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Donnerstag, 22. Juni 2017

Tschüss, Vati

Ich habe ja mal unter der Prämisse angefangen hier zu posten, dass ich mir schreibend über einiges und auch mich klar werden wollte. Naja. Hat nur so teilweise geklappt. 

Nun habe ich bis auf wenige Ausnahmen sehr lange nichts mehr vermerkt und heute gibts ebenfalls nur einen kurzen News Update - aber es scheint mir ein wichtiger Moment zu sein. Heute habe ich meinen Vater beerdigt. Wie das klingt. Als hätte ich im Schweiße meines Angesichts die Grube für seinen Sarg ausgehoben. Den es nicht gab, oder nur kurz als Transportbehältnis für den Körper vom Hospiz zum Krematorium. Aber nicht auf der Beerdigung.

Beigesetzt haben wir heute eine schwarze, im Design fast elegante Urne mit der Asche des Körpers, in dem für etwas mehr als 90 Jahre mein Vater gewohnt hat.

Wir - das waren eine evangelische Pfarrerin, eine Dame, die meinen Vater im Rahmen ihres Ehrenamts einige Male besucht hat, und ich, seine übrig gebliebene Tochter.

Bis dahin hatte ich noch keine einzige Träne geweint, aber ich wusste natürlich, sobald der erste Ton der Musik erklingt, geht das Geheule los. Ich war regelrecht erleichtert, dass es wirklich so war. Auch wenn die Künste des Organisten etwas zu wünschen übrig ließen. Vielleicht hätte ich ihn doch erst nach der Feier bezahlen sollen.

Während der Predigt habe ich mich ein paar Mal bei dem Wunsch ertappt, zu der Gemeinde von Christen zu gehören, die an all diese tröstlichen Dinge glauben, an die ja auch mein Vater geglaubt hat. Für ihn habe ich das Ganze schließlich organisiert. Aber ach, es ist mir nicht gegeben zu glauben...

Aber sogar mich olle Atheistin haben die althergebrachten Worte und der Segen getröstet.  

Ich bin in ganz friedlicher und ruhiger Stimmung nach Hause zurück gekehrt.






Montag, 23. November 2015

Nachts im Museum - Teil I

Ich bin ja so ziemlich das Gegenteil von einem Nerd oder einer Social Media-Expertin. Als ich mich für den Community-Abend im Städel anmeldete, rechnete ich schon halb damit, dass ich sofort als Hochstaplerin entlarvt würde. Aber nein. Stattdessen wurde ich eingeladen. Das verdanke ich Angelika, einer Freundin, ohne die ich gar nichts von diesem Event gewusst hätte, und ohne die ich mich vielleicht gar nicht hingetraut hätte. Außerdem macht sowas zu zweit natürlich mehr Laune.

Schon am Nachmittag wurde ich von meiner ständigen Begleiterin, Mme la Depression, heftig herumgeschubst in der Absicht, mich am Ende zum Absagen zu bringen. Einen Grund nach dem anderen malte sie grausam-genüßlich vor mir aus - ich sei zu alt, zu fett, zu uncool, zu ungeschickt, der Kleiderschrank gebe nichts her, jetzt regnete es auch noch, zum Haare waschen sei es eh' zu spät - aber in einem Akt des Aufbäumens habe ich sie gepackt und zum Schämen in die Ecke geschickt. Die Versuchung war groß ihr nachzugeben, nur dass sie mich schon seit einer Woche in den Klauen hatte und es höchste Zeit war, mich zu wehren.

Also frisch geduscht und geföhnt zum Bus gespurtet und mit Angelika zusammen nach Sachsenhausen gefahren. Bis dahin war ich wieder einigermaßen gefasst und dafür Angelika etwas aufgeregt. Sie kann eine Menge toller Sachen, denkt aber, es müsse alles noch viel toller sein um nicht zu sagen überperfekt. Man kennt das von talentierten Menschen. Und je angespannter jemand in meiner Nähe ist, desto abgeklärter werde ich.

Schon am uns angezeigten  Personal-Eingang sah ich zu meiner weiteren Beruhigung, dass die Gäste ein bunt gemischter Haufen waren, die freudig gespannt auf Einlass warteten.  An der Pinnwand im Gang hing ein Foto von Max Hollein mit der Überschrift "Hausmeister". Das erinnerte mich an die fröhlicheren Momente meiner Studentenzeit. 

Die Organisatoren hatten uns vorher eine Liste von Themen zur Auswahl geschickt, zu denen an diesem Abend Führungen bzw. Vorträge stattfanden. Ich habe mir schon immer gewünscht, einen Blick in die Werkstatt der Restauratoren zu werfen. Nachdem ich mein erstes Studium geschmissen hatte, habe ich ein Weilchen damit geliebäugelt, diesen Beruf zu erlernen. Das war damals total angesagt: Wer nicht studierte oder schnell wieder damit aufhörte, wollte "lieber was mit den Händen" machen. Die Jungs Schreiner, die Mädels Goldschmiedin oder eben Restauratorin.

Als zweites Thema hatte ich mir eine Wanderung durchs Museum ausgesucht - mit vier Bildern durch ebenso viele Jahrhunderte. 

Endlich drin, steuerten wir erstmal die Bar an. Angelika war mir (euronenmäßig) ausgeliefert, weil sie Ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Wenigstens war uns das nicht gleichzeitig passiert. Ich besorgte uns zweimal Weißwein, und dann lauschten wir der launigen Rede eines PR-Menschen. Kurz darauf sollten wir uns bereitmachen für die Gruppenaktivitäten. Huch - so plötzlich! Wenn ich schon für den Wein bezahlt hatte, wollte ich den auch austrinken. Was hieß, ich musste das noch fast volle Glas in uneleganter Eile abkippen. Ich trat also gleich etwas beschickert an, die erste Attraktion zu erleben. 

Meine Gruppe hatte einen türkisen Punkt als Kennzeichen, ich stand schon ein Weilchen am Start, bevor mich jemand drauf hinwies, das sei hier die blaue Gruppe und ob ich sicher sei, dass der Punkt auf meinem Namensschildchen nicht eher türkis....? Ich fühlte mich gleich doppelt ertappt. Einmal von dem netten Herrn und einmal von Sigmund Freud.

Beim richtigen Grüppchen angekommen, stellte ich fest, dass es fast nur aus Männern bestand. Das muss ich wohl laut gesagt haben, denn einer der Männer antwortete: "Das sind alles Wikis. Wikipedia ist in männlicher Hand." Ich hatte natürlich gleich an den kleinen Wikinger gedacht, das aber stumm. Stattdessen entschlüpfte mir was von "Mansplaining", aber die anwesenden Wiki- oder was-auch-immer-Männer waren sehr freundlich zu mir. Die Nachsicht der Mächtigen.

Friedlich wie eine kleine  Schafherde trotteten wir brav hinter unserer Kunstvermittlerin
 her zum ersten Jahrhundertbild.



Dies ist nicht nur der Beweis dafür, dass es bei der Qualität meiner Aufnahmen noch viel Luft nach oben gibt, sondern auch eines der berühmtesten Gemälde der Renaissance, rechts, und unsere temperamentvolle und so kenntnisreiche wie unterhaltsame Kunstvermittlerin, links.

Über den Botticelli und seine wahrscheinliche Entstehungsgeschichte haben wir eine Menge gelernt, ebenso wie über die Forschung zur Identität der porträtierten Dame. Am besten in Erinnerung blieb mir jedoch die Bemerkung, wir Mädels sollten uns angesichts der Haarpracht der Schönen nicht allzu sehr grämen, auch damals habe man nämlich schon mit Extensions gearbeitet. Ha!

...tbc...









Mittwoch, 3. September 2014

Alles auf Anfang?

Nachdem ich aus der Reha heimgekehrt und alle meine lieben Besucher wieder abgereist waren, kam der Totalabsturz. In rasender Geschwindigkeit kullerte ich ins heimatliche so vertraute schwarze Loch und konnte diesmal überhaupt nichts zum Festhalten finden.

Das ist nun eine Woche her, und ich klettere gerade wieder hinaus. Sehr anstrengend! Bin ungefähr auf einer Höhe, wo ich schon über den Rand schauen kann. Und etwas ist mir klar geworden:

Ich bin immer noch nicht ganz aufrichtig, dabei war das ja der Anspruch an mich selbst, als ich diesen Blog anfing.

Ich schreibe weiterhin über "alles und jedes", weil mich nun mal fast alles interessiert und ich mir das nicht nehmen will. Aber zugrunde liegt allem und jedem in meinem Leben die Depression.

Natürlich ist es einfacher und schöner, lustige Geschichten zu schreiben - die sind auch nicht etwa erfunden. Sie sind aber nur ein kleiner Teil meines Daseins, und jeder lustige oder glückliche Moment ist eigentlich der Depression abgerungen, mit der ich lebe.

Ich wollte wohl einfach kein Opfer mehr sein, und Herumjammern ist mir zuwider. Damit - das wird mir jetzt erst richtig klar - lehne ich einen wichtigen Teil meines Selbst ab. Das kann nicht gut ausgehen. Nun ja, ist es auch nicht.

Ich will von nun an nichts mehr ausblenden. Sondern berichten, wie es geht, und was ich Neues gelernt habe über das Leben mit dem "schwarzen Hund". Ich gehöre nun mal zu einem besonderen Stamm. Zu demselben, dem auch Robin Williams, David Foster Wallace, die Monroe und viele Millionen unberühmter Menschen angehörten.

Es muss einen anderen Weg zum inneren Frieden geben als den Suizid. Und den gibt es. Das zumindest habe ich gelernt und vergesse es auch während der Zeit der Finsternis nicht.



Donnerstag, 4. Juli 2013

Freude und Leid

Ich bin eine alte Krimi-Tante. Manchmal muss ich mich regelrecht zwingen, was "Anständiges" zu lesen. Aber zur Zeit verschlinge ich die Thriller von Ann Cleeves mit ihrer Detektivin Vera Stanhope. Die ist mir schon deshalb sofort ans Herz gewachsen, weil sie als groß und breit und etwas schlampig beschrieben wird. Natürlich hat sie auch eine zarte Seite, aber Ihre Erscheinung nutzt sie, um Ihre Gegner in Sicherheit zu wiegen und dann überraschend scharfsinnig zuzuschlagen. Sie wird natürlich unterschätzt - was soll so 'ne dicke, grobschlächtige und nicht mal gut angezogene Frau schon draufhaben. Ich würde ihr gern eine Typberatung vorschlagen, und sie würde sich mit Händen und Füßen und bissigen Bemerkungen dagegen wehren. 

Sei dem wie es sei - die Protagonistin ist wunderbar kratzbürstig, die Charaktere durchweg interessant, die Geschichten psychologisch verzwickt, und nicht zuletzt spielt die Landschaft - das englische Northumberland - eine wichtige Rolle. Man kriegt direkt Lust, sich die herbe Gegend am Meer selbst mal anzusehen. 

So habe ich gerade einen der auftauchenden Ortsnamen gegoogelt. Das erste Ergebnis: der Ort ist fiktiv. Ich bin dann aber auf einer wunderbaren Website für Krimifans gelandet: Wheredunnit. Abgeleitet von Whodunnit, womit der klassische Krimi beschrieben wird, und was sich mit "Wer war's?" übersetzen lässt. In diesem Blog werden die Handlungsorte erkundet - ob authentisch oder fiktiv. Eine schöne Idee. Ich habe mich erst nur kurz umgeschaut und viel Lesefutter über einige Lieblingsautoren gefunden, etwa über Stieg Larsson, Hakan Nesser, Val McDermid und andere. An einer Stelle bedauert die Autorin, dass offenbar so wenige deutsche Krimis ins Englische übersetzt werden. Die Frau war mir sympathisch, und ich wollte gern mehr erfahren.

Dann fiel mir auf, dass der Blog im Jahr 2009 endet. Das allein ist ja nichts Besonderes. Aber als ich dann in einem der letzten Posts las, dass die Autorin eine Krebsdiagnose erhalten hatte und über diese Erfahrung in einem neuen Blog berichten wollte, wurde mir schon etwas bang. Ich schaute mir ihren "Cancer Blog" an, und auch dieser endet 2009. Der letzte Eintrag lautet "Just my rotten luck".

Natürlich weiß ich nicht, ob meine Phantasie zutrifft. Aber ihre Berichte über den Verlauf der Krankheit geben keinen Anlass zum Optimismus, und der Krimi-Blog sieht aus wie einer, der mit Begeisterung und Sorgfalt gestaltet wurde. Der also nicht einfach so aufgegeben wird.  

Das Internet führt zu seltsamen und überraschenden Erfahrungen. So lese ich den Krimi-Blog mit Freude und Bedauern und trauere um eine mir völlig unbekannte Frau.  





Dienstag, 2. Juli 2013

Ich blogge, also bin ich?

Bloggen also. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich mit meinen Äußerungen zeigen konnte und wollte. Ich weiß nicht, wohin das hier führen wird - ich habe kein Projekt, über das ich kontinuierlich berichte, wie etwa Julie Powell, die sich durch Julia Childs' Kochbuch kochte, und deren Geschichte immerhin mit Meryl Streep verfilmt wurde. Übrigens ein wunderbarer Film. Ich habe noch nie jemanden so markant "Bon appétit!" schmettern hören. Aus Julie Powell ist inzwischen offenbar eine begeisterte Metzgerin (!) geworden, und der letzte Eintrag in ihrem Blog stammt vom Herbst 2010.

Ich habe noch nicht einmal ein spezielles Thema - entgegen allen Ratschlägen, die man für Neublogger parat hält. In den Büchern, Blogs, Websites steht dazu ohne Ausnahme, das Wichtigste sei, sich zu spezialisieren. Nicht mit mir. Ich interessiere mich für so ziemlich alles. Naja. Stimmt nicht. Fürs Metzgern etwa kann ich mich bisher nicht begeistern, aber man soll nie "nie" sagen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist "Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen". 

Mein Lebensthema war von klein auf die Scham. Ich schämte mich für alles und jedes, da ich als Kind gelernt hatte, an allem Schuld zu sein. Nur konsequent, dass ich mich später auch dafür schämte, nichts wirklich gut zu können, sondern von vielen Dingen nur ein bisschen was zu verstehen. Es gab natürlich Sachen, die ich richtig gut konnte, aber das habe ich kaum wahrgenommen. Als Mädchen wollte ich abwechselnd Opernsängerin, Schlagersängerin (keine Probleme mit E- und U-Kultur für mich), Forscherin, Modezeichnerin, Reporterin, Schriftstellerin, Regisseurin und noch einiges Andere werden. Ich weiß noch, wie ich mit bewundernswert geduldigen Spielkameraden auf dem Platz vor unserem Wohnblock Theaterstücke einstudierte, die während der Proben erst entstanden. Eigentlich ein recht modernes Konzept, fällt mir heute auf. Ich wunderte mich auch kaum, dass alle auf mein Kommando hörten. Leider ist mir diese Autorität später irgendwie abhanden gekommen.

Diese scheinbare Ziellosigkeit anders zu betrachten, verdanke ich - wie so Vieles - einem Buch. Ich sah den Titel "Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will" und dachte, das ist speziell für mich geschrieben. War es auch. Wie für die vielen anderen Menschen, die unterschiedlichste Interessen hatten und sich deswegen schlecht fühlten, bis Barbara Sher - die Autorin - kam, uns alle tröstete und uns zeigte, dass das auch etwas Schönes sein kann. Klingt banal, hat aber Einiges ausgelöst.

Ein Motiv für den Blog ist: Mit der Scham soll es vorbei sein. Deshalb stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein. Und da ich gerade in vielen Bereichen meines Lebens experimentiere, passt dieses spezielle Experiment dazu.

Mein beruflicher Weg ähnelt seit langer Zeit einer Achterbahn, nur ohne Sicherheitsvorkehrungen. Ab einem bestimmten Alter und mit einem befristeten Job nach dem anderen kann man jederzeit aus der Kurve fliegen. Im Moment fahre ich in eher gemächlichem Tempo in einem langen Tal und habe Zeit zu überlegen. Noch drei Monate, dann droht Harz IV. Im Hartz war ich schon mal* und möchte nicht wieder hin. Bis dahin will ich also einen Teilzeitjob gefunden haben, der mir Zeit und Energie übrig lässt, meinen kleinen Freelance-Gemischtwarenladen auszubauen. 

Die Modeabteilung wird hoffentlich bald eröffnet.

Watch this space.


* Skurrile Geschichten aus dem Hartz demnächst in diesem Theater.