Donnerstag, 15. Mai 2025

Reiseschnipsel

Frankfurt - Wien
Hochspannungsleitungen schwingen sich wie silberne Spinnenfäden durch ein besonntes grünes Tal.
In Würzburg schauen Hausdächer über den Bahndammrand.

Die Frau gegenüber versucht, möglichst dezent ihr Schinkenbrötchen zu essen, während sie im Goldenen Blatt über die zerbrochene Ehe im monegassischen Herrscherhaus nachliest. Interessante Lektüre-Kombi: Goldenes Blatt und Motorrad-Magazin.

Ein Reh stöckelt anmutig einen Abhang hinauf.

Auf manchen Feldern werden offenbar Sonnen-Kollektoren angebaut.

In Österreich machen die Züge ein paar Takte Musik beim Losfahren.

Ein Vergnügen beim Reisen sind die exotischen Ortsnamen - Mürzzuschlag zum Beispiel.

Wien Hauptbahnhof

Im Supermarkt gibt es Coffee to go. Ich stehe vor dem Automaten, da stellt sich ein nicht unattraktiver Eingeborener ganz dicht zu mir und sagt: "Da müssen's a Münzerl einwerfen." Ich bedanke mich und folge seinem Hinweis. Er rückt noch ein bisschen näher: "Und jetzt an Becher drunterstöll'n." Ich bedanke mich wieder und bemerke, dass er mir auch gern von etwas weiter weg helfen könne. Antwort: "Geh schleich Di, Du Kaschperl!" Dabei waren wir eben noch per "Sie".

Wien - Graz 

In tschechischen Bahnen gibt es keine Cola, sondern Pepsi, und die freundliche Serviererin weiß nicht, was eine Serviette ist. Tissue versteht sie aber.

Ein Mann am Handy: "Ja, ich bin bald da. Und ich soll mit der Straßenbahn fahren? Diese Strecke bin ich noch nie mit der Straßenbahn gefahren. Nein, wirklich nicht. Damals, wie ich, wie ich, wie ich... Also da ist keine Straßenbahn gefahren."

Im tschechischen Zug gibt es ein kleines "Kino" für Kinder. Beim Einsteigen hatte ich das nicht gesehen, aber während der Fahrt hinter mir Musik und Dialoge wie aus einem Puppenspiel gehört. Seltsamerweise hat mich das erst richtig gestört, als ich sah, dass das Programm völlig ohne Publikum in Dauerschleife lief. Offenbar fand ich es noch akzeptabel bei der Vorstellung, dass mindestens ein Kind begeistert zuschaut.

Graz - Wien

Wir kommen mit einem liebenswerten jungen Studenten ins Gespräch - ein jetzt schon Weitgereister, der Linguistik studiert und später unbedingt ins Ausland will. Wir sind ganz stolz, dass wir seinen Dialekt verstehen, dabei behauptet er, "so eine Art" Hochdeutsch zu sprechen.

Wiener Tram

"Jetzt hab ich nur kurz mit dera Blume geredt, und scho issie verwelkt."

Drei Leute auf dem Weg zu einem Fotoshooting:
"Habt's Ihr schon a paar locations im Kopf?"
"Nö, ich hab eh nur Stroh im Kopf."

Wien nach Frankfurt

Rückfahrt mit aufgehobener Zugbindung - ich frag den Zugbegleiter auf dem Bahnsteig, ob ich diesen Zug nehmen kann, und er:"Net lang fragen, einsteigen, Platzerl schnappen - es is eh scho sehr voll."

Im Zug:"Könnten Sie mal unter Ihrem Sitz schauen? Mir ist ein Stein runtergefallen." "Welche Farbe?" "Naja, grau. Wieso - sind da mehrere?"

Mir gegenüber sitzt ein knorriger, schlechte Laune ausstrahlender Alter und liest ein Buch über Prana-Heilung für Fortgeschrittene, versehen mit zahlreichen bunten Merker-Zettelchen.

Bei der Ankunft in Nürnberg zählt der freundliche Zugchef alle Anschlusszüge auf, die leider nicht auf uns warten konnten.

Der Zug-Kellner, als er mir einen Cappuccino am Platz serviert:"Mit Karte? Moment, irgendwo hab ich ein Lesegerät - ich trag so viele Sachen mit mir herum. Ich bin Mary Poppins, nur ohne Regenschirm."

Mittwoch, 8. April 2020

Jobkrise - Krisenjob

Über einen kuriosen Schlenker habe ich ausgerechnet in dieser Krise einen Job angeboten bekommen, nachdem ich monatelang vergeblich gesucht hatte. Und zwar einen, den es in dieser Form auch nur in diesen Zeiten geben konnte.

Nun unterstütze ich seit etwas über einer Woche einen chinesischen Unternehmer dabei, Gesichts-Schutzmasken an das deutsche Volk zu bringen. Beziehungsweise an dessen Vertreter, wie Herrn Spahn und Kollegen.

Das ist eine Herausforderung, um es milde auszudrücken.

Ich stand - wie wohl wir alle, die täglich die Neuigkeiten zu Corona verfolgen - unter dem Eindruck der Berichte, in denen Klinikchefs, Oberärztinnen, Pflegedienstleiterinnen, Sanitäter und viele andere händeringend nach den Masken verlangten.

Also sollte man meinen, ein  seriöses Angebot würde sehnlichst erwartet. Dem war nicht so. Oder vielleicht doch, aber allein die Kontaktaufnahme war ein Hürdenlauf. Die Tele-Kommunikation ist offenbar überhaupt nicht auf wirkliche Herausforderungen vorbereitet. Nicht einmal, wo man es voraussetzen würde, nämlich beim Gesundheitsministerium. Immerhin erhielt ich von dort die E-Mail-Adresse des Krisenstabs, der wiederum innerhalb 24 Stunden geantwortet hat. In der Antwort stand aber buchstäblich nichts Konkretes, und erst vor ein paar Tagen wurde die Online-Ausschreibung für solche Angebote eingerichtet. Das heißt, alles nochmal von vorn anfangen, nur viel umständlicher und aufwändiger. (Wobei ich selbstverständlich richtig finde, dass auf Regeln und Zertifikationen geachtet wird.)

Ich bin froh, dass dies nicht mein  Job ist,  sondern der meines deutschen Kollegen, der den eigentlichen Vertrieb managt.

Seit ich von seiner Existenz weiß (dazu später), ist meine Tätigkeit nochmals interessanter geworden. Jetzt bin ich die einzige Frau im Bunde. Und - wer hätte das gedacht - nun sind vor allem anderen die Soft Skills gefragt.

Denn die eigentliche Herausforderung ist die interkulturelle Kommunikation. Die nebenbei für Lachanfälle sorgt, wenn ich wieder ein Telefonat mit meinem Boss in China beendet habe. Anfangs waren es Wutanfälle, aber ich habe schnell dazugelernt.

Mein erster Impuls, wenn ich einen Auftrag bekomme, ist ja seit jeher, mich sofort fürs Ganze verantwortlich zu fühlen und mit dem üblichen Perfektionismus alles zu tun, was irgendwie zum Ziel führt. Wahrscheinlich war ich schon als Baby so. Also sitzt das richtig tief. Aber bei diesem Job habe ich gemerkt, wieviel besser ich inzwischen mit diesem inneren Befehl klar komme. Nach kurzer Zeit habe ich entschieden, dass das gar nicht meine Aufgabe ist und ich nur mache, was vereinbart wurde, und wofür ich kompetent bin. Und nicht zuletzt, wofür ich bezahlt werde. Denn ein Managergehalt  wie früher mal bekomme ich natürlich nicht. Allerdings auch keinen Hungerlohn.

Eine Stellenanzeige für meinen Job würde so aussehen:

"Haben Sie Erfahrung in Office Management, Projektplanung und -organisation und sind mit allen modernen IT-Anforderungen vertraut? 

Sind Sie perfekt in mündlicher und schriftlicher Kommunikation auf Deutsch und  Englisch, und können Sie Anrufe und Texte verstehen und übersetzen, deren Englisch rudimentär ist, und deren Inhalte häufig rätselhaft erscheinen? 

Kommen Sie mit einem Vorgesetzten zurecht, der sehr geheimniskrämerisch und misstrauisch ist und Sie stündlich mit wichtigen Neuigkeiten überrascht, wie zum Beispiel Namen von Kollegen, von deren Existenz Sie bisher gar nichts ahnten?

Verfügen Sie über nahezu endlose Geduld, wenn Ihnen jemand Sachverhalte immer noch einmal erklären möchte,  die Sie längst verstanden haben (sagt Ihnen der Begriff Mansplaning etwas?)?

Wären Sie zusätzlich bereit, telefon-seelsorgerische Aufgaben zu übernehmen und dabei zwischen verschiedenen Stakeholdern zu vermitteln?

Dies alles selbstverständlich neben den herkömmlichen Aufgaben, die in Ihrer Position verlangt werden.

Dann würden wir uns freuen, von Ihnen zu hören!"

Wenn alles überstanden ist, werde ich mich für den diplomatischen Dienst bewerben. 






Sonntag, 5. April 2020

Du fehlst

Gerade beim Bügeln habe ich Radio gehört - beides lange nicht mehr gemacht. Bügeln, dabei Musik hören und völlig hemmungslos mitsingen ist ungemein befriedigend, und das hatte ich ganz vergessen.

Dann spielte der Sender Herbert Grönemeyers "Mensch", einen Song, den ich sehr liebe und mit dem ich viele Erinnerungen verbinde.

Seit Corona uns ereilt hat, denke ich mehr als sonst an die Menschen, die mir am Herzen liegen und auch an jene, die nicht mehr da sind.

Immer noch habe ich manchmal den Impuls, meinen Vater anzurufen und zu fragen, ob es ihm gut geht und zu ermahnen, bloß gut auf sich aufzupassen. Mein Vater ist ja schon einige Jahre tot, aber die Erinnerungen sind noch sehr lebendig. Und meine Gedanken gemischt - in gewisser Weise bin ich froh, dass er dies nicht erleben muss. Womöglich in einem Pflegeheim, wo er niemanden sieht, der ihm vertraut ist. Und ich weiß noch gut, dass er zuletzt auch nicht mehr wusste, wie man ein Telefon bedient, also wäre selbst das nicht möglich gewesen. Was für ein Horror! Die Menschen, denen es jetzt so ergeht, tun mir entsetzlich leid. 

Aber bei der Stelle im Lied, wo es heißt "Du fehlst", dachte ich als Erstes an meinen an einem Glyoblastom verstorbenen Freund E., denn der fehlt mir. (Wobei - auch um ihn würde ich mich sorgen, denn er hatte eine sogenannte  Vorbelastung.) 

Seine Beerdigung war eine tieftraurige, freudige und lebensbejahende Feier seines Lebens. So furchtbar es ist, wenn jemand "vor der Zeit" stirbt, so stark war das Gefühl, dass E. so intensiv gelebt hatte, dass es für mehrere Menschenleben ausgereicht hätte.

Aber das ist es nicht, woran ich denke, sondern daran, dass er einer der  Menschen war, die sofort Ideen für Hilfsaktionen hätten und dafür, wie man  gerade jetzt Liebe, Freude und auch Schönheit verbreiten kann. Denn das war sein großes Talent. Er war kein Heiliger, sondern ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, wie Grönemeyer ihn besingt. 

Und weil wir oft zu diesem Lied getanzt und es aus vollem Herzen mitgesungen haben, musste ich vor allem an ihn denken.

Du fehlst, lieber Freund.




Donnerstag, 2. April 2020

Corona, Corona

Nun schreibt sie wieder - außergewöhnliche Lagen zeitigen neue (alte) Gewohnheiten.

Wie uns alle beschäftigt mich die Krise. Wie nicht alle jedoch in besonderer Weise. Aber vielleicht gilt das doch für alle? Jedenfalls ist es so, dass wir Depressiven, Alleinlebenden, Angstgeplagten, Hochsensiblen ... jede und jeder noch zusätzlich mit anderen Dingen zu kämpfen haben als die Normalos.

Wenn ich meine Gedanken unkontrolliert einfach so herumschweifen lasse, schweifen sie in ungute Richtungen. 

So zum  Beispiel:

Solltest Du nicht vielleicht eine kleine Tasche packen, falls es Dich erwischt und Du in die Klinik musst? Oder halt, nein, lieber doch nicht, denn das hieße das Schicksal herausfordern. Wenn die Tasche da wartet, wirst Du sie garantiert brauchen. Oder ist es anders herum? Ist das nicht wie mit dem Schirm, den man vorsichtshalber mitschleppt, damit es nicht regnet? 

Und was, wenn Du hier abkratzt und - weil Dich ja niemand vermisst - Du erst Monate später gefunden wirst, weil es beginnt, aus Deiner Wohnung streng zu riechen? Also vorher einen richtig intensiven Frühjahrsputz machen, damit Du Dich nicht noch aus dem Jenseits schämen musst, wenn es soweit ist.  

Schlimm genug, dass der ganze Mist an Deinem Vermieter hängen bliebe, der hat das wirklich am allerwenigsten verdient. Was kannst Du vorher tun, um ihm möglichst wenig Arbeit zu machen? 

Wäre es sinnvoll, jetzt schon ein Bestattungsinstitut anzurufen?

Und so weiter und immer so weiter.

Da hilft nur laut und deutlich "Stop" sagen und die Gedanken wieder einfangen.

To be continued.




Dienstag, 5. November 2019

Filmtipp LARA (Spoiler-Alarm)

Corinna Harfouch spielt ja häufig Frauen, mit denen man sich lieber nicht anlegt. Schon ihre spröde Stimme ist dazu angetan, andere auf Distanz zu halten. 

Die Titelrolle im neuen und lang erwarteten Film "Lara" von Jan-Ole Gerster ist ihr also wie auf den Leib geschrieben. 

Wie in Gersters Erstling "Oh Boy" spielt die Geschichte an einem einzigen Tag - dieser Tag ist Laras 60. Geburtstag, und ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) gibt am Abend ein Konzert, bei dem sein erstes selbst komponiertes Werk uraufgeführt wird. 

Lara beginnt den Tag, indem sie in kühlem grau-blauen Dämmerlicht von der Couch aufsteht, auf der sie offenbar geschlafen hat, zum Fenster ihrer Hochhauswohnung geht, es öffnet, einen Stuhl ans Fenster schiebt und auf diesen Stuhl steigt. Dann klingelt es an der Wohnungstür.

Vor der Tür stehen zwei Polizisten: Die ehemalige Beamtin wird als Zeugin für eine Hausdurchsuchung gebraucht. Kein Fleurop-Strauß, keine Glückwünsche für Lara. 

Danach widmet sie sich der Vorbereitung auf Viktors Konzert. Ihr Sohn ist ein erfolgreicher Pianist, und sie war seine Lehrerin. Das bedeutet jedoch nicht, dass die beiden diesen besonderen Tag zusammen begehen. Wie uns anhand vergeblicher, fast schüchterner Versuche von Lara, ihren Sohn telefonisch zu erreichen, schnell klar wird, ist die Beziehung kompliziert. Überhaupt braucht Gerster nur wenig Aufwand, um uns zu zeigen, wie die Dinge liegen - manchmal genügen ein paar Worte, manchmal ein Entgleisen der Gesichtszüge, und wir verstehen.

Wir verstehen zum Beispiel, dass Lara alle Menschen, die ihr auch nur ein wenig Freundlichkeit zeigen, wegbeißen muss, weil sie das nicht ertragen kann. Wir verstehen, während wir sie einfach nur schrecklich finden und ihre Aktionen uns zuweilen entsetzen, dass sie zutiefst verzweifelt ist. Dabei aber immer elegant und souverän aussieht. Abgesehen von ihrem Gesicht.

Wir erfahren, dass sie selbst seinerzeit ihr Klavierstudium abgebrochen hat, aber erst später, warum sie so entschied. Und dass diese Entscheidung womöglich falsch war.

Nicht nur wegen des Musik-Themas musste ich an Hanekes "Klavierspielerin" denken. Um dann in einer Kritik zu lesen, dass Gerster tatsächlich seit jeher ein großer Haneke-Verehrer ist, und dass dieser ein bisschen Schuld daran trägt, dass wir so lange auf seinen nächsten Film warten mussten. Offenbar hatte Haneke ihm für "Oh Boy" großes Lob gespendet und erwähnt, wie gespannt er auf den nächsten Wurf sei. Und das hat Gerster nicht etwa angefeuert, sondern gelähmt. 

Das Warten hat sich mehr als gelohnt. Fast unerträglich intensiv erzählt und bis in die kleinsten Nebenrollen toll besetzt und gespielt, hat mich lange kein Film so beeindruckt. 

Bis zuletzt hält die Spannung an, wie dieser Tag enden wird. Alles scheint möglich, vom zu Beginn angedeuteten tragischen Ende bis zur neuen Hoffnung.  

Es dauert quälend lange, bis die Erlösung kommt. Aber sie kommt.








Mittwoch, 21. Februar 2018

Wahlkampf

Heute plaudere ich gerade im Gemeinschafts-Waschkeller mit meiner  Lieblingsnachbarin, einer betagten, aber geistig sehr agilen Dame, die ich in Gedanken immer nur "Frau Feldmarschallin" nenne - dies durchaus liebevoll - als die Tür aufspringt und unser Hausmeister hereinplatzt.

"Des is doch unerhört - mei' Frau hat 'en Brief vom Feldmann bekomme, und die Adresse kann nur aus'm Wählerverzeischnis sein! Des gibt's doch gar net!" Er spricht in lauter Ausrufezeichen.

Frau K. und ich grinsen uns an. "Ja, und wenn - was ist denn daran  so schlimm?", frage ich. "Ei, des geht doch net. Habbe Sie auch so'n Brief gekrischt?" "Ja, ich glaube schon." "Der schreibt NUR an die Fraue! Die Fraue wähle den all!" "Also mein Typ ist er nicht", sage ich.

Dazu muss man wissen: Am Sonntag wird der oder die neue Oberbürgermeister(in) gewählt in unserer schönen Stadt. Und Feldmann ist der Amtsinhaber. Außerdem ist er bei der SPD. 

Unser sonst so umgänglicher Hausmeister ist die Entrüstung in Person. Die Feldmarschallin lacht ihm ins Gesicht und sagt: "Würden Sie sich auch so aufregen, wenn der bei der CDU wäre?" Herr L. kümmert sich gar nicht um diesen unqualifizierten Einwurf, sondern wütet weiter von Amtsmissbrauch und Datenschutz und Unverschämtheit. Hat dabei aber die ganze Zeit so ein verschmitztes Zwinkern in den Augen. 

Ich sage: "Finden Sie die von der CDU etwa besser? Schon wie die süffisant von den Plakaten auf Ihre potenziellen Untertanen herunter lächelt...also nee." 

Ich frage mich wirklich, wer das Bild ausgesucht hat. Extrem-Photoshopping, und dann dieses arrogante Halblächeln mit geschlossenen Lippen - wer solche Berater hat, braucht keine Feinde mehr. Oder ist es Absicht? Ein Statement, nach dem Motto: Ich bin zwar eine Frau, aber deshalb muss ich nicht lieb aussehen. Warum dann aber die Lebensspuren aus dem Gesicht bügeln? 

"Wissen Sie das denn genau," frage ich Herrn L., "dass das Wählerverzeichnis nicht für solche Aktionen genutzt werden darf?" "Des glaub isch halt. Des derf doch net sein!" Frau K. und ich amüsieren uns weiter. "Also Sie regen sich auf, weil Sie sich einfach ein bisschen aufregen wollen, obwohl Sie gar nicht wissen, ob es was zum Aufregen gibt." 

"Jaaa - naja, kann sein." 

"Aber jetzt mal was anderes," sagt Frau K. "Gucken Sie mal - meine Maschine geht nicht." "Daran ist der Feldmann Schuld", schlage ich vor. "Genau!" sagt Herr L.

Die beide beugen sich besorgt zur Waschmaschine herunter. Ich schleiche mich von hinten an und sage: "Bevor ich gehe - das Wichtigste ist: Wir meckern nicht nur rum - wir gehen zur Wahl, oder?" "Aber hallo", sagt Frau K.  Da sind wir uns sofort einig.

Unsere Waschküche ist wie ein Dorfbrunnen, kommt mir vor. Schön, eigentlich.



Mittwoch, 3. Januar 2018

Von wegen Einsamkeit

In der Jugend-forscht-Abteilung der ZEIT - "Zett" - haben sich kürzlich zwei junge Herren über das Thema Einsamkeit ausgelassen - ist ja mein Thema, also musste ich das sofort lesen. Wie kommt überhaupt jemand anderes dazu, darüber zu schreiben?

Der erste junge Mann - ein Herr Julius Schophoff - gab seiner Story den Titel "Lasst mich in Ruhe", und nur darum ging es auch. Es ging überhaupt nicht um Einsamkeit, werden wir Einsamen doch viel zu sehr in Ruhe gelassen und wünschen uns meist nichts sehnlicher, als dass dieser Zustand ein Ende finden möge. Herr Schophoff dagegen ist genervt von langweiligen Meetings, braucht Ruhe zum Schreiben und kriegt in Großraumbüros Beklemmungen. So what?!

Zur Untermauerung seiner These - dass Großes nur in Einsamkeit entsteht - erzählt er von seiner Begegnung mit Nell Zink, die ein paar Jahre danach mit ihrem ersten Roman zum Shooting Star der amerikanischen Literatur wurde - da war sie schon fünfzig und hatte bisher immer nur für sich selbst und ihre Freunde (sic) geschrieben. Nun, nach allem, was ich über Nell Zink weiß, ist sie eine extrem unabhängige, exzentrische und selbstbewusste Frau; offenbar verwechselt Herr Schophoff allein leben mit einsam sein. Aber vielleicht wollte er auch nur sein Witzchen über das Vögel beobachtende und vögelnde Paar in ihrem Buch zum Besten geben. Und - wer weiß - sich in erlesener Gesellschaft glauben mit seinem Beharren auf Eigenheiten, die ihn erst zu einem großen Autor machen. 

Herr Schophoff weiß nichts von Einsamkeit - er kokettiert nur mit dem Begriff. Er kann sogar eine Frau und zwei Kinder vorweisen. Und schreibt eben über sein Bedürfnis, ab und zu allein zu sein. Was daran originell oder interessant sein soll, ahnen nur er und sein  Redakteur. 

Und spätestens mit diesem Satz verrät er sich:

"Aber irgendwann kommen wir wieder raus, geheilt, voller Vertrauen in uns und die Welt, bereit, uns eine Weile anzuschmiegen, sogar an Fremde, weil wir wissen, dass sie im Kern so sind wie wir."

"Moment mal!", wollte ich rufen. Den wirklich Einsamen fehlt doch genau dieses Urvertrauen, wie wären wir sonst so im Abseits gelandet? Zum Anschmiegen verfügen wir - wenn wir Glück haben - über Hund oder Katz'. Hamster eignen sich schon nicht mehr so gut, aber ich schweife ab. Auch dazu neigen wir übrigens, wenn wir schon mal was sagen. Nachholbedarf. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen. Nicht alle sind Nell Zink und haben erstens Talent und zweitens einen Jonathan Franzen zum Brieffreund.

Am Ende war ich nicht nur enttäuscht, sondern sauer.  Umso gespannter las ich dann die Erwiderung von Michael Allmaier, der den Kollegen sogleich als Poser entlarvte.  

Aber ach. Herr Allmaier wiederum verachtet die Einsamen und hat wenig mehr als Gespött für uns übrig. 

Wenigstens scheint er zu wissen, wovon er schreibt:

"Einsamkeit ist kein kostbares Gut, das man verteidigen muss. Sie wartet das ganze Leben lang, hinter jeder Tür, zu der man den Schlüssel hat. Aber wer einmal drüben ist, findet nur mühsam zurück."

Wie wahr!

Einsamkeit ist

- wenn Du das Radio einschaltest, weil Du die ohrenbetäubende Stille nicht mehr aushältst. Und es gleich wieder ausmachst, weil die abstoßend munteren Moderatoren noch schlimmer sind.

- wenn Du bemerkst, dass Du die ganze Zeit immer dieselben fünf Töne vor Dich hinsummst und Dich fragst, wie lange Du das wohl schon machst.

- wenn Du - falls Du Dich doch mal in Gesellschaft wiederfindest - das Bedürfnis hast, die Anwesenden gleich über Deine Macken aufzuklären, damit sie wissen, dass sie es mit einem Mängelexemplar zu tun haben. Aber wenigstens mit einem, das über sich Bescheid weiß.

- wenn Du Angst hast, dass jemand fragt, was Du an Weihnachten / Silvester / Deinem Geburtstag "Schönes" vorhast.

So ist das. Und dann noch dies aus der Feder von Herrn Allmaier: 

"Stark ist nicht der, der Menschen meidet, um ungestört in sich hinein zu lauschen. Sondern der, der auf sie zugeht, auch wenn ihm das schwer fällt."

Stimmt.  

Und manchmal möchte ich rufen: "Ich bin jetzt stark genug! Ich will wieder mitspielen."

Samstag, 23. Dezember 2017

Unexpected Christmas Spirit

I really hadn't planned to venture downtown today because I quite expected to be run down by crazed last minute shoppers. But then I decided to stock up on my essentials for the holidays (books, in case you were wondering) and to do that I had to visit the central library. I admit that this is some kind of panic shopping of its own. Only that I didn't have to pay for my loot. 

After leaving the library I walked down the Zeil, our main shopping street, where I found myself pleasantly surprised that no stampede was happening, on the contrary, most people were calmly and friendly going about their business. 

I noticed three people taking a selfie, two of them obviously good friends and the third a rather excentric looking guy. 

Suddenly I was taken back in time several decades....


This picture is from when I was in London for the very first time - it must have been somewhere around the mid eighties ... and the guy I noticed today could have been this beautiful young boy with the blonde mohawk, only years and years of a not exactly smooth life down the road. 

This senior punk had styled the four spikes of his hair to resemble the four candles of the advent wreath, in a brilliant red with the points in gold. And he wore his punk gear with a certain dignity, mind you, his jacket was the real thing with the whole shebang, from safety needles to tattoos and studs, not some fake wannabe biker jacket.

I couldn't help but smile and compliment him for his outfit, and so we talked for a while. He asked, "How did you know I was English, luv?!" He was indeed from London, and visiting Frankfurt to see his daughter. When he told me about her, and about not getting along with her mother, his expression completely changed - I had originally wanted to ask him for a photo but all of a sudden he looked so vulnerable. I told him that he seemed a little sorrowful, and he just nodded. And so after we had shared some jokes and good wishes, we now also shared some tears. 

When we embraced I could smell a faint trace of alcohol and the leather from his jacket but mostly it felt warm and strong and exactly right.  

We wished each other a merry Christmas and a happy new year, then we parted ways, and I went home with a smile on my face. Even if a little sad one. 





Sonntag, 20. August 2017

E.R.

Als ich letztens nur kurz in die Stadt wollte, wurde daraus ein längerer Aufenthalt in der Notfall-Ambulanz. Und das kam so:

Mir war schon beim Losgehen etwas blümerant. Genauer gesagt fühlte ich mich, als würde mir ein immens schweres Wesen auf der Brust sitzen und mir dabei die Kehle zudrücken. Gleichzeitig war mir übel, und ich fürchtete schon, mich in den nächsten Papierkorb übergeben zu müssen. 

Zuerst versuchte ich es mit Ignorieren, ging aber nicht. Ich bekam nur noch schlecht Luft, und plötzlich erinnerte ich mich, kürzlich über die typischen Symptome gelesen zu haben, die bei  Frauen einen Herzinfarkt ankündigen. Die hatte ich alle. 

Ich bin eigentlich nicht der hysterische Typ, aber als mir das eingefallen war, ging ich statt nach Hause zum nächst gelegenen  Krankenhaus. Mir war egal, ob die mich gleich auslachen und  wieder heim schicken würden. Lieber das, als allein in meiner Wohnung zu sterben und irgendwann von  Kakerlaken aufgegessen zu werden. 

Jetzt weiß ich also, dass bei Weitem nicht jedes Krankenhaus eine Notfallambulanz hat. Ich wurde tatsächlich weggeschickt, aber nicht, weil ich plötzlich gesundet war, sondern weil ich woanders hin musste.

Und zwar ausgerechnet in die Klinik, wo mein Vater ein  paar  Wochen auf der Palliativstation verbracht hatte. 

Als ich von meinen Beschwerden erzählte, musste ich immerhin nicht noch warten, sondern wurde gleich zum EKG abgeführt. Die Schwester war freundlich und einfühlsam, und das kann ich in so einer Lage überhaupt nicht vertragen. Sofort kamen mir die Tränen, weil ich bis dahin das getan hatte, was ich eben am besten kann: Haltung bewahren. Mich zusammenreißen. Nicht herumjammern. Nun bekam ich zu hören, dass es ganz richtig gewesen sei herzukommen, und dass es überhaupt nicht schlimm wäre, wenn sich alles als falscher Alarm herausstellen würde. In mein Taschentuch schniffelnd dankte ich für die freundlichen  Worte.

Nach dem EKG wurden noch Blutdruck und Sauerstoffsättigung gemessen - alles sei im grünen Bereich.

Jetzt würde noch der diensthabende Arzt einen Blick auf das EKG werfen, und dann könne ich wohl gehen.

Im Wartebereich fiel mir auf, dass sich die Symptome - wohl aus Respekt vor der Umgebung - inzwischen restlos verkrümelt hatten.  

Ich wurde ins Sprechzimmer gerufen und von einem jungen Mann befragt, der aber nicht der Arzt war - der kam hektisch dazu und hörte meine Lunge ab, während er mit dem jungen Mann und der Krankenschwester über alles Mögliche redete. Als brave Patientin bemühte ich mich, die zwischendurch gebellten Befehle - "Jetzt NICHT atmen! Wieder atmen! Tief ein und aus atmen!" schnellstens zu befolgen, ohne dass ich zu viel vom übrigen Gespräch mitbekam. Man will ja nicht indiskret sein. Dann ging es aber doch um mich.

Der Arzt fand es gut, wenn sich auch die Internistin das EKG anschauen würde. Ich wurde erneut in den Wartebereich geschickt. Und vertrieb mir die Zeit mit People Watching. Und Listening.

Ein Mann wurde mit "Herr Dr. X" aufgerufen und eilte ins Sprechzimmer, gefolgt von seiner Frau mit kleiner Tochter auf dem Arm, die rief: "Ich komme mit rein, weil ich ja auch Ärztin bin!" Ich dachte so: "Ah, der Schrecken jedes Arztes - Kollege als Patient". Ein befreundeter Mediziner hat mal bemerkt: "Unsereins geht ja erst zum Arzt, wenn wir uns mindestens schon einmal selbst reanimiert haben." Dann traf die Internistin ein. Als aufgeweckte Patientin erkannte ich sie am Inhalt ihres Handy-Telefonats, während sie ins Sprechzimmer eilte. Nun würde ich wohl gleich entlassen. Aber dass die meisten Ärzte mir wie frisch gebackene Abiturienten vorkommen, daran muss ich mich immer noch gewöhnen.

Die Internistin kam wieder aus dem Zimmer, und durch die offene Tür hörte ich, wie der Arzt zur Schwester sagte: "Bringen Sie ihr das mal schonend bei, damit sie keinen Schreck kriegt." Darauf steuerte die Schwester in meine Richtung, und ich kriegte  einen Schreck.

Mit dem Lächeln einer Flugbegleiterin, die den Passagieren versichert, alles sei in bester Ordnung, und sie müssten jetzt sofort die Sauerstoffmasken anlegen, teilte die Schwester mir mit, dass ich auf Wunsch der Internistin nun offiziell aufgenommen und nochmals gründlich untersucht würde. Es gäbe ein paar seltsame Dinger in der EKG-Kurve. "Was für Dinger?", fragte ich. "Keine Ahnung, aber es ist bestimmt nichts", sagte sie. Das beruhigte mich sofort. Nicht.

Sie schickte mich zur Aufnahme, und da war erstmal eine Runde Extrem-Schämen angesagt, weil ich immer noch keinen Angehörigen vorweisen konnte, den man im Notfall anrufen dürfte. Und einmal fragen reicht offenbar nicht - immer kommt noch "Wirklich niemand?" hinterher. Was glauben die denn? Dass ich vor lauter Aufregung vergessen habe, dass zu Hause ein liebender Ehemann wartet, der sich fragt, wer ihm heute sein Abendessen macht? 

Als das überstanden war, durfte ich einem blonden, engelsgleichen Pfleger in den "Kardioraum" folgen. Der Engel  sagte: "So, als erstes machen wir ein EKG." Darauf ich: "?!?" In Wirklichkeit sagte ich, es sei doch gerade eins gemacht worden, er könne es sich in der Akte anschauen. Und da wundert man sich über verrückte Gesundheitskosten. 

Der Engel erklärte sich bereit, erstmal  abzuwarten. Inzwischen würde er mich verkabeln und mir Blut abnehmen. Letzteres beherrschte er zu meiner Erleichterung ganz ausgezeichnet. Sonst hätte ich bestimmt gleich noch einen beliebten Satz gehört, der da heißt: "SIE haben aber schlechte Venen!" Da weiß ich auch immer nichts zu antworten. Übersetzt heißt der Satz sowieso nur: "Hilfe, ich krieg' das hier nicht hin", begleitet von verzweifeltem Herumstochern in meinem Arm.

Nun lag ich also, nachdem der Engel mich verlassen hatte, eine ganze Weile in diesem Raum. Ohne Brille konnte ich nicht mal sehen, was der Monitor zu meinen Werten sagte. Wie langsam die Zeit verging... 

Anhand des sich regelmäßig aufpumpenden Messgeräts an meinem Arm zählte ich die Viertelstunden. 

Ab und zu kam mal jemand herein, wurschtelte in dem einen oder anderen Schrank und ging wieder heraus.  

Mein Magen knurrte mich an, als ob ich nicht selber wüsste, dass er seit dem Morgen kein Futter mehr bekommen hatte.

Inzwischen war es dunkel. Vielleicht war die Internistin längst nach Hause gegangen? Und wo war mein Engel? 

Kurz bekam ich Lust, mir wie im Film sämtliche Kabel und Schnüre vom Leib zu reißen und von der Liege zu springen. Aber so ohne Publikum...

Als endlich Frau Doktor samt Engel wieder auftauchte, schreckte ich aus einem leichten  Dämmerzustand. Die Internistin sagte, mein Blut zeige keinerlei Hinweise auf Herzinfarkt oder sonstwas Böses, aber sie wolle doch noch ein etwas detaillierteres EKG schreiben - so sagt man! Obwohl weder sie noch ihr Assistent sich mit Kuli und Hörrohr vor mein Herz setzen würden. Tatsächlich spuckte der Drucker diesmal ein tapetenbahngroßes Dokument aus, was der Engel auf mir ausbreitete, als sei er Architekt und wolle der Bauherrin seinen Plan erläutern. Frau Doktor sagte dazu: "Also das ist jetzt ein bisschen...." und guckte ihn pädagogisch an. Der Engel wurde rot, und ich musste  kichern.

Es gibt also "so Dinger" in meinem EKG, ich soll mir keine Sorgen machen und mal zum Kardiologen gehen.

Erstmal ging ich recht beschwingt zu Fuß nach Hause, erste Maßnahmen ergreifend: Von nun an mehr Bewegung.

Was mit mir an dem Tag los war? Könnte eine Panikattacke gewesen sein, meint meine weise Therapeutin.

Jetzt weiß ich also auch, wie sich sowas anfühlt.







Donnerstag, 20. Juli 2017

Auf gute Nachbarschaft

Vor einigen Wochen hing ein Zettel am schwarzen Brett im Hausflur. Überschrift war "Fernseher", und im Text wurde die Person, die offenbar ihr altes Fernsehgerät im Keller unter der Treppe "entsorgt" hatte, aufgefordert, ihn von dort weg zu schaffen. Unser Hausmeister hatte sogar die Telefonnummer der Müllentsorgung und die Öffnungszeiten des Recyclingcenters hinzugefügt.

Nun geht es in unserem Haus meist ganz zivilisiert zu. Es besteht aus lauter Eigentumswohnungen, und in geschätzt einem Drittel dieser Wohnungen leben noch die Ureinwohner, hätte ich beinah gesagt - nee, hab' ich jetzt halt mal gesagt. Gemeint sind die Erstbezieher, die inzwischen alt gewordenen Menschen, die sich Wohnungen gekauft haben, als das Haus Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gebaut wurde.

Ich bin Mieterin und damit, nach Meinung einiger Ureinwohner, von vornherein Bewohner zweiter Klasse. Dennoch, die meisten Nachbarn sind freundliche und hilfsbereite Menschen, und so ein Haus hat den Vorteil, dass man sich nie mit einer desinteressierten Verwaltung herumschlagen muss, dass man gegenseitig Pakete in Empfang nimmt, dass man im Waschkeller ein Schwätzchen  hält - dass man sich umeinander kümmert.

Im letzten Sommer habe ich zum Beispiel dreimal in einer Nacht eine verwirrte Nachbarin zurück in ihre Wohnung begleitet, nachdem sie - komplett angezogen, wie sich das für eine alte Dame gehört - immer wieder bei mir geklingelt hatte in der Überzeugung, ich sei Ihre Ärztin, und sie habe doch jetzt einen Termin.

Ein paar Wochen später ging es einem anderen alten Herrn schlecht, und ich rief den Notarzt und wartete mit dem Nachbarn, bis dieser eingetroffen war.

So war das in unserem Haus. 

Manchmal war es aber auch so:

Eine der Ureinwohnerinnen ist etwas seltsam drauf und hat mich zum Beispiel einmal darauf aufmerksam gemacht, dass meine (frisch gewaschene) Wäsche stinke. Sie meine es nur gut. Ich sagte, dass ich die Vorstellung seltsam finde, wie sie an meiner Wäsche schnuppert, weiter habe ich nichts kommentiert, denn diese Dame ist eben .... seltsam. Wenn ich in den Fahrstuhl einsteige und  sie ist schon drin, sieht sie immer dermaßen verblüfft aus, dass außer ihr noch jemand im Haus wohnt....nun ja. Und eine Zeit lang hielt sie sich die Nase zu, wenn ich mit ihr im Aufzug war. Soweit mir bekannt, rieche ich ganz OK. Ich dusche auch regelmäßig und bin dem Benutzen von Parfum nicht abgeneigt. 

Der bisherige Höhepunkt war, dass sie mich bat, meine Wäsche noch ein paar Tage in der Maschine zu lassen, da sie jetzt in diesem  Moment unbedingt waschen und IHRE Wäsche aufhängen wolle. Das habe ich verweigert, und seitdem darf ich sie nicht mehr grüßen. Ihr Mann hat es mir verboten. Wenn ich's recht bedenke, sollte ich diesen Moment vielleicht eher Tiefpunkt nennen. 

Man könnte also sagen, dass einige Nachbarn nicht gerade die schärfsten Messer in der Schublade sind. Und ich bei denen einen ganz schlechten Ruf habe.

Nun hat so eine Art Generationswechsel stattgefunden, und die neu Hinzu-gezogenen sind - soweit ich das bisher mitbekommen habe - nette junge Leute, die hier ein bisschen mehr Leben in die Bude bringen. 

Keine Ahnung, wer nun diesen vermaledeiten Fernseher abgestellt hat.

Nachdem der Zettel einige Zeit dort hing, aber scheinbar ohne Effekt, tauchte eine Liste auf. Darauf die Namen aller Bewohner, und die Überschrift lautete sinngemäß: Hiermit versichere ich, dass mir der Fernseher, der im Keller abgestellt war, nicht gehört. 

Ich fühlte mich weder von dem ersten noch von dem zweiten Zettel angesprochen. Beim zweiten allerdings beschlich mich ein Unbehagen. Ich hoffte wider besseres Wissen, dass niemand oder nur wenige unterschreiben würden. Aber nach ein paar Tagen hatten alle wie die braven Schäfchen ihre Unterschrift auf die Linie neben ihrem Namen gesetzt. Alle außer mir.

Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich um des lieben Friedens Willen doch unterschreiben solle, aber das bereitete mir fast schon Übelkeit. Also nicht.

Verrückterweise hatte ich ein bisschen  Angst, was mir als Strafe blühen würde. 

Gefragt hat mich niemand. Ich bin sicher, dass "man" nun annimmt, dass ich das gewesen sein muss mit dem Fernseher. Was aber nur bedeutet, dass im Bereich logisches Denken dort noch viel Luft nach oben ist.

Als ich gestern nach Hause kam, leuchtete mir mein Name in Pink entgegen; den hatte jemand mit Textmarker verziert.

Ich bin etwas nervös.

Sonntag, 9. Juli 2017

Freund und Helfer

Vielleicht sollte ich den Blog so langsam in "Begegnungen im ÖPNV" umbenennen - jedenfalls hatte ich wieder mal ein Erlebnis beim  Warten auf den Bus.

An der Haltestelle wartete mit mir ein junger Polizist in voller Arbeitsmontur, man könnte durchaus sagen: bis an die Zähne bewaffnet. Jedenfalls aus der Sicht einer friedlichen Bürgerin, die manche der zahlreichen, an dem jungen Mann befestigten Gegenstände nicht mal mit Namen benennen könnte. 

Ich war guter Laune, und da er ebenfalls freundlich vage in meine Richtung schaute, sagte ich: "Na, sind Sie froh, jetzt gerade nicht in Hamburg zu sein?" "Könnte man so sagen. Das heißt, nee, eigentlich wäre ich gern dort, um meinen Kollegen zu helfen." 

"Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich würde wohl bei der einen oder anderen Demo mitlaufen, aber was Plünderungen und Abbrennen von Autos bringen soll, ist mir auch schleierhaft." 

Während ich das noch sagte, klangen in mir drin alle möglichen Stimmen aufgeregt durcheinander, denn natürlich war meine Äußerung eindimensional und - hätte mein früheres Anarcho-Ich gesagt - sogar anbiedernd. Aber ich war einfach neugierig. 

Wie sich das Gespräch danach weiter entwickelte, hat mich dann doch überrascht. Es war ein bisschen so, als tasteten wir uns vorsichtig ab, um zu sehen, wie weit die Übereinstimmung denn reichen würde. Nicht besonders weit. Und die Vorsichtige war allein ich, der Polizist war ganz klar und unbeirrt in seiner Weltsicht.

Nachdem ich gesagt hatte, dass ich es zumindest fragwürdig fand, die Demo gleich nach ein paar Metern wieder aufzulösen, hatte ich schon verspielt. 

"Was verstehen Sie denn von Polizeitaktik?" war die erste Reaktion, und dies schon in einem sehr gereizten Ton. "Natürlich nicht viel, aber es gab wohl Kritik daran, wie dort vorgegangen wurde. Man kann doch an fünf Fingern abzählen, dass das nicht friedlich abgeht. Das kann schon als Provokation dessen aufgefasst werden, was die Polizei doch eigentlich verhindern sollte."

"Na, dann bin ich ja froh, dass ich Ihresgleichen NICHT auf einer Demo gegenüber stehe!" Ich war erschrocken über den  feindseligen Ton und fragte, wie er das meine. "Sie rechtfertigen hier diese ganzen Randalierer und Gewalttäter, da brauchen  wir gar nicht weiter zu reden!" 

Ich wies darauf hin, dass ich dies mit keinem Wort getan hätte und auch wirklich nicht guthieße (und das meinte ich auch so), aber da war nix mehr zu retten. 

Mit einem verächtlichen Blick stieg der junge Mann in den Bus und wiederholte nochmals, dass nun jedes weitere Gespräch überflüssig sei. Ich versuchte es nochmal, weil ich einfach nicht glauben will, dass es keine Verständigungsmöglichkeit geben soll, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. 

Aber ich stieß auf taube Ohren.

Dieses Thema scheint gerade einige Leute umzutreiben - Zufall oder nicht, heute las ich einen Artikel in der ZEIT, in dem es um  die Sorge geht, dass bestimmte Gruppen von Menschen nicht  mehr miteinander reden. Weil sie in grundlegenden Dingen verschiedener Meinung sind. Teils wollen sie  eine geliebte (Schein-)Harmonie nicht aufs Spiel setzen, teils haben sie resigniert, und teils ist die Kluft einfach zu tief, um noch überwunden zu werden. Also geben sie auf. Geben wir auf. 

Ich gebe zu, dass ich davon auch nicht frei bin - ist ja auch nur allzu menschlich, Konflikte zu vermeiden und seine Ruhe haben zu wollen. Also dümpeln wir nur zu gern im warmen Sumpf von Gleichgesinnten. Mach ich auch so .... bei Facebook habe ich einen früheren Arbeitskollegen aus meinem Freundeskreis geschmissen, weil er sich als Hillary-Clinton-Verächter geoutet hatte. Heute denke ich manchmal, ich hätte vielleicht die Energie für die Auseinandersetzung aufbringen sollen. Ist natürlich weit anstrengender, als sich immer nur der gegenseitigen Übereinstimmung zu versichern. 

Vielleicht war das der Grund für das Ansprechen dieses Polizisten - ich wollte mal mit der "anderen Seite" Kontakt aufnehmen.

Aber die wollte nicht mit mir. Bei der kleinsten Differenz war Schluss.

Die grölende Horde von betrunkenen Männern an der Endhaltestelle, mit Bierdosen in der Hand, bekamen ein  freundliches Grinsen und ein "Prost!" von unserem Freund und Helfer. 

Mit denen fühlte er sich offenbar mehr verbunden als  mit "meinesgleichen". Was mich ziemlich beklommen macht. 

Nee, Quatsch - es macht mich ohnmächtig wütend. Und genau das sind die Gefühle, die in Extremform zuweilen in vermeintlich sinnloser Randale explodieren.






Freitag, 30. Juni 2017

A Day of Small Pleasures - for my two sister-friends

She slept too long, again. The sun is out and she decides that she won't at least lose the rest of the afternoon.

She has some chores to take care of - nothing challenging and for the first day in a long time, nothing that has anything to do with her dad's passing. After having done that she walks by the grocery store and in the plaza in front of the store, sees a miriad of friendly, small faces all looking towards the sun. She takes one of them with her. It is called Cosmea and needs water but not too much, and sunlight, but not too much. She believes she will be able to supply that. 

But first she must carefully bring Cosmea home. And that she does. She has only taken the first few steps when a woman stops her and says: "Excuse me but can I ask you where you got this beauty?" She tells her, and the woman answers: "This is a Cosmea!" "I know", she responds, and immediately the woman takes a step back and apologizes, "Of course you do" at the same time as she goes, "It's got this little sticker with its name," and laughs. And the two of them part laughing, turning around a few times and waving. 

Cosmea and she continue to the bus stop. 

When she notices the group of people waiting she suspects that the bus is late. She stands next to a young man and he confirms her suspicion, telling her that they have been waiting for almost half an hour. And then he says: "You look so nice and blooming!" She smiles at him and only seconds later, they are deep in conversation about flowers, busses, yoga, meditating and all that is important in life. Like laughing, for example. They laugh a lot and other people begin to take notice and smile at them. Some do not smile but look on in a way that makes her think of how bitter so many people are. How much damage they must have taken. 

Later on the bus she takes Cosmea on her lap and listens to a beautiful young man sitting across from her talking in a very intense way at the older woman next to her. She would love to ask what language they are speaking, in other words, where they are from, originally, where their home was, or is but then thinks twice because - can you do that without sounding racist? So she says nothing but just enjoys the beautiful man and the beautiful language. 

The bus is stopping for no reason the passengers can detect and so, the people on the bus within seconds turn into a group of people sharing something. Sighs and smiles and shrugs of shoulders are exchanged. Suddenly a woman across the aisle asks the beautiful young man what she herself didn't dare, and he is not offended at all. He and his mother are from Iran, from Tehran, to be exact, and she tells the mother that she has been to Iran some 40 years ago. Now she is the one who must explain, and there on the bus, another small group has formed, existing of benevolent people talking about travels as students, protesting against the Shah and how beautiful Iran is. 

All the time, Cosmea nods and smiles with her many small white and yellow faces. 



When they finally arrive at her new home she first gets a fresh drink and then a cosy space next to her new friends, Geranium and Petunia.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Black Lamb

Nobody's daughter now
Nobody's sister
Bereaved most certainly 
The only survivor of something that 
For lack of a better word you might call 
A family 
Although I never had one

And now I'm lost
I'm free?

We'll see.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Tschüss, Vati

Ich habe ja mal unter der Prämisse angefangen hier zu posten, dass ich mir schreibend über einiges und auch mich klar werden wollte. Naja. Hat nur so teilweise geklappt. 

Nun habe ich bis auf wenige Ausnahmen sehr lange nichts mehr vermerkt und heute gibts ebenfalls nur einen kurzen News Update - aber es scheint mir ein wichtiger Moment zu sein. Heute habe ich meinen Vater beerdigt. Wie das klingt. Als hätte ich im Schweiße meines Angesichts die Grube für seinen Sarg ausgehoben. Den es nicht gab, oder nur kurz als Transportbehältnis für den Körper vom Hospiz zum Krematorium. Aber nicht auf der Beerdigung.

Beigesetzt haben wir heute eine schwarze, im Design fast elegante Urne mit der Asche des Körpers, in dem für etwas mehr als 90 Jahre mein Vater gewohnt hat.

Wir - das waren eine evangelische Pfarrerin, eine Dame, die meinen Vater im Rahmen ihres Ehrenamts einige Male besucht hat, und ich, seine übrig gebliebene Tochter.

Bis dahin hatte ich noch keine einzige Träne geweint, aber ich wusste natürlich, sobald der erste Ton der Musik erklingt, geht das Geheule los. Ich war regelrecht erleichtert, dass es wirklich so war. Auch wenn die Künste des Organisten etwas zu wünschen übrig ließen. Vielleicht hätte ich ihn doch erst nach der Feier bezahlen sollen.

Während der Predigt habe ich mich ein paar Mal bei dem Wunsch ertappt, zu der Gemeinde von Christen zu gehören, die an all diese tröstlichen Dinge glauben, an die ja auch mein Vater geglaubt hat. Für ihn habe ich das Ganze schließlich organisiert. Aber ach, es ist mir nicht gegeben zu glauben...

Aber sogar mich olle Atheistin haben die althergebrachten Worte und der Segen getröstet.  

Ich bin in ganz friedlicher und ruhiger Stimmung nach Hause zurück gekehrt.






Freitag, 28. April 2017

Thank you for the music

Was so ein albernes Facebook-Spielchen auslösen kann!

Gestern ging es darum, eine Liste mit 10 Live Acts zu erstellen, auf denen man gewesen war - einer davon sollte geschwindelt sein.

Ich hatte die kleine Liste schnell beisammen, und daraufhin entspann sich ein Austausch mit den drei Leuten, die versuchten, den Fake zu finden. 

Ein unerwartetes Glücksgefühl, als mein alter Freund Michael mit nur einem Fehlversuch die Lösung nannte, und ich vice versa bei seiner Liste. Ich glaube, von sowas dermaßen gerührt zu sein - dazu muss man einfach ein gewisses Alter erreicht haben. 

Mein aller-aller-erstes Konzert habe ich im Alter von dreizehn Jahren erlebt. Frühere Opern- und Operettenbesuche zähle ich jetzt mal nicht mit. Wobei die auch toll waren. Als ich in die zweite Klasse ging, habe ich "Die Schneekönigin" als Kinderoper gesehen, und zwar die ganze Zeit Händchen haltend mit meinem ersten Freund. Der war schon älter - siebeneinhalb. War das aufregend.

Genau so wie "Der Freischütz" mit meinem Vater: Der Jägerchor bekam so viel Szenen-Applaus und "Da capo"-Rufe, dass der große Leiterwagen mit den Jägern drin wieder auf die Bühne zurück gekarrt wurde, und diese die ganze Nummer nochmal von vorn schmetterten. (Da capo heißt von vorn - nur, falls Sie das nicht wussten. Also wohl eigentlich "vom Kopf her", glaube ich. So könnte man etwa sagen: Der Fisch stinkt da capo. Aber zurück zum Thema...

Und zwar in das Jahr 1971. Meine Oma hatte mir das Ticket für damals unglaubliche 35 Mark spendiert, so dass ich mit  meiner besten Freundin ....*Tusch* Neil Diamond live in der Jahrhunderthalle sehen konnte. Der war mein absoluter Schwarm. 

Wir hatten die besten Plätze - erste Reihe Mitte. Als Vorgruppe  spielten Truck Stop, und der Sänger sang für mich ganz allein. Schließlich stand er nur ein  paar Meter entfernt mir direkt gegenüber und guckte mir die ganze Zeit in die Augen. Also bitte! 

Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass das Publikum zum überwiegenden Teil aus amerikanischen Soldaten bestand. Die waren mir zwar von Kindheit an vertraut. Wir wohnten ganz in der Nähe einer großen Kaserne, und die lässigen GIs gehörten seit eh und je zum Straßenbild. Und jetzt sollte ich mein Idol mit ihnen teilen. Das betrübte mich ein winziges bisschen. Aber nur, bis Truck Stop endlich die Bühne verließ, das Licht an und dann wieder ausging, und Neil Diamond wahrhaftig zum Greifen nah vor uns stand. 

Ekstase ist der einzig passende Begriff.

Nach knapp zwei Stunden (ja, Konzerte dauerten damals lange) wurden wir von der großen Schwester meiner Freundin mit dem Auto abgeholt. Dieser Tag war so bedeutend, dass ich bei ihr übernachten durfte. Ich hatte extra mein schönstes, selbst genähtes Nachthemd eingepackt. Und weiß noch ganz genau, wie es aussah: Ungefähr wie ein folkloristisches Abendkleid aus geblümtem Flanell. Komischerweise kann ich mich an unser Outfit fürs Konzert nicht mehr erinnern. 

Die Schwester fragte gönnerhaft, wenn auch nicht unfreundlich: "Na, wie war's?" Wir konnten  aber gar nicht sprechen vor lauter Überwältigung. Mit unseren Riesen-Postern als Beweis saßen wir stumm im Auto und taumelten dann ins Bett. Wo wir natürlich kein Auge zu tun konnten.

Später, viel später habe ich als Setzerin und Filmtipp-Schreiberin bei unserer Stadtzeitung gejobbt und nebenbei studiert. Der Musikredakteur streute alle Einladungen zu Konzerten, die er nicht wahrnehmen konnte oder wollte, großzügig unter die Kollegen, und in dieser Zeit habe ich tolle Leute auf der Bühne gesehen.  Und einige Anfänge von späteren Weltstars. Einmal kam unser Volontär von einem Pressetermin mit einer jungen Band aus Athens, Georgia. Hellsichtig verkündete er, die würden mal ganz groß. Wurden sie.

Dann gibt es Live-Erlebnisse, die sich einfach durch besondere Umstände eingeprägt haben.

Eines Abends an der Bar erzählt mir ein Freund, er habe Karten für John Lurie ergattert und freue sich schon wie wild auf das Konzert. Ich so: Mensch, da wollte ich auch hin, aber es war ausverkauft! Der Freund war nicht von der Sorte, die mir dann zum Trost noch einen ausgegeben hätte, sondern von der, die sagt: "Ach, so ein Pech!" und dazu fies grinst.

Ein paar Tage später bin ich im Urlaub in New York, bei meinem damals besten Freund. Wir machen Pläne für den Samstagabend. Schon wieder ins  Kino? Och nee. Wie wärs mit Live-Musik? Ich fahre die Spalten der Clubs und Bars entlang und sehe: John Lurie. Schnappe mir das Telefon. Ja, es gibt noch Karten. Nein, viele sind es nicht mehr. Klar, ich reserviere Euch zwei. Bis heute Abend dann! Bye. Und abends steh' ich in der Knitting Factory und denke: Ätsch.

Eigentlich wollte ich ja erzählen, wie es kam, dass ich die Smiths live gesehen habe, obwohl erst alles dagegen sprach. 

Also lieber Till, das war so:

Meine Liebe zu einer bestimmten Musik oder Gruppe entstand oft durch Erstkontakt beim Tanzen.Als ich zum ersten Mal "Handsome Devil" in der Freitagsdisco hörte, war es um mich geschehen. Als wir die Ankündigung eines Smiths-Konzerts entdeckten, war klar: Da müssen wir hin. 

Diesmal ohne ältere Schwester als Chauffeur und mit einer anderen besten Freundin, aber mindestens genau so aufgeregt wie damals, machte ich mich auf den Weg. Und dann standen wir fassungslos vor einem Plakat mit der Information, dass die Schmidts leider ihre Deutschlandtour abgesagt hätten und man das Eintrittsgeld erstatten würde. Das Eintrittsgeld! War uns sowas von egal. 

Den Tränen nah zogen wir davon und ertränkten unseren Kummer in Sekt. Und hörten dazu alle unsere Smiths-Platten.

Kurze Zeit später beschlossen wir einen Spontan-Kurzurlaub in Hamburg. Ohne besonderen Grund oder Anlass - das machten wir damals so. 

Wir besorgten uns Jugendherbergsausweise, schmissen ein paar Klamotten ins Auto, und los gings. In der JH angekommen, wurden wir von einem jungen Mitarbeiter an der Pforte gleich aufs Netteste betreut. Er wollte wissen, was wir abends vorhätten - ob wir vielleicht aufs Smiths-Konzert in die Markthalle gehen wollten. Er wüsste, wo wir noch Karten bekommen könnten. Einen Moment dachten wir an ganz gemeine Veräppelung, aber warum hätte er sowas machen sollen? Wir sofort ins Auto gesprungen und zum Vorverkaufsbüro gerast, wo wir DIE LETZTEN ZWEI TICKETS erstanden. I kid you not.

Es war ganz einfach, es war, also es war .... so:


Niemals werde ich dieses Konzert vergessen. Wie wird es wohl sein, wenn wir mal so alt sind, dass wir uns nur noch an die wichtigen Dinge erinnern - also die, die schon ewig her sind und uns was bedeutet haben. Musik zum Beispiel.

Werden wir - wie die alte Dame, die ich mal in einer Dementen-WG betreut habe - unsere alten Lieder erinnern? Mit ihr musste ich - ach was, DURFTE ich - stundenlang "Ausgerechnet Bananen" singen. 

Werden wir plötzlich loslegen "Punctured bicycle, on a hillside deso-ho-late" und vor uns hinkichern, wenn die Pfleger hastig Text und Melodie googeln, um uns bei Laune zu halten?

Ich kann mir Schlimmeres vorstellen.