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Donnerstag, 2. April 2020

Corona, Corona

Nun schreibt sie wieder - außergewöhnliche Lagen zeitigen neue (alte) Gewohnheiten.

Wie uns alle beschäftigt mich die Krise. Wie nicht alle jedoch in besonderer Weise. Aber vielleicht gilt das doch für alle? Jedenfalls ist es so, dass wir Depressiven, Alleinlebenden, Angstgeplagten, Hochsensiblen ... jede und jeder noch zusätzlich mit anderen Dingen zu kämpfen haben als die Normalos.

Wenn ich meine Gedanken unkontrolliert einfach so herumschweifen lasse, schweifen sie in ungute Richtungen. 

So zum  Beispiel:

Solltest Du nicht vielleicht eine kleine Tasche packen, falls es Dich erwischt und Du in die Klinik musst? Oder halt, nein, lieber doch nicht, denn das hieße das Schicksal herausfordern. Wenn die Tasche da wartet, wirst Du sie garantiert brauchen. Oder ist es anders herum? Ist das nicht wie mit dem Schirm, den man vorsichtshalber mitschleppt, damit es nicht regnet? 

Und was, wenn Du hier abkratzt und - weil Dich ja niemand vermisst - Du erst Monate später gefunden wirst, weil es beginnt, aus Deiner Wohnung streng zu riechen? Also vorher einen richtig intensiven Frühjahrsputz machen, damit Du Dich nicht noch aus dem Jenseits schämen musst, wenn es soweit ist.  

Schlimm genug, dass der ganze Mist an Deinem Vermieter hängen bliebe, der hat das wirklich am allerwenigsten verdient. Was kannst Du vorher tun, um ihm möglichst wenig Arbeit zu machen? 

Wäre es sinnvoll, jetzt schon ein Bestattungsinstitut anzurufen?

Und so weiter und immer so weiter.

Da hilft nur laut und deutlich "Stop" sagen und die Gedanken wieder einfangen.

To be continued.




Sonntag, 19. Juni 2016

Hartz cont.

Das Verrückte ist: Vor dem nächsten  Jobcenter-Termin war ich recht gelassen, denn es ging ja nur darum, die Unterlagen für meinen Antrag abzugeben. Dachte ich. Und zack - die nächste Katastrophe bricht über mich herein.

Liebe Kinder, heute lernen wir, was der Begriff "Zuflussprinzip" bedeutet. 

Am besten erkläre ich Euch dies an einem Beispiel aus dem wirklichen Leben. Und nun gebt fein acht:

Eine Frau, die schon länger krank ist und deshalb Krankengeld bekommt von ihrer Versicherung, erhält von dieser Versicherung die Nachricht, dass ihr Anspruch auf dieses Geld abgelaufen ist. Die Versicherung muss nämlich nur eine Zeit lang bezahlen, und dann nicht mehr. Leider hat die Versicherung nicht aufgepasst und bittet die Frau um Entschuldigung. Dafür wird sie aber ein bisschen länger bezahlen. Und zwar bis zu dem Tag, wo es aufgefallen ist, dass die Frau gar kein Geld mehr kriegen darf. 

Da die Frau auch vor dem krank werden schon keine Arbeit mehr hatte, muss sie nun so schnell wie möglich das Geld beantragen, dass von den meisten Leuten "Hartz IV" genannt wird. 

Nun gibt es aber einen wichtigen Unterschied zwischen diesen verschiedenen Geldern: Das Krankengeld bekommt man immer rückwirkend. Das ist logisch und gerecht, weil man ja im Allgemeinen weder vorher plant noch wissen kann, wie lange man noch krank sein wird. 

Es funktioniert so: Der Kranke geht zum Arzt, und der Arzt bescheinigt ihm - oder auch nicht - dass er noch krank ist. Diese Bescheinigung schickt der Kranke an seine Versicherung, die prüft, ob alles richtig ausgefüllt ist, und dann erst schickt sie das Geld. 

Wenn jemand, wie die Frau in  unserer Geschichte, schon länger krank ist, fragt die Versicherung zwischendrin immer mal den  Arzt oder die Kranke, wie lange das denn noch dauert. Die Versicherung hat natürlich keine Lust, immer weiter Geld zu zahlen, obwohl sie eigentlich genau dafür da ist. 

Außerdem lässt die Versicherung sich auch noch andere lustige Dinge einfallen. Einmal hat der Arzt das Formular nicht ganz richtig in den Drucker gelegt, so dass die Kreuzchen einen Millimeter neben den passenden Kästchen gelandet sind.

Daraufhin hat die Versicherung einfach das hier gemacht: NICHTS. 

Die Frau wartete dringend auf ihr Geld, weil sie natürlich trotz Krankheit alles Wichtige weiter bezahlen muss. Dem Vermieter, den Stadtwerken und der Telefongesellschaft ist es ja egal, ob sie ihr Geld zu spät bekommt. Das versteht die Frau auch, und es macht ihr große Angst, wenn sie nicht rechtzeitig bezahlen kann. 

Sie muss also immer genau aufpassen, wann sie zum Arzt geht und das Formular an die Versicherung schickt. Immer wieder muss sie anrufen und nachfragen. Das klingt eigentlich gar nicht schlimm, aber wenn man krank ist, scheint alles viel anstrengender als sonst. Und den Leuten  von der Versicherung sind die Menschen eigentlich egal. Jedenfalls glaubt die Frau das allmählich, weil sie ihr schon oft falsche Sachen erzählt haben, und sie sich darauf verlassen hat. Was sie nicht hätte machen sollen. 

Schneller gesund wird man von sowas auch nicht gerade.

Diesmal hat die Versicherung am Anfang eines Monats bezahlt. Das Geld ist für den Monat davor. Die Frau denkt sich nichts  Schlimmes dabei, denn wichtig ist nur, dass sie ihre regelmäßigen Rechnungen - wenn auch mit ein paar Tagen Verspätung - endlich bezahlen kann.

Dann muss sie zu dem Amt, das für das Hartz IV zuständig ist. Dort muss sie alles vorzeigen, was mit ihrem Geld zu tun hat. Das Amt muss ja wissen, ob sie nicht schwindelt und von irgendwo her Geld bekommt, so dass sie gar kein Hartz IV kriegen darf. 

Der Mann auf dem Amt sagt ihr, dass sie ja diesen Monat schon Geld bekommen hat und deswegen nichts mehr kriegt. Die Frau erschreckt sich fürchterlich. Sie sagt, dass dieses Geld schon verbraucht ist - es war ja  für den letzten Monat. Das interessiert zwar den freundlichen Mann, aber nicht das Amt. Der Mann findet das auch ungerecht, er kann aber nichts machen. 

Und das, liebe Kinder, liegt am Zufluss-Prinzip. Das Geld ist der Frau in  dem Monat "zugeflossen", in dem sie dieses blöde Hartz IV beantragen musste, und dem Gesetz ist es egal, für wann das Geld gedacht war. 

Aber was ist mit den Menschen, die dieses Gesetz gemacht haben? Das fragt die Frau sich immer öfter.

Dienstag, 26. April 2016

Me, myself and I

Depression: "Did you notice that your dad has called again? And as usual he didn't bother to leave a message. So it cannot be that important, right? Why return his call? You told him before that you are having a tough time and that you would call. He never listens. You told him before that you cannot talk to him when you are in this state. (MY state, hehe) He just doesn't take you seriously. It is all about him and his needs, isn't it? You are perfectly right not to call him back and to be bitter about your weird relationship. It will never be the way you want and need it to be. So why bother?"

Sane self: "My dad does what he can. He worries about me - he even told me so in his own, awkward way. He may not have been  the best dad - actually he was not dad material to begin with - but it was not his fault and it was not his intention. And he is trying. That he keeps calling me even when I tell him he shouldn't actually means a lot to me."

D: "Oh really?! Isn't it pathetic that your old dad is  the only man who calls you "my darling girl"? Doesn't that make you cringe? Admit it already!"

S: "So what! At least someone calls me darling. There must be gazillions of people who are yearning to hear these words from their mom or dad. I longed to hear them for almost all my life and now I get to.

My phone rings and I almost drop the pan I was about to set on the cooker. I answer the call and hear the voice of my oldest friend from school. We never see each other despite living in the same city  but we stay in touch. Mostly she is the one who calls if I have not contacted her in a while. I tell her that I am just cooking dinner  and will call her back. 

D: "So she keeps calling you - I wonder why. Do you remember how many times you have mentioned that you two could meet up and she never takes you up on it? Maybe she just calls  to calm her conscience. Or maybe to be a good Christian - you know she is a believer. Isn't that actually pathetic? Why would someone like you who is  a confirmed atheist keep up with a Christian, and a Catholic of all things? Can you even take her seriously? I don't buy that she is really interested in you. If she honestly liked you as a friend she would love to meet with you once in a while."

S: "Who knows why she doesn't want  to meet. Maybe I should ask her - I never did. I was too shy. But I remember that she told me once that she was afraid to drive in the dark. And some time later that she was afraid to drive in a neighbourhood that she wasn't familiar with. Maybe that has gotten worse? I will call her back and I will try to overcome my shyness and anxiousness and ask her. I am grateful that we are still friends. I always liked her,  I love talking to her and she is my only remaining connection to my childhood."

D: "Well, have it your way. I surely don't have to remind you that you don't have any talent for friendship, do I? People ALWAYS let you down. But as I said: Have it your way. You will see what comes of it. Apropos of friendship - I heard you talking to this friend who you met in the rehab clinic two years ago. Are you honestly still keeping up with the likes of her? She is not exactly your intellectual equal, is she?"

S: "She may not have an academic title but she is wise where it counts. She is listening to me when I am crying too hard to be even coherent and she is not giving up on me. Or on life itself, for that matter. She went through much of the same horrible stuff in her childhood as I did but she has resolved not to become a bitter old hag. And most times, we actually find lots of things to laugh about, and I am looking forward to seeing her again soon. Are you done yet?"

D: "Let me see....what about this internet crap that you seem to spend so much time with lately? You really call that "friendship", connecting on Facebook with people you haven't even met? I find that silly if not pathological. What does your infamous therapist have to say about it?"

S: "You won't believe it but I asked her the same question. Know what she said? Even if the connection is via the internet, the people are real, aren't they? When I am down in the dumps, connecting to them is sometimes all I can manage. And I am glad that I found such friends. So far, they haven't let me down once, they "get" me, and I don't feel like I have to go through all of this shit on my own. Not to forget: they are, each in her own way, some tough cookies, and I am prowd I may call them my friends. So there."

Me: "Well done, S! Thank you."

D: *Sniffs and retires to her cave (for now)*




Sonntag, 12. Juli 2015

"Du sollst nicht merken" Alice Miller

Seit gestern Abend beschäftigt mich die Frage, ob ich erst auf dem Grund aufschlagen und diesen grausamen Schmerz aushalten musste, um etwas zu begreifen, dass ich im Grunde schon lange weiß. Nämlich, dass mein Vater sich einfach nicht auch nur ein winziges kleines Bisschen für mich interessiert. Und es auch nie tun wird. Ich habe das schon öfter mal so dahin gesagt, aber nicht gefühlt, scheint mir. 

Ich habe mir die ganze Zeit etwas vorgelogen und die Wirklichkeit meiner Erfahrungen und Gefühle geleugnet. Ich habe alles so verdreht, dass ich den Schmerz des ungeliebten Kindes nicht fühlen musste. Das habe ich auch hier in meinen hübschen Geschichten von gemütlichen Kaffeenach-mittagen durchgezogen, und ich habe selbst daran geglaubt. Weil die Alternative ja kaum zu ertragen ist.

Nach dem Zusammenbruch gestern hat eine liebe Freundin mir ein  paar wichtige Dinge in Erinnerung gerufen, und so konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Und dann - trotz totaler Erschöpfung - habe ich ein Buch von Alice Miller gelesen, das ich noch nicht kannte. Rein zufällig (jaja...) hatte ich es aus der Bibliothek mitgenommen. "Die Revolte des Körpers" handelt davon, dass der Körper unsere Wahrheit kennt, auch wenn wir sie nicht fühlen. Wir sollen sie ja auch nicht fühlen, denn dann könnten wir keine dankbaren Kinder unserer Eltern mehr sein.

Und das habe ich tatsächlich weiterhin versucht - dankbar zu sein. Dankbar für nichts! Für ein bisschen Geld, um das ich jedesmal betteln muss, und wovon sowieso mehr als genug da ist. Es ist keineswegs so, dass meine Erlebnisse mit meinem Vater gelogen waren. Aber den alles entscheidenden Teil habe ich weggelassen, auch vor mir selbst. Und was mein Körper mir gestern wohl zeigen wollte: ich kann nicht mehr. Ich brauchte all meine Kraft, um nicht zuzugeben, dass mein Vater als Vater ein Versager ist und weiter immer nur um sich selbst kreist. 

Wie ein kleiner Hund, der immer noch hoffnungsvoll mit dem Schwanz wedelt, während er ignoriert oder gar mit dem Fuß beiseite geschoben wird, habe ich meine kleinen Stöckchen apportiert: den ersten veröffentlichten Online-Beitrag, den ersten veröffentlichten Print-Artikel, die Literaturagentin, die sich für mich interessiert. Immer und immer wieder, in der Hoffnung, irgendwann ein kleines Leckerli Aufmerksamkeit oder gar Liebe zu kriegen. 

Ist es nicht bezeichnend, dass ich unglaublich wütend reagiere, wenn ich bei anderen so ein Verhalten beobachte? Ich kann das kaum ertragen, und jetzt verstehe ich auch, warum. Spieglein,  Spieglein.

Und während ich dies schreibe, fühle ich endlich mal keine Scham über das kleine Mädchen,  das endlich gesehen werden will, sondern finde den "Vater" jämmerlich, der nicht einen  Funken Interesse für  das Leben seiner Tochter aufbringen kann. Natürlich rührt sich sofort wieder mein übergroßes Mit- und Schuldgefühl - wie sollte es anders sein nach so langer Zeit des immer gleichen Automatismus? 

Und was nun???  Ich fühle mich heute ganz leicht, und gleichzeitig gespannt. Ich glaube nicht, dass dies der absolute Durchbruch war und jetzt plötzlich alles anders wird. So funktioniert das nicht, wie ich wohl weiß. Aber ich will dieses Gefühl nicht vergessen und ihm weiter folgen. Mal sehen, wo es mich hinträgt. 

Samstag, 11. Juli 2015

Karussell

Ich fahre Karussell und kann nicht abspringen. Around and around we go - ich weiß nicht mehr, wo die Depression endet und die Wahrheit beginnt. Ich weiß nur, dass ich das nicht mehr lange durchhalte. Immer besser kann ich die Verlockung verstehen, alles zu beenden.

Ich habe so viel versucht und gewagt und gelernt, und die Belohnung ist ausgeblieben. Kein Versetzungszeugnis. Meine Sehnsucht, endlich am Leben teilnehmen zu dürfen wie "alle anderen", wird wohl ungestillt bleiben. Was soll jetzt noch kommen? Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, da war alles, was ich mir von einem erneuten Therapieversuch noch erhofft habe, dies: dass ich mich endlich mit meinem Schicksal abfinde, ohne weiter zu leiden. Dass ein Zustand ruhiger Resignation erreicht werden könnte, wo ich das Leben eben einfach aushalte und mich an den immer wieder mal aufblitzenden schönen Momenten freuen konnte, auch wenn es niemanden gab, der sie mit mir teilen wollte. Stattdessen ist die Traurigkeit mit der Zeit immer größer geworden, und nun deckt sie alles zu. Die schönen Momente gibt es, aber sie hinterlassen keine Spuren. Ich bin aus tiefschwarzem Teflon, daran perlt alles Schöne ab.

Ein beliebter Spruch in  der englischsprachigen Internet-Community, wo ich mit anderen Depris eine vorübergehende Heimat - auf sehr schwankendem Boden - gefunden hatte, lautet: "It's just your brain telling lies." Das klingt schön und hoffnungsvoll, als wenn man sein nur Gehirn der Lüge überführen müsse und die Wahrheit ans Licht käme. Wobei man etwas Besseres enthüllen könne als dieses Lamento aus vergifteten Worten. 

Nur ist es eben keine Lüge, sondern eine Tatsache, dass ich ein Leben lang ohne Nähe, Intimität, Berührung - ohne Liebe auskomme. Und dass ich langsam einsehen muss, dass sich trotz aller Selbstoptimierung daran nichts mehr ändern wird. Es scheint mir heute so, dass die  ganzen  Therapien doch nur dazu gedient haben, mich "besser" zu machen, damit ich endlich annehmbar wäre für andere, für die Welt. 

Ich habe mich angestrengt, die zu sein, die andere haben wollten, damit sie mich eine Zeit lang dulden würden. Natürlich ging das immer nach hinten los, denn woher sollte ich wissen, was diese anderen wollten oder brauchten? Als "begabtes Kind" war ich zwar mit sehr feinen Antennen ausgestattet, die spüren, wenn etwas nicht stimmt oder jemand etwas braucht, aber wiederum so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich keine Ahnung hatte, was das sein könnte. Und wie soll Freundschaft funktionieren, wenn die eine wie eine Schlange auf das Kaninchen immer auf die andere starrt und herauszufinden versucht, was gerade "richtig" sein könnte? 

Ich habe als kleines Kind gelernt, dass ich nicht genüge, um Mutti und Vati glücklich zu machen. Und nach allem, was ich angestellt habe, um das erstmal zu verstehen und dann zu verlernen, bin ich immer noch dieses kleine Kind. Und in den schlimmsten Momenten gehört diesem kleinen Mädchen meine ganze Verachtung und mein abgrundtiefer Ekel statt der Liebe, die es so dringend gebraucht hätte und immer noch braucht. 

Wie oft  habe ich gehört, dass ich mich erst selber lieben muss, damit andere mich lieben könnten. Aber schon setzt sich das Karussell in Gang: wie soll ich mich denn lieben, wenn nicht mal meine Eltern mich lieben konnten? Wenn irgend etwas an mir liebenswert wäre, dann hätte das im Laufe der Zeit jemand gemerkt. Dann wäre ich nicht allein, dann könnte ich mich auch lieben, dann bräuchte ich mich nicht lieben, denn dann wäre jemand da, der mir das Liebenswerte zeigen könnte, und da niemand da ist, gibt es das Liebenswerte nicht,  denn sonst hätte es längst jemand gesehen, und  da es nichts gibt, kann ich mich nicht lieben, denn es ist nichts da, was liebenswert wäre. So rast das Karussell immer im Kreis herum, und ich kann es nicht stoppen. 

Donnerstag, 6. November 2014

Bad Hair Day

Slowly getting used to the idea  that I don't need to be perfect and at the  same time, forgiving  myself for being exhausted  by  the games my little Ka* is up to these days, I have decided to post little stories of my daily  endeavours rather than not writing at all or waiting for some - so far unidentified - muse  to kiss me.

I got up this morning (OK - late morning) with the intention of washing my hair and therefore, I took off my watch and laid it.... somewhere. Then I couldn't really face washing my hair but neither could I remember where I put my watch. Which actually is waterproof so no need to take it off in the first place. 

I had coffee and was looking forward to seeing my therapist which I hadn't seen for two weeks (or so I thought). We had just switched the meetings from weekly to bi-weekly so the hours approved by my insurance could be stretched a little. When she opened the door she looked surprised somehow but greeted me with her usual friendly smile. Then she picked up her schedule and said haltingly: "I wasn't really expecting you today." And I was like.....ooops! 

However, being the empathic person she is and because she had some time she gave me thirty minutes to vent. 

Interestingly  enough I ended up telling her about all the good things that are happening right now and when I started to walk home, the sun had come out, shining brightly upon my  unwashed head. 

*Ka is what I have christened  my depression because it reminds me of the junglebook character in her ways and means.

Montag, 20. Oktober 2014

Venting oder: Isch hab 'et lahme Dier

Nun muss es doch mal sein. Ich erinnere mich an mein Versprechen, dass dies kein Jammer-Blog werden sollte, aber heute erlaube ich es mir. Ihr seid also gewarnt.

"Venting" ist Englisch für "Das muss jetzt einfach 'raus", und der Spruch mit dem "lahmen Dier" stammt von einer früheren Kollegin aus dem Rheinland. Hochdeutsch etwa: Mir geht es gerade nicht so richtig gut. Ich könnte eigentlich heulen. Das besagte Tier kommt wohl von "Lamentieren", und über solche sprachlichen Leckerbissen kann ich mich sogar noch leise freuen, wenn sonst nicht mehr viel geht.

Der Anfang des Desasters: Ich wurde falsch informiert bzw. schlecht beraten, als ich nach meiner Rückenoperation zu einer Reha-Kur durfte. In meiner Lage habe ich die Reha gern in Anspruch genommen. Ich wusste ja, dass ich mich direkt, nachdem ich wieder arbeitsfähig wäre, bei der ARGE melden und Hartz IV beantragen müsste. Erstens war ich wirklich noch lange nicht fit, und zweitens steckte mir der letzte Jobverlust noch sehr in den Knochen. Auch in Herz und Hirn, sollte ich wohl hinzufügen.

Noch im Krankenhaus erklärte mir die Dame vom Sozialdienst, dass für die Reha-Kosten meine Rentenversicherung zuständig sei, und ich statt Krankengeld für diese Zeit Übergangsgeld erhalte. Den Antrag stelle die Reha-Klinik automatisch - ich müsse mich um gar nichts kümmern. Da mir schon der Gedanke an Kofferpacken und Organisieren den Schweiß auf die Stirn trieb, habe ich das natürlich gern gehört. Und geglaubt. Dass ich ein bis drei Fragen hätte stellen sollen, ist mir erst viel zu spät aufgegangen.

Hat schon mal jemand versucht, die Rentenversicherung in Berlin zu erreichen? Natürlich wollte ich schnellstens etwas über die Bearbeitung des Antrags erfahren. Erst war ich ganz angetan von der kostenlosen Service-Hotline. Von "hot" kann allerdings keine Rede sein. Nach gefühlt hundertfachem Anhören der Botschaft, man freue sich über meinen Anruf, aber ich möge es doch bitte ein anderes Mal versuchen, war ich nicht mehr so gut gelaunt. Ich humpelte also zum Klinik-Sozialbüro, schilderte der Mitarbeiterin meine Lage, woraufhin sie ein offizielles Fax schickte mit der fetten Überschrift "DRINGEND" und dem Hinweis, dass ich die Reha abbrechen müsse, wenn nicht bald das Übergangsgeld käme. Was ich damals auch noch nicht wusste: wie dieses Geld berechnet wird. Sonst wäre ich umgehend nach Hause gefahren. Auf das Fax kam übrigens tatsächlich eine Antwort. Nach acht Tagen. In der stand sinngemäß, man wisse von gar nichts.

Die ganze Geschichte zog sich bis nach meiner Rückkehr nach Hause hin. Meiner Erholung war das nicht zuträglich. Endlich wieder daheim, erhielt ich einen Bescheid und die Nachzahlung von knapp 800,00 Euro für vier Wochen. Das war mein einziges Einkommen, wohlgemerkt! Schluck.

Weil mein Krankengeld unter Hartz IV-Niveau lag, hätte ich schon vor der Reha Anspruch auf eine sogenannte Aufstockung (ergänzendes Hartz IV) gehabt. Aber große Angst vor dem Gang zum Amt und der Entwürdigung hielten mich ab. Ich wollte unbedingt allein zurechtkommen. Deshalb waren meine winzigen Ersparnisse inzwischen aufgebraucht. 

Nach dem ersten Schock über den Bescheid fragte ich mich, wie ich nun meine Rechnungen bezahlen sollte, von anderem ganz zu schweigen. Ich fand heraus, dass ich vorsorglich die Aufstockung hätte beantragen können. Nachträglich sei nun nichts mehr zu machen. Ich hätte also etwas anleiern müssen, von dem ich  gar nicht wusste, dass es existiert und dass es dringend nötig gewesen wäre. Es gibt ja diesen Satz "Unwissenheit schützt nicht vor Strafe", aber wofür sollte ich bestraft werden? Ich hatte nichts falsch gemacht und mich auf vermeintlich sachkundige Menschen verlassen. Genau das war ein Fehler....und  der kostete mich einige hundert Euro. 

Ich habe schon viele schlaflose Nächte deswegen gehabt, aber außer Selbstvorwürfen nichts zustande gebracht. Nun muss ich doch zum "Amt", fürchte mich vor der Verachtung durch die Mitarbeiter (dabei sind die vielleicht gar nicht so schlimm - schlimmer ist die Selbstverachtung), und zum ersten Mal in meinem Leben versuche ich die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ich mir bei der Frankfurter Tafel Lebensmittel für Bedürftige abhole. Dieselbe Frankfurter Tafel, für die ich mal ehrenamtlich Pressearbeit gemacht habe. So dreht sich die Welt und ich mit ihr.

Es fällt oft schwer zu unterscheiden, welchen Anteil die Depression und welchen die gerade sehr schwierigen Lebensumstände jeweils an der momentanen Verfassung haben. Oder ob das Eine das Andere verursacht. Oder umgekehrt. Soweit ich es sehe - und das bestätigt der Austausch mit meinen Stammesmitgliedern - ist das wie die Frage nach Henne und Ei. Im Grunde ist es Wurscht, was zuerst da war. Beides bedingt einander, glaube ich. Und kann sich unglücklicherweise gegenseitig verstärken. Ich kann tatsächlich wenig für meine desperate wirtschaftliche Situation, gebe mir aber trotzdem die Schuld daran und schäme mich auch noch dafür.

Und das hat natürlich doch etwas mit der Depression und der trüb gefärbten Selbsteinschätzung zu tun. Noch während ich mühsam versuche, das Allernotwendigste zu tun, flüstert mir Kaa* die immer gleichen Sätze ins Ohr: "Da siehst Du's wieder: Du bist eben eine Verliererin; es lohnt sich gar nicht, immer wieder von vorn anzufangen. Sieh' es endlich ein - Du bist zu blöd für diese Welt. Du bist nicht wie die anderen, die normalen Menschen. Es ist ja auch alles viel zu anstrengend. Dich braucht niemand, und es wird Dich auch niemand vermissen." Und so weiter und immer so weiter. 

Dann ist zunächst erste Hilfe angesagt und das heißt, den Gefühlswirrwarr aufzudröseln. Angemessen sind unter anderem: Empörung, Schreck, Wut, even-tuell auch leichte Panik.
Unangemessen: Schuld und Scham. Aber auch: Mordlust gegenüber diversen Amts-personen.
Das hätten wir schon mal.

Inzwischen höre ich mir Kaas Gezischel an, glaube aber nicht mehr jedes Wort. Und wenn es mir doch allzu überzeugend scheint, warte ich einfach ab. Na gut - so einfach ist es immer noch nicht. Aber die Erfahrung sagt: diese absoluten Tiefs gehen auch vorbei. Und dann finde ich wieder gute Gründe weiter zu wurschteln. Mein Kopf kann sich wieder heben, mein Blick kann sich weiten und die kleinen und großen Schönheiten wahrnehmen, die die Welt ja doch für mich bereit hält.  

Nachtrag: 
Nun hat auch meine Bank gemerkt, dass ich kein Gehalt mehr beziehe, sondern Krankengeld - etwas für Banken offenbar Anrüchiges. Sie hat mir darauf umgehend meinen bescheidenen Dispokredit gekündigt. Damit mir bloß nicht langweilig wird.













Freitag, 17. Oktober 2014

Communication Fail (Gutmensch-Anekdote)

Da mein kleines Haustier* mich seit einiger Zeit wieder intensiv in seinem zärtlich-grausamen Würgegriff hat, fällt mir alles, was die meisten Menschen täglich mit links erledigen, unendlich schwer. Sogar das Bloggen, an das ich mich nun langsam wieder gewöhnen will. 

Als Wiedereinstieg eine kleine Geschichte vom Geben und Nehmen.

Nachdem ich mir inzwischen erlaube, auch virtuelle Gemeinschaften zu genießen, da sie ein bisschen gegen die Isolation helfen, bin ich in einigen Facebook-Gruppen aktiv geworden. Wobei diese Aktivitäten gelegentlich zu Begegnungen in der wirklichen Welt führen - also IRL, was nicht bedeutet, dass wir uns in Irland  treffen - LOL, was ich in meinem Alter vielleicht nicht mehr benutzen sollte. Aber WTF, stimmt's?

Zu Begegnungen kommt es zum Beispiel, wenn ich etwas verschenke. Was ich gern und oft tue, da ich für weniger Müll und mehr Freude auf der Welt bin. Auch wenn ich derzeit nur eine Winzigkeit dazu beitrage. In den letzten Wochen biete ich meist Klamotten an. Ich schrumpfe inzwischen der übernächst-kleineren Konfektionsgröße entgegen, und deswegen macht es mir doppelt Freude, schöne Teile aus meiner Garderobe abzugeben. Einen großen Sack voll habe ich letztens wie ein verfrühter Nikolausi zu einem Obdachlosen-Treff geschleppt. Da Frauen, die auf der Straße zurechtkommen müssen, aber wenig Verwendung für Ausgehkleidung haben, verschenke ich die über meine  lokale Free Your Stuff-Community.

Womit wir wieder zu Facebook zurückkommen.

Erste Szene
Posten eines Fotos von einer Abendhose im Marlene-Stil, gut erhalten, detailliert beschrieben. Die erste Interessentin meldet sich bald, der ist die Hose aber zu kurz.

Intermezzo: Warten.

Pause - will denn niemand die schöne Hose haben?

Zweite Szene
Eine Frau, die ich schon öfter in der Gruppe gesehen habe, schreibt: "Interesse." Kurz und bündig. Nicht charmant oder freundlich, aber ist nicht weiter schlimm. Es fällt mir trotzdem auf. Ich frage, wann sie die Hose denn abholen möchte - ich würde ihr meine Adresse per Personal Mail senden.
Gesagt, getan.
Sie: Morgen Abend passt ganz gut, es soll ja morgen nicht regnen, wenn Du verstehst, was ich meine.
Ich: Ehrlich gesagt: nein. Morgen passt mir aber nicht so gut, wie wäre es mit Montag ca. 18 Uhr?
Sie: Ja, das klappt. Da komm ich vom Hof, dann kurz nach Hause und zu Dir.
Ich: (denke) Was fürn Hof? (schreibe): Alles klar, dann also bis Montag. Bitte sag aber auf jeden Fall Bescheid, wenn es nicht klappen sollte, damit ich nicht umsonst warte.
Sie: Jaja, aber ich habe das jetzt im Hirn.
Ich: (denke) Aha.

Dritte Szene

Montag, ca. 18:30 Uhr. Geduld ist nicht gerade meine Stärke...außerdem hat mich eine heftige Erkältung erwischt.

Ich: Hallo, kannst Du mir sagen, wann Du kommst, denn ich bin inzwischen krank und möchte gern zurück ins Bett. Wir hatten ja 18 Uhr vereinbart.

Sie: Ja, sorry, ich bin aufm Hof und komme nicht vom Klo runter.
Ich: So etwas nenne ich "too much information", aber egal. Du kannst also heute doch nicht kommen? Ist nicht schlimm - die Hose wird ja nicht schlecht. Ich hebe sie für Dich auf. Melde Dich bitte, wenn Du sie abholen kannst.
Sie: War keine böse Absicht oder so. Dumm gelaufen. Tut mir leid - wirklich - sorry (usw usw ad infinitum). Also bis dann. War echt nicht böse gemeint, sorry. Ja, dann melden wir uns gegenseitig.
Ich: (denke) Wie bitte?!?!

Ende.


Muss ich noch erwähnen, dass ich nie wieder etwas von der Dame gehört habe?


Merke: es ist manchmal komplizierter als man denkt, jemandem eine Freude zu machen.



* Ich habe meine Depression inzwischen "Ka" getauft, weil ich sie schon einmal als Schlange beschrieben habe, und weil sie ganz ähnliche Taktiken anwendet wie ihre Namensvetterin aus dem "Dschungelbuch".






Mittwoch, 3. September 2014

Alles auf Anfang?

Nachdem ich aus der Reha heimgekehrt und alle meine lieben Besucher wieder abgereist waren, kam der Totalabsturz. In rasender Geschwindigkeit kullerte ich ins heimatliche so vertraute schwarze Loch und konnte diesmal überhaupt nichts zum Festhalten finden.

Das ist nun eine Woche her, und ich klettere gerade wieder hinaus. Sehr anstrengend! Bin ungefähr auf einer Höhe, wo ich schon über den Rand schauen kann. Und etwas ist mir klar geworden:

Ich bin immer noch nicht ganz aufrichtig, dabei war das ja der Anspruch an mich selbst, als ich diesen Blog anfing.

Ich schreibe weiterhin über "alles und jedes", weil mich nun mal fast alles interessiert und ich mir das nicht nehmen will. Aber zugrunde liegt allem und jedem in meinem Leben die Depression.

Natürlich ist es einfacher und schöner, lustige Geschichten zu schreiben - die sind auch nicht etwa erfunden. Sie sind aber nur ein kleiner Teil meines Daseins, und jeder lustige oder glückliche Moment ist eigentlich der Depression abgerungen, mit der ich lebe.

Ich wollte wohl einfach kein Opfer mehr sein, und Herumjammern ist mir zuwider. Damit - das wird mir jetzt erst richtig klar - lehne ich einen wichtigen Teil meines Selbst ab. Das kann nicht gut ausgehen. Nun ja, ist es auch nicht.

Ich will von nun an nichts mehr ausblenden. Sondern berichten, wie es geht, und was ich Neues gelernt habe über das Leben mit dem "schwarzen Hund". Ich gehöre nun mal zu einem besonderen Stamm. Zu demselben, dem auch Robin Williams, David Foster Wallace, die Monroe und viele Millionen unberühmter Menschen angehörten.

Es muss einen anderen Weg zum inneren Frieden geben als den Suizid. Und den gibt es. Das zumindest habe ich gelernt und vergesse es auch während der Zeit der Finsternis nicht.



Sonntag, 18. Mai 2014

Practice What You Preach

Wann immer sich jemand im Freundes- und Bekanntenkreis mit Ess- und/oder Gewichtsproblemen herumschlägt, verweist die ach-so-kluge Autorin dieses Blogs auf Geneen Roth

Seit ich mit ungefähr Ende zwanzig ihre Bücher entdeckt und zum ersten Mal "When Food Is Love" gelesen habe, bin ich ihr treu als Leserin und Schülerin. Ich habe ja schon als Kind die tröstende und beruhigende Wirkung von Honigbroten und Nussteilchen entdeckt (bei mir musste es immer süß und fettig sein, und auch das hat seine Bedeutung)  und sie als Mittel eingesetzt, um die "schlimmen" Gefühle nicht zu fühlen. Beim Lesen von Geneens Büchern (ich "kenne" sie schon so lang, dass ich sie heimlich duze) fühlte ich mich zum ersten Mal verstanden in meiner Verrücktheit mit dem Essen. Damals war ich übrigens nicht besonders dick, aber ich weiß inzwischen, dass das rein gar nichts bedeutet. Man sieht jemandem sein Unglück nicht immer an. Was man mir aber wohl angesehen hat, waren mein Selbsthass und die Überzeugung, hässlich und abstoßend zu sein. Ich wurde damals oft auf der Straße angepöbelt und beschimpft  - "fette Sau" war noch die harmloseste Anmache. Ich war das geborene Opfer, weil ich meinen Angreifern insgeheim Recht gab. 

Wenn ich heute daran denke, was ich mir alles angehört habe - auch von vermeintlichen Freundinnen - werde ich traurig und wütend zugleich. Ich möchte die Karin von damals wachrütteln und sie gleichzeitig in den Arm nehmen. Eine Kollegin wollte mich einmal mit einem Freund ihres Mannes verkuppeln, der sei vielleicht der Richtige für mich, weil erblindet. Da müsse ich keine Angst haben, weil er gar nicht erst merken würde, wie hässlich ich sei. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Aber ich fürchte, ich war sogar dankbar, weil jemand sich um mich "sorgte". 

Weit verbreitet ist das Klischee, dass Dicke robust und stark seien. Genau das Gegenteil ist der Fall - warum müsste man sich sonst ein Schutzpolster anfressen? Natürlich gibt es die lustigen Dicken - lustig sind sie aus Notwehr geworden. Besonders die Frauen. Frauen, die dem Schönheitsideal entsprechen, müssen nicht auch noch witzig oder schlagfertig oder zwanghaft hilfsbereit sein. Sie können, aber sie müssen nicht. Wenn man aber überzeugt ist, dass man eigentlich stört, muss man sich seine Existenz irgendwie verdienen - mit Lustigkeit oder was sonst akzeptabel erscheint. Natürlich funktioniert das nicht, aber es dauert sehr lange sich das einzugestehen. Denn was ist die Alternative? Ist es möglich, dass man einfach da sein darf, ohne Erlaubnis von den glücklichen Normalen, zu denen man so gern gehören möchte? Das ist unvorstellbar.

Daher schwelt unter der Lustigkeit die Wut, und unter der Wut die Angst. Manchmal auch die Angst vor der eigenen Wut. Ich kann mich an Phasen erinnern, wo ich es nicht fertig brachte, auch nur laut zu sprechen, geschweige denn zu schreien. Es war mir physisch unmöglich. Ich war überzeugt, nie wütend oder ärgerlich zu sein. Und ich habe damals eine Menge Freundschaften im Keim erstickt, weil ich mir außer Mitleid keinen Grund für Freundlichkeit vorstellen konnte. Dicke sind Spezialisten für passive Aggressivität. Sie können schlecht nein sagen und sich nicht gut abgrenzen. Gemäß dem Ausspruch von Groucho Marx, er wolle auf keinen Fall Mitglied in einem Club sein, der Leute wie ihn als Mitglied akzeptiert.

Nun habe ich ja diesen Blog auch angefangen, um mir selbst besser auf die Spur zu kommen, um der Scham ein Ende zu machen und meine eigene Entwicklung zu kommentieren. Es fällt mir auf, dass ich immer noch bestimmte Themen witzig verpacke, um es mir und meinen ca. fünf Lesern leichter zu machen. Wer will schon dauernd über Trauer und Schmerz lesen? Und das nicht mal literarisch wertvoll. Und damit komme ich wieder auf die weise Geneen Roth zurück. Wann immer ich etwas von ihr lese oder höre, kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Leider ist es mit Verstehen und Überzeugt-Sein verblüffenderweise doch nicht getan! (Ich kanns nicht lassen - Humor gehört nun mal zu mir.) 

Geneen ist in ihrer Arbeit immer spiritueller geworden und vertritt inzwischen die Überzeugung, dass das Essen bzw. wie wir Ess-Süchtigen damit umgehen, nicht das Problem ist, sondern lange Zeit die Lösung war. Und um dies zu verändern, sei nichts weiter nötig als unsere Gefühle zu fühlen - viele von uns würden sagen: auszuhalten. Was ja nichts anderes bedeutet, als sich dem Leben selbst anzuvertrauen.

Das ist eben doch nochmal eine ganz andere Herausforderung. Heute habe ich vorsichtig ausprobiert, wie das gehen könnte. Seit Monaten plagt mich eine vorwitzige Bandscheibe, und ich muss wahrscheinlich operiert werden. Zudem bin ich gerade mal wieder gekündigt worden. Und das erinnert mich an eine Zeit vor 15 Jahren. Damals habe ich innerhalb einer einzigen Woche meinen Job, meine Bandscheibe und meine Mutter verloren. Nun quäle ich mich mit der Vorstellung, dass jetzt jeden Moment mein Vater sterben wird, weil alles andere auch genauso ist wie damals. 

Dazu kommt, dass ich als Dauer-Single sowieso mit einem sehr bangen Gefühl ans Krankenhaus denke. Da gibt es wieder jede Menge Anlässe zum Schämen. Wenn ich keinen Besuch bekomme, wenn niemand mich abholt, wenn ich keinen nächsten Angehörigen angeben kann und so weiter und so fort. You get the drift. Hoffentlich versinke ich nicht in einem ekligen Sumpf von Selbstmitleid. Selbstmitgefühl ist allerdings in Ordnung. 

An diesem Sonntag habe ich entgegen dem ersten Impuls, mich um jeden Preis abzulenken, einen Spaziergang gemacht und meine Gefühle zumindest nicht abgewehrt. Ich habe mir erlaubt, traurig und ängstlich zu sein in der Gewissheit, dass ich davon nicht sterben werde. Und mit der Erfahrung, dass auch schlimme Gefühle nicht ewig anhalten. Das muss man aber erstmal glauben. Lange Zeit konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ohne Hilfe von klugen und einfühlsamen Therapeuten und nicht zu vergessen: knallharten Mitpatienten wäre ich nicht bis hierher gekommen. Wahrscheinlich wäre ich gar nicht mehr da. Andererseits gab es immer einen kleinen Funken Lebensfreude, der einfach keine Ruhe geben wollte, wenn ich mich nur noch nach Ruhe gesehnt habe (Friedhofsruhe). Dem und meiner Neugier bin ich sehr dankbar. Und stelle fest, dass die ja zu mir gehören. Soll ich mir womöglich selbst dankbar sein?

Der zweite Vorschlag von Geneen Roth ist, sich an einfache Essensregeln zu halten. 

Die Kernregeln: Iss, wenn Du Hunger hast. Iss, worauf Dein Körper gerade Lust hat. Und hör auf zu essen, wenn Du satt bist. Das sind die, die ich seit einigen Jahren befolge. Es gibt einige mehr, die ich noch nicht schaffe. Essen ohne Ablenkung zum Beispiel. 

Dennoch: ich denke daran, wie mein Leben früher aussah. Obwohl ich die Bücher von Geneen Roth, Susie Orbach und anderen schon kannte, gab es fast nur verbotenes Essen für mich. Jede neue Diät versprach Erlösung. In meiner Phantasie wurde ich nach ein paar Monaten Diät dünn und glücklich, während ich in der Wirklichkeit die Wochenenden einsam mit Büchern und pfundweise Süßigkeiten auf meiner Couch verbrachte. In einem Winkel meines Selbst ahnte ich, dass das nicht der Weg ins Glück sein konnte. Aber wie sehr viele, die sich endlich mit den Schrecken befassen, die unter der Speckschicht verborgen sind, hatte ich Angst, dass ich nicht mehr aufhören würde zu fressen, wenn alles erlaubt wäre. Wie konnte ich denn diesem verhassten Körper vertrauen?  

Inzwischen habe ich erfahren, das es tatsächlich möglich ist. Dabei schwindet auch der Hass von selbst. Ich bekomme Lust auf Obst, wenn ich ein paar Tage keins gegessen habe. Ich kann Packungen mit Keksen als Vorrat haben und muss nicht sofort alle auf einmal vertilgen. Es gibt kein verbotenes Essen mehr - außer Schokolade. Die betrachte ich wie Zigaretten. Ich habe einfach damit aufgehört. Ich habe seit Jahren nicht zugenommen, sondern allmählich Gewicht verloren. Wobei mich das gar nicht mehr besonders beschäftigt.

Das Leben ist zu schön und auch zu kurz, um dauernd übers Essen nachzudenken.













Sonntag, 7. Juli 2013

Lost Weekend?

Wochenende - das, worauf sich alle anderen freuen - ist für mich oft der Horror.

An Wochenenden - und ganz besonders an Sommer-Wochenenden - fühlen einsame Menschen die Einsamkeit verstärkt. Vermeintlich alle anderen (da geht's schon los - Sätze, die mit "alle", "niemals", "immer" etc. beginnen, führen meist ins Unheil)....jedenfalls: in meiner Vorstellung haben alle anderen das ganze Wochenende lang ununterbrochen Spaß, und zwar mindestens zu zweit.

Die Gedankenspirale geht ungefähr so: ich habe nun schon jahrelang an mir herumoptimiert und bin immer noch allein und oft einsam. Wozu war das alles dann gut? Bringt es überhaupt was, mich weiter anzustrengen? Wer hat schon Lust auf eine Freundschaft mit einer alten Looserin? Außerdem: alle anderen haben ihr Leben erfolgreich im Griff und gar keinen Bedarf an neuen Kontakten. Ich muss eben mit den Krümeln vorlieb nehmen, die vom reich gedeckten Tisch der anderen herunterfallen. So ist es immer gewesen, und so wird es immer sein. Und so weiter und so weiter bis zum Gehtnichtmehr. Und dann geht wirklich nichts mehr.

Dieses Wochenende ist mir besonders bang, denn meine engsten Bezugspersonen fahren alle gleichzeitig in den Urlaub. Nicht miteinander, denn alle anderen Menschen (siehe oben) haben natürlich auch jemanden, der gern mit ihnen in den Urlaub fährt. Im Gegensatz zu mir. Und außerdem kann ich mir schon lange keinen Urlaub mehr leisten. Und schon sind wir wieder in voller Fahrt, mein armes Neurotiker-Hirn und ich.

HEUL!

Was tun? Die Psycho-Arbeit war ja nicht völlig umsonst. Sobald ich mich wieder einkriege, erinnere ich mich daran, dass Differenzieren zum Handwerk gehört, und schon sieht die Welt etwas anders aus. 

Es gibt viele kluge Sätze zu dem Thema; folgende gehören allerdings nicht dazu:

Geh' doch mehr unter Leute!
Wahlweise: Mach mal einen Töpfer-, Photo-, Tanz-, Blabla-Kurs!

Das ist genauso sinnvoll wie die Aufforderung an Magersüchtige: Dann iss halt was!  

Aber diese schon:

Du kannst zwar die Umstände nicht sofort ändern, aber Deine Sicht derselben.
Beweg' Dich! (durchaus wörtlich zu nehmen)

Und natürlich dies hier als Soforthilfe - ich werde mit No. 5 anfangen. 

Es ist ja erst Sonntag Nachmittag.