Samstag, 29. August 2015

Schluss mit lustig

Ich wusste ja, dass das kommt, und heute ist es soweit: Natürlich werde ich von den blöden "Gefüüüühlen" eingeholt, nachdem ich mit meinen Witzchen die Schmetterlinge im Bauch vertrieben habe. Die zarten Wesen hatten gegen schwarzen Humor keine Chance. 

Gestern konnte ich - wie so oft - nicht einschlafen und habe meinen Krimi weiter gelesen. Der sich als Liebesgeschichte entpuppte, in einem weit umfassenderen Rahmen als dem der üblichen Zweierbeziehungs-Romantik. Die letzten Seiten verschwammen vor meinen Augen. Ich hatte schon bei den schlimmen Nachrichtenbildern früher am Abend geweint, einerseits um die Flüchtlinge und andererseits um mein Herz. 

Vieles geht mir gerade durch den Kopf - die Bücherliste der letzten Tage erzählt davon, was da durcheinander purzelt: 

Brené Brown - Verletzlichkeit macht stark
Louise Penny - How the Light Gets In (der Krimi von oben)
Udo Baer - Wo geht's denn hier nach Königsberg?
Marie Kondo - Magic Cleaning
Julia Cameron - The Right to Write
Friederike Mayröcker - ich sitze nur GRAUSAM da

Im Buch von Louise Penny kommt ein Gedicht vor, dass einer der Figuren in der Inspektor Gamache-Serie zugeschrieben wird. Ruth ist eine bejahrte Dichterin, die versucht, alle um sich herum weg zu beißen, und dies natürlich mit großer verbaler Kraft. Die Anfangs-Zeilen werden immer wieder zitiert, und diese Zeilen kannte ich schon aus einer früheren Gamache-Geschichte:

Who hurt you, once,
so far beyond repair
that you would meet each overture
with curling lip?

Als ich das zuerst las, hatte ich das Gefühl, die Dichterin habe ihre Hand sanft auf meine Schulter gelegt. (Dies ist für Dich, Sebastian. Du hast doch gefragt, was Oscar Wilde damit gemeint hat, dass wir lesen, um uns nicht so allein zu fühlen.) War ich nicht auch eine Meisterin der "curling lip"?

Meine ewige Frage ans Leben ist ja genau die - bin ich "beyond repair"? 

Im Buch wird das mit Worten von Leonard Cohen beantwortet: 

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That's how the light gets in.

Welche Sicht am Ende bevorzugt wird, sagt Louise Penny ja schon mit der Auswahl des Titels. Aber so ausführlich wollte ich das hier gar nicht erzählen. Louise Penny verdient einen eigenen Post.

Warum hat mich gestern die Traurigkeit wieder so nieder geschmettert? "Nur" wegen Liebeskummer? Wegen eines Erlebnisses, das für normale Leute eine alberne Nichtigkeit wäre? Bei einem Abendspaziergang habe ich nachgedacht und bin darauf gekommen, dass ich wieder einmal zuviel geschluckt habe:

Vor zehn Tagen wurde mein Vater als Notfall ins Krankenhaus gebracht. Ich erhielt den üblichen Anruf ohne Angabe, was genau los war und rannte los zur U-Bahn. Déjà vu in schlimmster Form. Von Haus zu Haus brauche ich mehr als eine Stunde und habe also Zeit genug,  mir Schreckliches auszumalen. Und schwanke zwischen Angst und Gefasstheit. Ich denke sogar: Falls Vater gestorben ist, komme ich wohl damit zurecht. Er hatte eine schöne Zeit die letzten Jahre, und vorgestern waren wir noch zusammen und haben fröhlich bei Kaffee und Kuchen über Gott und die Welt geplaudert. (Alice Miller zum Trotz.) 

Als ich in der Klinik ankomme, ist mein  Vater kreuzfidel, wenn auch etwas verwirrt, und flirtet schon wieder mit den Krankenschwestern. Es war nicht der dritte Schlaganfall, sondern ein Schwächeanfall, von dem er sich hier erholen soll. Und natürlich: Wie ich es vor langer Zeit gelernt habe, stelle ich mich blitzschnell auf die neue Situation ein, denn für meine Angst und Aufregung ist hier kein Platz - und auch kein Anlass mehr. 

Bis endlich alles untersucht und geklärt ist, habe ich sechs Stunden im Krankenhaus verbracht und mich um  vieles gekümmert, nur nicht um  mich. Es scheint zudem ein Naturgesetz, dass man auf jeder Station mindestens einen völlig empathiefreien Mitarbeiter findet. Drei davon sind mir in diesen Stunden begegnet. Weil ich meinem Vater nicht schaden will, habe ich den Mund gehalten.

Die nächsten paar Tage fahre ich zweimal in die Klinik, besorge Dinge aus Vaters Wohnung, putze dort ein bisschen, vermittle zwischen Vater und Personal und so weiter. 

Ich höre mir Berichte an über den Pflegezustand und -bedarf meines Vaters. In seiner Akte steht, es gebe nur noch eine Tochter, die sich nicht engagiere, und der alles ziemlich egal sei. Vor lauter Schock und Empörung frage ich gar nicht, woher diese Beurteilung kommt. Ich bin wieder ganz klein und sitze auf der Anklagebank. Versuche die Ruhe zu behalten und erkläre der Sozialarbeiterin, dass mein Vater stolz ist, weitgehend allein zurecht zu kommen, und dass ich ihn nicht bevormunden werde, solange er noch Herr seiner Sinne und vor allem seines Verstandes ist. Die Frau findet meine Einstellung gut, und ich schleiche möglichst unauffällig von der Anklagebank zurück in den Zeugenstand. 

Dann ist mein Vater wieder zu Hause mit der Diagnose, dass soweit alles gut sei. Ich besuche ihn gleich und werde auf dem Weg zu seiner Wohnung von einem extrem dicken Mann angerufen, der von seinem Fahrrad steigt und sich als Herr W. vorstellt. Seinen Namen kenne ich aus Erzählungen meines Vaters. "Ei, isch wohn' doch schon zehn Millione' Jahr' da in dem  Haus!"

Dann beginnt Herr W., mir alles Mögliche aus seinem Leben zu erzählen. Er ist geschieden, und seine Frau will komischerweise nichts mehr mit ihm zu tun haben. "Isch versteh' des net, aber wie Fraue' halt so sind..." Sein Rücken tut dauernd weh. Immerhin hat er noch Kontakt zu seinen Töchtern. Wie gelähmt höre ich mir freundlich alles an und mache ab und zu diese typischen Geräusche, wie man sie halt macht in so einer Situation. 

Dann beginnt er eine Geschichte über meine verstorbene Schwester. "Ihr' Schwester war ja immer Scheiße druff. Die hat nie gegrüßt, bis isch ihr mal die Meinung gegeischt hab'. Und dann hat sie misch mit de' übelste' Ausdrück' beschimpft....". Ich sage leise, dass meine Schwester meist sehr unglücklich gewesen sei. Heute würde ich mir am liebsten die Zunge dafür abbeißen. 

Meinem Vater erzähle ich, dass ich Herrn W. getroffen habe und wir uns  ganz nett unterhalten hätten. Ich bin offenbar eine verlogene Schlampe, genau wie Herrn W.'s Ex-Frau. 

Zu schlechter Letzt kommt noch die Ablehnung meines Widerspruchs beim Arbeitsamt. Unten auf dem kaum verständlichen Schreiben ist eine Anmerkung: "Ihre Meinung ist uns wichtig! Bitte machen Sie mit bei unserer Umfrage." Man wird also nicht nur abgeschmettert, sondern auch noch verhöhnt.  

Über all das habe ich mit niemandem wirklich geredet. Wenn überhaupt, erzähle ich so, dass sich der Zuhörer möglichst gut unterhalten fühlt - siehe oben bei "Witzchen". Meinen Schmerz und meine Sehnsucht, auch mal getröstet und unterstützt zu werden, zeige ich nicht. Ich weiß immer noch nicht, wie das geht. Ich darf niemandem zur Last fallen. Dieser Glaube sitzt tief.

Und immer noch ist es so, dass ich erst mit Verspätung fühle, was alles auf mich eingeprasselt ist. Kein Wunder, dass ich so traurig und erschöpft bin. 

Verletzlichkeit macht stark, nach Brené Brown. Gestern habe noch darüber nachgedacht, dass ich das nicht ganz begriffen habe. Heute frage ich mich: Ist damit gemeint, dass es letztendlich mehr Kraft kostet, sich unverletzlich zu zeigen? Und wie geht es anders?

Die Versuchung ist groß, mein Herz wieder fest zu verschließen und den Schlüssel weit weg zu schleudern. Die Herausforderung ist, gerade das nicht zu tun. 

Einerseits müsste ich dann womöglich wieder ewig lange suchen, bis der Schlüssel gefunden ist. Andererseits ist da die Hoffnung, dass durch die Risse das Licht auch zu mir findet. Sind ja genug da inzwischen. 

Freitag, 28. August 2015

Männerforschung: Vorläufiges Forschungsergebnis

Wieder einmal zeigt sich: jeder tagebuchartige Blogeintrag ist nur eine Momentaufnahme. OK, ist nun keine überwältigende Erkenntnis, sondern einer der Gründe, warum man überhaupt Tagebuch schreibt. Gemäß dem Motto, dass das Leben zwar vorwärts gelebt wird, aber rückwärts verstanden. 

Aber hier geht es ja um meine Forschungsreihe, und das laufende Experiment war entgegen meiner Annahme noch gar nicht abgeschlossen. Der zweite Teilnehmer entwickelte sich leider in rasantem Tempo zu einem nicht mehr ernst zu nehmenden und schon gar nicht begehrenswerten Über-Romantiker. Damit hatte ich nicht gerechnet. Daher musste ich den Versuch vorzeitig abbrechen. Oder eher rechtzeitig - von meinem Standpunkt aus. Der nicht der seine war.

Das klingt jetzt vielleicht lustig, aber im Grunde ist es höchstens tragikomisch. Der Mann war ja eh' schon viel jünger als ich, verhielt sich aber wie ein Teenager. Und konnte gar nicht fassen, dass mich das abgeschreckt hat. Angebetet werden finde ich ungefähr eine halbe Stunde lang amüsant, aber dann will ich 'runter vom Podest und auf Augenhöhe weitermachen. 

Wie es dem Versuchsteilnehmer geht, weiß ich nicht. Immerhin kann er mit seinem Hund schmusen.  

Wie geht es mir?

Ich bin ein bisschen traurig. Ich bin beruhigt, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann. Und dass ich ihr gefolgt bin. Ich bin froh, dass ich nicht wie so oft alle Signale ignoriert und mich ins Unglück gestürzt habe. Und dass ich klar gesagt habe, was ich will und was nicht. Letzteres ist mir früher überhaupt nicht möglich gewesen, ja allein der Gedanke, dass ich etwas wollen könnte oder etwas mit zu entscheiden  hätte, war mir lange Zeit völlig fremd. 

Tja.

Was alle Menschen ersehnen - so glaube ich jedenfalls - nämlich wirklich gesehen zu werden und im Auge des anderen Freude über das Gesehene zu entdecken - und womöglich Neugier auf Mehr: Das wäre mal schön. 

Eine Freundin sagte heute, ich müsse ja nun zumindest einen Kontrollversuch durchführen. Und noch irgendwas von Blindtest und Placebo....

Die Hoffnung  besteht, dass dieses Einzelexperiment nicht repräsentativ war. Ich bin wild entschlossen, meine Forschungen weiter zu betreiben. 

Allez-hopp, mon coeur! 







Sonntag, 23. August 2015

Männerforschung

Ich hatte mal wieder ein Date. Mit langem Vorlauf - daher war ich nicht drauf gefasst, dass es doch wieder nur um "das Eine" ging - das alte Spiel. Wobei das Spiel an sich Spaß macht  - oder wieder Spaß macht, denn ich habe ja sehr lange Zeit nicht mitgespielt. Viele Runden ausgesetzt. Nicht mal von draußen zugeguckt, weil mich das nur unglücklich, manchmal auch zynisch gemacht hat. 

Vielleicht kenne ich auch die neuen Regeln nicht? Allerdings dachte ich, die ändern sich nie. 

Es begann vor ein paar Wochen. Damals habe ich mit einem kleinen Hund geflirtet, worauf das Herrchen sagte: "Und was ist mit mir?" Darauf ich (augenzwinkernd): "Was soll mit  Ihnen sein?" "Mit mir wollen Sie nicht flirten?" "Ich fand einfach nur Ihren Hund sehr süß." "Und mich nicht? Oder falle ich nicht in Ihr Beuteschema?" "Sie fallen eher nicht in meine  Altersgruppe." "Das macht doch nichts, ich bin sehr belesen." Mit Schlagfertigkeit kann man mich schon kriegen. Dazu kam natürlich, dass der junge Mann sehr attraktiv war - sonst hätte die Unterhaltung gar nicht erst stattgefunden. 

Beim nächsten und weiteren zufälligen Treffen haben wir das nette Geplänkel fortgesetzt und ich zunächst standhaft ein geplantes Treffen verweigert. Ich schätzte den Altersunterschied auf mindestens zwanzig Jahre und fragte mich, was das Ganze sollte außer einer netten Trockenübung für den Ernstfall. Wobei - was soll der Ernstfall eigentlich sein? 

Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich mit Männern meines  Alters nicht viel anfangen kann, und die offenbar gar nichts mit mir. Dazu kommt, dass jüngere Männer ein für alte Feministinnen wie mich akzeptableres Bild von Partnerschaft haben. Jedenfalls die, die IQ-mäßig ungefähr auf meinem Level sind. Auch da sind Konflikte vorprogrammiert, wenn Mann sehr kluge Frauen beängstigend findet statt anregend. Dazu gehört allerdings ein Selbstbewusstsein, das sich nicht auf Karriere oder den Erwerb von Autos, Häusern, Designer-Uhren oder Pferdepflegerinnen gründet. Ich habe schon oft völlig unterwältigt zugehört, wie einer mit solchen Besitztümern Eindruck machen wollte. Und mir nicht mal glauben konnte, dass mich so etwas nicht interessiert. Ich erinnere mich, wie ein Banker zur Lunch-Verabredung in der Kantine seinen Porsche-Schlüssel auf das Tablett schmiss und mit einem Seitenblick überprüfte, ob ich das auch mitgekriegt hatte. 

Die meisten Beziehungen in meiner Umgebung gehen so, dass Männer sich kurz nach Fixieren des Paar-Status in kleine Jungs verwandeln und die Frauen in Muttis. Entsetzlich. Oooooh - Zynismus-Alarm.

Aber ich schweife ab. Jedenfalls bin ich offen für Unkonventionelles - war ich immer schon, wenn ich so überlege. Und als Konsequenz - und weil ich mir ja ehrlicherweise einen Spielkameraden wünsche - dachte ich: warum nicht? Geh' ich mal mit ihm aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nichts gesagt oder getan, was mich hätte zusammen zucken lassen, und das ist schon eine ganze Menge. Geht nämlich schnell bei mir. Braucht nur einer unironisch "Mädels" sagen, und zack. Disqualifiziert. 

Allerdings war ich seit Herausgabe meiner Handynummer mit romantischen SMS überschüttet worden. Meine Antwort: "Nicht so schnell, mein Junge!" in allen nur denkbaren Varianten. 

Vorgestern war es also so weit. Ich bekam eine Rose zur Begrüßung ("keine rote, denn ich will Dich ja nicht bedrängen"), und dann schlenderten wir zu einem nah gelegenen Lokal. Früher war dort ein ganz hübsches, im Lounge-Stil eingerichtetes Restaurant gewesen - jetzt nicht mehr. Bedient wurden wir von einem schlampig wirkenden Kellner, der sein Hemd so weit offen trug, dass wir uns am grauen Brusthaar und diversen Goldkettchen hätten erfreuen können, wenn wir das richtige Zielpublikum gewesen wären. 

Ich war bereit, das komisch zu finden. Ich war außerdem gespannt auf den Abend und hatte mir nichts vorgenommen, außer auf meine Gefühle zu achten. Und meinen Begleiter ernst zu nehmen. Auch beim zweiten und dritten Blick fand ich ihn anziehend. Ich fühlte mich wohl und nur manchmal irritiert von schon sehr ausgefeilten Zukunftsvisionen und voreiligen Liebeserklärungen. Davon abgesehen habe ich mich gut unterhalten - über Literatur, Familie, Jugendsünden, Musik, witzige Erlebnisse, und keinen Moment habe ich mich gelangweilt. Mir kam sogar der Gedanke, dass ich bei diesem Mann jedenfalls nicht klagen könnte, dass er schwer zum Reden zu bringen sei. Im Gegenteil. Es machte Spaß ihm zuzuhören und Gemeinsamkeiten zu entdecken oder gar ein bisschen zu streiten.

Und es war auch schön, mal wieder jemandes Hand zu halten und meine Hände ("Die sehen einsam aus.") gestreichelt zu bekommen. Und über die Bedeutung von Küssen zu philosophieren, inklusive praktischer Übungen.

Mit meiner Alterseinschätzung lag ich einigermaßen richtig, aber inzwischen war mir das egal. Nicht egal waren mir die Beteuerung von ernsten Absichten und Befürchtungen, ich könnte ihn vielleicht nicht ernst nehmen. Es gab überhaupt keinen Anlass dafür, also konnte das nur bedeuten, dass er selbst mit diesen Themen ein Problem hatte. Falls dies eine ernste Geschichte werden sollte, oder wenigstens eine ernst gemeinte, dann waren das schon ein paar Warnsignale. Dies jedenfalls war meine Einschätzung als erfahrene Hobbypsychologin. Ich wollte mir jedoch den Spaß nicht verderben lassen. 

Mit Spaß meine ich nicht, dass ich mich lustig machen wollte oder irgendwie "drüber stehen", amüsiert und distanziert bleiben. So habe ich es früher gehalten, und dabei ist nie etwas Gutes herausgekommen. Heute weiß ich, dass ich einigen Männern und auch mir damit Unrecht getan habe. Ich will - das gehört zu dem Mich-ins-Leben-schmeißen - sehen und fühlen, was passiert, und auch mal ein Risiko eingehen.  

Natürlich wollte er den Abend verlängern, aber ich fand, dass es erstmal gut sei. "Wir haben doch Zeit", sagte ich, und er stimmte mir zu und war scheinbar glücklich, dass ich ihn wieder treffen wollte. 

Er brachte mich nach Hause, und ich versprach mich zu melden,  allerdings erst am übernächsten Tag. Für den nächsten Tag hatte ich Pläne, und ich wollte jetzt nicht plötzlich alles umschmeißen, nur weil ich eventuell vielleicht möglicherweise kurz davor war, mich ein bisschen zu verlieben. So weit, so gut.

Ich hatte viel zum Nachdenken - zum Teil war ich selbst erstaunt über die Ergebnisse. Vielleicht  bin ich doch ganz gern allein? Jedenfalls brauche ich viel Freiraum und Zeit für mich. Ich bin auch viel eher bereit für Kompromisse und nicht mehr so streng oder kleinlich in der Job-Beschreibung für den potenziellen Gefährten. Ist doch keine schlechte Voraussetzung. Ich fand mich ganz in Ordnung. 

Am nächsten Tag schicke ich ihm einen netten Gruß per  SMS - und habe nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen. 

Im Gegensatz zu früher mache ich mir keine Gedanken darüber, was in seinem Kopf vorgeht und versuche gleichzeitig, nicht in meine Vernichtungssätze abzudriften, nach dem Motto: ich ziehe nur Verrückte an etc. etc.

Aber trotzdem: manchmal wüsste ich gern, warum jemand so etwas macht? So viel Aufwand für einen erhofften One-Night-Stand? Oder ging es um eine Wette? Oder um nachträgliche Angst vor der eigenen Courage? 

Seltsamerweise hat  das Ganze mich irgendwie beflügelt, jedenfalls  war ich heute sehr produktiv und gut gelaunt.

Das Leben ist schön und seltsam. Oder um mit meinem Vater zu sprechen:

"Also langweilig wird es hier nie!"















Freitag, 7. August 2015

Oh Boy!

Gerade läuft im Fernsehen "Oh Boy", den ich seinerzeit geschwänzt habe und endlich mal gucken will. 

Ich hab viele solcher Lücken, weil ich sofort trotzig werde, sobald irgendwas sehr gelobt wird. Dann will ich damit erstmal nichts zu schaffen haben, denn ich habe ja einen ganz besonders besonderen Geschmack. Sobald die Trotzphase vorbei ist, entscheide ich dann völlig unabhängig. 

Wunderbarer Schwarzweiß-Film, Tom Schilling in der Hauptrolle, in den anderen Rollen eine ganz erkleckliche Ansammlung meiner Lieblingsschauspieler, Jazz-Soundtrack, spielt in Berlin - sollte sehr vergnüglich sein, aber nicht für mich! 

Ich bin einfach zu sensibel.

Gleich will ich dem Psychologen, bei dem der arme Tom in der ersten Szene den sogenannten Idiotentest absolvieren muss, eins in  die Fresse geben, weil der natürlich ein Fiesling ist und den armen Tom als Opfer für seine machtgeilen Fantasien benutzt.

Dann landet der arme Tom auf der - wie sich noch herausstellen wird - endlosen und vergeblichen Suche nach einem anständigen Kaffee in einer völlig bekloppten Kaffeebar, und die ist so, wie die heutzutage eben sind, mit Auswahl an Fantastilliarden Sorten Kaffee mit unglaublichen  Preisen, die sich der arme Tom nicht leisten kann.

Und dann wird der arme Tom als seelischer Mülleimer von einem einsamen Nachbarn missbraucht. 

Jetzt trifft er sich gerade mit zwei Freunden, der  eine  trägt die Uniform  eines Wehrmacht-Offiziers und beschreibt mit großer Inbrunst seine Rolle in  dem Film, in dem er gerade mitspielt. 

Ich kann das gar nicht mit ansehen! Der arme Tom.

Aber toller Film.

Mittwoch, 5. August 2015

Reminder to Self

Mein Qi fließt sowas von!

Nach gefühlten hundert Jahren war ich endlich wieder beim Sport. "Mein" Verein ist auf der anderen  Seite der Straße, in der ich wohne, und ich hatte und habe vom Balkon aus den täglichen Blick auf die schicke Halle und damit auf die konkrete Mahnung, von der Karteileiche wieder zum aktiven Mitglied zu werden.

Ich wollte schon seit Wochen wieder zum Qi Gong, denn das ist niedrigschwellig genug für Faultiere wie mich, und ich hatte früher sogar Spaß dabei. Vom gesundheitlichen Nutzen mal abgesehen. Und dieser Tage knurpst und zwickt es wieder an den üblichen Stellen - die Motivation sollte doch wirklich ausreichen. Ich verstehe selbst nicht, warum ich Dinge, die mir rundherum gut getan haben, meist nach einer gewissen Zeit wieder sein lasse. Mich aber dann darüber endlos gräme und schäme.  

Ein Grund ist sicher, dass ich sehr lange überhaupt nichts mit meinem Körper zu tun haben wollte. Den spürt man nun mal bei Bewegung, und ich hatte schon als kleines Kind das Betäubungsmittel Essen entdeckt. Essen half, das innere Loch zu füllen und gleichzeitig die "Wunde der Ungeliebten" (Peter Schellenbaum) zu betäuben. Wie jeder und endlich auch ich weiß: klappt nur scheinbar und ist nicht nachhaltig.

Weiterer Grund: zu meiner Schulzeit war die überwiegende Mehrzahl der Sportlehrer dem alten Nazi-Ideal noch innigst  verbunden. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, denn ich habe in der Schule fast nur "Drill Sergeants" erlebt - und zwar weibliche - aber keine Lehrer, die uns Kindern Freude an Bewegung und sportlicher Betätigung vermitteln wollten. 

Meine Lehrerinnen hatten für weniger talentierte Mädchen nur Verachtung übrig. Besonders vor Geräten und großen Bällen hatte ich regelrecht Todesangst. Dafür wurde ich ausgelacht und nicht etwa ermutigt, die Angst zu überwinden. Ich war schnell davon zu überzeugen, dass ich ein unsportlicher und unbeweglicher Mehlsack sei. Und zwar völlig ungeachtet der Tatsache, dass ich im Sommer mit den anderen Kindern draußen stundenlang herum getobt bin, dass ich Federball und Gummitwist geliebt und mir in den Ferien das Schwimmen selbst beigebracht habe. Lehrer hatten eben Recht, und mich als unfähig zu erleben, passte nahtlos in mein Selbstbild.

Ich glaube, ich habe erst mit Anfang Dreißig wieder entdeckt, dass Sport Spaß machen kann. Die einzige Ausnahme war immer das Tanzen gewesen, aber das zählte offenbar nicht. Schon erstaunlich, wie man gleichzeitig sehr klug und sehr beschränkt sein kann. 

Bis dahin hatte ich immerhin verstanden, dass ich mit Essen nicht nur meine Gefühle, sondern auch meinen Bewegungsdrang betäubt hatte. Essen hat mir lange als Rundum-Beruhigungsmittel gedient. Irgendwann war ich nicht mehr nur ruhig, sondern schon eher apathisch.

Ich weiß noch, wie seltsam ich mich fühlte, als ich dem Sportverein beitrat. Als würde ich etwas Illegales tun - wahrscheinlich hätte ich dasselbe Gefühl, wenn ich los ginge und Koks kaufen würde. Also nicht das für die Ofenheizung. Und was für Lampenfieber ich hatte vor dem ersten  Kursbesuch. Als müsste ich jederzeit damit rechnen, wieder ausgelacht und gedemütigt zu werden. Womöglich gar davongejagt.  Qi Gong hatte ich mir ausgesucht, weil ich schon ein paar Vorkenntnisse besaß, sonst hätte ich das nie gewagt. 

Ich musste ja alles immer sofort können und durfte keine Fehler machen. Ich durfte mir nie erlauben, etwas ganz in Ruhe und mit den üblichen Rückschlägen zu erlernen. Solche Überzeugungen sind verdammt hartnäckig. Was ich dadurch alles verpasst habe! Aber die Zeiten sind vorbei, und ich bin froh darüber. 

Ich mag ja den Spruch "Mir ist nichts mehr peinlich." So weit bin ich noch lange nicht, und hundertprozentig erstrebenswert kann ich es nicht finden. Es gibt durchaus Dinge, die einem immer peinlich bleiben sollten. Wenn das nicht mehr der Fall ist, sollte man zum Arzt. Für mich gilt der Spruch jedoch schon weitgehend bei Albernheiten und Ungeschick-lichkeiten. Was für eine Befreiung. 

Also Qi Gong,  von heute an wieder jede Woche, und das Schwimmbad lockt ebenfalls. 

What will be next?!

(Für meine Freundin Karin - unsere Freiburger Plauderstunden hatten Wirkung :-)





Mittwoch, 22. Juli 2015

It's a mad mad mad world

Gestern in der Hessenschau ging der Reporter mit der Autobahnpolizei auf Raser-Jagd. Und schnell wurden auch einige Geschwindigkeits-Sünder zur Strecke gebracht.

In einem Fall war die Fahrerin so geschockt, dass sie aus dem Auto sprang und offenbar die Autobahn gleich zu Fuß verlassen wollte. Der Polizist beruhigte sie freundlich. Sie war ungefähr 30 km/h zu schnell unterwegs, wenn ich mich recht erinnere. Da kann man sich schon mal erschrecken.

Dann wurde eine junge Frau gestoppt, die die vorgeschriebene Geschwindigkeit um knapp 60 km/h überschritten hatte. Sie fuhr 140 statt 80 - und man weiß ja durchaus,  dass  viele schwere Unfälle von Rasern verursacht werden.

Der Reporter schilderte, dass diese Frau beruflich viel Autobahn fahren müsse und mit diesem Job  ihr Studium finanziere. Nun habe es schon einmal solch einen "Vorfall" gegeben, und daher sei nicht nur der Führerschein, sondern auch der Job in Gefahr. 

Dann sprach die junge  Frau selbst ins Mikro. Sie war ziemlich verzweifelt, denn....siehe oben. Sinngemäß sagte sie: "Ich hatte ja schon mal Ärger mit sowas, und mein Chef hat gesagt, also beim nächsten Mal.... naja. Also jetzt hab ich Angst, dass ich meinen Job verliere" und so  weiter und so fort.

Nächster Kommentar vom Polizisten. Ich erhoffe Gegenrede, aber was sagt der liebe Herr Wachtmeister? In so einer Situation müsse man sehr einfühlsam sein und dürfe nicht auch noch mit der Härte des Gesetzes kommen. Die junge Frau sei ja nun in  einer schlimmen Lage und müsse sich erst wieder einkriegen.

Und

ich

so:

GEHT'S EIGENTLICH NOCH?!

Sonntag, 12. Juli 2015

"Du sollst nicht merken" Alice Miller

Seit gestern Abend beschäftigt mich die Frage, ob ich erst auf dem Grund aufschlagen und diesen grausamen Schmerz aushalten musste, um etwas zu begreifen, dass ich im Grunde schon lange weiß. Nämlich, dass mein Vater sich einfach nicht auch nur ein winziges kleines Bisschen für mich interessiert. Und es auch nie tun wird. Ich habe das schon öfter mal so dahin gesagt, aber nicht gefühlt, scheint mir. 

Ich habe mir die ganze Zeit etwas vorgelogen und die Wirklichkeit meiner Erfahrungen und Gefühle geleugnet. Ich habe alles so verdreht, dass ich den Schmerz des ungeliebten Kindes nicht fühlen musste. Das habe ich auch hier in meinen hübschen Geschichten von gemütlichen Kaffeenach-mittagen durchgezogen, und ich habe selbst daran geglaubt. Weil die Alternative ja kaum zu ertragen ist.

Nach dem Zusammenbruch gestern hat eine liebe Freundin mir ein  paar wichtige Dinge in Erinnerung gerufen, und so konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Und dann - trotz totaler Erschöpfung - habe ich ein Buch von Alice Miller gelesen, das ich noch nicht kannte. Rein zufällig (jaja...) hatte ich es aus der Bibliothek mitgenommen. "Die Revolte des Körpers" handelt davon, dass der Körper unsere Wahrheit kennt, auch wenn wir sie nicht fühlen. Wir sollen sie ja auch nicht fühlen, denn dann könnten wir keine dankbaren Kinder unserer Eltern mehr sein.

Und das habe ich tatsächlich weiterhin versucht - dankbar zu sein. Dankbar für nichts! Für ein bisschen Geld, um das ich jedesmal betteln muss, und wovon sowieso mehr als genug da ist. Es ist keineswegs so, dass meine Erlebnisse mit meinem Vater gelogen waren. Aber den alles entscheidenden Teil habe ich weggelassen, auch vor mir selbst. Und was mein Körper mir gestern wohl zeigen wollte: ich kann nicht mehr. Ich brauchte all meine Kraft, um nicht zuzugeben, dass mein Vater als Vater ein Versager ist und weiter immer nur um sich selbst kreist. 

Wie ein kleiner Hund, der immer noch hoffnungsvoll mit dem Schwanz wedelt, während er ignoriert oder gar mit dem Fuß beiseite geschoben wird, habe ich meine kleinen Stöckchen apportiert: den ersten veröffentlichten Online-Beitrag, den ersten veröffentlichten Print-Artikel, die Literaturagentin, die sich für mich interessiert. Immer und immer wieder, in der Hoffnung, irgendwann ein kleines Leckerli Aufmerksamkeit oder gar Liebe zu kriegen. 

Ist es nicht bezeichnend, dass ich unglaublich wütend reagiere, wenn ich bei anderen so ein Verhalten beobachte? Ich kann das kaum ertragen, und jetzt verstehe ich auch, warum. Spieglein,  Spieglein.

Und während ich dies schreibe, fühle ich endlich mal keine Scham über das kleine Mädchen,  das endlich gesehen werden will, sondern finde den "Vater" jämmerlich, der nicht einen  Funken Interesse für  das Leben seiner Tochter aufbringen kann. Natürlich rührt sich sofort wieder mein übergroßes Mit- und Schuldgefühl - wie sollte es anders sein nach so langer Zeit des immer gleichen Automatismus? 

Und was nun???  Ich fühle mich heute ganz leicht, und gleichzeitig gespannt. Ich glaube nicht, dass dies der absolute Durchbruch war und jetzt plötzlich alles anders wird. So funktioniert das nicht, wie ich wohl weiß. Aber ich will dieses Gefühl nicht vergessen und ihm weiter folgen. Mal sehen, wo es mich hinträgt. 

Samstag, 11. Juli 2015

Karussell

Ich fahre Karussell und kann nicht abspringen. Around and around we go - ich weiß nicht mehr, wo die Depression endet und die Wahrheit beginnt. Ich weiß nur, dass ich das nicht mehr lange durchhalte. Immer besser kann ich die Verlockung verstehen, alles zu beenden.

Ich habe so viel versucht und gewagt und gelernt, und die Belohnung ist ausgeblieben. Kein Versetzungszeugnis. Meine Sehnsucht, endlich am Leben teilnehmen zu dürfen wie "alle anderen", wird wohl ungestillt bleiben. Was soll jetzt noch kommen? Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, da war alles, was ich mir von einem erneuten Therapieversuch noch erhofft habe, dies: dass ich mich endlich mit meinem Schicksal abfinde, ohne weiter zu leiden. Dass ein Zustand ruhiger Resignation erreicht werden könnte, wo ich das Leben eben einfach aushalte und mich an den immer wieder mal aufblitzenden schönen Momenten freuen konnte, auch wenn es niemanden gab, der sie mit mir teilen wollte. Stattdessen ist die Traurigkeit mit der Zeit immer größer geworden, und nun deckt sie alles zu. Die schönen Momente gibt es, aber sie hinterlassen keine Spuren. Ich bin aus tiefschwarzem Teflon, daran perlt alles Schöne ab.

Ein beliebter Spruch in  der englischsprachigen Internet-Community, wo ich mit anderen Depris eine vorübergehende Heimat - auf sehr schwankendem Boden - gefunden hatte, lautet: "It's just your brain telling lies." Das klingt schön und hoffnungsvoll, als wenn man sein nur Gehirn der Lüge überführen müsse und die Wahrheit ans Licht käme. Wobei man etwas Besseres enthüllen könne als dieses Lamento aus vergifteten Worten. 

Nur ist es eben keine Lüge, sondern eine Tatsache, dass ich ein Leben lang ohne Nähe, Intimität, Berührung - ohne Liebe auskomme. Und dass ich langsam einsehen muss, dass sich trotz aller Selbstoptimierung daran nichts mehr ändern wird. Es scheint mir heute so, dass die  ganzen  Therapien doch nur dazu gedient haben, mich "besser" zu machen, damit ich endlich annehmbar wäre für andere, für die Welt. 

Ich habe mich angestrengt, die zu sein, die andere haben wollten, damit sie mich eine Zeit lang dulden würden. Natürlich ging das immer nach hinten los, denn woher sollte ich wissen, was diese anderen wollten oder brauchten? Als "begabtes Kind" war ich zwar mit sehr feinen Antennen ausgestattet, die spüren, wenn etwas nicht stimmt oder jemand etwas braucht, aber wiederum so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich keine Ahnung hatte, was das sein könnte. Und wie soll Freundschaft funktionieren, wenn die eine wie eine Schlange auf das Kaninchen immer auf die andere starrt und herauszufinden versucht, was gerade "richtig" sein könnte? 

Ich habe als kleines Kind gelernt, dass ich nicht genüge, um Mutti und Vati glücklich zu machen. Und nach allem, was ich angestellt habe, um das erstmal zu verstehen und dann zu verlernen, bin ich immer noch dieses kleine Kind. Und in den schlimmsten Momenten gehört diesem kleinen Mädchen meine ganze Verachtung und mein abgrundtiefer Ekel statt der Liebe, die es so dringend gebraucht hätte und immer noch braucht. 

Wie oft  habe ich gehört, dass ich mich erst selber lieben muss, damit andere mich lieben könnten. Aber schon setzt sich das Karussell in Gang: wie soll ich mich denn lieben, wenn nicht mal meine Eltern mich lieben konnten? Wenn irgend etwas an mir liebenswert wäre, dann hätte das im Laufe der Zeit jemand gemerkt. Dann wäre ich nicht allein, dann könnte ich mich auch lieben, dann bräuchte ich mich nicht lieben, denn dann wäre jemand da, der mir das Liebenswerte zeigen könnte, und da niemand da ist, gibt es das Liebenswerte nicht,  denn sonst hätte es längst jemand gesehen, und  da es nichts gibt, kann ich mich nicht lieben, denn es ist nichts da, was liebenswert wäre. So rast das Karussell immer im Kreis herum, und ich kann es nicht stoppen. 

Freitag, 10. Juli 2015

Spaziergang

Ich warte an einer Ampel, fühle, wie ich von der Seite angeschaut werde, dann kommt ein "Hallo!" und gleich darauf: "Ich dachte, ich gehe heute mal als Traum in Blau - wie finden Sie es?" Ich schaue den Mann neben mir an - nicht mehr jung, gute Figur, brauner Teint, blonde kurze Haare, freundliches Lächeln mit einem Blitzen in den blauen Augen. "Schelmisch" ist das Wort, dass mir einfällt. Er trägt tatsächlich Blau von Kopf bis Fuß, geschmackvolle Sachen, das Leinenhemd bis zur Brust aufgeknöpft, so dass ich eine Halskette mit Anhänger sehen kann. Und glücklicherweise keinerlei Brusthaare. 

"Gefällt mir gut, nur ein bisschen viele Knöpfe offen für meinen Geschmack." "Ach, das ist meine brasilianische Seite - ich bin halber Brasilianer, und das muss ich doch irgendwie zeigen!" "Na gut, das  sehe ich ein." "Sehen Sie! Ich könnt' mir allerdings noch einen Pulli umhängen." "Nein, bloß nicht. Da denk' ich an Angeber, die so tun, als wären sie Bootsbesitzer. Oder an angeberische Bootsbesitzer - weiß nicht, was schlimmer ist." "Also dann lieber Brust frei!" "Kommt wohl drauf an, wen Sie beeindrucken wollen." "Niemanden. Ich will niemanden beeindrucken. Die anderen sind mir sowas von piepegal." "Aber meine Meinung wollten Sie doch hören", bemerke ich lächelnd. "Ja klar! Das war irgendwie was anderes. Also - noch einen schönen Tag. And think Samba!"

Ein Stückchen weiter die Straße 'runter kommen mir drei junge Frauen entgegen von der Art, von der es inzwischen Millionen zu geben scheint: groß, dünn, blond, modisch, immer am Rande der Hysterie und von der unbedingten Überzeugung, dass die Welt ihnen alles zu geben bereit ist. Was sie wohl auch ist. Und daher müssen solche Frauen auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Eine von ihnen achtet nicht auf den Weg und rennt genau in mich hinein; ich habe keine Möglichkeit, noch auszuweichen. Sie kreischt: "Geht's noch, Du fette Sau!". Mit einem Tränenschleier vor den Augen laufe ich schnell weiter in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt hat. 

Später in der S-Bahn - zwei Frauen, vielleicht Mutter und  Tochter, spazieren mit einer kleinen Boom-Box und einem Mikro den Mittelgang herunter und singen dabei mehr schlecht als recht "Volare" - meine Oma hätte gesagt, sieben Katzen singen achtstimmig. Sie treffen weder Ton noch Rhythmus und schon gar nicht die Stimmung des italienischen Evergreens. Als sie beim nächsten Stop eilig aussteigen, meldet sich ein alter Italiener zu Wort und sagt seine  Meinung zu dieser Art Geld zu verdienen - taugt nix, mit solcher Musik sollen sie lieber niemanden  belästigen und sich überhaupt was schämen - und ihre Sangeskunst - ganz schlimm, dabei ist das doch so ein schönes Lied, was sie dermaßen verhunzt haben.  Mit Nachdruck schmettert er plötzlich in einem wunderbaren kräftigen Tenor "Nel blu di pinto di blu." Ein junger Mann ruft: "Bravo! Bravissimo!" Wir applaudieren begeistert. 

Zurück in  meiner Straße muss ich noch schnell in den Supermarkt, und auf dem kurzen Stückchen zu meiner  Wohnung begegne ich dem jungen  Mann, der seit ein paar Wochen versucht, sich mit mir zu verabreden. Diesmal schaut er nur in meine Richtung, ruft: "Hallo, hübsche Frau!" und als ich auf seiner Höhe bin, sagt er nochmal leise: "So hübsch." Natürlich glaube ich kein Wort, aber ich freue mich und lächle ihn an.

Als ich endlich die Tür hinter mir schließe, lässt die Anspannung langsam nach.


Mittwoch, 8. Juli 2015

Holding on while looking into the abyss

Heute ist so einer dieser Tage.......nee, das wird kein Medley von Fanta 4-Liedern.

In letzter Zeit häufen sie (diese Tage) sich in beunruhigender Weise und lassen mich völlig abgekämpft zurück, ohne dass ich irgendwas Sinnvolles gemacht hätte, als mich am Leben festzuklammern. Wobei noch die Frage ist, ob das einen Sinn hat. Ich  habe den immer noch nicht gefunden.

Wenn ich doch bloß ans Jenseits glauben könnte und wüsste, dass ich dort von anderen meines Stammes erwartet werde - wie Mutti und Ute, Robin Williams und der liebenswerte Junge, der drei Tage, nachdem wir uns in einer Klapse kennengelernt hatten, von einem Hochhaus gesprungen ist, Kurt Cobain und Philipp Seymour Hoffman und wie sie alle heißen - dann wüsste ich schon, was zu tun ist. Nur noch nicht, wie.

Aber da ich so eine verdammte Skeptikerin bin, werde ich wohl hier weiter-machen. Wenn mir nur einer sagen könnte, wozu.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Buchkritik "Nebelkinder"

Es hat wohl seinen Grund,  warum ich die versprochene Rezension schon ewig vor mir herschiebe. Ich war wirklich gespannt auf die Sammlung von Beiträgen zu einem Thema, das mich selbst betrifft und schon seit einiger Zeit beschäftigt. Und nun fällt es mir schwer, etwas dazu zu sagen.

Eine Erklärung ist, dass ich nun mal eine Sprachverrückte bin, ich kann einfach nichts lesen und dabei nur auf den Inhalt achten. Erzählenswerter Inhalt hat eine gute Form verdient. 

Und in diesem Fall zucke ich schon beim Untertitel zusammen, denn während "Nebelkinder" immerhin poetisch klingt und ein Bild heraufbeschwört, nimmt der Untertitel "Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte" mir fast schon jede  Lust, das Buch überhaupt aufzuschlagen. Ich frage mich, wer sich so etwas abgerungen hat. Wenn schon Worte erfinden, dann doch schöne! Oder wenigstens sinnvolle. 

Aber sei's drum. Ich habe versucht, gewissenhaft alle Beiträge zu lesen, was mir nicht gelungen ist.

Als Beispiel für mein Unbehagen soll die erste Geschichte dienen. Joachim Süss, der zugleich einer der Herausgeber ist, schreibt gleich im zweiten Satz über "uns Nebelkinder" - also im  Namen von sehr vielen, die in den 60er und 70er Jahren in der alten BRD aufgewachsen sind: "Ihr Blick auf die Geschichte ist verstellt, und damit ist zugleich ihre Zukunft verschlossen." Das ist mir zu undifferenziert und - ich gebe es zu - zu hoffnungslos. Mit dieser kategorischen Aussage beginnt er die Erinnerung an seine Kindheit in Stadtallendorf. Die Stadt gilt ihm als Symbol für alles möglichen dunklen Seiten des Nachkriegsdeutschland. Womöglich gerade aus dem Willen zu dieser Überhöhung ensteht dann Unverdauliches wie "geronnene Flucht", "Nabelschnur zu den Vorfahren" oder "giftbeladene Sedimente".

Und das ist schade, denn damit wird die Kraft der Gefühle und Erinnerungen des Autors geschwächt, wo er doch - so nehme ich jedenfalls an - genau das Gegenteil erreichen wollte.

Sicher sind die wenigsten Leser so streng, und besonders für diejenigen, die mit dem Thema nicht oder noch wenig vertraut sind, kann das Buch durchaus eine Offenbarung sein. 

Auch mir gingen einige Kapitel sehr nah, und das waren die, wo ich an einer persönlichen Geschichte Anteil nehmen durfte. 

Die Geschichte von Andreas Bohnenstengel ist zwar eine persönliche. Sie gehört aber doch zu denen, bei denen mir Entscheidendes fehlt. Bohnenstengel ist Fotograf und verarbeitet seine Erlebnisse in seiner Kunst. Da würde ich mir wünschen, genau dies auch zu sehen. Denn in seiner Erzählung wird klar, dass er kein Autor ist. Er behauptet, aber zeigt nicht, was in ihm vorgeht. Oder er tut es jedenfalls in einer Weise, die mich nicht berührt. 

Ganz anders geht es mir mit den Beiträgen von Katharina Ohana und Antje Pohl. Sie haben jeweils auf ihre eigene Art emotionale Wucht und Wirkung. Und die Autorinnen das sprachliche Vermögen, diese auszudrücken. Das macht - trotz des traurigen Themas - tatsächlich Lust, sich noch weiter damit zu beschäftigen.

Im dritten Teil des Buches geht es unter dem Titel "Heilung" darum, was wir Kriegsenkel denn nun anfangen mit diesem Erbe. 

Dass es inzwischen dieses Kapitel überhaupt geben kann, ist natürlich eine Folge davon, dass sich immer mehr Therapeuten mit dem Thema auseinan-dersetzen (müssen). Und es macht Betroffenen wie mir Hoffnung. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine erste Reaktion auf das Bewusstwerden dieses Erbes war: "Ohje, und nun?" Was nach dem "und nun?" kommen kann, beschreibt u.a. Ingrid Meyer-Legrand, die ich inzwischen persönlich kenne. Daher bin ich sicher voreingenommen, denn ich mag ihre Art sehr und finde die auch in ihren Texten wieder. Sie legt großen Wert darauf, uns zu zeigen, dass wir keineswegs resigniert auf dem Schutthaufen der Vergangenheit sitzen bleiben müssen, sondern darin durchaus Schätze zu entdecken sind. Aus denen etwas Gutes entstehen kann.

Einen ähnlichen Ansatz beschreibt Anne-Ev Ustorf eindringlich anhand ihrer eigenen Geschichte, und in diesen und den anderen Beiträgen des Kapitels geht es nicht zuletzt auch um die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Erbes.

Inhaltlich ist das Buch unbestritten lesenswert, und nicht nur einmal. Es regt an zum Weiterlesen und Diskutieren.

Dass das stilistische und sprachliche Niveau in solch einer Sammlung unterschiedlich ist, liegt zwar in der Natur der Sache. Aber, auch wenn ich mich wiederhole: die Mängel fallen auf, sei es als Redundanzen oder sogar sich vermeintlich widersprechende Aussagen im selben Kapitel. Das Buch hätte (vielleicht in der zweiten Auflage?) ein besseres Lektorat verdient. 

Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Bahn macht mobil

Natürlich muss ich genau an dem  Tag in Urlaub fahren, an dem der unbefristete Streik der GDL beginnt.

Nach einer fast schlaflosen Nacht – teils dem Reisefieber geschuldet und teils der Tatsache, dass ich wie unter Zwang andauernd die neuesten Streik-meldungen checken musste – steige ich endlich um sieben Uhr morgens in den Zug nach Berlin. Eine junge Frau – nicht gerade strahlender Laune oder gar in Plauderstimmung – sitzt neben mir. Sie verteilt ihre Besitztümer raumgreifend um sich herum, arbeitet auf ihrem Notebook und muss später an einer Telekonferenz teilnehmen. Natürlich höre ich nur ihre Beiträge oder besser Versuche, aber die sind recht eindeutig: "Ich bin der Meinung...."...."Also ich finde ja...." …."Wenn ich dazu etwas sagen darf...."... "Aber hatten wir nicht ursprünglich vereinbart..." und zu allerletzt „Das schaffe ich nicht!!!“
Ich merke, wie fremd mir diese Welt inzwischen geworden ist. Sie tut mir leid, aber nur ein bisschen.

Ein lustiges südamerikanisches Pärchen transportiert scheinbar seinen ganzen Hausrat und versucht, diesen möglichst platzsparend zu verstauen, was nicht ganz gelingt. Die Post würde die Kisten und Kartons als Sperrgut klassifizieren. Ein fröhlicher Zugbegleiter schlängelt sich an dem Aufbau vorbei und bemerkt: „Genug Gepäck ham wir jedenfalls mit!“

Überhaupt sind alle DB-Angestellten ausnehmend guter Laune und sehr hilfsbereit. Ich frage mich, ob das irgendwie mit dem Streik zusammenhängt. Ich hätte eher das Gegenteil erwartet, aber womöglich ist es der Spaß an der Ausnahmesituation. So finden sich hier in der ersten Klasse viele Leute, die wohl sonst zweiter Klasse fahren. Eine echte Abwechslung zu den üblichen Anzug-männern mit Smartphones und Laptops und wichtigen Mienen.

Gegen Ende der Fahrt verteilt derselbe Zugbegleiter Kekse an alle und sagt dazu verschmitzt: „Mit schönem Gruß von der Gewerkschaft!“

In Berlin – wohin ich ursprünglich erst auf der Rückreise wollte – habe ich eine Stunde Aufenthalt und überlege, die beiden Freunde zu erschrecken, bei denen ich in ein paar Tagen Station mache. Ich könnte ganz empört tun, dass mich keiner abholt, obwohl ich schon stundenlang am Bahnhof warte. Mein alberner Streich wird dadurch vereitelt, dass Michael gar nicht erst ans Telefon geht. Ist auch besser so – sowas haben sie wirklich nicht verdient. Bei ihnen zu Gast fühle ich mich, als wäre jeden Tag Kindergeburtstag. Und zwar meiner.

Stattdessen rase ich, weil es im Bahnhof kein Internetcafé gibt, ins nächste Hotel, um endlich mein mitten in der Nacht gebuchtes Fernbusticket auszudrucken. Wie blöd, dass man das nicht in der DB-Lounge erledigen kann! Wie schön, dass jemand im DB-Reisezentrum mir diesen Tipp gegeben hat! Und noch viel schöner, dass die jungen Leute, die an der Hotelrezeption eigentlich vor mir dran wären, lebhaften Anteil nehmen, mich selbstverständlich vorlassen und mir „Gute Reise und einen tollen Urlaub!!“ hinterher rufen, als ich wieder zum Bahnhof galoppiere. Nun gut: trabe.

Dann ruckzuck ein Kaltgetränk und ein Brötchen erworben und runter zum Bahnsteig gerollt, an dem heute der Zug nach Stralsund abfahren soll, und zwar mit nur fünf Minuten Verspätung. Angeblich.

Noch tut sich nichts, außer dass immer mehr Menschen auf den Bahnsteig strömen. Da ertönt eine Ansage, die einen imaginären Zug und dessen Fahrgäste auf demselben Bahnsteig willkommen heißt und uns alle informiert, dass der Zug nach Stralsund schon bereit stünde. Weit und breit kein Zug zu sehen, geschweige denn zwei. Trotzdem - oder wohl deswegen - macht sich leichte Unruhe breit. Ich denke an den Film „Monsieur Hulots Ferien“, der damit beginnt, dass auf einem französischen Provinzbahnhof unverständliches Getröte aus den Lautsprechern kommt, woraufhin ein Trüppchen geplagter Reisender die Treppen mehrfach hoch und runter und wieder zurück rennt. In meiner Gegenwart beruhigt sich langsam alles. Jetzt kommt auch wirklich der Zug.

In der Bahn von Berlin nach Stralsund treffe ich einige der Menschen aus dem ersten Zug wieder – wir begrüßen uns wie alte Bekannte. Ich suche mir einen Platz, überlege es mir dann wieder anders – bin wohl doch ziemlich übernächtigt und nicht mehr Herrin aller Geisteskräfte. Dann muss ich auch noch meinen Koffer unterbringen, während sich hinter mir ein paar Frauen mit kleineren Kindern einrichten.

Inzwischen hat eine alte Dame meinen ursprünglichen Sitz erobert. Kurz nachdem ich kapiert habe, dass ich diesen Platz gegen einen schlechteren eingetauscht hatte. Für den Moment ratlos gucke ich hin und her. Darauf die Frau: „Möchten Sie nicht lieber bei Ihren Kindern sitzen? Sind das denn Ihre Kinder?“ „Nein, das sind nicht meine Kinder. Sonst wäre ich wohl eine extrem Spätgebärende gewesen.“ „Ich dachte, das sind Ihre Kinder.“ „Wenn überhaupt, wären sie meine Enkel. Sind aber weder noch.“ Ein Mann ruft dazwischen: „Wer weiß!“ „Ich! Wenn es irgend jemand weiß, dann ich!“ Alles lacht. Die alte Dame macht sich später noch ausführlich Sorgen um einen jungen Mann, falls der mal aufs Klo muss und nicht raus kann, weil ich – er hat es mir angeboten – meinen Koffer zu ihm gestellt habe. Der junge Mann sitzt mir schräg gegenüber, und wir werfen uns augenrollende Blicke zu und schneiden alberne Grimassen. Sofort tut es mir wieder leid, denn die alte Frau ist einfach nur freundlich, wenn auch ziemlich redselig.

Zwei kleine Jungs – Brüder – sind anfangs noch gedämpft von weitem zu hören, wie sie sich unterhalten und irgendwas spielen. Plötzlich ein empörter Schrei: „Du hast das kaputte-maaaaaacht! Mamaaaaaa – der hat das kaputte-maaaaacht! Mamaaaaaaa!“ Sie vertragen sich schnell wieder. Leider toben sie von nun an auf den leeren Plätzen hinter mir herum, und jedes mal, wenn ich versuche, böse nach hinten zu gucken, sitzen sie blitzschnell still und grinsen mich mit funkelnden Augen an, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Gegen so viel Charme bin ich machtlos.

Ein etwas älterer Junge mit Hipster-Hütchen auf dem Kopf hantiert mit einem kleinen Gerät, seine Mutter reicht ihm einen Kopfhörer, und er fragt: „Wie geht'n das jetzt? Muss ich einfach den Knopf drücken?“ Bevor sie antworten kann, erklingt laut eine Stimme mit den Worten: „Liebe Tindlein, am Anfang ist alles noch tsiemlis swer, aber das wird schon!“ Beinah' rufe ich entzückt: „Mama Wutz!“ Jawohl, sie ist es. Leider darf ich nicht weiter mithören, weil der richtige Knopf für den Kopfhörer gefunden wird. Ich bin betrübt. Das Urmeli ist mein Lieblings-Puppenkisten-Star.

Eine Frau in meiner Nähe ruft per Handy eine Kollegin an. „Du, Brigitte, morgen kommt ein Päckchen bei Euch an, da ist Blut drin.“ WAS!?
„Gib das bitte sofort ins Labor weiter.“ Ach soooo.

Und so vergeht recht gemütlich und unterhaltsam der zweite Teil der Bahnreise.

In Stralsund versuche ich herauszufinden, wo der Busbahnhof ist und ob ich dahin laufen kann. Obwohl ich inzwischen ziemlich abgekämpft bin. Eine freundliche Verkäuferin im kleinen Bahnhofsladen meint, es würde sich wirklich nicht lohnen, für so eine kurze Strecke den Bus zu nehmen oder womöglich gar ein Taxi. Es sei sozusagen gleich um die Ecke. Ich marschiere also los. Von „gleich um die Ecke“ kann aber keine Rede sein. Außer man ist total leichtfüßig und muss nicht noch einen immer schwerer werdenden Koffer hinter sich herschleifen. Trotz Rollen fühle ich, wie mein Arm langsam ausleiert. Damit nicht einer am Ende länger aussieht als der andere, wechsele ich alle paar hundert Meter.

Endlich ist der Busbahnhof in Sicht, oder doch nicht? Ich sehe hinter einer Kurve einen unwirtlichen Parkplatz, von schmutzig-grauem Geröll bedeckt und durch kleine, an den Rändern bröckelnde Parkinseln unterteilt, aber keinerlei Hinweis auf eine Fernbushaltestelle. Dabei soll der nach Rügen schon in zehn Minuten abfahren. Wenn ich nun am falschen Ort warte! Katastrophe. Bei meinem nächtlichen Online-Check war das Endergebnis, dass dies am heutigen Tag die einzige Verbindung zu meinem Urlaubsort ist. Leicht panisch rufe ich die Hotline des Busunternehmens an und beschreibe dem jungen Mann am anderen Ende, wo ich warte. Er versichert mir, dass ich da genau richtig bin. Nach dem Gespräch kommt plötzlich eine SMS mit der Bitte um etwas Geduld, der Bus habe ein bisschen Verspätung. Das Bisschen entwickelt sich zu einer guten halben Stunde, während der ich ein paar versprengte Teenager bei ihren Paarungsritualen betrachte. Endlich biegt der Fernbus um die Ecke. Ein gemütlich aussehender Fahrer krabbelt heraus und zündet sich erstmal eine Zigarette an. Ich wanke zu ihm hinüber. „Sagen Sie bloß, Sie fahren mich jetzt nach Rügen?“ Und er zwinkert mir freundlich zu und antwortet: „Jawoll! Und war ich nicht brav? Hab' ich nicht eine SMS geschickt, so dass Sie Bescheid wissen wegen der Verspätung?“ Das gestehe ich ihm gern zu.

Und dann fahren wir los. Und nach der Überquerung der Brücke zur Insel erkenne ich nach mehr als zwölf Stunden Fahrt die Landschaft wieder, die ich letztes Jahr so ins Herz geschlossen habe, und kann beinahe schon das Meer spüren. Endlich!


Montag, 11. Mai 2015

Ladendämmerung

Ich bin grundsätzlich dafür, lokale unabhängige Läden zu unterstützen und betrübt, wenn wieder einer von ihnen schließen muss, sei es wegen zu wenig Umsatz, oder weil ein kleines Familiengeschäft keine Nachfolger findet.

In meinem Viertel existieren noch paar wenige dieser Exemplare, und ich kaufe meist gern dort. Muss aber feststellen, dass es um manche vielleicht doch nicht so schade ist. 

Vor einiger Zeit hatte ich in  einem Lederwarengeschäft einen Rucksack gekauft, zugegeben: auch weil der Preis reduziert war. Nach einmaligem Einsatz im Supermarkt ging er sofort kaputt. Ich brachte ihn zurück und wurde erstmal missmutig angeschaut. Durfte dann aber ohne größere Umstände das Teil zurückgeben und bekam sogar mein Geld erstattet. Diese Transaktion ging sehr nüchtern und ohne  den Austausch von Nettigkeiten über die Bühne. Nun ja.

Weil ich das prinzipiell aber doch kundenfreundlich fand, hatte ich mir vorgenommen, die nächste Tasche in diesem Geschäft zu kaufen.  

Vorgestern spaziere ich also frohgemut (Shoppen macht mich immer froh) in den Laden und verkünde mein Begehr: eine Ledertasche, so um die hundert Euro, in einer hellen Farbe und ohne Gedöns. Im Schaufenster habe ich so eine gesehen, das erwähne ich gleich. Die ältere Dame, die mich schon mal bedient hat, zeigt mir stattdessen ein paar Exemplare, die erstens nicht aus Leder und zweitens eher dunkelbraun oder grau sind. 

Ich beschreibe ihr nochmal, was mir vorschwebt. Daraufhin stellt sie etwas unentschlossen ein paar Taschen von hier nach dort und wieder zurück, reden tut sie nicht mit mir. Ihr Sohn (nehme ich an) bleibt mit betrübter Miene im düsteren Hintergrund des Ladens stehen und beobachtet uns. Eine Idee oder Lust auf ein Kunden-Gespräch hat auch er nicht.

Nachdem die alte Dame unsicher lächelnd vage auf ein Regal deutet, krame ich kurzerhand selbst nach Taschen, die meiner Vorstellung nahe kommen. Ich finde tatsächlich eine ganz hübsche, die ich mir etwas näher anschauen möchte. Sofort kommt der Hinweis: "Die kostet aber mehr!" Ich schaue auf das Preisschild - es ist nur ein kleiner Unterschied. Leider entdecke ich ein paar kleine Flecken in dem hellen Leder. Als ich das erwähne, reißt mir die Dame die Tasche aus der Hand und sagt sofort: "Also ich seh' da nichts!" 


Inzwischen kommt energischen Schritts eine Frau herein - offenbar eine Stammkundin mit älteren Rechten. Ohne mich zu beachten ruft sie, sie brauche ein neues Portemonnaie, und sofort wendet die alte Dame sich ihr zu. Ich stehe etwas ratlos herum. Dann bewegt sich der Sohn in Richtung der neuen Kundin, und ich frage nochmals wegen der kleinen Fehler. Die zweite Kundin sagt laut und bestimmt: "Das ist bei hellem Leder immer so." Da ich nun schon etwas frustriert bin, rutscht mir ein "Wer hat Sie denn gefragt?" heraus.

Jetzt hab ich's endgültig vermasselt. Unter dreistimmigen Rufen "Sie sind aber unfreundlich!" verlasse ich das Geschäft.

Ich bin sicher, dass alle wieder ganz furchtbar traurig sind, wenn der Laden endlich pleite geht. Außer mir. 



Sonntag, 3. Mai 2015

Ich bin


Zu faul
Zu dick
Zu klug

Zu laut
Zu still
Zu ernst

Zu albern
Zu hässlich
Zu schön

Zu feige
Zu arglos
Zu traurig

Zu fordernd
Zu vorlaut
Zu nett

Zu weiblich
Zu verrückt
Zu stolz

Nie genug
Viel zu viel

A Lonely Life

...a diminishing circle of friends is the first terrible diagnostic of a life in deep trouble: of overwork, of too much emphasis on a professional identity, of forgetting who will be there when our armored personalities run into the inevitable natural disasters and vulnerabilities found in even the most average existence. (David Whyte)

I have not had a close, true friend for a long time. The words by David Whyte make me sad and mad at the same time. None of his reasons apply to me but nonetheless, my life feels deeply troubled. I wonder if you can die just from loneliness. If your heart that has been hurt time and time again finally gives out. Writing this, of course I blame myself for committing the pathetic crime of self-pity. 

Yet again I have been left high and dry by someone who I thought of as a friend, without any explanation or warning. It happens every time I let myself hope for a new bond. 

I am sitting here on yet another lonely Sunday crying and thinking the same old useless thoughts that have been tormenting me ever since I was a little girl.

There must be something basically wrong with me. I am not lovable and whatever I do to make myself so has no effect on the eternal lonesome wasteland that my life has become. 

Then again, sometimes the sadness turns into anger: what is so different about me that I don't deserve any human company? Or even kindness. I seem to emit some secret signal telling people that I deserve cruelty and hate. 

Yesterday I made myself go for a walk into town. I needed exercise and fresh air and was in a reasonably good mood. Until some young woman who was with her friends and didn't watch her step bumped into me. Immediately she was yelling: What the fuck, you fat cow!!!! I continued with tears streaming down my face. Gone was my anger and helplessness took over. 

I blame only myself. I deserve this. What did I think walking on my own on a weekend? This is not permitted. You make yourself visible for all the world to see that you have nobody wanting to walk with you. Nobody to spend time with. Nobody to protect you. Nobody to comfort you. So you deserve to be punished by all the normal people. You must not ever insult the normal people with your presence! 

Thou shalt remain invisible.








Sonntag, 26. April 2015

Date from Outer Space

So - I am back on the market, as they say. I had a date. With a guy who I have known for years from saying hello and exchanging some smalltalk  when we met on the subway or somewhere round my neighborhood.

The experience is a wonderful reminder for me to rely on my gut feeling and not waste precious time with stuff or people who are not really worth it. Then again I am much too curious for my own good sometimes. I am like a child - when a new toy turns up I want to play with it and find out if it has any potential.


And I confess: I was also a little flattered. After all, he is a rather attractive guy with a decent job and a good style - or so I thought.

So on a sunny afternoon last week we met to have a walk and a coffee. 


On the way to the café he said: "So what was the problem?"
"Problem? Which problem are you talking about?"
"Well, we exchanged numbers and you didn't call."
"You expected me to call you? It is you who wanted to get together, or is it? And I have been very busy with other things."
"So you did not think of me?"
How do you answer that politely without lying? So I didn't.

We sat down and ordered and he told me that he was happy I had finally agreed to meet with him. In silence I wondered about the "finally".

"I have been asking you forever - even that long time ago when we used to run into each other at the clubs and pubs."

I couldn't come up with one single scene like that. And I do remember details of my clubbing days. For my  sins. 


I concluded that, in his desperation he had finally married another woman and had two little daughters with her. Because that much I knew about him. Of course, I didn't mention it. I remained curious and in a rather mellow mood.

He interviewed me about my life as if I was applying for a job - or the position of his next wife. As soon as he found out I speak French we were conversing in his mother tongue which I rather enjoyed. Until he pronoucnced his findings on German women. Did I mention that he is of Arab background? I didn't want to play this a part but - as it turned out - I couldn't do anything to avoid it. 

Suddenly I found myself in a heated discussion of the question if German women were too arrogant, difficult, feminist, or what have you, to even want a man in their life. Seconds later we were on the matter of the Israeli-Palestine conflict. At that point I suggested we should stop this conversation. It wasn't getting anywhere, and neither were we. 

So while I was thinking of a good way to apologize myself he went back to his interrogation.

Not thirty minutes ago he had told me how interesting and fascinating he found me and that he wanted to know EVERYTHING about me - that old and rather tired song.

So I run my own little test. I tell him about my writing and that exiting things are happening for me just now. Need I mention that he can't think of one question to ask? Instead he says: "Oh yes, I know - writing job applications." He offers asking if his company - a big airline - is hiring flight attendants - that would be a good job for me because I am so charming and beautiful.

I laughed out loud - bewildered and desparate in equal measures. And you simply don't laugh at a suggestion from a man like him. He also doesn't seem to have a sense of humor. Or, to be fair, not my kind. 


As I was saying I needed to leave now, he took out his smartphone and typed away. Never once looking at me again. Possibly setting up the next interview. 

The icing on the cake? He had me pay for my own latte macchiato.

I was chuckling all the way home.