Posts mit dem Label Erinnerung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erinnerung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 5. April 2020

Du fehlst

Gerade beim Bügeln habe ich Radio gehört - beides lange nicht mehr gemacht. Bügeln, dabei Musik hören und völlig hemmungslos mitsingen ist ungemein befriedigend, und das hatte ich ganz vergessen.

Dann spielte der Sender Herbert Grönemeyers "Mensch", einen Song, den ich sehr liebe und mit dem ich viele Erinnerungen verbinde.

Seit Corona uns ereilt hat, denke ich mehr als sonst an die Menschen, die mir am Herzen liegen und auch an jene, die nicht mehr da sind.

Immer noch habe ich manchmal den Impuls, meinen Vater anzurufen und zu fragen, ob es ihm gut geht und zu ermahnen, bloß gut auf sich aufzupassen. Mein Vater ist ja schon einige Jahre tot, aber die Erinnerungen sind noch sehr lebendig. Und meine Gedanken gemischt - in gewisser Weise bin ich froh, dass er dies nicht erleben muss. Womöglich in einem Pflegeheim, wo er niemanden sieht, der ihm vertraut ist. Und ich weiß noch gut, dass er zuletzt auch nicht mehr wusste, wie man ein Telefon bedient, also wäre selbst das nicht möglich gewesen. Was für ein Horror! Die Menschen, denen es jetzt so ergeht, tun mir entsetzlich leid. 

Aber bei der Stelle im Lied, wo es heißt "Du fehlst", dachte ich als Erstes an meinen an einem Glyoblastom verstorbenen Freund E., denn der fehlt mir. (Wobei - auch um ihn würde ich mich sorgen, denn er hatte eine sogenannte  Vorbelastung.) 

Seine Beerdigung war eine tieftraurige, freudige und lebensbejahende Feier seines Lebens. So furchtbar es ist, wenn jemand "vor der Zeit" stirbt, so stark war das Gefühl, dass E. so intensiv gelebt hatte, dass es für mehrere Menschenleben ausgereicht hätte.

Aber das ist es nicht, woran ich denke, sondern daran, dass er einer der  Menschen war, die sofort Ideen für Hilfsaktionen hätten und dafür, wie man  gerade jetzt Liebe, Freude und auch Schönheit verbreiten kann. Denn das war sein großes Talent. Er war kein Heiliger, sondern ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, wie Grönemeyer ihn besingt. 

Und weil wir oft zu diesem Lied getanzt und es aus vollem Herzen mitgesungen haben, musste ich vor allem an ihn denken.

Du fehlst, lieber Freund.




Dienstag, 25. Februar 2014

Rückenschule Teil 2

(Was bisher geschah:

Von der Geschäftsreise mit Horrorschmerzen nach Hause gekommen, erfährt sie, dass ihre Mutter in ihrer Abwesenheit gestorben ist. Noch ehe sie das richtig verstanden hat, liegt sie in neurochirurgischen Abteilung des Krankenhauses, das nur fünf Minuten von der elterlichen Wohnung entfernt ist.)

In der Klinik überlässt sie sich der freundlichen Fürsorge der Ärzte und Helfer. Sie hat absolut keine Angst vor der Operation und lässt die ganze Prozedur bis zur Anästhesie mit distanziertem Interesse über sich ergehen. Gleich nach dem Aufwachen geht sie untergehakt mit einem Pfleger den Gang entlang. Der ermuntert sie mit Charme und schönen Worten: Ja, sehr gut! Königliche Haltung, genau das will ich sehen. Sie schreiten majestätisch den Flur auf und ab und sie genießt, nach langer Zeit endlich ohne Schmerzen zu sein.

Sie ist gerührt über die vielen Besucher. Sie redet sich ein, es mache ihr nichts aus, dass Vater und Schwester nicht kommen. Vom Fenster ihres Krankenzimmers kann sie den Häuserblock sehen, in dem sie aufgewachsen ist, und wo ihr Vater nun allein wohnt. So richtig hat sie noch nicht verstanden, dass ihre Mutter nie mehr dorthin zurückkehren wird.

Deshalb fragt sie zwei Tage nach der Operation ihre Ärztin, ob sie zum Friedhof fahren darf. Trauerfeier und Begräbnis haben ohne sie stattgefunden, und sie muss dort hin, um zu sehen und zu begreifen. Das Gesicht der jungen Ärztin wird beim Zuhören plötzlich ganz weich: Gehen Sie nur. Ich sage im Schwesternzimmer, dass Sie einen kurzen Spaziergang machen.

Sie fährt mit dem Bus zum Friedhof und kauft im Blumengeschäft vor dem Eingang eine einzelne Rose. Dann spaziert sie langsam hinein und geht automatisch den richtigen Weg zum Familien-Urnengrab. Sie wundert sich selbst, dass sie nach so langer Zeit den Weg noch weiß. Sie kommt sehr selten hierher - nie hat sie das Gefühl gehabt, dass ihre Großeltern irgendwas mit diesem Ort zu tun haben. An ihren Großvater erinnert sie sich nur noch in einzelnen Bildern aus der frühen Kindheit, aber an ihrer Großmutter hat sie sehr gehangen. Sie hat zumindest versucht, die Kälte der Mutter etwas auszugleichen. 

Dann steht sie vor dem frischen Grab. Es ist überhäuft mit Kränzen und Gestecken, sogar ihre Kolleginnen haben Blumen geschickt. Ihr eigenes Gesteck ist auch da - ohne den Anruf bei der Blumenhandlung hätte sie nicht einmal Tag und Uhrzeit der Beerdigung gewusst. Unvermittelt sagt sie: So viele schöne Blumen - das hätte Dir gefallen, Mutti! Die mitgebrachte Rose will sie nicht einfach auf das Grab fallen lassen, also geht sie in die Hocke und legt die Blume behutsam nieder. Als sie sich wieder aufrichten will, geht es nicht. Ihr war einfach nicht klar, dass sie so bald nach der Operation noch geschwächt ist.

Da hockt sie nun vor dem Grab ihrer Mutter, auf dem nassen Boden, an einem grauen feuchten Herbsttag, keine Menschenseele in der Nähe (außer, die Seele ihrer Mutter wäre noch hier?). Sie überlegt. Was kann sie tun? Um Hilfe rufen wird sie auf keinen Fall. Langsam muss sie grinsen, dann lachen, und stellt sich vor, ihre Mutter lache mit ihr. 

Sie nimmt all ihre Kraft zusammen, konzentriert sich und stemmt sich hoch. Dann geht sie zur Bushaltestelle, fährt zurück ins Krankenhaus und sinkt erleichtert in ihr Bett. In dieser Nacht schläft sie gut.






Samstag, 8. Februar 2014

In memoriam

Der Anruf kommt kurz nach zehn an einem Samstagabend - ich sitze gerade mit einem Glas Wein vor irgendeinem TV-Krimi. Mein Vater sagt in demselben abrupten Tonfall, in dem er mir vor ein paar Jahren den Tod meiner Mutter mitgeteilt hat: "Die Ute ist im Krankenhaus auf der Intensivstation - ich mach mich jetzt auf den Weg." Ich begreife nicht gleich und bitte ihn, mich doch morgen anzurufen und zu erzählen, was es Neues gibt. Ich lege den Hörer auf. Eine Art Alarm fährt plötzlich durch meinen ganzen Körper. Mit flattrigen Händen suche ich die Nummer der Klinik heraus und lasse mich mit der Intensivstation verbinden. Diesmal fragt niemand, ob ich denn wirklich eine Verwandte sei und das Recht auf Auskunft habe. Eine nüchterne, nicht unfreundliche Stimme sagt: "Ja, Ihre Schwester wurde als Notfall eingeliefert. Sie liegt im Koma und wird wohl die Nacht nicht überleben."

Ich greife meinen Mantel, stopfe Zigaretten, Geld und Schlüsselbund in die Handtasche und eile aus dem Haus. Ich renne den ganzen Weg zur Bahn. Mit U- und S-Bahn brauche ich mindestens eine Stunde bis zu ihr. In der U-Bahn sind kleine Gruppen von Leuten unterwegs ins Nachtleben, während ich mit versteinertem Gesicht da sitze und unglaublich empört bin, dass alle einfach so weitermachen, wo doch meine Schwester stirbt.

Im S-Bahnhof angekommen merke ich verzweifelt, dass ich gerade den Bus verpasst habe. Während es in meinem Kopf hämmert "Ich komm' zu spät - ich komm' zu spät - zu spät - zu spät", reiße ich die Beifahrertür des nächsten Taxis auf und rufe: "Krankenhaus, Notaufnahme!". Es sind nur ein paar Minuten, und der Fahrer fährt am Haupteingang vorbei. Er weiß genau, wo er hin muss, aber ich fange fast einen Streit an, weil ich glaube, dass er falsch fährt und ich wertvolle Zeit verliere. Ich werfe ihm einen Geldschein hin und laufe durch Dunkelheit und Regen auf den Eingang zu. Beinahe pralle ich zurück vor dem plötzlichen kalten Neonlicht. Ich finde den Aufzug und drücke den Knopf für die Station. Der Aufzug fährt langsam, als wolle er mich verspotten. Andere steigen zu und wieder aus. Ich hasse sie aus tiefstem Herzen, weil sie mich aufhalten. 

Die Tür zur Station ist verschlossen. Ich klingele und warte. Inzwischen bin ich völlig außer mir, und dabei habe ich hysterische Frauen immer verachtet. Aus einer anderen Tür kommt ein Arzt und fragt, ob er mir helfen könne. "Meine Schwester liegt im Sterben, und niemand macht mir auf", schluchze ich. Er benutzt kurz sein Handy, und nach einer Minute öffnet sich die Tür. Eine Schwester fragt, wer ich bin und führt mich in das Zimmer. Es liegt im Halbdunkel. Mein Blick erfasst das Bett, auf einem Stuhl etwas entfernt an der einen Wand sitzt still mein Vater, und mein Schwager am gegenüberliegenden Bettrand auf dem zweiten Stuhl. Die Schwester holt für mich einen weiteren Stuhl, und ich setze mich meinem Schwager gegenüber. Seit Betreten des Zimmers bin ich völlig ruhig. 

Ich nehme die Hand meiner Schwester und rede, was mir gerade so einfällt. Ich erzähle ihr, dass die Quälerei jetzt vorbei ist und sie gehen kann, dass unsere Mutter auf sie wartet und die Oma, die sie so vermisst hat, dass sie auf uns keine Rücksicht nehmen muss - wir kommen schon klar. Dass wir uns wiedersehen, dass ich sie liebhabe, und was man alles sagt in so einem Moment. Ich wusste vorher nicht, dass es so sein wird. Ich wundere mich, was alles aus mir herausströmt. Nichts habe ich mir vorher überlegt. Es passiert einfach. 

Irgendwann nehme ich die Umgebung wahr. Die Maschine zeichnet nur noch die immer schwacher werdenden "Vitalfunktionen" - so nennt man das wohl - meiner Schwester auf. Ich finde es verrückt, dass ich sogar jetzt auf die richtige Bezeichnung aller Dinge achte. Die Herzschläge kommen unregelmäßig und setzen immer wieder für eine kleine Ewigkeit aus. Der Atem geht schwer, und auch hier gibt es sekundenlange Pausen. Es wäre schön, wenn ich jetzt einfach verrückt werden könnte, aber das geht nicht. Ich muss meine kleine Schwester verabschieden und stark sein. 

Nach einiger Zeit deutet mein Vater etwas ängstlich an, dass er jetzt nach Hause gehen möchte. Ich bin schockiert und schäme mich für ihn, weil er nicht einmal dies hier hinkriegt. Aber ich sage: "Ja, geh' ruhig. Du musst Dich ausruhen. Ich komme nach, wenn alles..." und dann weiß ich nicht, wie der Satz weitergehen soll. 

Mein Schwager will meinen Vater nach Hause fahren, aber er lehnt ab - er meint, der Spaziergang werde ihm gut tun. Wir bleiben ohne ihn zurück. Seit ein paar Stunden bin ich nun hier in dieser halbdunklen Welt mit seltsam fremden Geräuschen und Gebräuchen. Ich nehme mir eine Pause. Ich fahre mit dem Aufzug runter und stelle mich mit einer Zigarette vor die Tür. Außer einer Art Betäubung fühle ich nichts. Ich überlege, was ich fühlen müsste. Rauche hastig, und es treibt mich dann schnell wieder hinein.

Ich setze mich auf den Bettrand und streichele meiner Schwester die Wangen und über die Glatze. Seit der letzten Chemotherapie sieht sie aus wie ein kleiner Buddha, weil ihr ganzer Kopf angeschwollen ist. Sie sieht sich kaum noch ähnlich. Ich fange wieder mit meinem Singsang an und frage mich, ob ich das für sie oder für mich mache. Mein Blick geht immer wieder zum Schirm mit den farbigen Kurven. Die Nachtschwester, die ab und zu nach uns schaut, legt mir sanft die Hand auf die Schulter und sagt leise: "Sehen Sie da nicht hin"; dabei dreht sie den Bildschirm zur Wand. Ein gleichmütiger Teil in meinem Inneren registriert, wie freundlich hier alle zu uns sind. Auch das hatte ich mir nicht vorgestellt. Ich hatte mir gar nichts vorgestellt, im Gegenteil, ich wollte mich mit diesem unausweichlichen Moment einfach nicht beschäftigen in den drei Jahren nach der Diagnose. 

Ich weiß noch, wie ich nach dem ersten Googeln der Stichworte ganz naiv dachte: "Kleinzellig - also klein ist jedenfalls besser als groß. Das ist doch bestimmt was Gutes." Damals wusste ich absolut nichts. Aber das sollte sich bald ändern. 

Ich kehre in das Zimmer zurück. Die Atemzüge klingen jetzt, als ob ein sehr erschöpftes Wesen mit letzter Kraft versucht, doch noch irgendwie ans Ziel zu kommen. Aber was ist das Ziel? Es sollte doch leichter werden. Ich rede ihr weiter ruhig zu. So sitzen wir noch eine Weile.

Dann spüre und höre ich, dass es jetzt nicht mehr lange dauert. Ich habe schon mal über den letzten Atemzug gelesen, natürlich habe ich das. Und ich habe Sterbeszenen in Filmen gesehen, die mich zu Tränen gerührt haben. Das alles hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Kein Schauspieler kriegt dieses furchtbare Geräusch hin, kein Maskenbildner diese gelbe Hautfarbe. In einer Sekunde war meine Schwester noch hier - nun nicht mehr. Was da im Bett liegt, trägt keine Spur von ihr. 

Ich sitze noch eine Weile da, dann gehe ich in den Flur und sacke an der Wand zusammen. Und warte auf die Trauer oder wenigstens die Wut. Die Schwester bringt mir einen Becher mit Tee. 

Die Trauer kam erst sehr viel später. Noch lange habe ich meine Schwester ständig irgendwo gesehen. Noch lange wollte ich sie schnell mal anrufen oder dachte, ich müsse sie im Krankenhaus besuchen. Nicht mal die Beerdigung hat daran etwas geändert.

Ach, Schwesterchen - heute wäre Dein Geburtstag, und dass ich an Deinem Sterbebett saß, ist neun Jahre her. Manchmal denke ich gar nicht viel an Dich; manchmal erinnere ich mich mit einem Lächeln; oft erzähle ich Dir was Lustiges, und manchmal zerreißt es mir das Herz vor Vermissen. 

Und heute? Du bist so eine Art guter Geist für mich geworden. Die Trauer hat sich zu der Traurigkeit gesellt, die mich seit jeher begleitet. Die beiden vertragen sich gut, und ich freunde mich langsam mit ihnen an.











Mittwoch, 2. Oktober 2013

Rückenschule Teil 1

Die Rückenschmerzen sind kaum auszuhalten. Und morgen muss sie geschäftlich nach England. Sie geht vorher noch die Mutter im Krankenhaus besuchen. Die empfängt sie mit den Worten: "Ach, meine Große!" Sie scheint ganz vergnügt, aber sie mag nichts essen. Sie lässt sich mit ein paar Löffelchen Apfelmus füttern. Die Tochter wird von einer Zärtlichkeitswelle überschwemmt. Nach einer Weile verabschiedet sie sich. Sie erwischt den Oberarzt und fragt ihn, ob etwas dagegen spricht, dass sie ein paar Tage verreist. Der Oberarzt erklärt ihr, dass die Mutter sich nicht mehr erholen werde; ihre Konstitution sei zu schwach, und sie werde sterben. Nicht heute oder morgen, aber bald. Und ja: sie könne ruhig wegfahren - in den nächsten Tagen seien keine dramatischen Entwicklungen zu erwarten. Dann macht er ihr noch ein Kompliment dafür, dass sie alles so vernünftig und gelassen aufnimmt. Ihr Vater und ihre Schwester seien da wohl etwas schwierig - ihre Schwester sei direkt hysterisch geworden, wenn er das mal so sagen dürfe. Sie bedankt sich brav. Draußen auf dem Gang muss sie sich anlehnen. Sie rutscht langsam an der Wand herunter, und die Tränen schießen ihr aus den Augen. Wie in Trance fährt sie nach Hause und packt.

Weil Ihre Chefin schon länger andeutet, dass sie Ihr die Rückenschmerzen nicht glaubt, arbeitet sie auf der Messe extra hart. In einer Mischung aus Wut und Trotz schleppt sie Kisten mit Katalogen und richtet mit ihrer Kollegin den Stand ein. Dann nutzt sie jede Gelegenheit herumzulaufen, weil nur so die Schmerzen halbwegs erträglich sind. Abends im Hotelbett denkt sie an ihre Mutter und versucht, im Sitzen ein bisschen zu schlafen. Am zweiten Tag geht nichts mehr. Sie teilt dem Team mit, dass sie an diesem Abend schon nach Hause fliegt, weil sie sonst womöglich hier in einer Klinik landet. Sie überlegt, was eigentlich Bandscheibenvorfall auf Englisch heisst. Irgendwas mit prelaps?

Spätabends in ihrer Wohnung angekommen, hört sie ihre Mailbox ab. Ein paar Anrufe von Freunden, dann die Stimme ihres Vaters: Gestern Nacht ist die Mutti gestorben. Auf Wiederhören. Alles in ihr krümmt sich zusammen. Sie macht sich ganz klein. Dann läuft sie wie ferngesteuert in der Wohnung auf und ab und hört sich selbst ganz verrückt wimmern. Eine Stimme sagt ständig: Oh nein oh nein oh nein, eine andere: Ich war nicht da, ich war nicht da. Dabei kommt sie sich vor, als würde sie eine oft gesehene Filmszene nachspielen. Ich bin ein Klischee, denkt sie: Junge Frau erhält schreckliche Nachricht und dreht durch. Sie wird etwas ruhiger und ruft eine Freundin an. Die sagt: ich bin gleich da. Als sie kommt, gehen sie in die Kneipe gegenüber. Die Freundin verordnet mäßiges Betrinken. Beim Bier erzählt sie die ganze Geschichte: vom letzten Krankenhausbesuch, vom eiskalten Oberarzt, vom geschäftsmäßigen Anruf ihres Vaters. Wie sie den Flug bis kurz vor der Landung im Stehen bei den Stewardessen verbringen durfte. Als sie dabei ankommt, wie die mütterlichen British-Airways-Ladies ihr einen Gin Tonic nach dem anderen brachten, lachen die beiden Tränen. Sie weint noch ein bisschen, dann bringt ihre Freundin sie ins Bett und fährt nach Hause.

Schon am nächsten Tag liegt sie in einem Krankenhausbett. Selig lächelt sie den Infusionsbeutel an, aus dem das Schmerzmittel sie langsam ins Nirwana tropft.







Freitag, 19. Juli 2013

Kinderlandverschickung

Das Kind fährt auf eine Insel. Dem Kind soll etwas Gutes getan werden. Seit einiger Zeit sieht es so blass aus. Es wird immer schmaler und ist weitgehend verstummt. Die Reisevorbereitungen dauern Wochen und werden gewissenhaft durchgeführt. Namensschildchen werden in Kleidungsstücke genäht. Ein Badeanzug wird ausgesucht. Mutter und Großmutter überlegen hin und her, was in den Koffer soll. Alles, wirklich alles, muss auf einer Liste vermerkt werden. Diese Liste kommt in einen Briefumschlag. Zusammen mit anderen wichtigen Papieren wird sie in einem Etui dem Kind um den Hals gehängt.

Dem Kind ist sehr bang. Es wurde nicht gefragt. Es soll sich freuen. 

Als alle zusammen zum Bahnhof fahren, ist es schon dunkel. Der Zug fährt über Nacht, und die vielen Kinder werden auf die Plätze verteilt. Die Großmutter hat dem Kind auf dem Bahnsteig schnell und heimlich ein Geschenk in die Hand gedrückt: ein hübsches kleines Portemonnaie mit einem Fünfmarkstück. Im Abteil ist es gar nicht so schlecht. Die anderen Kinder sind genauso aufgeregt und nicht böse, wie befürchtet. Die Polstersitze werden zu Liegen herausgezogen. Trotz der Aufregung schläft das Kind ein. 

Das Kinderheim liegt nah am Strand. Das Meer ist schrecklich und wunderschön. Gleich am zweiten Tag ertrinkt das Kind beinahe. Die Tanten hatten befohlen, dass alle sich an den Händen fassen und zusammen ins Wasser laufen. Das Kind war brav und lief. Die zwei älteren Kinder, die es an den Händen hielten, zogen es rechtzeitig heraus. 

Ein älteres Mädchen von zu Hause soll sich ein bisschen um das Kind kümmern. Das Mädchen klaut Sachen. Das Kind beobachtet, wie das Mädchen kleine Taschen, die es genommen und geleert hat, am Strand vergräbt. Wenn es was erzählt, wird ihm etwas Schlimmes passieren. Das Kind sagt sowieso nichts.

Das Essen im Heim ist nie genug. Alle haben ständig Hunger. Am schönsten ist, wenn es sonntags Kakao und Kuchen gibt. Das Kind hat zwei Freundinnen gefunden. Sie sind im selben Schlafsaal und haben zusammen Heimweh. Sie sind die drei Jüngsten. Das Kind kann schon ein bisschen schreiben. Es schreibt an den Vater, dass er sie alle drei retten soll. Er soll mit seinem Auto herkommen und sie nach Hause holen. Das Kind kann nicht wissen, dass die Tanten alle Briefe lesen und nur die schönen zur Post geben.

Das Kind liebt das Meer, und auf die Spaziergänge durch die Dünen und an den Strand freut es sich jeden Tag. Die Tanten gehen voran, und wenn sie an einer Stelle mit Nackten vorbeikommen, rufen sie laut und wedeln mit den Händen. Die Kinder müssen dann woanders hingucken. Sie sehen aber trotzdem etwas. Sie kommen sich komisch vor, weil sie angezogen sind. Die Nackten sind einfach nur nackt. 

Ein paar Kinder sammeln eine Riesenmenge kleiner Frösche und legen sie der schlimmsten Tante ins Bett. Das ist ein schöner Abend, als das Kreischen durch die Gänge hallt.

Irgendwann fällt das Klauen auf. Ein Täter wird gesucht. Das Kind kommt in Verdacht. Die Tanten finden das Portemonnaie mit dem Geldstück. Das steht nicht auf der Liste. Das Kind kann nichts erklären. Es wird in ein kleines Zimmer gesperrt und soll nachdenken. Weiter passiert nichts. Die Diebin macht vielsagende Grimassen. Das Kind schweigt.

Am Ende gibt es ein großes Abschiedsfest. Das Kind muss auf der Bühne ein Lied singen und in einer Scharade mitspielen. Alle haben sehr viel Spaß.

Im nächsten Sommer sagt die Mutter, dass das Kind wieder auf die Insel darf. Das Kind fängt an zu weinen. Endlich kann es erzählen, wie es wirklich war.

Die Insel liebt es für immer.





Dienstag, 9. Juli 2013

Dancing Queen

Die junge Frau tanzt. Dass sie dabei gut aussieht, kann sie an den Blicken der Männer erkennen. Das kleine Mädchen, das sie einmal war, hat sie in eine dunkle Kammer gesperrt. Sie hat es fast vergessen. Beim Tanzen vergisst sie alles. Sie ist eine andere. 

Sie ist die, die sich wie nebenbei umschaut, wen sie nachher in ihr Bett mitnimmt. Sie wirkt cool und ist doch eine leichte Beute. Sie ist die, nach der man fragt, wenn sie einmal nicht im Club auftaucht, aber davon weiß sie nichts. Über die geredet wird mit Bewunderung und Neid, aber davon weiß sie nichts. Die einen geheimnisvollen Eindruck macht und als unnahbar gilt. Wüsste sie davon, wäre sie sehr erstaunt. 

Sie glaubt, sie sei immer noch dieselbe wie früher. Aber sie sieht ganz anders aus. Endlich ist sie nicht mehr das dicke Kind.  Sie war eine Weile fort und kam verwandelt zurück. Endlich will sie leben und Spaß haben. Endlich gehört sie dazu. Glaubt sie. 

Sie wünscht sich einen, der sie durchschaut. Sie tut alles, um nicht durchschaut zu werden. Wenn es ihr gelingt, ist sie bitter enttäuscht.

Die Kleine ruft nach ihr, aber sie will nicht hören. Sie weint leise, aber wird nicht getröstet. Erst am nächsten Morgen sind sie wieder zusammen und allein.

Dienstag, 2. Juli 2013

Ich blogge, also bin ich?

Bloggen also. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich mit meinen Äußerungen zeigen konnte und wollte. Ich weiß nicht, wohin das hier führen wird - ich habe kein Projekt, über das ich kontinuierlich berichte, wie etwa Julie Powell, die sich durch Julia Childs' Kochbuch kochte, und deren Geschichte immerhin mit Meryl Streep verfilmt wurde. Übrigens ein wunderbarer Film. Ich habe noch nie jemanden so markant "Bon appétit!" schmettern hören. Aus Julie Powell ist inzwischen offenbar eine begeisterte Metzgerin (!) geworden, und der letzte Eintrag in ihrem Blog stammt vom Herbst 2010.

Ich habe noch nicht einmal ein spezielles Thema - entgegen allen Ratschlägen, die man für Neublogger parat hält. In den Büchern, Blogs, Websites steht dazu ohne Ausnahme, das Wichtigste sei, sich zu spezialisieren. Nicht mit mir. Ich interessiere mich für so ziemlich alles. Naja. Stimmt nicht. Fürs Metzgern etwa kann ich mich bisher nicht begeistern, aber man soll nie "nie" sagen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist "Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen". 

Mein Lebensthema war von klein auf die Scham. Ich schämte mich für alles und jedes, da ich als Kind gelernt hatte, an allem Schuld zu sein. Nur konsequent, dass ich mich später auch dafür schämte, nichts wirklich gut zu können, sondern von vielen Dingen nur ein bisschen was zu verstehen. Es gab natürlich Sachen, die ich richtig gut konnte, aber das habe ich kaum wahrgenommen. Als Mädchen wollte ich abwechselnd Opernsängerin, Schlagersängerin (keine Probleme mit E- und U-Kultur für mich), Forscherin, Modezeichnerin, Reporterin, Schriftstellerin, Regisseurin und noch einiges Andere werden. Ich weiß noch, wie ich mit bewundernswert geduldigen Spielkameraden auf dem Platz vor unserem Wohnblock Theaterstücke einstudierte, die während der Proben erst entstanden. Eigentlich ein recht modernes Konzept, fällt mir heute auf. Ich wunderte mich auch kaum, dass alle auf mein Kommando hörten. Leider ist mir diese Autorität später irgendwie abhanden gekommen.

Diese scheinbare Ziellosigkeit anders zu betrachten, verdanke ich - wie so Vieles - einem Buch. Ich sah den Titel "Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will" und dachte, das ist speziell für mich geschrieben. War es auch. Wie für die vielen anderen Menschen, die unterschiedlichste Interessen hatten und sich deswegen schlecht fühlten, bis Barbara Sher - die Autorin - kam, uns alle tröstete und uns zeigte, dass das auch etwas Schönes sein kann. Klingt banal, hat aber Einiges ausgelöst.

Ein Motiv für den Blog ist: Mit der Scham soll es vorbei sein. Deshalb stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein. Und da ich gerade in vielen Bereichen meines Lebens experimentiere, passt dieses spezielle Experiment dazu.

Mein beruflicher Weg ähnelt seit langer Zeit einer Achterbahn, nur ohne Sicherheitsvorkehrungen. Ab einem bestimmten Alter und mit einem befristeten Job nach dem anderen kann man jederzeit aus der Kurve fliegen. Im Moment fahre ich in eher gemächlichem Tempo in einem langen Tal und habe Zeit zu überlegen. Noch drei Monate, dann droht Harz IV. Im Hartz war ich schon mal* und möchte nicht wieder hin. Bis dahin will ich also einen Teilzeitjob gefunden haben, der mir Zeit und Energie übrig lässt, meinen kleinen Freelance-Gemischtwarenladen auszubauen. 

Die Modeabteilung wird hoffentlich bald eröffnet.

Watch this space.


* Skurrile Geschichten aus dem Hartz demnächst in diesem Theater.



Samstag, 29. Juni 2013

Sentimental Journey

Bei einem Besuch in der elterlichen Wohnung fiel mein Blick auf eine Schale, die im Flur auf dem Sideboard steht.  Solange ich denken kann, steht sie da – früher gefüllt mit Markstücken, heute mit Euromünzen, und jeden Freitag lag dort ein Extrahäufchen mit abgezähltem Geld.

Dieser abgezählte Betrag war für den Eiermann.  Und einer von uns ging bei seinem Klingeln zur Wohnungstür – manchmal noch rosig glühend vom wöchentlichen Wannenbad – und tauschte das Häufchen Münzen gegen zwanzig frische Hühnereier.

Als Kind dachte ich, der Mann im grauen Kittel und mit Hütchen auf dem Kopf hieße Herr Eiermann. Das schien mir einleuchtend. Der Eiermann hieß aber Herr Jäger, war ein Bauer aus der Umgebung und machte jede Woche seine Runde in unserer Siedlung mit den Erzeugnissen  seiner zweifellos glücklichen Hühner. Landwirt war er nicht.  Auch kein Jäger. Sondern Bauer.

So wie auch unser Postbote kein Zusteller war. Der Postbote war ein flinker, freundlicher und fast zur Familie gehörender Mann, der die Post brachte. Wie schön klingt allein das Wort „Bote“. Es erzählt von Erwartung und Vorfreude. Wer hat nicht schon einmal sehnsüchtig auf einen Brief gewartet? Ich erinnere mich an die Briefe meiner Oma, wenn sie oder wir in den Ferien waren. Damals wurden tatsächlich Briefe und Postkarten hin und her geschickt, auch wenn wir nur zwei Wochen ein paar hundert Kilometer entfernt Urlaub machten. Was mich heute noch zum Schmunzeln bringt, war die Abschiedsformel – meine Oma beendete ihre Briefe immer mit denselben Worten: „Nun muss ich schließen.“  Als wenn dringende Aufgaben auf sie warteten. Vielleicht hatte sie diese Floskel irgendwo aufgeschnappt und empfand sie als elegant. Meine Oma stammte aus einer armen Familie und konnte nicht lange zur Schule gehen. Ich staune heute noch, wenn ich Handschriftliches von ihr finde, dass darin kein einziger Rechtschreibfehler zu entdecken ist.

Sehr selten kam ein Telegramm. Telegramme waren – außer bei runden Geburtstagen – immer ein schlechtes Omen. Die harmlosen erkannte man gleich, es waren sogenannte  „Schmucktelegramme“. Die anderen wurden mit Bangen vorsichtig geöffnet und hatten meist Trauriges mitzuteilen. Immerhin war der Empfänger vorgewarnt und konnte sich wappnen. Heute kann es passieren, dass wir nichtsahnend eine SMS anklicken - und  der Lebensabschnittspartner hat Schluss gemacht.


Lebensabschnittspartner gab es damals auch nicht. Genauso wenig wie Studierende. Nachdem ich von der Schülerin zur Abiturientin geworden war, ging ich als Erste der Familie an die Uni. Aber eine Studierende war ich bestimmt nicht, sondern eine ziemlich stolze und aufgeregte Studentin. Studentin zu sein, das bedeutete soviel mehr als zu studieren: eine ganz neue Welt öffnete sich mir, mit schier unendlichen Möglichkeiten. Es gab für mich kaum ein größeres Geschenk als die Entdeckung, wie aufregend es ist zu denken und zu lernen. Ein Schritt hinaus ins Freie. 

Freitag, 28. Juni 2013

Aufbruch

Stell Dich nicht so an, sagt meine Mutter.
Wie Du wieder aussiehst, sagt meine Mutter.
Der wird schon merken, was Du für eine bist, sagt meine Mutter.

Du musst Verständnis haben, sagt meine Oma.

Du bist so gemein, sagt meine Schwester.

Mein Vater sagt - nichts.

Es tut mir so leid, sage ich.

Und gehe endlich

Dienstag, 25. Juni 2013

Der Anfang von Allem

Vor einigen Monaten zeigte die ARD den Fernsehfilm "Unsere Mütter, unsere Väter". Bis kurz vor dem Sendetermin wusste ich nicht, ob ich mir das anschauen sollte / wollte.

Es gab mal einen Film über die Flucht aus Ostpreußen, mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle einer Adligen, die mit all ihren Schutzbefohlenen nach Westen aufbricht. Bei so einer Frau war meine Großmutter "in Stellung", wie das damals hieß. Heute würde man Hausmädchen dazu sagen, und sie war wirklich noch ein Mädchen. Diesen Film wollte ich mir nicht antun.
Geschichten von der großen Flucht hatten meine Kindheit geprägt, und kein kleines Kind sollte sich so etwas anhören müssen. Alpträume und ständige Angst sind garantiert.

Diesmal aber war ich neugierig, und der neue Film hat mich und offenbar viele meiner Generation getroffen und lange beschäftigt. Den folgenden Text habe ich als Beitrag im FAZ-Leserforum geschrieben:

Meine Mutter war Jahrgang 1926, mein Vater ist 1927 geboren. Meine Mutter wuchs in einem kleinen Dorf nahe dem früheren Königsberg auf, mein Vater in Magdeburg.

Im Alter von 17 Jahren wurde der eine mit dem sogenannten letzten Aufgebot in den Krieg geschickt und die andere von der Roten Armee nach Sibirien verschleppt.

Sie begegneten sich mit Ende Zwanzig. Jeder heutige, einigermaßen psychologisch interessierte Mensch kann sich denken, dass zwei dermaßen an Leib und Seele verletzte Menschen nicht gut zu Ehepartnern und Eltern taugen. Natürlich sind sie dennoch beides geworden, sicher aus der Sehnsucht, endlich wieder ein normales Leben zu führen. Es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.

Mein Vater hatte als Soldat das Glück gehabt, schnell in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Dennoch hat er in der kurzen Zeit davor unvorstellbar Schlimmes erlebt und nicht zuletzt seine Heimat verloren. Von der Gefangenschaft in Luxemburg erzählt er bis heute launige Geschichten. Die nicht so lustigen wurden lange nur angedeutet, aber ich sehe doch Szenen aus Erzählungen vor mir, wo er in frischen, sarglosen Gräbern nach seinem Onkel gräbt, um festzustellen, ob der beim letzten Bombenangriff umgekommen ist. Da war er sechzehn.

Meine Mutter war die Tochter eines überzeugten Sozialdemokraten, der ständig gegen Hitler angepredigt hat und die ganze Nazizeit hindurch schikaniert (jedoch nie verhaftet) wurde. So verlor sie ihr Stipendium für die höhere Schule, weil mein Großvater sie nicht zum Bund Deutscher Mädel anmelden wollte. In einer ironischen Laune des Schicksals wurde ausgerechnet ihre Familie für die Verbrechen des Dritten Reichs bestraft (und warum auch nicht?).

Eines Sommernachmittags wurde meine Mutter auf dem Heimweg von ihrer Ausbildungsstelle von der Straße weg verschleppt. Mit vielen anderen jungen Mädchen transportierte man sie in einem Viehwaggon nach Sibirien, um sie dort fünf Jahre lang in Kohlebergwerken schuften zu lassen. Was sie dort sonst erlebt hat - ich habe es mir oft ausgemalt, und es zerreißt mir heute noch das Herz. Erzählt hat sie nie etwas.

Ihre Eltern wussten bis zu ihrer Rückkehr im Jahr 1948 nicht, ob sie noch am Leben war. Meine Großmutter entkam mit einem Flüchtlingstreck aus Ostpreußen nach Norddeutschland. Was viele Menschen nur aus Filmen kennen, hat sie wirklich erlebt: sie musste ihre Mutter – meine Urgroßmutter – im hohen Schnee am Wegrand zurücklassen, weil diese zu schwach war weiterzugehen.

Ich bin 1958 in Frankfurt am Main geboren. Dort lebten meine Eltern zusammen mit den Eltern meiner Mutter; 1962 kam noch meine kleine Schwester dazu.

Die Jugend meiner Eltern im Dritten Reich hat unser ganzes Leben geprägt. Wir wuchsen in einer verdrehten Welt auf, denn schon von klein auf mussten WIR die Eltern sein, und unsere Eltern waren wie Kinder oder Kranke, die unendlich viel Zuwendung und Nachsicht beanspruchten.

Ich wurde groß mit der unausgesprochenen, manchmal auch ausgesprochenen Regel, dass meine Mutter so viel Schlimmes durchgemacht hatte, dass wir sie auf keinen Fall aufregen oder ärgern durften. Dieses Schlimme wurde nicht näher erklärt und dadurch umso bedrohlicher. Wir lernten, möglichst gar nicht da zu sein – uns tot zu stellen. Das funktioniert natürlich am besten, indem man sich das Fühlen ganz abgewöhnt. Dieses Verbot zu fühlen ist unser Familienerbe.

Als wir beiden Schwestern klein waren, war mein Vater noch ausgleichendes Element. Er war ein lustiger Papa, mit dem man wie mit einem Gleichaltrigen spielen und Unsinn machen konnte. Für ein kleines Kind ist das wunderbar. Mein Vater blieb allerdings dabei – seine Art, seine Jugend zu verarbeiten war die Weigerung, erwachsen zu werden. Leider war er nicht wie Oskar aus der Blechtrommel eine literarische Figur, sondern wäre im echten Leben als Vater gebraucht worden. Besonders, als meine Mutter anfing zu trinken.

Beides verzweifelte Versuche, den Schmerz nicht zu spüren.

Schon immer hatte ich das Gefühl, dass ich nicht hier in Frankfurt, sondern in einem  verlorenen Paradies zu Hause sei. Ich hatte Heimweh nach einer Landschaft, die ich nie gesehen hatte: nach dem Dorf am Frischen Haff, aus dem meine Mutter und Oma und Opa stammten.

Dass dies mehr als nur Fantasie war, wurde mir erst später bewusst. Es stimmt ja: Ich habe hier keine Wurzeln. Das Leben meiner Schulfreundinnen mit Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen war mir fremd. Stattdessen: von Anfang an ständige Verwirrung. So kamen manchmal Frauen zum fröhlichen Kaffeeklatsch, die uns als Lagerkameradinnen meiner Mutter vorgestellt wurden. Wie konnte das sein? Das Lager war doch so schrecklich gewesen? Ich verstand es nicht. In einer weiteren Laune hatten die Schicksalswellen ein paar Verwandte meiner Mutter – also die Familie aus Ostpreußen – nach dem Krieg nach Magdeburg gespült, das ja meines Vaters Heimatstadt ist. Als Kind wusste ich nie, wer zu wem gehört oder woher kommt. Und erklärt wurde nichts. Es wurde über die wichtigsten Dinge einfach nicht gesprochen.

Erstaunlicherweise gab es nie einen Zweifel daran, dass wir – die Deutschen -  verantwortlich waren. Es gab in unserer Familie keinen Revisionismus – nie war die Rede von den „bösen Russen“ oder davon, dass früher alles besser gewesen sei. Nur die Heimat wurde schmerzlich vermisst. Ansonsten galt es die Zähne zusammen zu beißen und sich nicht zu beklagen.

Meine Schwester und ich verdienten uns unsere Existenzberechtigung mit den aussichtslosen Versuchen, unsere Eltern zu heilen. Ich bin heute sicher, dass das sehr vielen aus meiner Generation so ergangen ist und noch ergeht. Symbolisch betrachtet, ist meine Schwester an dieser vergeblichen Liebesmühe gestorben. Uns beiden ist es nicht gelungen, selbst eine Familie zu gründen oder auch nur eine stabile Existenz aufzubauen.

Das Dilemma für uns Nachkommen ist: Unsere Eltern sind nicht daran schuld, dass sie zu seelisch Versehrten wurden. Aber sie konnten auch keine Verantwortung dafür übernehmen und haben dieses Leid an uns Kinder weitergegeben. Wir haben dafür bezahlt – damit, dass wir nicht Kind sein und noch nicht einmal jemanden dafür einen Vorwurf machen durften, denn dann hätten wir unsere Eltern ja doppelt im Stich gelassen. Stattdessen wurden WIR im Stich gelassen und mussten uns in mühsamer und langjähriger seelischer Arbeit ein kleines Stück vom Glück erobern.

Mein Vater ist noch am Leben. Ich habe noch nie ein wirkliches Gespräch mit ihm geführt.

Wenn ich einmal sterbe, ist unser Familienfluch endgültig gebrochen. Aber manchmal macht es mich wütend und traurig, dass dies der Sinn meines Lebens (gewesen) sein soll.

Homecoming

Finally she is returning home. She is happy and exited. A whole week without Mom and Dad and Grandma and Grandpa is still pretty long. Especially if you have no visitors. But she is supposed to be reasonable. Because she is a big girl now. Since little sister has arrived she is the older one. After all, she is already four years and three months old.

The best thing about the tonsillectomy was that every day, they gave her ice cream for dessert. Unfortunately, there were also nasty, sour-tasting tablets. But she always dropped them secretly under the bed. She imagines how some nurse will find the small pink round thingies she had already sucked on a little. She gets a weird anxious feeling in her tummy. No, better not think about that. What if the boss of the hospital writes to her parents, and everything comes out!

Better to look out the car window and watch the trees whizz by. Driving in a car is rather exciting. All the way from Bad Homburg to Frankfurt. She can  understand that Mom and Dad could not come to visit. She always tries to be reasonable and calm. Everything else would be too stressful for her family. SHE would be too much stress for her family.

Now she can already see the familiar buildings. One more turn and they are in her street. She sees the third floor balcony. And - she almost doesn’t trust her eyes - there is a gigantic doll! She can see a small round head and a narrow flared dress in bright stripes. A doll just for her, because she comes home today and has been such a good girl.

So they do look forward to her return.  And the doll is a surprise, that’s why it  stands on the balcony. She will pretend she hasn’t noticed.

Now she gets out, one of the men in their elegant white uniforms carrying her small suitcase up the stairs to the front door. Granny stands there and says hello, then she immediately turns around and goes back to the cradle where the baby lies. Mostly it is not laying there quietly, but is very agile and cheerful and noisy. Sometimes it is screaming. But everybody loves the baby, and she must love it, too. After all, it is her little sister.

She can hardly wait until someone shows her the doll. But nothing happens. Then it's time for bed. She gathers all her courage and asks.

"You silly thing," says mom. "It's just the new parasol!" And laughs at her. The heat is flooding her face. She is mortified.



Montag, 24. Juni 2013

Heimkehr

Endlich darf sie wieder nach Hause. Sie ist schon ganz aufgeregt. Eine Woche ohne Mutti und Vati und Oma und Opa  ist doch ganz schön lang. Vor allem, wenn man keinen Besuch kriegt. Aber sie sollte ja vernünftig sein. Sie sei doch schon groß. Seit die kleine Schwester da ist, ist sie die Große. Und das stimmt. Sie ist schon vier Jahre und drei Monate.

Das Beste an der Mandeloperation war, dass es jeden Tag Eis zum Nachtisch gab. Leider gab es danach noch so eklige saure Tabletten. Aber die hat sie immer schnell hinters Bett fallen lassen. Sie stellt sich vor, wie eine Putzfrau die vielen kleinen rosa angelutschten Dinger findet. Ihr wird etwas kribbelig im Bauch. Nein, da denkt sie lieber nicht weiter dran. Was ist, wenn die Leute vom Krankenhaus bei ihren Eltern nachfragen, und alles kommt raus.

Sie schaut lieber aus dem Autofenster. Wie die Bäume vorbeizischen. Autofahren ist aufregend. Und die zwei Männer, die sie nach Hause bringen, haben ganz schicke weiße Uniformen an. Sie fahren sie den ganzen Weg von Bad Homburg nach Frankfurt. Da kann man schon verstehen, dass Mutti und Vati nicht zu Besuch kommen konnten. Sie versucht immer vernünftig zu sein und keine Angst zu haben. Sonst ist alles zu anstrengend für die Anderen. Also SIE ist dann zu anstrengend. Mutti darf sich nicht aufregen.

Jetzt kann sie schon die Häuser erkennen. Noch einmal abbiegen, und sie sind in  ihrer Straße. Sie sieht den Balkon im dritten Stock. Und – sie kann es fast nicht  glauben – da steht eine riesengroße Puppe. Sie hat einen kleinen runden Kopf, ein Halsband und ein schmales ausgestelltes Kleid in bunten Streifen. Nur für sie, weil sie heute nach Hause kommt und so tapfer war.

Also freuen sie sich doch. Und die Puppe soll eine Überraschung sein, deshalb steht sie auf dem Balkon. Sie wird so tun, als hätte sie nichts bemerkt.

Jetzt steigt sie aus, einer der Männer trägt ihr den kleinen Koffer die Treppe hoch bis zur Wohnungstür. Oma steht da und begrüßt sie, dann dreht sie sich um und geht wieder zur Wiege, in der das Baby liegt. Meistens liegt es gar nicht, sondern ist ganz beweglich und fröhlich und laut. Manchmal schreit es auch. Aber alle lieben das Baby, und sie muss es auch lieben. Es ist ja ihre kleine Schwester.

Sie kann kaum erwarten, dass ihr endlich jemand die Puppe zeigt. Aber nichts passiert. Dann ist es schon Zeit zum Schlafengehen. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und fragt.

„Du dummes Ding“, sagt Mutti. „Das ist doch nur der neue Sonnenschirm!“ und lacht sie aus. Die Hitze schießt ihr ins Gesicht. Sie schämt sich entsetzlich.