Samstag, 5. März 2016

Ich bin im Kino gewesen (na, kennt jemand das Zitat?)

Um Zitate geht es nämlich - unter anderem. Ich habe mir endlich Hail, Ceasar angeschaut. Die Coen-Brüder zu lieben ist ja nun nichts Besonderes.

Aber wie sehr ich das Kino an sich liebe, hatte ich beinah' vergessen. 

Anfang der 50er Jahre dreht das große Capital Studio einen prächtigen Sandalenfilm à la Ben Hur, in der Hauptrolle Baird Whitlock (George Clooney) als römischer Legionär, der Jesus begegnet und wahrscheinlich nach dem Abspann den Job wechseln wird. Nicht Whitlock, wohlgemerkt, sondern der Römer.

Eddie Mannix (Josh Brolin), der sowohl im  Film als auch im Film alles zusammen hält, ist der Studio-Troubleshooter und wird kalt erwischt, als Clooney während der letzten Drehtage einfach verschwindet. Entführt - wie sich herausstellt - von einer Study Group aus lauter kommunistischen Drehbuchautoren (hatte McCarthy doch Recht?), die in einem luxuriösen Strandbungalow das System aushebeln wollen. Was erstmal recht unpolitisch darin gipfelt, dass sie Lösegeld für Clooney verlangen. Die Truppe steht unter der Führung eines weiteren  Filmstars (Channing Tatum als Kombi aus Gene Kelly und dem jungen Frank Sinatra), der sich als überzeugter Parteisoldat entpuppt und zuletzt von einem russischen U-Boot abgeholt wird. Beim Sprung vom Ruderboot verliert er das inzwischen gezahlte Geld bzw. rettet er lieber seinen neurotischen kleinen Hund. Liebe! (siehe unten)

Der Koffer mit den 100.000 Dollar versinkt im Meer, während ein weiterer Star (Scarlett Johansson als Esther Williams-Reminiszenz) in einem weiteren Handlungsstrang wie schaumgeboren aus demselben auftaucht, um dann aus großer Höhe mitten in einen Busby-Berkeley-Badenixen-Reigen wieder hineinzuspringen. Tumult und Durcheinander? Allerdings. 

Johansson ist schwanger, weswegen ihr Nixenkostüm sie arg zwickt, ganz im Gegensatz zu ihrem Gewissen. Verheiratet ist sie nämlich genau so wenig wie ganz sicher, wer der Vater ihres Ungeborenen sein könnte, und auch das soll Brolin irgendwie in Ordnung bringen. 

Darüber hinaus muss er sich um einen jungen, eher akrobatisch als rhetorisch begabten Westernstar (Alden Ehrenreich) kümmern, der vom Studioboss plötzlich als echter Schauspieler in einem Melodram eingesetzt wird. Vom Sattel in den Salon - nicht einfach für den armen Jungen. Sein neuer Regisseur ist Ralph Fiennes als näselnder, zunächst sehr geduldiger Brite. Die Lösung findet sich in einem extremen Eindampfen des Textes. Wenn der junge Mann selbst auch fürs Reden wenig Talent hat, wird er noch von sich reden machen. Er ist nämlich derjenige, der den Entführern auf die Spur kommt und in einem beherzten Einsatz Clooney an seinen Arbeitsplatz zurückschafft.

Ständig auf Brolins Fersen ist Tilda Swinton in einer Doppelrolle als Klatschkolumnen-Zwillingsschwestern. 

Zwischendurch findet er immer noch Zeit für einen Sprung in den Beichtstuhl, wobei selbst der Pfarrer seufzend anmerkt, so oft sei nun wirklich nicht vonnöten.

In der SPIEGEL-Kritik hieß es sinngemäß, der Film habe zwar großen Unterhaltungswert, aber keine Seele. Dem widerspreche ich ganz entschieden.

Selbstverständlich hat der Film ungeheuren Witz. Die Matrosen-Szene mit Channing Tatum als Solist z.B. ist großartig. Zunächst ist sie eine schwungvolle Tap Dance-Nummer zu einem Song, in dem das Ende des Landurlaubs beklagt wird und ganz besonders die Tatsache, dass es leider auf See "no dames" gebe. Die Nummer steigert sich bis zu übermütigen Pas de deux (würde man beim klassischen Ballett sagen), bei dem die schmucken Matrosen feststellen, dass Mann auch ohne "dames" jede Menge Spaß haben kann. Der Witz besteht natürlich auch darin, dass diese Szene im echten Hollywood von 1951 niemals möglich gewesen wäre. Und dass Channing Tatum einen schwulen Kommunisten spielt - das Schlimmste, was man sich in Hollywood damals wohl vorstellen konnte. Jedenfalls, wenn es öffentlich wurde. Was es unter keinen Umständen durfte, enter Eddie Mannix.

Der unterdessen dafür sorgt, dass das illegitime Kind von Scarlett Johanssen einen Vater bekommt. Allerdings unbeabsichtigt, denn zunächst soll sie ihr eigenes Baby adoptieren. Was wiederum auf das Schicksal von Loretta Lynn anspielt, die genau das in den 30er Jahren durchmachen musste. In dieser Geschichte jedenfalls heiratet die junge Frau, die nicht weiß, wer der Vater ihres Babys ist, spontan einen zuverlässigen Mann mit Namen Joseph. Und alles wird gut. Falls sie nicht nach Ägypten flüchten müssen.

In einer Szene ganz zu Anfang muss Baird Whitlock eine Textänderung lernen: aus "passion" wird "ardour" (bedeutet dasselbe, klingt aber gesprochen weniger ... leidenschaftlich). Clooneys Figur neigt nicht gerade zu tiefen Überzeugungen (jedenfalls, bis er den Kommunisten /Jesus in die Hände fällt), aber man sieht und hört ihn unwillig vor sich hin murmeln, dass "passion" ja wohl das bessere Wort gewesen wäre. Interesting, no? 

Und gehören etwa nicht Liebe und Leidenschaft dazu, wenn man für den besten Filmschnitt gar sein Leben aufs Spiel setzt? Indem man als Cutterin bei der Arbeit nicht nur raucht, sondern auch noch einen langen Schal trägt, der ähnlich dem von Isadora Duncan seiner Trägerin (Frances McDermond) fast zum Verhängnis wird, weil er sich in der Maschinerie verfängt. 

Geht es etwa nicht um Liebe und Glaube, wenn Mannix auf ein tolles Jobangebot verzichtet zugunsten des von ihm zu hütenden Flohzirkus? Wir müssen nur sein Gesicht sehen, während er dem Head Hunter dabei zuhört, wie der die Filmindustrie schlecht macht. Weil er so ein netter Kerl ist,  sagt er nicht sofort ab, aber wir wissen schon längst, dass er den Filmzirkus nicht aufgeben kann.

Sogar seine Ehefrau versteht das. Völlig entgegen dem Klischee von der ehrgeizigen Frau, die ins größere Haus und für ihre Kinder die bessere Schule will, zeigt der Film das Ehepaar Mannix in einer überraschend kleinen und bescheidenen Küche beim friedlichen Schwatz über Kinder und Karriere. Kein Funken Bosheit oder schwarzer Humor in dieser erstaunlichen Szene, die als - natürlich sorgfältig inszenierter - Einbruch der "wirklichen" Welt gelten kann. Bleibt nur noch anzumerken, dass Mannix' Familie auch ohne sein Troubleshooting funktioniert und ihm das nicht übel nimmt. Es reicht vollkommen,  dass er ein anständiger Kerl ist, der ab und zu zum  Essen nach Hause kommt.

Es gäbe noch unzählige wunderbare und komplexe Zitate und Anspielungen zu beschreiben. Dass Herbert Marcuse als Angehöriger der Kommunistentruppe seine eigenen Texte rezitiert zum Beispiel, oder dass Channing Tatum im Ruderboot mit seinen Genossen auf der Fahrt zum U-Boot aussieht wie George Washington bei der Überquerung des Delaware. Es macht aber viel mehr Vergnügen, die selbst zu entdecken. 

Wie ist das nun mit der Seele von Hail, Ceasar? Natürlich geht es um Liebe. Liebe zum Kino und all seinen verrückten Handwerkern, vielleicht zum Kino wie es einmal war, als es noch mit einfachen Mitteln große Geschichten erzählt hat und dabei ohne Computer auskommen musste. Als die Stars noch Geheimnisse hatten, ja: haben mussten, und nicht via Twitter oder Facebook vorgaben, sie seien genau wie wir.

Am schönsten verkörpert von George Clooney, der sich in einem Interview darüber freute, von den Coens zuverlässig immer als Idiot besetzt zu werden. Man könnte auch sagen: als reiner Tor, dem wir glauben, was er uns erzählt. Auch wenn er es selbst nicht versteht.






Samstag, 20. Februar 2016

Achtung - roh. Und: Buchtipp

Gestern Nacht konnte ich nicht schlafen - what else is new, right? - stattdessen habe ich die Autobiographie von Hilary ('ilary) Mantel gelesen. "Giving Up the Ghost". Ach was heißt gelesen: inhaliert. Eingesaugt. Ein bedeutender Teil handelt von Krankheit und Tod. Noch während der unverblümten Beschreibung ihrer eigenen Symptome und der Erkenntnis, dass sie diese selbst lange Zeit nicht ernst genommen hatte, fiel mir ein: Ich habe eine ganze Reihe meiner jetzigen - ja - Beschwerden - ach ja, wo kann ich mich hier mal beschweren? - beim ersten Arzttermin nach meiner OP und der Reha gar nicht erst erwähnt, weil die unter meine innere Rubrik "nicht der Rede wert" fallen. Ganz Ähnliches taucht im Buch auf. Hilary Mantel und ich - wie anmaßend. 

Andererseits, warum soll ich nicht in meinem eigenen Text mit ihr in einer Zeile wohnen dürfen? Sozusagen Tür an Tür. Detached. Ich bin ja auf eine Weise immer die naive Leserin geblieben, die ich als Kind war, und als solche finde ich - ohne zu suchen - in jeder Erzählung Parallelen zum eigenen Erleben. Vielleicht lese ich deshalb so gern Krimis,  weil ich da völlig von mir absehen kann. Where was I? Ach ja, das Gemeinsame. Da wäre zum Beispiel die Kindheit in einer Zeit und Umgebung, wo man sich eben nicht "anstellte". Nicht wegen seelischer und auch nicht wegen körperlicher Leiden. Während ich dies hier aufschreibe, werden übrigens meine Chakren in einem Frühjahrs-großputz gereinigt. Und zwar via Live-Webinar von Carol Tuttle, die ich unbedingt lächerlich finden wollte, was aber nicht klappt. Ich lausche ihren energischen-liebevollen Anweisungen, was ich mit meinen Chakren anstellen und welche Formeln ich dabei sprechen soll - atmen nicht vergessen - und imaginiere, wie meine spirituellen Führer und Schutzengel sich versammeln, um ab jetzt einfach ALLES möglich zu machen. Alles zu beseitigen, was bisher meine eigene Großartigkeit behindert hat, also um etwa Präsidentin von Amerika zu werden. Oder so zu schreiben wie Hilary Mantel. Heißt die andere Amtsanwärterin nicht auch Hillary? Das muss doch was bedeuten. Oder nicht. Frau Tuttle teilt mir gerade mit, dass nunmehr meine Chakren die alte Programmierung gelöscht haben und ich sie jetzt neu füllen kann. My soul is feeding wonderful colors into my root chakra even as we speak. Was mich für Frau Tuttle einnimmt ist, dass sie ohne die geläufige amerikanische Hysterie von ihrem eigenen Leidensweg erzählt, der mir Respekt abnötigt, und ich denke (nicht zum ersten Mal): Whatever works! Zu Deutsch: Wer heilt, hat Recht. Vergisst man mal die Sache mit den Engeln und Führern, sagt sie nichts anderes als alle geistigen Lehrer, die ich bisher kennen und respektieren gelernt habe: Konzentriere Dich auf das Hier und Jetzt; versuche, Dein eigenes und nicht ein fremdes Leben zu leben; lerne, Deine Gefühle ernst zu nehmen und vertraue darauf, dass die Erde Dich trägt. Leave your own footprint on this earth! So blöd ist das nicht. Bevor ich den Laptop aufklappte, habe ich einen Becher Wasser mit Natronpulver getrunken und dabei an meine Oma gedacht. Von der habe ich gelernt, dass das gegen Übelkeit hilft. Mir ist andauernd übel - so wie meiner Oma in ihren letzten Jahren. Obwohl ich gar keine Schmerzmittel mehr nehme. Obwohl ich welche nehmen möchte, denn ich habe genauso schlimme Schmerzen wie  vor meiner OP. Nur eben andere. Beim Arzt habe ich vielleicht nicht deutlich genug gesagt, WIE schlimm. Aber als ich eben vom Einkaufen kam - im Schneckentempo und heulend vor Schmerz und Empörung - dachte ich an Ms Mantel und ihre Erlebnisse mit ignoranten Ärzten. Ihre Krankenkarriere begann zu ihrem Unglück in einer Zeit, wo unbestimmte oder nicht leicht einzuordnende Symptome bei Frauen gern in eine Neurose umgedeutet wurden. Je mehr sich die Patientin dagegen zur Wehr setzte, desto beweiskräftiger schien ihr Verhalten für die Richtigkeit der Diagnose. Da geht's mir ja noch gut. Vergleichsweise. Aber die Schmerzen sind absolut fies. Und die Übelkeit. Habe ich vielleicht Magenkrebs, genau wie meine Oma? Ich habe mich bisher nie für eine Hypochonderin gehalten. Jetzt hoffe ich, dass ich eine bin. Jedenfalls in dieser Hinsicht. Als ich dreizehn oder vierzehn war, habe ich mir manchmal eine schwere Krankheit gewünscht, weil man nach meiner Kenntnis unweigerlich dünn wurde, wenn man lange genug schwer krank war. Aber was, wenn  ich dran sterbe? Was hätte ich dann vom dünn sein? Nachts lesen war damals nicht drin, meine Mutter erwischte mich jedes Mal. Also blieb nur nachdenken, bis ich vor Erschöpfung irgendwann einschlief. Eine schwere Krankheit schien nicht die Lösung für mein Problem. Das Problem: ich war fett. Sagte meine Mutter. Auf Fotos konnte ich später erstaunt feststellen, dass ich ganz normal aussah. Aber wenn meine Schwester und ich mal wieder 14 Tage lang von Grapefruit und schwarzem Kaffee leben  mussten, suchte ich nach Alternativen. Als wir Kinder waren, kamen wir fast jeden Tag mit Schrammen oder blutenden Knien vom Spielen zurück. Auch wenn es erstmal schlimm aussah und weh tat, heilte alles  wieder schnell, zur Not gab's ein Pflaster oder auch mal einen Verband. Also stellte ich mir als Kind vor, dass ich mir abends kurz vorm Zubettgehen ein scharfes Messer aus der Küche besorgen würde, um dann alle fetten Stellen - meinen  runden Bauch, die Oberschenkel und meine Wangen etwa - einfach abzuschneiden und zu verbinden. Bis zum nächsten Morgen wäre das bestimmt geheilt, und dann würde meine Mutter mich schön finden. Ich malte mir genau aus, wo ich mit Schneiden anfangen müsste. Dabei kamen mir dann doch Bedenken, was, wenn es sehr blutete und ein paar Verbände nicht reichten? Ich habe es jedenfalls nie wirklich versucht. Nur die Möglichkeit dazu eine ganze Weile in meinem armen kleinen dicken Kopf aufbewahrt.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Andenken an Frau P.

Frau P. kann nicht schlafen. Es ist zu heiß, das ist das Eine. Und sie muss dauernd an die leere Hälfte ihres Bettes denken. Mühsam setzt sie sich auf und schaut sich um. Soviel Zeug. Was hat sich da bloß alles angesammelt. Als Willi noch da war, ist ihr das nie aufgefallen. Alles schien seinen Sinn zu haben.

Aber dann ist er krank geworden und gestorben. Wie konnte die Hausverwaltung auf die Idee kommen, mitten im Winter die Fenster auszutauschen? Und sie dann tagelang auf die neuen Fenster warten zu lassen, ohne Heizung und ohne Schutz. Wie konnte sowas sein? Damals hat Willi sich die Lungenentzündung geholt. Die Verwaltung hat eine Beileidskarte geschickt.

Sie kann sowieso nichts mehr dagegen machen. Willi und sie waren immer schon kleine Leute gewesen. Aber sie waren auch immer zufrieden und hatten nie etwas verlangt, was ihnen nicht zustand.

Sie denkt an die Sommer auf ihrem kleinen Balkon. Nebenan die alte Frau mit ihrer Enkelin und schräg unter ihnen das junge Paar. Mit denen konnten Willi und sie ein Schwätzchen halten, ohne auch nur ihre Sessel zu verlassen. Also eigentlich nur sie, Willi war kein großer Redner gewesen, und ein Schwätzer schon gar nicht. 

Wenn sie so drüber nachdachte, war die junge Frau jetzt wohl allein. Den Mann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen. Sie hatte sie beide immer gern gehabt. Bei schönem Wetter war die Frau übers Balkongeländer geklettert und hatte ihre Wäsche im Garten aufgehängt. Dann hatten sie manchmal geplaudert, die Jüngere mit dem Wäschekorb unterm Arm, eine Hand über den Augen gegen die blendende Sonne und zu ihr nach oben lächelnd. 

Eigentlich schade - den Garten hätte man doch gut gemeinsam nutzen können. Hätte aber die Verwaltung bestimmt was dagegen gehabt. 

Einmal hatten alle Mieter zusammen ein Fest gefeiert. Das war vor der Sanierung, und bis auf drei Nachbarn waren alle dabei. Sie hatte es sogar geschafft, Willi nach unten in die "Disko" zu locken. Alle Türen standen offen, und ein paar Wohnungen waren regelrecht verwandelt worden - in ein großes Esszimmer, eine Bar oder eben eine Disko. Später am Abend war sogar die Polizei gekommen. Das war aufregend gewesen. Noch nie hatte sie was mit der Polizei zu tun gehabt. Naja, bis heute vielleicht. Mal sehen.

Sie wuchtet sich aus dem Bett. Wann ist sie so dick geworden? Innen drin fühlt sie sich ganz anders - mehr wie das ranke junge Mädchen, das mit Willi zum Tanz ging vor so vielen Jahren. Manchmal sieht sie beim Ausziehen unversehens ihre riesigen Kleider und erschrickt. Willi hatte sie aber bis zuletzt schön gefunden. Oder hatte er es ebenfalls nicht bemerkt?  

Sie hat lange versucht stark zu sein. Sie war tapfer gewesen und hatte sich sogar allein in das Café an der Ecke gewagt. Die Leute da waren nett zu ihr - es war wohl so ein alternatives Café. Jedenfalls musste man da nicht schick aussehen, um freundlich bedient zu werden. Die junge Frau von unten war Stammgast, das hatte sie ihr mal erzählt.

Einmal war sie ihr dort begegnet und hatte ihr eine Rose auf den Tisch gelegt. Sie weiß gar nicht mehr, was sie sich dabei gedacht hat. Die junge Frau war gerührt. "Das müssen Sie doch nicht", hatte sie gesagt. "Ich möchte aber." Dann war sie schnell 'raus gegangen und hatte sich gefragt, ob sie jetzt wohl wunderlich wurde. 

Die alte Nachbarin von nebenan war nun schon lange im Heim. Mit den neuen Mietern hatte sie nichts zu tun. Die wollten für sich sein. Konnte man ihnen ja nicht übel nehmen, am Anfang waren Willi und sie sich auch selbst genug gewesen.

Hätte sie sich ein paar Freundinnen suchen sollen? Nun war es jedenfalls zu spät. Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen, dabei hatte sie sich welche gewünscht. Vielleicht wäre sie keine gute Mutter geworden. So wie ihre Mutter. Die hatte nie ein liebes Wort für sie gehabt. Aber Willi wäre ein guter Vater gewesen. Er hatte sowas Zuverlässiges. Und kein einziges Mal hatte er sie geschlagen oder auch nur angeschrien. Da hatte sie ganz andere Geschichten gehört. Er hatte so gern gelacht. Wenn sie doch nur noch einmal seine Stimme hören könnte.

Mühsam zieht sie sich ihren Morgenrock über. Erneut schweifen ihre Blicke durch das vollgestopfte Zimmer. Zuerst greift sie sich einen Stuhl. Sie öffnet die Balkontür und geht hinaus. Zwischen den Dächern sieht sie am Horizont einen hellblauen Streifen. Die ersten Vögel beginnen ihr Morgenkonzert. Sie holt den Stuhl, hebt ihn übers Geländer und lässt ihn fallen.

Nein, das ist noch nicht das Richtige. Den zweiten Stuhl nimmt sie in beide Hände und holt Schwung. Dann wirft sie ihn in den Garten. Als nächstes fliegen ein paar Blumenvasen hinunter. 

Die junge Frau von unten tritt auf den Balkon und schaut nach oben. "Frau P., ist alles in Ordnung bei Ihnen?"

Sie hat keine Lust zu antworten. Stattdessen holt sie ihre Trittleiter, hievt die übers Geländer und hört zufrieden, wie sie auf den Vorplatz scheppert. 

Es klopft an der Wohnungstür. Die junge Frau bittet sie aufzumachen. Sie reagiert nicht. Sie hört, wie sich die Schritte zögernd wieder entfernen.

Was kommt als Nächstes dran? Ein paar Tassen und Teller fliegen in den Garten. Nein, das ist nichts. Sie holt erneut etwas Großes. Es muss krachen.

Dann hält sie erschöpft inne. Sie geht an die Tür und öffnet. Die junge Frau ist noch auf der Treppe. "Frau P., was machen Sie denn?" "Ich mach' Krawall." Die junge Frau lacht. "Ja, das höre ich. Was haben Sie denn? Darf ich Hilfe rufen?" 

Sie überlegt. "Ja, es ist wohl Zeit." 

Ein paar Wochen später hört die junge Frau, dass Frau P. in der  Psychiatrie gestorben ist. Ach, denkt sie traurig, und nach einem Moment: Gut.






Donnerstag, 14. Januar 2016

Reha die zweite - erste Woche

Ich hatte vergessen, wie bürokratisiert hier alles ist, und wie schlecht die Kommunikation funktioniert. Nach meinem anfänglichen Triumph (neues Zimmer) bin ich unsanft daran erinnert worden.

Dazu kommt noch der Eindruck, dass ich zumindest einen Teil meines Gehirns bei der Ankunft an der Rezeption abgegeben habe. Ich bin jedenfalls so zerstreut, dass ich zum Beispiel jedesmal aufs Neue auf meinen Medikamentenplan gucken muss, weil ich mir partout nicht merken kann, wann ich was von der ganzen bunten Kollektion einnehmen soll. 

Reha geht ungefähr so: Man bespricht beim Erstkontakt mit dem Arzt, was alles an Anwendungen (Fachbegriff!) sinnvoll und gewünscht ist, und danach wird ein Behandlungsplan erstellt. Meine fröhliche Ärztin hatte mir versichert, dass ich trotz Zimmerwechsel ihre Patientin bleiben würde. Ein paar Tage später stellte sich das als erste von vielen Fehlinformationen heraus. Ich hatte mehrfach versucht sie zu sprechen, und hätte wen ganz anderes verfolgen müssen. Tja, dumm gelaufen, Zeit verloren.

Und warum wollte ich sie sprechen? Weil mein Behandlungsplan auf den ersten Blick sehr bescheiden, um nicht zu sagen: löchrig aussah. Mein wichtigstes Anliegen, nämlich psychotherapeutische Gespräche, tauchte überhaupt nicht auf, und ebenso wenig solch reha-typische Dinge wie Moorpackungen, Massagen, Entspannungsübungen. Jaja, lacht nur, Ihr Ahnungslosen. Wer schon mal monatelang unter höllischen Schmerzen gelitten und sich während dieser Zeit kaum bewegt hat, weiß, wie bedeutend solche Maßnahmen sein können. 

Zudem kann so ein Kliniktag sehr lang werden, besonders in der Anfangszeit, wenn man noch auf der Suche nach seiner passenden Krabbelgruppe ist.

In dieser Zeit rennt man sowieso mit starrem  Blick auf den Plan von einem Termin zum nächsten, und wer nicht schon einmal hier war, verirrt sich unweigerlich dabei oder wartet ewig auf den Aufzug. Von denen immer mindestens einer außer Betrieb ist. Dabei wechseln sie sich ab, damit jeder mal drankommt. Gutes Team, die Aufzüge.

Gestern knieten denn auch respektvoll mehrere Techniker vor einem der Fahrstühle nieder und hantierten mit einem geheimnisvollen Gerät mit Monitor und unzähligen Kabeln nebst einigem anderem Handwerkszeug. Der Erfolg dieser Anrufung bleibt abzuwarten.

Da ich das Verirren und Zurechtfinden im Haus überspringen konnte, hatte ich genügend Kapazitäten frei, mich um die Wunschliste meiner Anwendungen zu kümmern. Mit teilweisem Erfolg. Inzwischen habe ich gefühlte 35 neue Pläne bekommen, und jedesmal, wenn ich einen auf meinem Zimmer finde, sehe ich erstmal keinen Unterschied zum vorherigen. Dieses Phänomen wurde mir von Mitpatienten  - alle mindestens durchschnittlich intelligent - bestätigt. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Zeile für Zeile zu vergleichen, bis wir endlich die Neuerung gefunden haben. Heureka! Hier in unserem Paralleluniversum zählt das schon als mittelgroßes Erfolgserlebnis.  

Während, so stelle ich mir vor, ein Teil meines Gehirns sich irgendwo hinter der Rezeption in einem dunklen kuscheligen Ablagekörbchen ausruht, wird der verbleibende Rest also durchaus trainiert. Denn auch die Termintaktung erfordert eine Entwicklung geeigneter Strategien, damit ich immer rechtzeitig von A nach B komme und zwischendurch auch noch an den Mahlzeiten teilnehmen kann. Die sind aus Gründen der Inter-Patienten-Kommunikation nämlich extrem wichtig fürs seelische Wohlgefühl. 

Zu diesem essenziellen Thema mehr im nächsten Bericht. 

Jetzt muss ich erneut auf die Jagd nach meinem Stationsarzt gehen und ihn nochmals  ein bisschen  nerven. Das mache ich so lange, bis ich endlich meinen Wunschplan in den Händen halte. Das Schöne ist: er ermuntert mich sogar dazu. Ist für mich, die schon früh gelernt hat, sich nichts zu wünschen, auch eine gute Übung. 

Nachdem ich vorhin schon bei meinem fröhlichen Afrikaner war und dieser mir erklärt hat, dass heute Donnerstag und nicht, wovon ich ihn zu überzeugen versucht hatte, schon Freitag ist - freitags gibt's offiziell die neuen Pläne - ist dies heute ja erst mein zweiter Gang zum Stationszimmer. Alles im grünen Bereich. 

Und nachher geh' ich ins Schwimmbad und spiele mit einer Nudel. 






Sonntag, 10. Januar 2016

Reha, die zweite - Anreise

Jetzt bin ich tatsächlich schon wieder hier. Diesmal im Winter, nach einem Aufenthalt im Herbst und einem im Hochsommer. Ich habe nicht vor, alle Jahreszeiten durch zu exerzieren. Aber meine Bandscheiben kümmert das nicht weiter.

Trotz guter Vorsätze und genügend Zeit habe ich noch bis zur letzten Sekunde wahllos irgendwelches Zeugs in meinen Koffer geschmissen und war dann bei Ankunft des Taxis völlig k.o. Allerdings nicht vom Schmeißen, sondern vom Koffer in den Aufzug und an die Straße schaffen.

Immer noch und immer wieder bin ich überrascht von meinen geringen Kräften und der tiefen Erschöpfung. Wie schnell man so einen Zustand doch vergisst, wenn alles wieder gut funktioniert. Oder "regelrecht", wie die Ärzte sagen. Das habe ich bei der Befund-Erhebung im Krankenhaus gelernt. Da stand auch, dass ich orientiert und kooperativ sei. Stimmt, jedenfalls meistens.

Nun sitze ich also in der Rezeption und warte, dass ich auf mein Zimmer gebracht werde. Das Zimmer ist DAS entscheidende Moment für die Erfolgsaussichten in den nächsten drei oder sogar vier Wochen. Ein Pfleger holt mich ab, stemmt meinen Koffer und die Reisetasche und begrüßt mich herzlich. Er stammt - so rate ich mal - aus einem afrikanischen Land und ist ansteckend guter Laune. Auf seinen Vorschlag, mitsamt Gepäck erstmal ins Stationszimmer zu gehen und die "Aufnahme" zu machen, muss ich wohl unfroh geguckt haben, denn er fragt gleich, ob ich doch erstmal das Zimmer sehen möchte. Ich sage: "Bitte! Wenigstens einen kurzen Blick", und er versteht. Wir gehen also einen der Gänge 'runter, er schließt eine Tür auf und bittet mich herein. Ich schau mich einmal um und möchte am liebsten wieder abreisen. Er lächelt mich verständnisvoll an. 

"Schrecklich, ich weiß. Ist noch nicht renoviert, aber was soll man machen? Sie können ja gleich bei der Visite fragen, vielleicht haben Sie Glück und können wechseln." 

Er breitet eine Menge Formulare vor mir aus und erklärt - und sofort ist mir die ganze Prozedur der Aufnahme wieder gewärtig. Wenn ich das nicht alles schon kennen würde, wäre ich jetzt sehr verwirrt und bestimmt überfordert. 

Dann verabschiedet er sich mit den Worten: "Frau Doktor kommt gleich; so lange ruhen Sie sich einfach ein bisschen aus. Wenn Sie irgendwas brauchen, klingeln Sie. Dann komme ich sofort."

Ich setze mich auf das Bett - ein klassisches altes Krankenbett - und der Raum scheint jede Sekunde hässlicher zu werden. Meine Enttäuschung fixiert sich schließlich auf den alten Röhrenfernseher im Mikroformat. Ob es wohl ein Opernglas dazu gibt? Was für eine Frechheit. Ich lege mich auf den Rücken und starre an die Decke. 

Trotzig verweigere ich das Auspacken. Die Visite lässt auf sich warten. Ich döse vor mich hin, zwischendurch immer wieder von Frust und Empörung gepackt. Dann überlege ich erfolgversprechende Sätze, mit denen ich die Ärztin dazu bringen könnte, mir ein anderes Zimmer zu geben.

Zwischendurch melden sich diese kleinen Wut-Dämonen mit dem Vorschlag, die Ärztin anzubrüllen oder in der Rezeption einen Aufstand zu machen. Klar - das wird bestimmt klappen!

Jetzt könnte die endlich mal auftauchen. Die Mittagszeit hat auch schon angefangen. Der Pfleger schneit herein und meint, ich solle ruhig zum Essen gehen. Er würde Bescheid sagen, dass die Ärztin auf jeden Fall noch zu mir kommt.

Nach dem Essen dauert es tatsächlich nur noch einen Moment, bis die Ärztin klopft. Sie war mir bei meinem letzten Aufenthalt schon aufgefallen, und zwar durch ihre fröhlich Ausstrahlung und ihren leicht punkigen Kleidungsstil.

Sie begrüßt mich, und ich sage: "Bevor wir richtig anfangen: ich finde das Zimmer ganz schrecklich. Ich weiß nicht, wie ich hier auch nur drei Tage aushalten soll, geschweige denn drei Wochen." Ich lege einen leicht verzweifelten Ton in meine Stimme. "Was finden Sie denn so schlimm?" "Die ganze Atmosphäre ist so bedrückend", und dann sage ich blöderweise was über den Fernseher. "Das ist nun leider kein medizinischer Grund für einen Wechsel." Ich will schon enttäuscht verstummen, als mir auffällt, dass ihre Mundwinkel ein bisschen zucken.

"Wissen Sie, wenn ich hier bleiben muss, wird meine Depression sich rasant verschlimmern." "DAS ist ein medizinischer Grund!" ruft sie lobend. "Einen kleinen Moment, ich frage bei der Verwaltung, und wenn es was gibt, dann schauen wir uns das gemeinsam an, und wenn es Ihnen auch noch gefällt, dann ziehen Sie um." 

Ich kann es kaum fassen, aber erstmal muss ich natürlich Option Nr. 2 sehen. 

Zusammen mit dem fröhlichen Afrikaner ziehen wir im Gänsemarsch in die nächsthöhere Etage und landen in einer Parallelwelt. Meine Ärztin erzählt: "Hier ist alles schon renoviert, und unser oberster Boss liebt intensive Farben, und Rot und Gelb haben's ihm scheinbar angetan. Sieht bisschen aus wie ein Edelpuff, wenn Sie mich fragen." Sie hat nicht unrecht. Wohlwollend würde ich das Design als eigenwillig bezeichnen. Der Pfleger schließt eine Tür auf. Nun kommt der entscheidende Augenblick. Ich trete ein und bin sofort wie erlöst. Mein neues Zimmer ist viel freundlicher und hat ein modernes Duschbad - und einen mittelgroßen Flachbildschirm-Fernseher.

Alles wird gut.






Mittwoch, 23. Dezember 2015

Liebes Christkind....

....Du wirst Dich nicht erinnern - ich bin die, die als kleines Mädchen immer so Briefe an Dich geschrieben hat, die .... naja, man könnte sagen: überdesignt waren. Ich habe unglaublich gern gemalt und gezeichnet, und in der Weihnachtszeit konnte ich mich überhaupt nicht mehr bremsen. Jede nur denkbare Oberfläche wurde mit Tannenzweiglein, Kerzen, Sternen, Krippen, Christbäumen und natürlich mit Porträts von DIR und Deinen Eltern verziert - wenn  ich sie mal so nennen darf.  

Die Wünsche waren recht bescheiden aus heutiger Sicht. Ich habe mir wohl die eine oder andere Barbie-Puppe gewünscht und dann endlich eine Petra bekommen. Das war die Billig-Version, aber immerhin. 

Ich hatte immer schon mehr Vertrauen zu Dir als zu diesem etwas anrüchig erscheinenden alten Kerl aus dem Hause Coca Cola. Was hatte der denn mit Weihnachten und dem Jesuskind zu tun?!

Wobei auch Du mich in einige Verwirrung gestürzt hast. Das Jesuskind war doch ein Junge, Du aber ganz bestimmt ein Mädchen - jedenfalls in meiner Vorstellung. Und zwar ein sanftes, blondes mit blauen Augen und einem leuchtend weißen Nachthemd. Und Flügeln. Natürlich goldenen. Nicht mal meine Oma, der ich in meiner Erinnerung die gesamte Vorweihnachtszeit nicht  von der Seite wich, und die in solchen Dingen Autorität besaß, konnte mir das so  richtig erklären. Stattdessen hat sie mit uns Weihnachtslieder gesungen und unzählige Bleche Plätzchen gebacken. Draußen wurde es langsam dunkel, die ganze Wohnung duftete nach Vanille, und meine Schwester und ich lümmelten auf den Küchenstühlen - zwar mit leicht verstimmten Mägen vom Teig naschen, aber rundum glücklich. Bis meine Mutter von der Arbeit kam - dann wars meist vorbei mit Frieden und Freude.

Kannst Du mir meine Schwester zurückschicken? Geht nicht, stimmt's? Das war mir natürlich klar. Aber weißt Du, je länger sie tot  ist, desto mehr fehlt sie mir. Heißt es nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt? Das ist nicht wahr. Es stimmt wohl, dass der Schmerz nicht mehr so schnell und kalt durch mich fährt wie damals. An seiner Stelle ist seither ein mal sanftes, mal heftiges Ziehen - wie von einem schwarzen Loch, dass mich in sich hineinzieht. Als würde ich mich dort hinein stülpen und in mir selbst verschwinden wollen. 

Aber ich habe ja nun mal beschlossen, hier zu bleiben, und mir fehlt vielleicht nicht nur meine Schwester, sondern weibliche Kameradschaft - eine Freundin, mit der ich über dieselben Sachen lachen kann, die weiß, wie ich ticke und das sogar schön findet. Eine, mit der ich einfach mal spontan Kaffee trinken oder ins Kino gehen kann. Und einen Einkaufsbummel machen! Das ist sowas Ur-Weibliches und war eine der letzten schönen Sachen, die ich mit Ute unternommen habe, bevor der Krebs zurückkam und  sie mir geklaut hat.

Also: vielleicht wünsche ich mir eine richtige Freundin? 

Das kriegst Du hin, oder? 

Alles Liebe und danke schon mal,

Deine Karin.




Montag, 21. Dezember 2015

Oh Du fröhliche....

Einkaufen kurz vor Weihnachten ist eh' Stress, und ganz besonders, wenn man gerade aus der Klinik entlassen wurde und alles noch ungewohnt langsam geht. Dazu umschwebt einen die ständige Angst, dass man angerempelt wird und / oder einen jemand auf den frisch operierten Rücken haut. Nicht, dass ich regelmäßig auf den Rücken gehauen werde, aber man entwickelt die seltsamsten Ängste  in so einer Lage. 

Ich habe mich heute in diverse Einkaufs-Etablissements gewagt, weil es einfach nicht mehr zu vermeiden war. Die Speisekammer gähnte leer, und auch das Badezimmer verlangte nach diversen Materialien, die weder anders beschafft werden noch ohne Weiteres selbst hergestellt werden konnten. Dieser Tage wäre Dienst-Personal eine große Erleichterung. Aber erstens sind die Zeiten vorbei, als man welches hatte, und zweitens hätten Leute meines Standes zu gar keinen Zeiten über Butler und Dienstmädchen verfügt. Also völlig sinnfreie Überlegungen. Aber ach - eine schöne Phantasie! 

Stattdessen schleiche ich durch den Drogeriemarkt, froh, dass er nicht allzu voll ist. An der Kasse konzentriere ich mich darauf, meine Sachen zu verstauen und staune selbst zum wiederholten Mal, wie kraftlos und langsam ich mich dabei anstelle. Plötzlich erfasst mich ein Unbehagen. Ich blicke auf und direkt in die hasserfüllten Augen der Kundin, die nach mir in der Schlange stand. Sie starrt mich wirklich an. Und hört auch nicht damit auf, als ich zurück gucke. Mit fragendem Gesichtsausdruck, wie ich annehme. Sie sagt weiterhin kein Wort. Also frage ich nach. Es geifert aus ihrem Mund: "Ich warte drauf, dass Sie E-N-D-L-I-C-H Ihr Zeug einpacken, damit ich meins nach unten schieben kann!"

"Das können Sie ruhig tun, ich werde schon nichts nehmen, was mir nicht gehört. Und übrigens: Ein Wort von Ihnen hätte genügt." Darauf die Frau zur Kassiererin: "So eine Unverschämtheit. Unglaublich, was es für Leute gibt!" Kassiererin: "Fragen Sie mich mal, ich muss noch bis acht Uhr hier sitzen."

Gemäß meinem neu gefassten Vorsatz verschwende ich keine weitere Energie, packe zu Ende ein und verlasse den Markt. Nicht allerdings, ohne mir die  Frau nochmal anzuschauen. Mit ihrer unvorteilhaften Dauerwelle erinnert sie mich an einen Drahthaarterrier - jederzeit bereit zu kläffen und zuzuschnappen. Nur dass die mir bekannten Terrier keinen dunkelroten Konturenstift und orangen Lippenstift kombinieren. Okay, das war jetzt auch nicht besonders nett, aber hier passt das Aussehen einfach so gut zum Verhalten....offenbar gehört sie zu den Ewig-Zu-Kurz-Gekommenen, die der Ansicht sind, die Welt schulde ihnen noch was und solle ihnen auch gleich die Wünsche von den Augen ablesen. 

Mich reizt diese Sorte Mitmensch ganz besonders, und warum wohl? Weil ich mich zu einem Teil wiedererkenne, denn so bin auch ich lange Zeit durch die Welt gestapft. Ich habe sogar diejenigen brüskiert, die es wohl gut mit mir meinten. Ich habe alle für mein Unglück bestraft und nicht gemerkt, dass die Strafe mich selbst am meisten traf. 

Ziemlich sicher sah diese Frau sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass die Welt aus lauter schrecklichen Egoisten besteht, die den größten Spaß daran haben, ihr das Leben schwer zu machen. 

Ich erinnere mich gut, dass man sogar daraus ein bitteres Vergnügen ziehen kann, wenn schon sonst nichts Vergnügliches weit und breit in Sicht ist.

Und ich bin froh und dankbar dafür, dass mir ein paar Menschen geholfen haben, diesen üblen Automatismus zu verstehen und zu durchbrechen. Und langsam kann ich auch annehmen, dass sich ohne meinen eigenen Mut, meine Entschlossenheit und meinen Humor dennoch nichts geändert hätte. 

Sollte es jetzt womöglich doch noch losgehen mit der Selbstakzeptanz? ("Selbstliebe" kann ich immer noch nicht hinschreiben. So, jetzt doch.) 






Donnerstag, 10. Dezember 2015

Heulen und Knochenklappern

Ich habe mal gelesen, dass viele alte Menschen sich vor Angst nicht mehr auf die Straße wagen und lieber zu Hause bleiben. Sie ängstigen sich nicht etwa vor Überfällen oder ähnlich schlimmen Ereignissen, die eher selten vorkommen, sondern fühlen sich unsicher auf den Beinen und zu langsam und verletzlich für unsere rasante Zeit. 

Nach meinen Erlebnissen während der letzten paar Tage kann ich das besser verstehen.

Als Alleinstehende und -gehende finde ich mich unvermittelt in einer ganz ähnlichen Lage wie ein alter und gebrechlicher Mensch, der sich deutlich langsamer und unbeholfener als die meisten Anderen durch die Stadt bewegt. (Schuld ist eine vorwitzige Bandscheibe.) 

Ich kann vor Schmerzen kaum noch laufen und nur wenige Minuten stehen, das Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn sind eine Herausforderung. Vor jeder Art von Stufe, auch wenn es nur ein Stüfchen ist - habe ich inzwischen Riesen-Respekt.

Das Single-Leben wird erst richtig spannend, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wie man zum Supermarkt hin- und wieder zurückkommen soll. Oder auch zum Arzt. Oder aus dem Bett.

Anruf beim Arzt, nachdem ich gerade eingeknickt bin, weil mein rechtes Bein spontane Pausen einlegt und mich nicht mehr tragen will. Ich erreiche eine neue Mitarbeiterin. Die ist sehr nett, und doch ärgere ich mich, weil sie ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass "mein Mann" mich ins Krankenhaus fahren und sich auch sonst um alles kümmern werde. Ist das nicht vielleicht ein winziges bisschen ignorant? Der Single-Anteil in meiner Stadt ist ziemlich hoch, aber vielleicht hat die Dame ein festes Bild von dieser Existenzform. In das passe ich mit Ende fünfzig wohl nicht hinein. 

Gleich fühle ich mich wie ein kleines Häufchen Elend, nämlich wieder mal als Versagerin ertappt. Nachdem ich erklärt habe, dass ich keinen Mann habe, und nein, auch sonst niemanden, reden wir endlich über den eigentlichen Grund meines Anrufs. Ich werde vertröstet, soll meine Schmerztabletten weiter nehmen und mich wieder melden, wenn es noch schlimmer wird. Ich kriege aber einen Termin für den nächsten Morgen.

Dann lege ich auf und heule erstmal 'ne Runde. Und dann - es hilft ja nichts - wage ich mich hinaus.

Erste Szene: 
Beim Einsteigen in den Bus ist mein Bein ob dieser Zumutung sofort beleidigt und knickt einfach ein, so dass ich eine gefühlte Ewigkeit im Eingang hocke und nicht weiter kann. Alle Fahrgäste glotzen mich an, bis ich mich an der Haltestange wieder hoch gerappelt habe. Da ich peinlicherweise dabei ein bisschen herumwimmere und mir schon wieder die Tränen aus den Augen schießen, können sie doch wohl kaum annehmen, dass mich gerade in diesem Moment ein spontanes Bedürfnis befällt, im Buseinstieg mein Gymnastikprogramm durchzuziehen? In einer Mischung aus Scham und Wut schleppe ich mich zum nächsten Sitz. 

Zweite Szene:
Auf dem Weg zum Supermarkt bemerke ich eine wachsende Angst vor den übrigen Passanten. Ich kann nämlich nicht - wie sonst - mal schnell ausweichen, und die meisten Leute denken gar nicht daran, ihr "Wegerecht" aufzugeben. Es gilt das Recht des Stärkeren. Schuldbewusst fällt mir ein, wie oft ich selbst mich über "lahme Omas" entrüste, die mich aufhalten, wo ich es doch so eilig und ganz sicher viel Wichtigeres vorhabe als die. Wie schnell sich die Perspektive ändern kann. 

Dritte Szene:
An der Kasse versuche ich so schnell wie möglich alles zu bewältigen, was mir sonst so selbstverständlich von der Hand geht. Heute fühlt es sich an, als würden schwere Gewichte an mir hängen und ich insgesamt in einem mich fest umschließenden unbequemen Anzug stecken, der nur ganz kleine und vorsichtige Bewegungen erlaubt. Natürlich geht es dem Mann hinter mir viel zu langsam, und um das deutlich zu machen, schiebt er mir mit Schwung seinen Wagen in den Rücken. Ich heule vor Schmerz und Schreck und schaffe es wenigstens, laut zu werden anstatt schon wieder davonzuschleichen. Seine Antwort: Ich hab Sie nicht gesehen, was regen Sie sich so auf?

Raus aus dem Markt. Ich bin fix und fertig, halte mich an einem Laternenmast fest und weine vor Wut und Pein. Ich mutiere noch zur Dauerheulsuse.

Ich muss erstmal warten, bis ich mich wieder bewegen kann, dann gehe ich langsam Richtung Bus, denn nach Hause laufen schaffe ich auf keinen Fall. Die Menschen laufen links und rechts an mir vorbei oder mir entgegen - ich werde immer ängstlicher und unsicherer und fühle mich völlig hilflos.  Die Blicke tun ihr Übriges. 

Plötzlich ein kleines Wunder: Ein Mann geht an mir  vorbei, kommt dann zurück und fragt, ob er irgendwas für mich tun könne. Ich bin so gerührt, dass ich erst recht losheule. Darüber muss ich dann schon wieder lachen. Ich bedanke mich und murmele was von Bandscheibenvorfall. Er will mich zum Arzt bringen! Ich sage, ich hätte morgen schon einen Termin und müsse nur noch den Abend irgendwie überstehen. Und dass seine Anteilnahme mir gerade sehr gut getan habe.

Dann humpele ich zur Bushaltestelle - etwas versöhnt mit der Welt.

Zum Abschluss meiner Exkursion stößt mich ein Mann beim Aussteigen aus dem Bus die Stufe runter, so dass ich stürze, und geht dann ohne einen Blick einfach davon. Niemand reagiert, und ich brauche erschreckend lange, um mich aufzurichten und endlich nach Hause zu gehen.

Das ist  das erste Mal, dass ich wirklich Angst davor habe,  alt und hilfsbedüftig zu werden. Wenn dies ein Vorgeschmack darauf ist, denke ich über Notschlachtung nach.

Für die Meta-Ebene reicht es heute nicht - vielleicht denke ich später darüber nach, was dies über unsere Welt sagt, oder über mich, oder ob es überhaupt gar nichts bedeutet und nur mir so erscheint, als würden wir (klar: ich auch!) immer unbarmherziger miteinander umgehen. Und woher das eigentlich kommt und wem es nützt.












Montag, 23. November 2015

Nachts im Museum - Teil I

Ich bin ja so ziemlich das Gegenteil von einem Nerd oder einer Social Media-Expertin. Als ich mich für den Community-Abend im Städel anmeldete, rechnete ich schon halb damit, dass ich sofort als Hochstaplerin entlarvt würde. Aber nein. Stattdessen wurde ich eingeladen. Das verdanke ich Angelika, einer Freundin, ohne die ich gar nichts von diesem Event gewusst hätte, und ohne die ich mich vielleicht gar nicht hingetraut hätte. Außerdem macht sowas zu zweit natürlich mehr Laune.

Schon am Nachmittag wurde ich von meiner ständigen Begleiterin, Mme la Depression, heftig herumgeschubst in der Absicht, mich am Ende zum Absagen zu bringen. Einen Grund nach dem anderen malte sie grausam-genüßlich vor mir aus - ich sei zu alt, zu fett, zu uncool, zu ungeschickt, der Kleiderschrank gebe nichts her, jetzt regnete es auch noch, zum Haare waschen sei es eh' zu spät - aber in einem Akt des Aufbäumens habe ich sie gepackt und zum Schämen in die Ecke geschickt. Die Versuchung war groß ihr nachzugeben, nur dass sie mich schon seit einer Woche in den Klauen hatte und es höchste Zeit war, mich zu wehren.

Also frisch geduscht und geföhnt zum Bus gespurtet und mit Angelika zusammen nach Sachsenhausen gefahren. Bis dahin war ich wieder einigermaßen gefasst und dafür Angelika etwas aufgeregt. Sie kann eine Menge toller Sachen, denkt aber, es müsse alles noch viel toller sein um nicht zu sagen überperfekt. Man kennt das von talentierten Menschen. Und je angespannter jemand in meiner Nähe ist, desto abgeklärter werde ich.

Schon am uns angezeigten  Personal-Eingang sah ich zu meiner weiteren Beruhigung, dass die Gäste ein bunt gemischter Haufen waren, die freudig gespannt auf Einlass warteten.  An der Pinnwand im Gang hing ein Foto von Max Hollein mit der Überschrift "Hausmeister". Das erinnerte mich an die fröhlicheren Momente meiner Studentenzeit. 

Die Organisatoren hatten uns vorher eine Liste von Themen zur Auswahl geschickt, zu denen an diesem Abend Führungen bzw. Vorträge stattfanden. Ich habe mir schon immer gewünscht, einen Blick in die Werkstatt der Restauratoren zu werfen. Nachdem ich mein erstes Studium geschmissen hatte, habe ich ein Weilchen damit geliebäugelt, diesen Beruf zu erlernen. Das war damals total angesagt: Wer nicht studierte oder schnell wieder damit aufhörte, wollte "lieber was mit den Händen" machen. Die Jungs Schreiner, die Mädels Goldschmiedin oder eben Restauratorin.

Als zweites Thema hatte ich mir eine Wanderung durchs Museum ausgesucht - mit vier Bildern durch ebenso viele Jahrhunderte. 

Endlich drin, steuerten wir erstmal die Bar an. Angelika war mir (euronenmäßig) ausgeliefert, weil sie Ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Wenigstens war uns das nicht gleichzeitig passiert. Ich besorgte uns zweimal Weißwein, und dann lauschten wir der launigen Rede eines PR-Menschen. Kurz darauf sollten wir uns bereitmachen für die Gruppenaktivitäten. Huch - so plötzlich! Wenn ich schon für den Wein bezahlt hatte, wollte ich den auch austrinken. Was hieß, ich musste das noch fast volle Glas in uneleganter Eile abkippen. Ich trat also gleich etwas beschickert an, die erste Attraktion zu erleben. 

Meine Gruppe hatte einen türkisen Punkt als Kennzeichen, ich stand schon ein Weilchen am Start, bevor mich jemand drauf hinwies, das sei hier die blaue Gruppe und ob ich sicher sei, dass der Punkt auf meinem Namensschildchen nicht eher türkis....? Ich fühlte mich gleich doppelt ertappt. Einmal von dem netten Herrn und einmal von Sigmund Freud.

Beim richtigen Grüppchen angekommen, stellte ich fest, dass es fast nur aus Männern bestand. Das muss ich wohl laut gesagt haben, denn einer der Männer antwortete: "Das sind alles Wikis. Wikipedia ist in männlicher Hand." Ich hatte natürlich gleich an den kleinen Wikinger gedacht, das aber stumm. Stattdessen entschlüpfte mir was von "Mansplaining", aber die anwesenden Wiki- oder was-auch-immer-Männer waren sehr freundlich zu mir. Die Nachsicht der Mächtigen.

Friedlich wie eine kleine  Schafherde trotteten wir brav hinter unserer Kunstvermittlerin
 her zum ersten Jahrhundertbild.



Dies ist nicht nur der Beweis dafür, dass es bei der Qualität meiner Aufnahmen noch viel Luft nach oben gibt, sondern auch eines der berühmtesten Gemälde der Renaissance, rechts, und unsere temperamentvolle und so kenntnisreiche wie unterhaltsame Kunstvermittlerin, links.

Über den Botticelli und seine wahrscheinliche Entstehungsgeschichte haben wir eine Menge gelernt, ebenso wie über die Forschung zur Identität der porträtierten Dame. Am besten in Erinnerung blieb mir jedoch die Bemerkung, wir Mädels sollten uns angesichts der Haarpracht der Schönen nicht allzu sehr grämen, auch damals habe man nämlich schon mit Extensions gearbeitet. Ha!

...tbc...









Samstag, 14. November 2015

Darkness in the City of Lights

I returned home last night from a meeting with a friend that was full of laughter and good feelings. We had got caught in heavy rains and I was glad to be under my own roof, safe, dry and warm which I didn't really pay much attention to at that moment. As you don't when you go through your day, taking care of all the little things and taking a lot for granted.

As I usually do I checked  into Facebook and noticed a post saying "Why must it be Paris again? So horrible." At first I didn't know what to make of it but then I saw similar posts and finally realized what had happened. I kept the next hours glued to my TV screen, feeling much like I felt 14 years ago watching the news from New York  City. Only this time I was all by myself.

I don't want to describe for the umpteenth time what I assume we all feel - and by this I mean all human beings who basically follow the principle of "live and let live" whatever their faith, sex, nationality etc. - when yet another of those horrid attacks has happened.

I admit that my first reaction was rage, alongside the sadness and desperation, and this was certainly born out of a primitive feeling of wanting to take revenge for the victims. 

Today, however, when I thought about what had occured, my reaction had changed. The rage is still there but it is more directed against the people (politicians mostly) who want to profit from the terror. 

What I noticed going about my day was this: 

Usually on Saturdays, the city is a very hectic place, people rushing here and there and buying stuff as if there is no tomorrow, and not being very patient or considerate with it. Today everything seemed more calm and slow, and not as aggressive.

And these are the feelings I found in myself: I was experiencing a strange placidness and looked at all my fellow men and women with a sort of determined kindness and patience - which never used to be a typical character trait of mine. I strongly felt that I wanted to try everything to keep an open mind and heart, and to practise kindness much more than anything else. I don't really know where this is coming from but I am still feeling that way. 

I am not of Christian or any other religious faith and I don't believe in turning the other cheek, certainly not in these cases. But at this moment I seem to believe in kindness more than I used to do and much more than I even was aware of. It is rather strange to surprise yourself in this way, I can tell you! 

I do believe that terrorists are extremely afraid of love and life, and of their own feelings other than their false superiority and obsession with death. But I rather pity them and only hate the actions they perform. 

I do believe that love is the only way. And I don't care if that sounds corny.



Mittwoch, 4. November 2015

Ballungsgebiet der einsamen Herzen

Meine Therapeutin händigte mir letztens unter gemurmelten Entschuldigungen ein Handzettelchen aus, das für eine Internetplattform warb. 

Die gute Frau weiß, dass ich immer noch häufig sehr einsam bin und mich nach Gesellschaft sehne. Das Murmeln bezog sich darauf, dass sie mich nicht etwa damit ärgern wollte. Denn sie weiß natürlich ebenfalls, dass ich keine Schwierigkeiten habe mit dem, was wir Marketingleute Erstkontakt nennen, nur das Danach ist oft doof - kompliziert - blöd - suboptimal - enttäuschend....was mit der Qualität der Kontakte zu tun hat und mit meinem Talent, immer noch die Leute anzuziehen wie das Licht die Motten, die nur ihre Neurosen an mir austoben wollen. Jaja, das klingt jämmerlich, aber so fühle ich mich eben manchmal. Ich bin mindestens genau so neurotisch wie alle anderen, aber wenigstens sollten die Röschen irgendwie zusammen passen, auf dass das gemeinsame Gärtchen blühe und gedeihe. Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt!!!!! Naja - doch - isses wohl....

Ich bin also zunächst für alle Möglichkeiten offen. Ist schon ein Unterschied zu früher, denn da war ich mir für alles zu schade. Jedenfalls bin  ich mit dieser Haltung durch die Welt und das Leben marschiert. In Wirklichkeit, wie meine Seelengeschwister bestätigen können, war das eine Schutzhaltung nach dem Motto: Bevor mich die anderen blöd finden - was sie ja unweigerlich werden, wenn sie mich erstmal besser kennen  - finde ich sie gleich jetzt schon blöd. So kann mir nichts  Schlimmes passieren. Groucho Marx hat das ganz ähnlich gesehen, aber leider habe ich weder so viele lustige Brüder noch so viel Talent.

Dass mir mit dieser  Methode aber auch nichts Gutes passieren konnte, hatte ich damals noch nicht begriffen. Es passierte also ü-ber-haupt nichts mehr, woran ich mich nur noch dunkel erinnere, weil ich meist von Schokolade und Chips umgeben auf der Couch vor  mich hingedämmert habe.

Was wollte  ich noch erzählen? Ah ja: die Website mit der Versprechung, gleichgesinnte Menschen zum Kennenlernen und für gemeinsame Unternehmungen zu finden, hieß (und heißt immer noch): Frankfurt-Mund-zu-Mund.de. Ungelogen! Das Logo zeigt eher "Mund zu Ohr", was mich an Stille Post erinnerte und weniger an Kennenlernen und Verabreden. Aber ich ließ mich nicht abschrecken und registrierte mich, denn ohne Registrierung kam man noch nicht einmal in die Forums-Übersicht.

Neugierig klickte ich alles durch, was nur geboten wurde, und - wie mein Vater manchmal sagt: Det fiel mir uff. Nämlich, dass die Macher der Seite sich zwar mit Vornamen vorstellen, aber sonst sehr wenig über sich verraten. Dass sie etwaigen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln nehmen wollen mit Formulierungen wie "für Konstruktives" offen zu sein. Am schönsten finde ich den Schlusssatz der Info: "Sind  die ersten Schritte gemeinsam getan, möchten wir gern fragen, wo eigentlich das Problem ist." Ja, das frage ich mich auch, liebe(r) Tinka und Lars! So heißen die  Initiatoren, und aus den Namen schließe ich mal, dass sie noch jenseits der vierzig sind und sich daher nicht wie unsereins  an bestimmte lieb gewonnene und heutzutage schmerzlich vermisste Umgangsformen erinnern können. Soll ich ihnen das zugute halten? Hab' eigentlich keine Lust dazu. Die Geschichte geht nämlich noch weiter. 

Weiterhin neugierig, hatte ich zunächst Abstand davon genommen, mich umgehend wieder abzumelden, und sogar noch den Newsletter abonniert. Nun wird der Begriff Newsletter schon lange inflationär gebraucht - der wird bei weitem nicht mehr nur dann verschickt, wenn man etwas Neues mitzuteilen hat. Oder auch nur was Interessantes. Abgesehen davon, dass ich mich einfach nicht dran gewöhnen kann, mit "Hallo Karin Hagemeister" angeredet zu werden. Oder wie neulich mit "Liebe Frau Hagemeister, schön, dass Du wieder da bist!"  

Laut aktuellem Newsletter von Frankfurt-Mund-zu-Mund gab es einen Grund zum Feiern - sage und schreibe zwanzig Mitglieder hatten sich registriert. Hurra! Und es gab gaaaaanz viele Veranstaltungen, die mich nach Tinkas und Lars' Meinung bestimmt  interessieren würden. 

Ich die entsprechenden Links angestupst - keiner funktionierte. Also Website angesteuert und nach den Veranstaltungen geguckt. Alles Events, die einfach so in Frankfurt und  Umgebung stattfinden, auch ohne Mund und Ohr oder sonstige Körperteile, die extra darauf hinweisen. 

Jetzt ist es soweit. Ich muss eine Kritik schreiben. Nach Tinkas Ansicht,  so wie ich mir Tinka inzwischen  vorstelle, möglicherweise nicht konstruktiv, sondern eher nörgelnd. Egal,  in meinem Alter nörgelt man eben manchmal. Ich bitte um die Löschung meines Accounts, weil auch diese Funktion auf der Seite gerade nicht funktioniert. Dann - ich kann einfach nicht anders - frage ich, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat. Vermutet man in Frankfurt lauter einsame Seelen, die vor Verzweiflung schon halbtot sind und daher per Mund-zu-Mund wiederbelebt werden müssen?  Und seht Ihr zwanzig mühsam  in mehreren Wochen gewonnene Mitglieder in einer Stadt mit fast 700.000 Einwohnern wirklich als Erfolg? 

Die Antwort erinnert mich daran, dass ich Ironie möglichst bleiben lassen soll, außer bei wenigen eingeweihten und intellektuell von mir vorqualifizierten Lesern (uh-oh!).

Tinka herself teilt mir per Ferndiagnose mit, ich sei verbittert und traurig, sie wünsche mir aber alles  Gute. Danke, Tinka, ich kann's gebrauchen. 

Und jetzt schreibe ich meinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann. 













Montag, 26. Oktober 2015

...

Never being the one

Watching life from the sidelines
Longing  for connection
Receiving cold advice

Always making nice
I am so happy for you!
Murder on my mind

Yearning for calm
Listening to silence booming
In my empty rooms

Practice what I've learned
Stay in the moment
The moment is forever 
unbearable

Meeting little boys
disguised as men

They need to feed off me

How can they not see
I am starving

Friends  telling  me they love me
I know better

When will I hit the ground
That carries me






Donnerstag, 8. Oktober 2015

Kunst und *schäm*

Eben komme ich von einem schönen Termin:  Ausstellungseröffnung mit den neuen Bildern von Daniel Richter. Und klettere erstmal aus einem Fettnäpfchen, in das ich 'rein geplatscht bin. Mir hat mal jemand empfohlen, mich jeden Tag einmal gründlich zu blamieren. Das würde die Gefahr des Größenwahns bannen. Also heute kann ich diese Aufgabe getrost abhaken. Getrost ist ein  schönes Wort - das hat meine Oma oft gesagt. Ich werde es in Ehren halten und von  nun an anwenden, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen ist übrigens ein Hobby von mir. 

Ich gehe gern zu Schirn-Vernissagen. Ich mag die launigen Reden unseres Kulturdezernenten, der entweder ein begnadeter Schauspieler ist oder sich wirklich für die jeweilige Kunst interessiert. Und ich mag Max Holleins Wiener Idiom und seine Begeisterung, und dass er so schnell im Kopf zu sein scheint, dass er sich beim Sprechen manchmal selber überholt. Außerdem, und das kann man gar nicht genug loben, fangen die immer pünktlich an.

Heute war ich allein und spät dran. Stand mitten im Gewühl der Frankfurter Haute Volée (falls so was existiert) und kriegte kaum Luft, so stickig war es. Nachdem alle Reden gehalten waren, auch Daniel Richter ein paar witzige Worte verloren hatte und Max Hollein verkündete, es sei angerichtet, lief ich mit den anderen gefühlt dreitausend Fans wie ferngesteuert die Treppen zur eigentlichen Ausstellung hoch. Bis ich zur Besinnung kam und auf dem Absatz wieder kehrt machte. 

Es war einfach zu voll. 

Ich also die Treppe wieder herunter und durch eine der Türen in die Rotunde hinaus gewandert. Und da steht Oliver Polak. Und genau die Sekunde,  die ich gebraucht hätte, um es zu verhindern, wird von meinem Kleinhirn einfach übersprungen. Ich gehe direkt zu ihm und spreche ihn an. Und möchte sofort ins nächste Loch kriechen. Wenigstens habe ich kein Gespräch unterbrochen. Stattdessen nötige ich ihn sogar dazu, Pfötchen zu geben. Oh je. 

Ich werde Opfer (naja...Opfer!?) des Phänomens, über das ich mich selbst schon köstlich amüsiert habe. Dieses "Hey, wir kennen uns doch!"-Gefühl, das den Impuls auslöst, einem Promi schnell mal "Guten Tag" zu sagen, sobald man seiner ansichtig wird. 

NEIN  - wir kennen uns nicht! In diesem Fall bin ich ein Fan, und wir sind Facebook-Freunde, aber das ist es auch schon. 

Wie gesagt, Herr Polak hat Nachsicht mit mir gehabt, und dafür bin ich echt dankbar. Was er gedacht hat, möchte ich nicht wissen. Wahrscheinlich hat er gar nichts gedacht - das wäre mir nur recht. 

Vor einigen Wochen habe ich im  Bahnhofsviertel Udo Wachtveitl getroffen. Er kam mir entgegen und lächelte, wie ein seinen Untertanen wohlgesinnter Monarch nach links und rechts grüßend, alle Passanten freundlich an. Einem Penner, der mit seinen Habseligkeiten am Rande des Trottoirs saß, rief er ein lässiges: "Hallo!" zu. Damals konnte ich mich gerade noch zurückhalten, ihm nicht im Vorbeigehen "Ja schau, der Herr Wachtveitl!" zuzurufen. 

Ich fand sein Verhalten etwas seltsam, aber nach heute Abend denke ich: Es könnte eine Präventiv-Taktik sein, um solche wie mich auszubremsen und allen Seiten Peinlichkeiten zu ersparen. Ist  doch recht nett vom Herrn Wachtveitl.

Und damit sag' ich für heute: Pfiat Eich! Oder so.











Mittwoch, 30. September 2015

Courage and Pride? I Beg to Differ

Recently I've watched several videos where young women strip to their underwear in public, put up a cardboard sign with a text, and then put on a blindfold and wait what will happen.

On the sign they are asking people to hug them and / or paint hearts on their bodies because they have overcome their eating disorder and / or have finally learned to accept their body, fate, life or what have you.

The various films got lots of "likes" on Facebook and who would have expected anything different?

I, however, have mixed feelings, to put it mildly.

Here's some of my spontaneous reactions:

First off, you look pretty awkward trying to hug a person or to even really embrace her with a knee-high cardboard between the both of you. 

I don't doubt that it takes courage to undress in public unless  you are an actor or an otherwise exhibitionally enclined person, however, the videos I saw took place in rather safe locations where you could expect people to act in a civilized way. 

I guess the worst imaginable thing happening would have been nothing happening at all, i.e. all the people walking by and not showing any reaction. Which - when a human being gets no resonance whatsoever from other human beings - presents one of the most horrible experiences I can imagine. But that is a different story.

What happened was what you could expect and what the women experimenting surely had hoped for: lots of hugs were exchanged and lots of hearts covered bare skin after a short while.

Soooo. What does it mean? Nothing much, I believe. As soon as the first person crossed the barrier and hugged or painted, what followed was only logical human behavior. 

And the one aspect that keeps bothering me is the following: 

What's with the blindfold?

Maybe the experimenters wanted to put their "target audience" at ease. Maybe they wanted to make it easier for themselves. However, both options seem to contradict the very messages on the signs. 

If you are OK with yourself and your fellow humans why do you have to cover your eyes? Doesn't this turn you into the object that you no longer wanted to be?

Just sayin'.