihre Familie für die Verbrechen des Dritten Reichs bestraft (und warum auch nicht?).

Eines Sommernachmittags wurde meine Mutter auf dem Heimweg von ihrer Ausbildungsstelle von der Straße weg verschleppt. Mit vielen anderen jungen Mädchen transportierte man sie in einem Viehwaggon nach Sibirien, um sie dort fünf Jahre lang in Kohlebergwerken schuften zu lassen. Was sie dort sonst erlebt hat - ich habe es mir oft ausgemalt, und es zerreißt mir heute noch das Herz. Erzählt hat sie nie etwas.

Ihre Eltern wussten bis zu ihrer Rückkehr im Jahr 1948 nicht, ob sie noch am Leben war. Meine Großmutter entkam mit einem Flüchtlingstreck aus Ostpreußen nach Norddeutschland. Was viele Menschen nur aus Filmen kennen, hat sie wirklich erlebt: sie musste ihre Mutter – meine Urgroßmutter – im hohen Schnee am Wegrand zurücklassen, weil diese zu schwach war weiterzugehen.

Ich bin 1958 in Frankfurt am Main geboren. Dort lebten meine Eltern zusammen mit den Eltern meiner Mutter; 1962 kam noch meine kleine Schwester dazu.

Die Jugend meiner Eltern im Dritten Reich hat unser ganzes Leben geprägt. Wir wuchsen in einer verdrehten Welt auf, denn schon von klein auf mussten WIR die Eltern sein, und unsere Eltern waren wie Kinder oder Kranke, die unendlich viel Zuwendung und Nachsicht beanspruchten.

Ich wurde groß mit der unausgesprochenen, manchmal auch ausgesprochenen Regel, dass meine Mutter so viel Schlimmes durchgemacht hatte, dass wir sie auf keinen Fall aufregen oder ärgern durften. Dieses Schlimme wurde nicht näher erklärt und dadurch umso bedrohlicher. Wir lernten, möglichst gar nicht da zu sein – uns tot zu stellen. Das funktioniert natürlich am besten, indem man sich das Fühlen ganz abgewöhnt. Dieses Verbot zu fühlen ist unser Familienerbe.

Als wir beiden Schwestern klein waren, war mein Vater noch ausgleichendes Element. Er war ein lustiger Papa, mit dem man wie mit einem Gleichaltrigen spielen und Unsinn machen konnte. Für ein kleines Kind ist das wunderbar. Mein Vater blieb allerdings dabei – seine Art, seine Jugend zu verarbeiten war die Weigerung, erwachsen zu werden. Leider war er nicht wie Oskar aus der Blechtrommel eine literarische Figur, sondern wäre im echten Leben als Vater gebraucht worden. Besonders, als meine Mutter anfing zu trinken.

Beides verzweifelte Versuche, den Schmerz nicht zu spüren.

Schon immer hatte ich das Gefühl, dass ich nicht hier in Frankfurt, sondern in einem  verlorenen Paradies zu Hause sei. Ich hatte Heimweh nach einer Landschaft, die ich nie gesehen hatte: nach dem Dorf am Frischen Haff, aus dem meine Mutter und Oma und Opa stammten.

Dass dies mehr als nur Fantasie war, wurde mir erst später bewusst. Es stimmt ja: Ich habe hier keine Wurzeln. Das Leben meiner Schulfreundinnen mit Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen war mir fremd. Stattdessen: von Anfang an ständige Verwirrung. So kamen manchmal Frauen zum fröhlichen Kaffeeklatsch, die uns als Lagerkameradinnen meiner Mutter vorgestellt wurden. Wie konnte das sein? Das Lager war doch so schrecklich gewesen? Ich verstand es nicht. In einer weiteren Laune hatten die Schicksalswellen ein paar Verwandte meiner Mutter – also die Familie aus Ostpreußen – nach dem Krieg nach Magdeburg gespült, das ja meines Vaters Heimatstadt ist. Als Kind wusste ich nie, wer zu wem gehört oder woher kommt. Und erklärt wurde nichts. Es wurde über die wichtigsten Dinge einfach nicht gesprochen.

Erstaunlicherweise gab es nie einen Zweifel daran, dass wir – die Deutschen -  verantwortlich waren. Es gab in unserer Familie keinen Revisionismus – nie war die Rede von den „bösen Russen“ oder davon, dass früher alles besser gewesen sei. Nur die Heimat wurde schmerzlich vermisst. Ansonsten galt es die Zähne zusammen zu beißen und sich nicht zu beklagen.

Meine Schwester und ich verdienten uns unsere Existenzberechtigung mit den aussichtslosen Versuchen, unsere Eltern zu heilen. Ich bin heute sicher, dass das sehr vielen aus meiner Generation so ergangen ist und noch ergeht. Symbolisch betrachtet, ist meine Schwester an dieser vergeblichen Liebesmühe gestorben. Uns beiden ist es nicht gelungen, selbst eine Familie zu gründen oder auch nur eine stabile Existenz aufzubauen.

Das Dilemma für uns Nachkommen ist: Unsere Eltern sind nicht daran schuld, dass sie zu seelisch Versehrten wurden. Aber sie konnten auch keine Verantwortung dafür übernehmen und haben dieses Leid an uns Kinder weitergegeben. Wir haben dafür bezahlt – damit, dass wir nicht Kind sein und noch nicht einmal jemanden dafür einen Vorwurf machen durften, denn dann hätten wir unsere Eltern ja doppelt im Stich gelassen. Stattdessen wurden WIR im Stich gelassen und mussten uns in mühsamer und langjähriger seelischer Arbeit ein kleines Stück vom Glück erobern.

Mein Vater ist noch am Leben. Ich habe noch nie ein wirkliches Gespräch mit ihm geführt.

Wenn ich einmal sterbe, ist unser Familienfluch endgültig gebrochen. Aber manchmal macht es mich wütend und traurig, dass dies der Sinn meines Lebens (gewesen) sein soll.

Homecoming

Finally she is returning home. She is happy and exited. A whole week without Mom and Dad and Grandma and Grandpa is still pretty long. Especially if you have no visitors. But she is supposed to be reasonable. Because she is a big girl now. Since little sister has arrived she is the older one. After all, she is already four years and three months old.

The best thing about the tonsillectomy was that every day, they gave her ice cream for dessert. Unfortunately, there were also nasty, sour-tasting tablets. But she always dropped them secretly under the bed. She imagines how some nurse will find the small pink round thingies she had already sucked on a little. She gets a weird anxious feeling in her tummy. No, better not think about that. What if the boss of the hospital writes to her parents, and everything comes out!

Better to look out the car window and watch the trees whizz by. Driving in a car is rather exciting. All the way from Bad Homburg to Frankfurt. She can  understand that Mom and Dad could not come to visit. She always tries to be reasonable and calm. Everything else would be too stressful for her family. SHE would be too much stress for her family.

Now she can already see the familiar buildings. One more turn and they are in her street. She sees the third floor balcony. And - she almost doesn’t trust her eyes - there is a gigantic doll! She can see a small round head and a narrow flared dress in bright stripes. A doll just for her, because she comes home today and has been such a good girl.

So they do look forward to her return.  And the doll is a surprise, that’s why it  stands on the balcony. She will pretend she hasn’t noticed.

Now she gets out, one of the men in their elegant white uniforms carrying her small suitcase up the stairs to the front door. Granny stands there and says hello, then she immediately turns around and goes back to the cradle where the baby lies. Mostly it is not laying there quietly, but is very agile and cheerful and noisy. Sometimes it is screaming. But everybody loves the baby, and she must love it, too. After all, it is her little sister.

She can hardly wait until someone shows her the doll. But nothing happens. Then it's time for bed. She gathers all her courage and asks.

"You silly thing," says mom. "It's just the new parasol!" And laughs at her. The heat is flooding her face. She is mortified.



Montag, 24. Juni 2013

Heimkehr

Endlich darf sie wieder nach Hause. Sie ist schon ganz aufgeregt. Eine Woche ohne Mutti und Vati und Oma und Opa  ist doch ganz schön lang. Vor allem, wenn man keinen Besuch kriegt. Aber sie sollte ja vernünftig sein. Sie sei doch schon groß. Seit die kleine Schwester da ist, ist sie die Große. Und das stimmt. Sie ist schon vier Jahre und drei Monate.

Das Beste an der Mandeloperation war, dass es jeden Tag Eis zum Nachtisch gab. Leider gab es danach noch so eklige saure Tabletten. Aber die hat sie immer schnell hinters Bett fallen lassen. Sie stellt sich vor, wie eine Putzfrau die vielen kleinen rosa angelutschten Dinger findet. Ihr wird etwas kribbelig im Bauch. Nein, da denkt sie lieber nicht weiter dran. Was ist, wenn die Leute vom Krankenhaus bei ihren Eltern nachfragen, und alles kommt raus.

Sie schaut lieber aus dem Autofenster. Wie die Bäume vorbeizischen. Autofahren ist aufregend. Und die zwei Männer, die sie nach Hause bringen, haben ganz schicke weiße Uniformen an. Sie fahren sie den ganzen Weg von Bad Homburg nach Frankfurt. Da kann man schon verstehen, dass Mutti und Vati nicht zu Besuch kommen konnten. Sie versucht immer vernünftig zu sein und keine Angst zu haben. Sonst ist alles zu anstrengend für die Anderen. Also SIE ist dann zu anstrengend. Mutti darf sich nicht aufregen.

Jetzt kann sie schon die Häuser erkennen. Noch einmal abbiegen, und sie sind in  ihrer Straße. Sie sieht den Balkon im dritten Stock. Und – sie kann es fast nicht  glauben – da steht eine riesengroße Puppe. Sie hat einen kleinen runden Kopf, ein Halsband und ein schmales ausgestelltes Kleid in bunten Streifen. Nur für sie, weil sie heute nach Hause kommt und so tapfer war.

Also freuen sie sich doch. Und die Puppe soll eine Überraschung sein, deshalb steht sie auf dem Balkon. Sie wird so tun, als hätte sie nichts bemerkt.

Jetzt steigt sie aus, einer der Männer trägt ihr den kleinen Koffer die Treppe hoch bis zur Wohnungstür. Oma steht da und begrüßt sie, dann dreht sie sich um und geht wieder zur Wiege, in der das Baby liegt. Meistens liegt es gar nicht, sondern ist ganz beweglich und fröhlich und laut. Manchmal schreit es auch. Aber alle lieben das Baby, und sie muss es auch lieben. Es ist ja ihre kleine Schwester.

Sie kann kaum erwarten, dass ihr endlich jemand die Puppe zeigt. Aber nichts passiert. Dann ist es schon Zeit zum Schlafengehen. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt.

„Du dummes Ding“, sagt Mutti. „Das ist doch nur der neue Sonnenschirm!“ und lacht sie aus. Die Hitze schießt ihr ins Gesicht. Sie schämt sich entsetzlich.