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Mittwoch, 8. April 2020

Jobkrise - Krisenjob

Über einen kuriosen Schlenker habe ich ausgerechnet in dieser Krise einen Job angeboten bekommen, nachdem ich monatelang vergeblich gesucht hatte. Und zwar einen, den es in dieser Form auch nur in diesen Zeiten geben konnte.

Nun unterstütze ich seit etwas über einer Woche einen chinesischen Unternehmer dabei, Gesichts-Schutzmasken an das deutsche Volk zu bringen. Beziehungsweise an dessen Vertreter, wie Herrn Spahn und Kollegen.

Das ist eine Herausforderung, um es milde auszudrücken.

Ich stand - wie wohl wir alle, die täglich die Neuigkeiten zu Corona verfolgen - unter dem Eindruck der Berichte, in denen Klinikchefs, Oberärztinnen, Pflegedienstleiterinnen, Sanitäter und viele andere händeringend nach den Masken verlangten.

Also sollte man meinen, ein  seriöses Angebot würde sehnlichst erwartet. Dem war nicht so. Oder vielleicht doch, aber allein die Kontaktaufnahme war ein Hürdenlauf. Die Tele-Kommunikation ist offenbar überhaupt nicht auf wirkliche Herausforderungen vorbereitet. Nicht einmal, wo man es voraussetzen würde, nämlich beim Gesundheitsministerium. Immerhin erhielt ich von dort die E-Mail-Adresse des Krisenstabs, der wiederum innerhalb 24 Stunden geantwortet hat. In der Antwort stand aber buchstäblich nichts Konkretes, und erst vor ein paar Tagen wurde die Online-Ausschreibung für solche Angebote eingerichtet. Das heißt, alles nochmal von vorn anfangen, nur viel umständlicher und aufwändiger. (Wobei ich selbstverständlich richtig finde, dass auf Regeln und Zertifikationen geachtet wird.)

Ich bin froh, dass dies nicht mein  Job ist,  sondern der meines deutschen Kollegen, der den eigentlichen Vertrieb managt.

Seit ich von seiner Existenz weiß (dazu später), ist meine Tätigkeit nochmals interessanter geworden. Jetzt bin ich die einzige Frau im Bunde. Und - wer hätte das gedacht - nun sind vor allem anderen die Soft Skills gefragt.

Denn die eigentliche Herausforderung ist die interkulturelle Kommunikation. Die nebenbei für Lachanfälle sorgt, wenn ich wieder ein Telefonat mit meinem Boss in China beendet habe. Anfangs waren es Wutanfälle, aber ich habe schnell dazugelernt.

Mein erster Impuls, wenn ich einen Auftrag bekomme, ist ja seit jeher, mich sofort fürs Ganze verantwortlich zu fühlen und mit dem üblichen Perfektionismus alles zu tun, was irgendwie zum Ziel führt. Wahrscheinlich war ich schon als Baby so. Also sitzt das richtig tief. Aber bei diesem Job habe ich gemerkt, wieviel besser ich inzwischen mit diesem inneren Befehl klar komme. Nach kurzer Zeit habe ich entschieden, dass das gar nicht meine Aufgabe ist und ich nur mache, was vereinbart wurde, und wofür ich kompetent bin. Und nicht zuletzt, wofür ich bezahlt werde. Denn ein Managergehalt  wie früher mal bekomme ich natürlich nicht. Allerdings auch keinen Hungerlohn.

Eine Stellenanzeige für meinen Job würde so aussehen:

"Haben Sie Erfahrung in Office Management, Projektplanung und -organisation und sind mit allen modernen IT-Anforderungen vertraut? 

Sind Sie perfekt in mündlicher und schriftlicher Kommunikation auf Deutsch und  Englisch, und können Sie Anrufe und Texte verstehen und übersetzen, deren Englisch rudimentär ist, und deren Inhalte häufig rätselhaft erscheinen? 

Kommen Sie mit einem Vorgesetzten zurecht, der sehr geheimniskrämerisch und misstrauisch ist und Sie stündlich mit wichtigen Neuigkeiten überrascht, wie zum Beispiel Namen von Kollegen, von deren Existenz Sie bisher gar nichts ahnten?

Verfügen Sie über nahezu endlose Geduld, wenn Ihnen jemand Sachverhalte immer noch einmal erklären möchte,  die Sie längst verstanden haben (sagt Ihnen der Begriff Mansplaning etwas?)?

Wären Sie zusätzlich bereit, telefon-seelsorgerische Aufgaben zu übernehmen und dabei zwischen verschiedenen Stakeholdern zu vermitteln?

Dies alles selbstverständlich neben den herkömmlichen Aufgaben, die in Ihrer Position verlangt werden.

Dann würden wir uns freuen, von Ihnen zu hören!"

Wenn alles überstanden ist, werde ich mich für den diplomatischen Dienst bewerben. 






Sonntag, 19. Juni 2016

Hartz cont.

Das Verrückte ist: Vor dem nächsten  Jobcenter-Termin war ich recht gelassen, denn es ging ja nur darum, die Unterlagen für meinen Antrag abzugeben. Dachte ich. Und zack - die nächste Katastrophe bricht über mich herein.

Liebe Kinder, heute lernen wir, was der Begriff "Zuflussprinzip" bedeutet. 

Am besten erkläre ich Euch dies an einem Beispiel aus dem wirklichen Leben. Und nun gebt fein acht:

Eine Frau, die schon länger krank ist und deshalb Krankengeld bekommt von ihrer Versicherung, erhält von dieser Versicherung die Nachricht, dass ihr Anspruch auf dieses Geld abgelaufen ist. Die Versicherung muss nämlich nur eine Zeit lang bezahlen, und dann nicht mehr. Leider hat die Versicherung nicht aufgepasst und bittet die Frau um Entschuldigung. Dafür wird sie aber ein bisschen länger bezahlen. Und zwar bis zu dem Tag, wo es aufgefallen ist, dass die Frau gar kein Geld mehr kriegen darf. 

Da die Frau auch vor dem krank werden schon keine Arbeit mehr hatte, muss sie nun so schnell wie möglich das Geld beantragen, dass von den meisten Leuten "Hartz IV" genannt wird. 

Nun gibt es aber einen wichtigen Unterschied zwischen diesen verschiedenen Geldern: Das Krankengeld bekommt man immer rückwirkend. Das ist logisch und gerecht, weil man ja im Allgemeinen weder vorher plant noch wissen kann, wie lange man noch krank sein wird. 

Es funktioniert so: Der Kranke geht zum Arzt, und der Arzt bescheinigt ihm - oder auch nicht - dass er noch krank ist. Diese Bescheinigung schickt der Kranke an seine Versicherung, die prüft, ob alles richtig ausgefüllt ist, und dann erst schickt sie das Geld. 

Wenn jemand, wie die Frau in  unserer Geschichte, schon länger krank ist, fragt die Versicherung zwischendrin immer mal den  Arzt oder die Kranke, wie lange das denn noch dauert. Die Versicherung hat natürlich keine Lust, immer weiter Geld zu zahlen, obwohl sie eigentlich genau dafür da ist. 

Außerdem lässt die Versicherung sich auch noch andere lustige Dinge einfallen. Einmal hat der Arzt das Formular nicht ganz richtig in den Drucker gelegt, so dass die Kreuzchen einen Millimeter neben den passenden Kästchen gelandet sind.

Daraufhin hat die Versicherung einfach das hier gemacht: NICHTS. 

Die Frau wartete dringend auf ihr Geld, weil sie natürlich trotz Krankheit alles Wichtige weiter bezahlen muss. Dem Vermieter, den Stadtwerken und der Telefongesellschaft ist es ja egal, ob sie ihr Geld zu spät bekommt. Das versteht die Frau auch, und es macht ihr große Angst, wenn sie nicht rechtzeitig bezahlen kann. 

Sie muss also immer genau aufpassen, wann sie zum Arzt geht und das Formular an die Versicherung schickt. Immer wieder muss sie anrufen und nachfragen. Das klingt eigentlich gar nicht schlimm, aber wenn man krank ist, scheint alles viel anstrengender als sonst. Und den Leuten  von der Versicherung sind die Menschen eigentlich egal. Jedenfalls glaubt die Frau das allmählich, weil sie ihr schon oft falsche Sachen erzählt haben, und sie sich darauf verlassen hat. Was sie nicht hätte machen sollen. 

Schneller gesund wird man von sowas auch nicht gerade.

Diesmal hat die Versicherung am Anfang eines Monats bezahlt. Das Geld ist für den Monat davor. Die Frau denkt sich nichts  Schlimmes dabei, denn wichtig ist nur, dass sie ihre regelmäßigen Rechnungen - wenn auch mit ein paar Tagen Verspätung - endlich bezahlen kann.

Dann muss sie zu dem Amt, das für das Hartz IV zuständig ist. Dort muss sie alles vorzeigen, was mit ihrem Geld zu tun hat. Das Amt muss ja wissen, ob sie nicht schwindelt und von irgendwo her Geld bekommt, so dass sie gar kein Hartz IV kriegen darf. 

Der Mann auf dem Amt sagt ihr, dass sie ja diesen Monat schon Geld bekommen hat und deswegen nichts mehr kriegt. Die Frau erschreckt sich fürchterlich. Sie sagt, dass dieses Geld schon verbraucht ist - es war ja  für den letzten Monat. Das interessiert zwar den freundlichen Mann, aber nicht das Amt. Der Mann findet das auch ungerecht, er kann aber nichts machen. 

Und das, liebe Kinder, liegt am Zufluss-Prinzip. Das Geld ist der Frau in  dem Monat "zugeflossen", in dem sie dieses blöde Hartz IV beantragen musste, und dem Gesetz ist es egal, für wann das Geld gedacht war. 

Aber was ist mit den Menschen, die dieses Gesetz gemacht haben? Das fragt die Frau sich immer öfter.

Montag, 30. Mai 2016

Willkommen im Hartz

Heute war also der Tag, vor dem ich mich die ganze Zeit so gefürchtet habe. Der Tiefpunkt. Oder so hat es eine Jobcenter-Mitarbeiterin in einer Fernseh-Reportage bezeichnet. Darin wurde eine Gruppe Langzeitarbeitsloser über mehrere Monate begleitet und erzählt, was die so erlebt haben in dieser bitteren Lage. Ist schon ein paar Jahre her, dass die Sendung lief. Das war, als das Thema noch jemanden interessiert hat. Also jemanden außer den Betroffenen. Heute ist ja der Arbeitsmarkt so supi, dass diese Menschen, zu denen ich nun auch wieder gehöre, nicht mehr groß erwähnt werden. Wir sind die Abgehängten, Vergessenen, Schwervermittelbaren. 

Was den Tiefpunkt angeht: In der erwähnten Reportage wurde einem Mann mittleren Alters, der eine gute Ausbildung und einen beachtlichen Berufsweg hinter sich hatte, mitgeteilt, er sei ja nun ganz unten angekommen und habe gar nichts  mehr zu wollen. 

Vor sowas hatte ich Angst. Ich bin heute mit dem festen Vorsatz zum Amt gefahren, mich ganz sachlich-höflich zu verhalten und nicht sofort wieder auf jede blöde Bemerkung anzuspringen. Oder mir anmerken zu lassen, wie klein und schrecklich ich mich fühle. Da ich vor lauter schlimmen Zukunftsvisionen seit Wochen nicht mehr richtig schlafen kann, würde das vielleicht klappen. Wenn  man sich so halb in Trance befindet, sind die Reaktionen ja eher verzögert, und in dieser Verzögerungsphase kann der Verstand eingreifen. Hoffte ich.

Als ich in die Straße einbog, wurde mir die Ironie der Situation bewusst: Schräg gegenüber vom Jobcenter ist eine  renommierte Werbeagentur, in der ich in meiner letzten beruflichen Position so manches Mal als Kundin im Taxi vorgefahren bin. Nun bin ich buchstäblich auf der anderen Seite gelandet. Die Straßenbahnlinie führt in eine Gegend, in der heftige Gentrifizierung stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Um  diese Uhrzeit - morgens zwischen acht und neun - sind die Angestellten in ihre diversen Kreativ- und sonstigen Unternehmen unterwegs. Man könnte mich glatt für eine von ihnen halten. Wenn man nicht so genau hinschaut. 

Vor dem Gebäude angekommen, pralle ich regelrecht an der Warteschlange ab. Die Sprechzeiten wurden rigoros zusammengekürzt und Stellen abgebaut, weil ja der  Arbeitsmarkt brummt - siehe oben. Die nicht mitbrummen können, haben sich hier eingefunden. Mir fällt auf, dass viele extrem fette und extrem magere Leute in der Schlange stehen, vom Leben geschlagen sehen sie alle aus, ob dick oder dünn. Ich gebe zu, dass in mir eine Stimme immer noch darauf beharrt, dass ich doch nicht "zu denen" gehöre. Stimmt aber nicht - momentan gehöre ich hierher. Weiter fällt mir auf, dass zumindest  im Eingangsbereich die Jobcenter-Mitarbeiter nicht viel anders aussehen als wir, ihre "Kunden". 

Ich bin endlich an  der Reihe und sage, dass ich heute meinen Antrag abgeben möchte. Ich muss meinen Ausweis  vorlegen. "Sie leben allein", sagt die Frau am Schalter. Ich sage nichts, es war ja keine Frage. "Was ist denn nun,  leben Sie allein?!" "Ja.". "Gut, dann gehen Sie bitte zum Wartebereich. Sie werden dann aufgerufen."

Mach' ich. Es dauert gar nicht lange, bis eine Frauenstimme meinen Namen durch das Foyer trompetet. Das Recht auf Diskretion haben wir wohl auch verloren. Die Mitarbeiterin geleitet mich zu ihrem Schreibtisch. Dann muss ich wieder meinen Ausweis vorzeigen, und die erste Frage ist: "Sie leben allein?". Seufz. Ich antworte wahrheitsgemäß. Dann schaut sie sich die ausgefüllten Formulare an, behält einen Teil und schickt mich zur nächsten Station.

Ich gehe zuversichtlich zum Fahrstuhl, und in wenigen Sekunden hat sich hinter mir eine lange Schlange gebildet. Es gibt zwei Aufzüge, aber der zweite ist schwer zu finden, und außerdem fahren sie jeweils unterschiedliche Etagen an. Mir ist etwas bang, denn wenn es richtig eng wird, krieg' ich schon mal den einen oder anderen Panikanfall. Wir kommen aber heil im dritten Stock an.

Ich setze mich in den entsprechenden Wartebereich und  werde bald in ein Büro gerufen, diesmal von einem Mann, der schon auf den ersten Blick intelligent und freundlich aussieht. Und mich so anschaut und anspricht, als würde er mir dasselbe unterstellen.

Er erklärt mir,  was heute alles erledigt wird und fragt als erstes nach einem der Formulare, die seine Kollegin unten einkassiert hat. Ich suche trotzdem gründlich danach und sage dann, dass ich es unten abgegeben habe. "Sie hätten es  aber eigentlich mitbekommen müssen." Das ist so ein Satz, wo ich grundsätzlich nur schwer an mich  halten kann. Am liebsten würde ich mit "Hätte, hätte - Fahrradkette!" antworten, aber das wäre hier kontraproduktiv. Außerdem ist der Herr, bei dem ich im Büro sitze, zu nett - der hat das nicht verdient, beschließe ich. Nun fragt er gleich noch nach dem zweiten Zettel, den seine Kollegin ebenfalls behalten hat. Wenigstens glaubt er mir das, und er entschuldigt sich tatsächlich für das Durcheinander. Ich bin baff.

Dann fragt er noch, ob ich allein lebe. Das kann mich nicht mehr überraschen.

Wegen der fehlenden Zettel können wir nun nichts weiter tun, also schickt er mich zur dritten Station meiner heutigen Wanderung - zu meiner persönlichen Berufsberaterin. Gleich will mir wieder eine zynische Bemerkung entschlüpfen, aber ich habe mich sowas von im Griff! 

Also weiter in den sechsten Stock. Ich setze mich vor das im Laufzettel angegebene Büro, es ist eng und stickig auf dieser Etage. Zwei Stühle weiter wartet ein junger Mann mit afrikanischem Migrationshintergrund (hört sich das blöd an? ja, das hört sich blöd an). Der hat so eine sympathische Ausstrahlung, dass ich probeweise  sage: "Wär' es  nicht  schön, wenn jetzt jemand mit Kaffee vorbei käme?" Er antwortet mit einem Lachen: "Und noch schöner wär' Kuchen dazu!". Also unterhalten wir uns ein bisschen. Die Plauderei versetzt mich in gute Laune, da der junge Mann lustig und eloquent ist und außerdem eine Story mit Happy End zu berichten hat: Er hat gerade einen Job gefunden. Kaum habe ich ihm gratuliert, da werde ich herein gerufen.

Hinter einem total chaotischen Schreibtisch sitzt meine persönliche Beraterin zwischen lauter Pflanzen und Postern und guckt die ganze Zeit in ihren PC-Monitor. Sie sagt als erstes: "Sie leben allein." Woher kommt die Besessenheit mit diesem Thema? Dann fragt sie, ob ich vor der Antragstellung gearbeitet habe,  oder ob ich krank gewesen sei. Ich sage, dass ich auch noch weiter krank sei und eine Krankmeldung  dabei habe - ob sie die sehen wolle. Ihre Antwort: "Damit kann sich der medizinische Dienst befassen, wenn Sie behaupten, Sie seien arbeitsunfähig." "Mein Arzt behauptet das auch", sage ich. Kann ich mir einfach nicht verkneifen. Ich muss noch mehrfach wiederholen, dass ich eine Bescheinigung vorlegen kann, bis sie das endlich hört. Daraufhin reißt sie mir förmlich das Attest aus der Hand und sagt, ich sei dann hier fertig. Ich solle nochmal 'runter zum Herrn Dings gehen.

Wieder bei meinem Leistungs-Sachbearbeiter angekommen, der mir mit seiner zugewandten Art nun schon fast wie ein rettender Hafen erscheint, muss ich nicht mal mehr warten. Seine Tür steht offen, und er bittet mich herein. Dann händigt er mir ungefähr drei Zilliarden Blätter aus, die ich bis zum nächsten Termin  alle ausgefüllt und mit etlichen Anlagen versehen wieder mitbringen soll. Er erläutert mir alle wichtigen Punkte, und dann darf ich Fragen stellen.

Offensichtlich wichtigste Frage: Wie lange dauert es, bis der Antrag bearbeitet wird und mein Geld auf dem Konto landet? Der Termin für die Abgabe dieser Unterlagen ist erst in einer Woche, das dauert also schon alles länger als erwartet. Was passiert mit meinen Festkosten, die vom Konto abgebucht werden? Gibt es die Möglichkeit einer Abschlagszahlung, wenn der Antrag grundsätzlich bewilligt wird? Nein, nein und nein - sowas gibt es nicht. Gab es mal, aber alles ist leider verschärft worden (sagt der Herr Sachbearbeiter mit diesen Worten), und wenn ein wirklicher Notfall vorliegt, könne ich einen Lebensmittelgutschein erhalten. Ich wüsste zu gern, was  passiert, wenn  ich meine Stromrechnung mit einem Lebensmittelgutschein zu zahlen versuche. 

Jedenfalls ist nun für heute alles getan, und ich darf nach fast zwei Stunden wieder heimwärts ziehen. Es hätte schlimmer sein können. Es ist trotzdem schlimm.

Und das nächste Mal hänge ich mir ein großes Schild um, auf dem steht: Ehe Sie fragen - ICH LEBE ALLEIN. 



Montag, 20. Oktober 2014

Venting oder: Isch hab 'et lahme Dier

Nun muss es doch mal sein. Ich erinnere mich an mein Versprechen, dass dies kein Jammer-Blog werden sollte, aber heute erlaube ich es mir. Ihr seid also gewarnt.

"Venting" ist Englisch für "Das muss jetzt einfach 'raus", und der Spruch mit dem "lahmen Dier" stammt von einer früheren Kollegin aus dem Rheinland. Hochdeutsch etwa: Mir geht es gerade nicht so richtig gut. Ich könnte eigentlich heulen. Das besagte Tier kommt wohl von "Lamentieren", und über solche sprachlichen Leckerbissen kann ich mich sogar noch leise freuen, wenn sonst nicht mehr viel geht.

Der Anfang des Desasters: Ich wurde falsch informiert bzw. schlecht beraten, als ich nach meiner Rückenoperation zu einer Reha-Kur durfte. In meiner Lage habe ich die Reha gern in Anspruch genommen. Ich wusste ja, dass ich mich direkt, nachdem ich wieder arbeitsfähig wäre, bei der ARGE melden und Hartz IV beantragen müsste. Erstens war ich wirklich noch lange nicht fit, und zweitens steckte mir der letzte Jobverlust noch sehr in den Knochen. Auch in Herz und Hirn, sollte ich wohl hinzufügen.

Noch im Krankenhaus erklärte mir die Dame vom Sozialdienst, dass für die Reha-Kosten meine Rentenversicherung zuständig sei, und ich statt Krankengeld für diese Zeit Übergangsgeld erhalte. Den Antrag stelle die Reha-Klinik automatisch - ich müsse mich um gar nichts kümmern. Da mir schon der Gedanke an Kofferpacken und Organisieren den Schweiß auf die Stirn trieb, habe ich das natürlich gern gehört. Und geglaubt. Dass ich ein bis drei Fragen hätte stellen sollen, ist mir erst viel zu spät aufgegangen.

Hat schon mal jemand versucht, die Rentenversicherung in Berlin zu erreichen? Natürlich wollte ich schnellstens etwas über die Bearbeitung des Antrags erfahren. Erst war ich ganz angetan von der kostenlosen Service-Hotline. Von "hot" kann allerdings keine Rede sein. Nach gefühlt hundertfachem Anhören der Botschaft, man freue sich über meinen Anruf, aber ich möge es doch bitte ein anderes Mal versuchen, war ich nicht mehr so gut gelaunt. Ich humpelte also zum Klinik-Sozialbüro, schilderte der Mitarbeiterin meine Lage, woraufhin sie ein offizielles Fax schickte mit der fetten Überschrift "DRINGEND" und dem Hinweis, dass ich die Reha abbrechen müsse, wenn nicht bald das Übergangsgeld käme. Was ich damals auch noch nicht wusste: wie dieses Geld berechnet wird. Sonst wäre ich umgehend nach Hause gefahren. Auf das Fax kam übrigens tatsächlich eine Antwort. Nach acht Tagen. In der stand sinngemäß, man wisse von gar nichts.

Die ganze Geschichte zog sich bis nach meiner Rückkehr nach Hause hin. Meiner Erholung war das nicht zuträglich. Endlich wieder daheim, erhielt ich einen Bescheid und die Nachzahlung von knapp 800,00 Euro für vier Wochen. Das war mein einziges Einkommen, wohlgemerkt! Schluck.

Weil mein Krankengeld unter Hartz IV-Niveau lag, hätte ich schon vor der Reha Anspruch auf eine sogenannte Aufstockung (ergänzendes Hartz IV) gehabt. Aber große Angst vor dem Gang zum Amt und der Entwürdigung hielten mich ab. Ich wollte unbedingt allein zurechtkommen. Deshalb waren meine winzigen Ersparnisse inzwischen aufgebraucht. 

Nach dem ersten Schock über den Bescheid fragte ich mich, wie ich nun meine Rechnungen bezahlen sollte, von anderem ganz zu schweigen. Ich fand heraus, dass ich vorsorglich die Aufstockung hätte beantragen können. Nachträglich sei nun nichts mehr zu machen. Ich hätte also etwas anleiern müssen, von dem ich  gar nicht wusste, dass es existiert und dass es dringend nötig gewesen wäre. Es gibt ja diesen Satz "Unwissenheit schützt nicht vor Strafe", aber wofür sollte ich bestraft werden? Ich hatte nichts falsch gemacht und mich auf vermeintlich sachkundige Menschen verlassen. Genau das war ein Fehler....und  der kostete mich einige hundert Euro. 

Ich habe schon viele schlaflose Nächte deswegen gehabt, aber außer Selbstvorwürfen nichts zustande gebracht. Nun muss ich doch zum "Amt", fürchte mich vor der Verachtung durch die Mitarbeiter (dabei sind die vielleicht gar nicht so schlimm - schlimmer ist die Selbstverachtung), und zum ersten Mal in meinem Leben versuche ich die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ich mir bei der Frankfurter Tafel Lebensmittel für Bedürftige abhole. Dieselbe Frankfurter Tafel, für die ich mal ehrenamtlich Pressearbeit gemacht habe. So dreht sich die Welt und ich mit ihr.

Es fällt oft schwer zu unterscheiden, welchen Anteil die Depression und welchen die gerade sehr schwierigen Lebensumstände jeweils an der momentanen Verfassung haben. Oder ob das Eine das Andere verursacht. Oder umgekehrt. Soweit ich es sehe - und das bestätigt der Austausch mit meinen Stammesmitgliedern - ist das wie die Frage nach Henne und Ei. Im Grunde ist es Wurscht, was zuerst da war. Beides bedingt einander, glaube ich. Und kann sich unglücklicherweise gegenseitig verstärken. Ich kann tatsächlich wenig für meine desperate wirtschaftliche Situation, gebe mir aber trotzdem die Schuld daran und schäme mich auch noch dafür.

Und das hat natürlich doch etwas mit der Depression und der trüb gefärbten Selbsteinschätzung zu tun. Noch während ich mühsam versuche, das Allernotwendigste zu tun, flüstert mir Kaa* die immer gleichen Sätze ins Ohr: "Da siehst Du's wieder: Du bist eben eine Verliererin; es lohnt sich gar nicht, immer wieder von vorn anzufangen. Sieh' es endlich ein - Du bist zu blöd für diese Welt. Du bist nicht wie die anderen, die normalen Menschen. Es ist ja auch alles viel zu anstrengend. Dich braucht niemand, und es wird Dich auch niemand vermissen." Und so weiter und immer so weiter. 

Dann ist zunächst erste Hilfe angesagt und das heißt, den Gefühlswirrwarr aufzudröseln. Angemessen sind unter anderem: Empörung, Schreck, Wut, even-tuell auch leichte Panik.
Unangemessen: Schuld und Scham. Aber auch: Mordlust gegenüber diversen Amts-personen.
Das hätten wir schon mal.

Inzwischen höre ich mir Kaas Gezischel an, glaube aber nicht mehr jedes Wort. Und wenn es mir doch allzu überzeugend scheint, warte ich einfach ab. Na gut - so einfach ist es immer noch nicht. Aber die Erfahrung sagt: diese absoluten Tiefs gehen auch vorbei. Und dann finde ich wieder gute Gründe weiter zu wurschteln. Mein Kopf kann sich wieder heben, mein Blick kann sich weiten und die kleinen und großen Schönheiten wahrnehmen, die die Welt ja doch für mich bereit hält.  

Nachtrag: 
Nun hat auch meine Bank gemerkt, dass ich kein Gehalt mehr beziehe, sondern Krankengeld - etwas für Banken offenbar Anrüchiges. Sie hat mir darauf umgehend meinen bescheidenen Dispokredit gekündigt. Damit mir bloß nicht langweilig wird.













Dienstag, 2. Juli 2013

Ich blogge, also bin ich?

Bloggen also. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich mit meinen Äußerungen zeigen konnte und wollte. Ich weiß nicht, wohin das hier führen wird - ich habe kein Projekt, über das ich kontinuierlich berichte, wie etwa Julie Powell, die sich durch Julia Childs' Kochbuch kochte, und deren Geschichte immerhin mit Meryl Streep verfilmt wurde. Übrigens ein wunderbarer Film. Ich habe noch nie jemanden so markant "Bon appétit!" schmettern hören. Aus Julie Powell ist inzwischen offenbar eine begeisterte Metzgerin (!) geworden, und der letzte Eintrag in ihrem Blog stammt vom Herbst 2010.

Ich habe noch nicht einmal ein spezielles Thema - entgegen allen Ratschlägen, die man für Neublogger parat hält. In den Büchern, Blogs, Websites steht dazu ohne Ausnahme, das Wichtigste sei, sich zu spezialisieren. Nicht mit mir. Ich interessiere mich für so ziemlich alles. Naja. Stimmt nicht. Fürs Metzgern etwa kann ich mich bisher nicht begeistern, aber man soll nie "nie" sagen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist "Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen". 

Mein Lebensthema war von klein auf die Scham. Ich schämte mich für alles und jedes, da ich als Kind gelernt hatte, an allem Schuld zu sein. Nur konsequent, dass ich mich später auch dafür schämte, nichts wirklich gut zu können, sondern von vielen Dingen nur ein bisschen was zu verstehen. Es gab natürlich Sachen, die ich richtig gut konnte, aber das habe ich kaum wahrgenommen. Als Mädchen wollte ich abwechselnd Opernsängerin, Schlagersängerin (keine Probleme mit E- und U-Kultur für mich), Forscherin, Modezeichnerin, Reporterin, Schriftstellerin, Regisseurin und noch einiges Andere werden. Ich weiß noch, wie ich mit bewundernswert geduldigen Spielkameraden auf dem Platz vor unserem Wohnblock Theaterstücke einstudierte, die während der Proben erst entstanden. Eigentlich ein recht modernes Konzept, fällt mir heute auf. Ich wunderte mich auch kaum, dass alle auf mein Kommando hörten. Leider ist mir diese Autorität später irgendwie abhanden gekommen.

Diese scheinbare Ziellosigkeit anders zu betrachten, verdanke ich - wie so Vieles - einem Buch. Ich sah den Titel "Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will" und dachte, das ist speziell für mich geschrieben. War es auch. Wie für die vielen anderen Menschen, die unterschiedlichste Interessen hatten und sich deswegen schlecht fühlten, bis Barbara Sher - die Autorin - kam, uns alle tröstete und uns zeigte, dass das auch etwas Schönes sein kann. Klingt banal, hat aber Einiges ausgelöst.

Ein Motiv für den Blog ist: Mit der Scham soll es vorbei sein. Deshalb stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein. Und da ich gerade in vielen Bereichen meines Lebens experimentiere, passt dieses spezielle Experiment dazu.

Mein beruflicher Weg ähnelt seit langer Zeit einer Achterbahn, nur ohne Sicherheitsvorkehrungen. Ab einem bestimmten Alter und mit einem befristeten Job nach dem anderen kann man jederzeit aus der Kurve fliegen. Im Moment fahre ich in eher gemächlichem Tempo in einem langen Tal und habe Zeit zu überlegen. Noch drei Monate, dann droht Harz IV. Im Hartz war ich schon mal* und möchte nicht wieder hin. Bis dahin will ich also einen Teilzeitjob gefunden haben, der mir Zeit und Energie übrig lässt, meinen kleinen Freelance-Gemischtwarenladen auszubauen. 

Die Modeabteilung wird hoffentlich bald eröffnet.

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* Skurrile Geschichten aus dem Hartz demnächst in diesem Theater.